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Fibrarp of the Museum
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COMPARATIVE ZOÖLOGY,
AT HARVARD COLLEGE, CAMBRIDGE, MASS.
Founded by private subscription, in 1861.
The gift of LOUIS AGASSIZ.
No. Fond
as.
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BERICHT
ÜBER DIE
VERHANDLUNGEN
NATURFORSCHENDEN GESELLSCHAFT
IN
BASEL
vom August 1840 bis Juli 1842.
N N aa a a
BASEL,
gedruckt bei Wırurrm Haas.
"1843.
I. PHYSIK un CHEMIE.
D. 2. Dec. 1840. Herr Prof. Scuönsem stellt alle
Beobachtungen zusammen, welche bis jetzt über die Elec-
trieitätserregung durch Dampfbildung angestellt worden
sind und nimmt hiebei sanz besonders auf die in neuester
von englischen Physikern und namentlich von ArnstrAnG
gemachten Erfahrungen Rücksicht. Der Referent ist ge-
neigt mit einigen andern Naturforschern die besprochenen
Erscheinungen eher der Ausdehnung des stark gespannten
Dampfes, als der Verdichtung des letztern zu flüssigem
Wasser zuzuschreiben; ob er es gleich für wahrschein-
lich hält, dass auch beim Uebergang des dampfförmigen
Zustandes eines Körpers in den flüssigen Electricität ent-
bunden werde. In dieser Beziehung macht er auf den Um-
stand aufmerksam, dass während eines Gewitters sehr häu-
fig nach stattgefundenem Blitze der Regen reichlicher fällt,
‚als er es vorher gethan; und meint, dass diese Thatsache
genügend durch die Annahme sich erkläre: es werde in
Folge einer raschen Verdichtung von Wasserdampf in der
Atmosphäre Rlectrieität entbunden.
Herr Prof. Scuöngem theilt den Inhalt eines Briefes
des Herrn Grove aus London mit, in welchem dieser Phy-
siker seine neuesten Untersuchungen und Beobachtungen
über den sogenannten voltaischen Lichtbogen bespricht und
woraus erhellt, dass dieses Phänomen sehr wesentlich be-
dingt wird, erstens durch die Natur des positiven Poles
A
einer Säule und zweitens durch das Medium , welches der
fragliche Lichtbogen durchschlägt. Je flüchtiger und oxidir-
barer besagter Pol ist und je grösser dessen Affinität zu
dem umgebenden Medium, um so glänzender ist das in
Rede stehende Phänomen. Ebenso glaubt Herr Grove aus
einer grossen Anzahl von Versuchen den Schluss ziehen zu
dürfen, dass der positive Pol, wenn z.B. aus Zink beste-
hend, mit eben so viel Sauerstoff sich vereinige, als in der
gleichen Zeit Sauerstoff in einem in die Säule eingeschal-
teten Voltameter sich entbindet. Der Referent ist nicht
der Ansicht, dass ın dem fraglichen Falle der Uebergang
des Stromes von einem Pole zum andern ebenso vermittelt
werde, wie diess geschieht bei der gewöhnlichen Electro-
Iyse, d. h. durch eine Reihe von chemischen Zerlegungen
und Wiederzusammensetzungen, indem die Umstände, un-
ter welchen der volta’sche Lichtbogen entsteht, eine solche
Ansicht nicht gestatten; es dürften jedoch nach Herrn Prof.
Scuöxgsin die Grove’schen Resultate der Vermuthung Raum
geben, dass der durch die Oxidation eines Equivalentes
von Zink in jeder der Erregungszellen der Säule erregte
Strom auch an dem positiven Zinkpole ein Equivalent die-
ses Metalles auflokert und nach dem negativen Pole führt.
Dem Urtheil des Referenten zufolge liegen aber noch nicht
genug Thatsachen vor, um eine solche Folgerung aus den-
selben mit völliger Sicherheit ziehen zu können.
D. 9. Jun. 1841. Herr Prof. Scwönseın theilt eine No-
tiz mit, gemäss welcher die zinnernen Pfeifen einer vor
etwa acht Jahren im Entlibuch gebauten Kirchenorgel jetzt
an manchen Stellen durchlöchert sind; ohne dass hiezu ir-
gend eine mechanische Ursache das Geringste beigetragen
hätte. Zuerst sind die zerfressenen Stellen ganz klein, sie
werden aber schnell grösser, haben nahezu die Form ei-
nesKreises und zeigen an ihrem Rande zakige Erhöhungen
-
[27
und Vertiefungen. Ein einer solchen Pfeife entnommenes
Zinnstück von etwa 9 Zoll im Gevierte hat vier solcher
eingefressener oder ausgefallener Oeffnungen, von welchen
die grösste einen Durchmesser von einem Zolle, die klein-
ste einen von etwa drei Linien hat, Das Zion der besag-
ien Orgelpfeifen wird für englisches ausgegeben. Hr. Prof.
‚ Scuöxzein hält dafür, dass mit diesem Zinne kleine Theil-
chen eines minder oxidirbaren Metalles mechanisch ver-
mengt seyen, welche mit jener Substanz und der Feuch-
tigkeit der Luft geschlossene volta’scheKreise bildeten und
und hiedurch das Zinn durch den Sauerstoff des zersetz-
ten Wassers oxidirt werde.
D. 18. Zug. Herr Prof. Schönseın weist durch eine
Reihe von Versuchen nach, dass die GChromsäure in ihrem
volta’schen Verhalten eine grosse Uebereinstimmung zeigt
mit Chlor, Brom und Jod, wie auch mit den Hyperoxiden
des Margons, des Bleies und des Silbers. Wasser z. B.
in welchem Chromsäure gelöst ist, verhält sich zu reinem
Wasser, wie wässriges Chlor zu reinem Wasser. Wird
wässrige Chromsäure durch eine porose Scheidwand von
reinem Wasser getrennt und verbindet man beide Flüssig-
keiten durch einen Platindraht, so scheidet sich bald Chrom-
oxid aus der wässrigen Chromsäure ab.
Elektrochemische Untersuchungen.
Erste Abtheilung.
D. 19. Jan. 1842. Herr Prof. Scuönseım, über die
volta’sche Polarisation fester und flüssiger
Körper. Schon vor einigen Jahren erwähnte ich in ei-
ner meiner Arbeiten über die sogenannte Polarisation fe-
ster und flüssiger Leiter der Thatisache, dass Wasser ,
6
durch welches der Strom einer Säule gegangen, nur dann
polarisirt erscheine, wenn dasselbe durch Platin zur Kette
geschlossen werde. In neuester Zeit habe ich diese in-
teressante Erscheinung zum Gegenstande weiterer Unter-
suchungen gemacht, und bin hiebei zu einigen Ergebnissen
gelangt, welche mir der Mittheilung nicht ganz unwertlı zu
seyn scheinen.
Um möglichst zuverlässige Resultate zu erhalten und
alle störenden Einflüsse auszuschliessen, bediente ich mich
bei meinen Versuchen des destillirien Wassers, das einen
Grad chemischer Reinheit hatte, wie derselbe nur immer
erreichbar ist. Das Galvanometer, das ich zu meinen
Strombeobachtungen benutzte, hatte 2000 Drahtwindungen,
und war somit schon für sehr schwache hydroelektrische
Ströme empfindlich. Die gebrauchten Elektroden hatten
zwei Zoll Länge, fünf Linien Breite, wurden immer vor
Anstellung des Versuches mit grösster Sorgfalt gereinigt,
und nie trocken, sondern immer mit chemisch reinem Was-
ser ‚benetzt, in die zu untersuchende Flüssigkeit einge-
taucht.
Zwei kleine, mit Wasser gefüllte Glasgefässe, deren
flüssiger Inhalt durch eine thierische Membran von einan-
der geschieden war, wurden einige Secunden lang mit den
Polen einer kräftigen Säule in leitende Verbindung gesetzt,
unter welchen Umständen eine schwache, aber doch noch
wahrnehmbare Wasserzersetzung eintrat. Wurden hierauf
Goldstreifen in die Flüssigkeiten beider Gefässe getaucht,
und brachte man jene in Verbindung mit dem Galvanome-
ter, so zeigte bei wenigstens fünfzig Versuchen die Magnet-
nadel dieses Instrumentes auch nicht die geringste Ablen-
kung. Ein gleich negatives Resultat ergab sich auch, wenn,
anstatt des Goldes, Silber- oder Kupferstreifen in Anwen-
dung gebracht wurden. Tauchte man dagegen in die frag-
7
lichen Flüssigkeiten Platinstreifen ein, so trat ein sehr
merklicher Strom auf, von einer Richtung entgegengesetzt
derjenigen, in welcher der Strom der Säule durch das
Wasser der beiden Gefässe gegangen war. Es verhielt sich
somit der Theil des Wassers, welcher mit dem positiven
Pol der Säule in Berührung gestanden hatte, negativ ge-
gen den Theil des Wassers, in welches der negative Pol
eingetaucht gewesen. Stellte ich in dasjenige Glas, dessen
Flüssigkeit mit dem positiven Pol der Säule communicirt
hatte, einen Platinstreifen, in das andere Gefäss einen
'Goldstreifen, so vermochte eine derartige Vorrichtung, mit
dem Galvanometer verbunden, die Magnetnadel auf keine
merkliche Weise abzulenken. Verwechselte ich aber diese
Streifen, so erhielt ich sofort einen Strom von einer Rich-
tung, übereinstimmend mit derjenigen, welche die mit
zwei Platinstreifen erhaltene Strömung zeigte.
Hatte die Elektrolyse des Wassers in den Gefässen ei-
nige Zeit gedauert und in ziemlich merklichem Grade statt-
gefunden, so entstand ein secundärer Strom von der an-
gegebenen Richtung, selbst in dem Falle, wo in das mit
dem positiven Pol in Verbindung gestandene Gefäss, an-
statt eines Goldstreifens, einer von Silber oder Kupfer oder
selbst von Eisen gebracht wurde, während in dem andern
Gefäss ein Platinstreifen stand.
Dieses Resultat muss um sa auffallender erscheinen,
als selbst in destillirtem Wasser das Silber, Kupfer und
Eisen positiv gegen das Platin sich verhalten.
Es lag mir nun zunächst daran auszumitteln: ob der
Sitz des beobachteten secundären Stromes nur in dem
Theile des Wassers liege, welcher mit dem negativen Theile
der Säule communicirt hatte, oder ob vielleicht auch das
Wasser des andern Gefässes, in welchem der positive Pol
gestanden, zu dem fraglichen Stromphänomen etwas bei-
trage.
Zu diesem Behufe wurden die beiden Gefässe von ein-
ander getrennt, nachdem der Strom der Säule einige Zeit
' durch ihren flüssigen Inhalt gegangen war, und stellte man
das Gefäss, in welchem während der Elektrolyse Wasser-
stoff sich entbunden hatte, in ein Glas, das gewöhnliches
chemisch reines Wasser enthielt. Es ist kaum nöthig zu
sagen, dass beide Flüssigkeiten auch wieder durch ein
Membran von einander getrennt waren. Bei Verbindung
dieser letzteren mit dem Galvanometer erhielt ich vollkom-
men dieselben Resultate, welche mir früher die ungetrenn-
ten Gefässe geliefert hatten. Es verhielt sich nämlich die
mit dem negativen Pole verbunden gewesene Flüssigkeit
positiv gegen das gewöhnliche chemisch reine Wasser, falls
ich in jene einen Platinsireifen eintauchte, in volta’scher
Hinsicht aber gänzlich indifferent, wenn andere Metalle an
die Stelle des Platins gesetzt wurden.
Brachte man den Theil der Flüssigkeit, welcher mit
dem positiven Pol der Säule in Berührung gestanden hatte,
in leitende Verbindung (vermittelst einer Membran) mit ge-
wöhnlich chemisch reinem Wasser, so lieferten weder Pla-
ün-, noch Gold-, noch Silber- oder Kupferstreifen einen
Strom.
Diese 'Thatsachen scheinen nun zu dem Schlusse zu
berechtigen, dass nur dasjenige Wasser , welches mit dem
negativen Pol communicirt hat, den Grund der secundären
Stromerscheinung enthält; der Theil des Wassers aber, in
welchem der positive Pol getaucht, nichts zu dem fragli-
chen Phänomen beiträgt.
Vermuthend, dass bei dieser Stromerscheinung der
durch die Elektrolyse entbundene Wasserstoff die Haupt-
rolle spiele, schüttelte ich chemisch reines Wasser mit
Wasserstoffgas, das auf chemischem Wege dargestellt wor-
den war, und combinirte Volta’sch diese Lösung mit rei-
9
nem Wasser. Verband ich nun beide Flüssigkeiten ver-
mittelst Platinstreifen mit dem Galvanometer, so trat eine
starke Ablenkung der Nadel im Sinne der Wasserstoftlö-
sung ein, d.h. letztere war positiv gegen das gewöhnliche
Wasser. Liess ich einen Platinstreifen in besagter Lösung
stehen, und brachte ich in das reine Wasser einen Strei.
fen von Gold oder von Silber, oder von Kupfer oder Ei-
sen, so ging auch unter diesen Umständen noch ein Strom
vom wasserstoffhaltigen zum ‘reinen Wasser, wobei es sich
jedoch von selbst versteht, dass bei Anwendung von Gold-
oder Silberstreifen ein stärkerer Strom erhalten wurde, als
der war, welchen Kupfer- oder Eisenstreifen lieferten.
Setzte man die letzt erwähnien Flüssigkeiten durch
gleichartige Metallstreifen, z. B. durch goldene, silberne,
kupferne, in leitende Verbindung mit dem Galvanometer,
so wurde dieses nicht merklich affhıeirt.
Da aus den voranstehenden Angaben erhellt, dass Was-
ser, welches in Verbindung mit dem negativen Pole einer
Säule gestanden, in volta’scher Hinsicht genau so sich ver-
hält, wie eine künstlich gemachte. Wasserstofflösung, so
dürfte auch wohl gefolgert werden, dass in beiden Flüs-
sigkeiten es der Wasserstoff sey, welcher die nächste Ur-
sache der in Rede stehenden Stromerscheinuns: enthält.
Wenn es nun scheint, als ob die Berührung zwischen
einer Wasserstofflösung und gewöhnlichem Wasser "eine
elektrische Spannung zur Folge habe, d.h. als ob jene Lö-
sung positiv, das blosse Wasser negativ werde bei ihrem
Contact, so lässt sich aus einigen der angeführten That-
sachen deutlich abnehmen ,' dass dem doch nicht so sey.
Würden nämlich beide Flüssigkeiten es vermögen, für
sich allein schon in entgegengesetzte elektrische Zustände
zu treten, so müssten jene nothwendig einen Strom lie-
fern, mit welchem Metalle man sie auch zur Kette schlösse.
10
Nach den vorhin erwähnten Erfahrungen entsteht aber bei
Anwendung von Gold, Silber, Kupfer etc. als Schliessungs-
mittel kein Strom; was zeigt, dass die Wasserstofflösung
und Wasser keinerlei Art von elektromotorischer Wirkung
auf einander ausüben.
Um mit den erwähnten Flüssigkeiten Ströme zu erhal-
ten, ist es eine unerlässliche Bedingung, dass Platin in die
Wasserstofflösung eintauche; woraus erhellt, dass dieses
Metall, der Wasserstoff und das Wasser in einer eigen-
thümlichen , ausnahmsweisen volta’schen Beziehung zu ein-
ander stehen, und Platin in dieser Hinsicht von Gold, Sil-
ber, Kupfer, Eisen und wahrscheinlich von allen übrigen
metallischen Körpern sich unterscheidet. Ob einige der
sogenannten Platinmetalle, z. B. das Iridium, unter den
oben erwähnten Umständen ähnlich dem Platin wirken,
habe ich noch nicht ausgemittelt, vom Palladium jedoch
weiss ich, dass es sich wie Gold, Silber etc. verhält.
Von der Ansicht ausgehend, dass der in hydro-elek-
trischen Ketten auftretende Strom nicht aus dem blossen
Contact heterogener Materien, unabhängig von Stoffsverän-
derung, sondern aus einer chemischen Thätigkeit entsprin-
ge, kann ich auch nicht umhin, den durch Platin, Was-
serstoff und Wasser erzeugten Strom von einer chemischen
Ursache abzuleiten.
Aber welche chemische Thätigkeit soll denn wohl statt-
finden, wenn die drei letztgenannten Materien in gegensei-
tiger Berührung stehen? Der dermalige Stand des chemi-
schen Wissens lässt uns in der That nicht einsehen, wel-
che Art von Wechselwirkung unter den angegebenen Um-
ständen Platz greifen sollte, und wir müssen sagen, dass
die erwähnten Stoffe völlig unwirksam in chemischer Be-
ziehung zu einander sich verhalten.
Man könnte vielleicht aber annehmen, dass die kleine
‚Menge des im Wasser gelösten Sauerstoffs unter dem Ein-
11
fluss des Platins mit dem Wasserstoff, der in der gleichen
Flüssigkeit enthalten ist, zu Wasser sich vereinigt und dass
in dieser chemischen Thätigkeit die Quelle des beobachte-
ten Stromes läge. Ich selbst hegte früher diese Meinung,
bin aber davon aus mehr als einem Grunde zurückgekom-
men.
Mir ist keine einzige Thatsache bekannt, welche den
Beweis lieferte, dass in Folge der Vereinigung freien
Sauerstoffs mit freiem Wasserstoff, oder irgend eines iso-
lirten Elementes mit einem andern isolirten einfachen Stoff
eine volta’sche Strömung einträte. Und dann machen es
die Untersuchungen FAranAay’s und diejenigen einiger an-
dern Physiker im hohen Grade wahrscheinlich, dass in
den sogenannten hydro-elektrischen Ketten nur dann ein
volta’scher Strom entsteht, wenn in denselben ein elektro-
Iytischer Körper eine chemische Zersetzung erleidet, wenn
also z. B. das Wasser seinen Sauerstoff oder die Salzsäure
ihr Chlor an ein Metall der Kette abtritt.
Mag dem aber seyn wie ihm wolle, so liegt eine That-
sache vor, die auf das Ueberzeugendste darthut, dass in
dem vorliegenden Falle der beobachtete Strom seinen Ur-
sprung nicht in einer directen Oxydation des Wasserstoffs
nimmt. Kocht man nämlich das Wasser, ehe man in ihm
Wasserstoffgas auflöst, sorgfältigst aus, und entfernt man
ebenfalls vor dem Versuche alle Luft von den Platinstrei-
fen; ist also weder in der Wasserstofflösung, noch an den
Platinelektroden freier Sauerstoff vorhanden, so geht nichts
destoweniger von der letztgenannten Flüssigkeit zum rei-
nen Wasser ein Strom, dessen Stärke um Nichts vermehrt
wird, wenn man auch in die. Wasserstofflösung atmosphä-
rische Luft oder reines Sauerstoffgas einführt. Da die An-
oder Abwesenheit von Sauerstoff in der besagten Wasser-
stofflösung keinen Einfluss auf das erhaltene Resultat aus-
übt, so sind wir wohl auch berechtigt zu schliessen, dass
12
der auftretende Strom seine Entstehung nicht der Verbin-
dung des Wasserstoffs mit freiem Sauerstoff verdankt.
Sollte vielleieht die in Rede stehende Stromerschei-
nung aber doch nicht in irgend einem Zusammenhange
stehen mit dem so merkwürdigen Vermögen des Platins:
schon bei gewöhnlicher Temperatur die Afünität zwischen
Sauerstoff und Wasserstoff zu erregen und deren chemi-
sche Verbindung einzuleiten ?
Die Chemiker haben uns bis jetzt nur zwei Verbin-
dungen dieser Elemente kennen gelehrt: das Wasserstoff-
superoxyd und das Wasser. Es ist nun aber nichts we-
niger als eine chemische Unmög
andere Oxydationsstufen des Wasserstoffes gebe, und na-
lichkeit, dass es auch noch
mentlich auch eine solche, in der sich weniger Sauerstoff
als isn Wasser finde, also ein sogenanntes Wasserstoff-
suboxyd. Es wäre ferner möglich, dass der im Wasser
gelöste Wasserstoff durch die Anwesenheit des Platins be-
stimmt würde, mit einem Theile jener Flüssigkeit sich zu
verbinden und damit ein Suboxyd zu bilden.
Wenn es nun eine bekannte Thatsache ist, dass in der
Regel das Suboxyd eines Radicals zu einer höheren Oxy-
dationsstufe des letzteren positiv sich verhält, so kann die
Vermuthung nicht sehr gewagt genannt werden, dass auch
das vermuthete Wasserstoffsuboxyd zum Wasser in der ge-
nannten volta’schen Beziehung stehe.
Nehmen wir aber an: das Platin, in Folge seiner ei-
genthümlichen Wirkung auf den Wasserstoff, bewerkstelli-
ge in dem Wasser, welches jenes Element gelöst enthält,
die Bildung eines solchen Suboxyds, so würde sich die
oben besprochene Stromerscheinung ganz einfach aus die-
ser Hypothese erklären, und würden wir durch letztere
namentlich auch die Thatsache begreifen, dass Gold, Sil-
ber und Kupfer in der erwähnten Wasserstoffkette keinen
13.
Strom zu verursachen im Stande sind, weil eben diesen
Metallen das (katalytische) Vermögen abgeht, aus Wasser-
stoff und Wasser ein Suboxyd zu. erzeugen.
Ich kann nicht umhin, an diesem Orte eine Thatsache
zu besprechen, welche nach meinem Erachten einen Zu-
sammenhang mit dem eben jetzt in Rede stehenden Gegen-
stand zu haben scheint, Gold, Silber und Kupfer zeigen,
nachdem sie in reinem Wasser als negative Elektroden ge-
dient haben, positive Polarität. Die Ursache dieses Zu-
standes kann nun wohl nicht in einer an diesen Metallen
haftenden Wasserstoifschicht liegen; denn wenn dieselben
in eine Atmosphäre von Wasserstoffgas gehalten oder auf
irgend eine andere Weise mit diesem Elemente in Berüh-
rung gesetzt werden, so verändern sie unter solchen Um-
ständen ihren volta’schen Charakter durchaus richt, wäh-
rend, wie diess meine früheren Versuche gezeigt haben,
das Platin unter diesen Verhältnissen beinahe augenblick-
lich die positive Polarität erlangt.
Wenn nun aber der Wasserstoff das Gold, Silber und
Kupfer nieht positiv zu polarisiren vermag, wie kommt es
denn, dass diese Metalle als negative Elektroden bei der
Elektrolyse des reinen Wassers dennoch positiv werden?
Letztere Substanz kann bei ihrer Zerlegung anscheinend
nichts anderes am negativen Pole absetzen als Wasserstoff,
und da dieses Element keinen volta’schen Einfluss auf die
genannten Metalle ausübt, sollte denn der blosse Durch-
gang des Stromes durch dieselben verändernd auf ihren
elektromotorischen Charakter einwirken?
Dass dem nicht so ist, habe ich früher durch Versu-
che nachgewiesen, erhellt aber schon aus dem einfachen
Umstande, dass Platin, wie Gold, Silber und Kupfer als
negative Elektroden nur dann positive Polarität erlangen,
wenn sie in eine elektrolytische Flüssigkeit eintauchen. Es
JA
muss also diese Polarität von irgend einer auf die negative
Elektrode abgelagerten Materie herrühren.
Es ist eine wohlbekannte Sache, dass bei der Elektro-
lyse häufig secundäre chemische Producte sich bilden, und
es sind in der That die meisten Verbindungen, welche der
sinnreiche BEcquEreL auf volta’schem Wege dargestellt hat,
derartige Erzeugnisse. Ich halte es sogar für sehr wahr-
scheinlich, dass bei jeder Elektrolyse solche secundäre Pro-
ducte entstehen. & |
Indem nun das reine Wasser durch einen Strom zer-
legt wird und Wasserstoff an der negativen Elektrode auf-
tritt, könnte es gar wohl geschehen, dass ein Theil dieses
Elementes mit Wasser zu Wasserstoffsuboxyd sich verbän-
de, ganz in derselben Weise, wie z. B. der am positiven
Pole ausgeschiedene Sauerstoff mit dem Oxyd eines in der
Zersetzungszelle vorhandenen Bleisalzes zu Hyperoxyd sich
verbindet.
Da der Wasserstoff im Augenblick, wo er den Sauer-
stoff des Wassers verlässt, im nascirenden Zustande sich
befindet, so ist er auch in dieser Beschaffenheit fähig, che-
mische Verbindungen einzugehen, in welche derselbe als
gasförmiger Körper nicht einzutreten vermöchte. Nehmen
wir nun an, dass bei der Elektrolyse des Wassers auf der
negativen Elektrode Wasserstoffsuboxyd sich bilde, so wird
es begreiflich, warum Gold, Silber und Kupfer, als nega-
tive Pole in Wasser functionirend, eben so gut positiv po-
lar werden als das Platin.
Vorausgesetzt es entstehe wirklich unter den angeführ-
ten Umständen ein solches Suboxyd, so fragt es sich, wel-
che chemische Wirkung dasselbe auf reines Wasser aus-
übe, um mit diesem einen Strom erzeugen zu können.
In dem Augusthefte des Philosophical Magazine von
1839 habe ich mich umständlich über eine Kette ausge-
sprochen, in welcher die elektromotorischen Elemente rei-
. | 28
nes Wasser und Blei- oder irgend ein anderes Metallsu-
peroxyd sind, Substanzen also, welche nach der Annahme
der Chemiker für sich allein durchaus nicht auf einander
zu wirken vermögen, und dennoch, wenn zur Kette ge-
schlossen, einen Strom erregen. Da eine Kette aus
Wasser und Wasserstoffsuboxyd gebildet genau entgegen-
gesetzt wäre derjenigen, welche aus Wasser und Bleihy-
peroxyd besteht, so beziehe ich mich hier auf die fragliche
Abhandlung, und bemerke nur noch, dass nach meinem
Dafürhalten ein Theil des im Suboxyde enthaltenen Was-
serstoffs dieselbe Beziehung zum Sauerstoff des reinen Was-
sers hat, in welcher ein Theil des im Bleihyperoxyd ent-
haltenen Sauerstoffs zum Wasserstoff des gewöhnlichen
Wassers steht.
Es ist weiter oben bemerkt worden, dass Wasser ,
welches mit dem positiven Pol einer Säule in Berührung
gestanden, in welchem also Sauerstoff entbunden worden
ist, gegen gewöhnliches Wasser in volta’scher Hinsicht voll-
kommen indifferent sich verhalte, selbst in dem Falle, wo
beide Flüssigkeiten durch Platin zur Kette geschlossen -
werden.
‘ Nach meinen Erfahrungen sind aber Platin und Gold,
nachdem sie im reinsten Wasser als positive Elektroden
gedient haben, in einem auffallenden Grade negativ polar
gegen gewöhnliches Gold und Platin. Worin hat nun die-
ser Zustand der fraglichen Metalle seinen Grund? Muar-
rEuccı giebt zwar an, dass Platin, welches einige Zeit in
einer Atmosphäre von Sauerstoffgas sich befunden habe,
eine negative Polarität zeige; mir ist es aber noch nicht
gelungen, ein solches Verhalten zu beobachten, obgleich
ich schon oft das letztgenannte Metall, wie auch das Gold
in chemisch reinen Sauerstoff brachte. Ich kann daher
wohl kaum die negative Polarität, welche die erwähnten
Metalle als positive Elektroden in reinem Wasser erlangen,
16
jenem Elemente zuschreiben, und muss die Ursache des
fraglichen Zustandes in einer andern Materie suchen.
Es könnte sich nun allerdings als secundäres Product auf
dem positiven Pol während der Elektrolyse des Wassers etwas
Wasserstoffsuperoxyd bilden, indem nämlich ein Theil des
an diesem Pole freiwerdenden Sauerstoffs mit dem ihn um-
gebenden Wasser in Verbindung träte. Wie aber Becaue-
reL schon gezeigt hat, verhält sich das genannte Hyper-
oxyd zum Wasser abnorm, d. h. nicht negativ, wie diess
die Mehrzahl der Hyperoxyde thut, sondern positiv. Ei-
nige Versuche, die ich selbst mit dem oxydirten Wasser
angestellt, haben mir die Angaben des französischen Phy-
sikers vollkommen bestätigt, und es kann somit das Was-
serstoffsuperoxyd nicht wohl die Ursache der beobachteten
negativen Polarität der positiven Gold- und Platinelektro-
den seyn.
Da die Chemiker annehmen, dass das Gold und Platin
direct nicht oxydirbar seyen, und der an ihnen während der
Elektrolyse des Wassers an ihnen ausgeschiedene Sauer-
stoff nicht einmal spurenweise mit denselben sich verbin-
de, so würde bei Voraussetzung der Richtigkeit dieser An-
nahme, die in Rede stehende Polarität auch nicht von den
Oxyden dieser Metalle abgeleitet werden dürfen. DerARıve
ist allerdings anderer Meinung, und behauptet geradezu,
. dass Gold und Platin, als positive Pole einer Säule die-
nend, sich zu oxydiren vermöchten. Wir werden weiter
unten die Angaben des verdienten Genfer Physikers ge-
nauer prüfen, und hier nur bemerken, dass wir bis jetzt
noch nicht dessen Ansicht theilen können.
Aus meinen frühern Untersuchungen über die Natur
des elektrischen Geruchs hat sich ergeben, dass während
der Elektrolyse des Wassers, am positiven Pole eine gas-
17
formige Substanz sich entbinde, welche das Vermögen be-
sitzt: ım Golde und im Platin augenblicklich eine starke
negative Polarität hervorzurufen, ganz in derselben Weise,
wie diess Chlor und Brom zu thun im Stande sind.
Von welcher chemischen Natur nun auch jene riechen-
de Materie seyn mag, so scheint mir kaum ein Zweifel
darüber obzuwalten, dass sie es eben ist, welche das aus-
serordentliche elektromotorische Vermögen dem Gold und
Platin ertheilt, während diese Metalle als negative Elektro-
den innerhalb des Wassers functioniren.
Ehe ich den Gegenstand der volta’schen Polarisation
verlasse, kann ich nicht umhin, noch auf einen merkwür-
digen Unterschied aufmerksam zu machen, welcher zwi-
schen sauerstoffhaltigen und halogenhaltigen Elektrolyten
stattfindet,
Lässt man durch zwei Gefässe, welche z. B. mit Chlor-
oder Bromwasserstoffsäure gefüllt sind und durch eine
thierischeMembran unter einander in leitender Verbindung
stehen, auch nur einen Augenblick den Strom einer Säule
gehen, so werden dieselben, wie ich diess schon ander-
wärts bemerkt habe, einen secundären Strom liefern, d.h.
sich polarisirt zeigen, mit welchen Metallen sie auch zur
Kette geschlossen werden mögen. Trennt man die besag-
ten Gefässe, nachdem sie längere oder kürzere Zeit mit
der Säule in Verbindung gestanden, von einander ab, und
bringt dasjenige derselben, welches mit dem positiven Pol
communieirt ‚hatte, in volta’sche Gombination (vermittelst
einer thierischen Membran) mit gewöhnlicher Salzsäure
. oder Bromwasserstoffsäure, so erhält man beim Schliessen
einer so beschaffenen Kette einen Strom, der von der ge-
wöhnlichen Salzsäure zu der andern Flüssigkeit geht. Ob
Platin, ob Gold, Silber oder Kupfer benutzt wird, um be-
sagte Flüssigkeiten mit dem Galvanometer zu verbinden, ist
2
18
gleichgültig; man erhält immer das gleiche Stromresultat.
Wird das Gefäss, in welchem der negative Pol gestanden
hatte, mit gewöhnlicher Salzsäure Volta’sch verbunden, so
erhält man von dieser Kette nur in dem Falle einen Strom,
wo dieselbe durch Platin geschlossen wird, und dieser se-
cundäre Strom geht‘ von der mit dem negativen Pol in
Verbindung gestandenen Salzsäure zu der gewöhnlichen
Salzsäure. Es ist jene gegen diese positiv.
Aus den zuletzt angeführten 'Thatsachen erhellt, dass
der Zustand, welchen ein Strom in reinem Wasser oder
in einer wässrigen Lösung eines Oxyelektrolyten hervor-
ruft, verschieden ist von demjenigen Zustand, in welchen
die Salzsäure oder die wässrige Lösung eines halogenhalti-
gen elektrolytischen Körpers durch einen Strom versetzt
wird. In der ersten Art von Flüssigkeiten trägt nur der-
jenige Theil zur Erzeugung des secundären Stromes bei,
welcher mit dem negativen Pole der Säule communieirt
hat; während bei der zweiten Art von Elektrolyten auch
der Theil derselben noch elektromotorisch wirkt, der mit
dem positiven Pol in Berührung gestanden.
Wie ich mich durch eine grosse Anzahl von Versu-
chen überzeugt habe, liegen die hervorgehobenen Verschie-
denheiten des Verhaltens -beider Arten von Flüssigkeiten
einzig und allein in dem Umstande begründet, dass Chlor
und Brom gegen gewöhnliches Wasser in einem ausgezeich-
neten Grade negativ sich verhalten und diese Elemente am
positiven Pole auftreten, wenn die elektrolytische Flüssig-
keit Chlor-, Brom- oder Fluorwasserstoffsäure oder die
wässrige Lösung eines Haloidsalzes ist.
Haben wir es mit reinem Wasser oder mit der wäss-
rigen Lösung einer Sauerstoffsäure zu thun, so erscheint
an dem positiven Pole nur Sauerstoff, und dieser verhält
sich gegen Wasser in volta’scher Hinsicht völlig indifferent.
19
Es kann daher auch eine wässrige Lösung desselben mit
reinem Wasser keine wirksame Kette bilden.
Nun entwickelt sich aber, wie diess in meiner Ab-
handlung über den elektrischen Geruch angegeben ist, an
der positiven Elektrode während der Elektrolyse des Was-
sers ausser dem Sauerstoffe noch eine gasförmige Materie
(das Ozon) welche in ihren elektromotorischen Eigenschaf-
ten die grösste Aehnlichkeit mit den Salzbildnern besitzt,
d. h. welche nach der Sprache der Elektrochemiker emi-
nent elektro-negativ ist. Wie kommt es nun, dass das
reine Wasser, welches mit dem positiven Pol einer Säule
in Berührung gestanden hat, nicht negativ polarisirt wird,
wie diess mit der Salzsäure unter den gleichen Umständen
der Fall ist? Es sollte jene Flüssigsigkeit freies Ozon ent-
halten, wie die letztgenannte Säure freies Chlor enthält,
und also auch gegen gewöhnliches Wasser negativ sich ver-
halten. Hierauf ist zu sagen, dass das riechende elektro-
negative Princip in äusserst geringer Menge in Wasser
vorhanden, und in freiem Zustande in dieser Flüssigkeit
schwerer löslich ist, als es Chlor und Brom z. B. sind.
Es kann daher der Theil des Wassers, in welchen die po-
sitive Elektrode getaucht hat, auch nur sehr schwache Spu-
ren der fraglichen Materie aufgelöst enthalten, und somit
nur äusserst schwach elektro -motorisch wirken.
‚Dass die gegebene Erklärung die richtige seyn dürfte,
scheint aus folgendem Umstande zu erhellen. Wird in
eine verhältnissmässig grosse Flasche, gefüllt mit dem am
positiven Pole sich entwickelnden riechenden Princip, eine
kleine Menge reinen Wassers gegossen und dieses längere
Zeit mit dem Inhalte des Gefässes geschüttelt, so erhält
man eine Flüssigkeit, die sich gegen reines Wasser gerade
so in volta’scher Hinsicht verhält, wie eine wässrige Chlor-
lösung gegen Wasser. Da nun eine wässrige Sauerstofflö-
sung gegen reines Wasser Volta’sch indifferent ist, so kann
20
jene Lösung ihren elektromotorischen Charakter einzig dem
in ihr aufgelösten elektro-negativen Princip (dem Ozon)
verdanken, und besitzt sie ein merkliches elektromotori-
sches Vermögen deshalb, weil unter den angeführten Um-
ständen das Wasser so viel Ozon aufnimmt, als es nur im-
mer aufnehmen kann. Ich muss indessen bemerken, dass
reines Wasser, wie lange man es auch mit der riechenden
gasförmigen Materie schütteln mag, doch immer nur eine
schwache negative Polarität erlangt.
Fassen wir nun das bisher Besprochene kurz zusam-
men, so können wir es in folgenden Sätzen aussprechen:
4) Eine Wasserstofflösung bildet mit reinem Wasser
nur dann eine wirksame Kette, wenn dieselbe mit Platin
geschlossen wird. Mit andern Metallen, z. B. mit Gold,
Silber, Kupfer, Eisen etc. liefert sie keinen Strom.
2) Reines Wasser oder mit einer Sauerstoffsäure ver-
setztes Wasser, durch welches der Strom einer Säule ge.
gangen, erscheint nur dann polarisirt oder liefert einen se-
cundären Strom, wenn die beiden Portionen dieser Flüs-
sigkeit, welche mit den Polen in Berührung gestanden,
durch Platin leitend verbunden werden. Mit andern Me-
tallen erhält man keinen Strom.
3) In dem letzteren Falle trägt nur derjenige Theil
der elektrolytischen Flüssigkeit zur Stromerregung bei,
welcher mit dem negativen Pol communicirt hat.
4) Unter den angeführten Umständen geht der Strom
von der Wasserstofflösung zum reinen Wasser, von dem
Theil der Flüssigkeit, in welchen die negative Elektrode
getaucht hat, zu demjenigen, in welchem die positive Elek-
trode gestanden.
5) Der fragliche Strom hat seinen Grund wahrschein-
lich in Wasserstoffsuboxyd, welches sich aus Wasser und
Wasserstoff unter dem Einiluss des Platins bildet.
21
’
6) Die negativen Metallelektroden, welche in die ge-
nannten oxyelektrolytischen Flüssigkeiten eingetaucht ha-
ben, verdanken den unter diesen Umständen erlangten po-
sitiven polaren Zustand wahrscheinlich einer sie umgeben-
den Hülle von Wasserstoifsuboxyd.
7) Die negative Polarität, welche die positiven Elek-
troden (Gold und Platin) in den gleichen Flüssigkeiten er-
langen, scheint von einer Hülle Ozones herzurühren.
8) Die negative Polarität, welche ein Strom in Salz-
säure, Bromwasserstoffsäure oder in der wässrigen Lösung
irgend eines halogenhaltigen Elektrolyten hervorruft, rührt
von freigewordenem Chlor, Brom,’ oder irgend einem an-
dern Salzbildner her.
9) Die negative Polarität, welche Gold oder Platin als
positiver Pol in den elektrolytischen Flüssigkeiten der letzt-
genannten Art annimmt, hat ihren Grund ebenfalls in ei-
ner Hülle von freiem Chlor, Brom oder irgend einem Salz-
bildner.
.D.2. Febr. Herr Prof. Scuönsew, über die di-
reete Oxydirbarkeit des Platins und des Gol-
des. Herr ve LA Rıvz hat schon vor einigen Jahren und
erst neulich wieder in einer eigenen Abhandlung (siehe
N®. 1. Archives de l’Electricite) es wahrscheinlich zu ma-
chen gesucht, dass Gold und Platin mit dem Sauerstoff
auf eine unmittelbare Weise in chemische Verbindung tre-
ten könne. Aus der directen Oxydirbarkeit dieser Metalle
sucht der verdiente Genfer Physiker eine Reihe von Er-
scheinungen zu erklären, wie z.B. dasDöbereiner’sche
Phänomen, den elektrischen Geruch, welcher sich bei der
Elektrolyse des Wassers am positiven Gold- oder Platin-
pol entwickelt, wie auch die negative Polarität, welche
22
diese Metalle als positive Elektroden in elektrolytischen
Flüssigkeiten erlangen. Da der in Rede stehende Gegen-
stand eine nicht ganz gewöhnliche Wichtigkeit für die Che-
mie hat, und die erwähnte Annahme pe ıA Rıve’s im Wider-
spruche mit den bisherigen Ansichten der Naturforscher
steht, so dürfte eine genaue Erörterung derselben eine
nicht ganz unzeitige und verdienstlose Arbeit seyn.
Die wichtigsten und wesentlichsten Gründe, welche
der Genfer Physiker für die directe Oxydirbarkeit des Gol-
des und des Platins anführt, sind folgende:
4) Dient bei der Elektrolyse des Wassers ein Platinblech
als positive Elektrode, und Platindraht als negative,
so erhält man auf zwei Raumtheile entbundenen Was-
serstoffs merklich weniger als ein Volumen Sauer-
stoff, und zwar um so weniger Sauerstoff, je grösser
der Unterschied der Oberfläche beider Elektroden ist.
2) Gold und Platin, nachdem sie längere Zeit abwechselnd
als positive und negative Elektroden in einer elektroly-
tischen Flüssigkeit functionirt haben, verlieren an ih-
rer Oberfläche den Zusammenhang und es lagert sich
an derselben ein metallisches Pulver ab.
Was nun den ersten Beweis für die fragliche Oxydir-
barkeit betrifft, so will ich zunächst bemerken, dass mir
keine Erfahrung bekannt ist, welcher gemäss bei Anwen-
dung von Goldelektroden, welches auch das Verhältniss
ihrer Oberfläche zu einander seyn mag, auf ein Volumen
entbundenen Sauerstoffs nicht merklich genau zwei Raum-
theiles Wasserstoffe erhalten würden. Wenn es aber als eine
ausgemachte Sache angesehen werden darf, dass das Gold
als positive Elektrode keine merkliche Menge Sauerstoff zu-
rückhält, so kann der unter I. angeführte Grund für die
directe Oxydirbarkeit des genannten Metalles wohl kaum
geltend gemacht werden.
23
Was ist aber aus dem Sauerstoff geworden, der an
der positiven Platinelektrode mangelt? Hat er sich wirk-
lich chemisch mit dem Platin verbunden, oder haftet er,
nach Farapay’s Ansicht, nur auf eine physikalische Weise
an der Oberfläche des Metalls ?
De ra Rıye führt in seiner neuesten Abhandlung einen
Versuch an, in welchem ein verhältnissmässig kleines Pla-
tinblech, als positive Elektrode dienend, nicht weniger als
4 Kubikcentimeter Sauerstoff zurückhielt. Es erschienen
nämlich an der negativen Elektrode 20 Kbkc. Wasserstoff- .
gas, während an der positiven Elektrode nur 6 anstatt 10
Kbkc. Sauerstoff entbunden wurden. Liess man dieses
Blech bei einem zweiten Versuche als negative Elektrode
functioniren, so wurden ungefähr 8 Kbkc. Wasserstoff we-
niger frei, als man nach der Menge des am positiven Pole
entwickelten Sauerstoffs hätte erhalten sollen.
Aus diesen Thatsachen erhellt nun allerdings, dass 4
Kbke. Sauerstoff auf der Oberfläche des besagten Platin-
bleches hafteten, nicht aber, dass jenes Element mit dem
Metalle eine chemische Verbindung eingegangen.
Es ist eine bemerkenswerthe Thatsache, dass die Ober-
fläche des Platinblechs, in welcher Menge dasselbe auch
Sauerstoff verschluckt und wie lange es als positive Elek-
trode gedient haben mag, durchaus metallisch bleibt, und
hiedurch auch nicht die allergeringste Verminderung sei-
nes metallischen Glanzes verursacht wird. Nun wissen wir
aber, dass die Beschaffenheit der Oberfläche eines Metalls
durch die allergeringfügigste Oxydation auf eine sehr wahr-
nehmbare Weise sich verändert. Erhitzen wir z. B. ein
Stückchen Palladiumblech, so bedeckt sich dessen Ober-
fläche mit einer tiefblauen Oxydschicht, und der Metall-
glanz geht verloren; die empfindlichste Wage ist aber nicht
im Stande, eine Gewichtszunahme des Metalls bemerklich
24
zu machen. Auf eine ähnliche Weise verhält sich das Ei-
sen und noch manches andere Metall.
Wenn nun 4 Kbke. Sauerstoff, eine Menge, die wäg-
bar ist, chemisch sich verbindet mit der Oberfläche eines
verhältnissmässig kleinen Platinblechs: sollte diese Ober-
fläche nicht merklich verändert werden durch die sich bil-
dende Oxydhülle? Von welcher physikalischen Beschaffen-
heit auch dieses Oxyd seyn mag, mit Gewissheit lässt sich
doch annehmen, dass dieselbe verschieden sey von derje-
nigen des Platins, und eben deshalb sollte die Oberfläche
dieses Körpers sich verändern, sobald auf ihr auch nur
die allerschwächste Oxydation stattgefunden. Da diess
aber durchaus nicht geschieht, so sind wir auch geneigt
anzunehmen, dass der Sauerstoff unter den erwähnten Um-
ständen an dem Metalle nur mechanisch hafte und nicht
mit diesem chemisch verbunden sey.
Der berühmte Genfer Physiker führt zwar an, dass
selbst unter dem besten Mikroskop nicht das geringste Gas-
bläschen am Platin wahrgenommen werde, das als positi-
ve Elektrode gedient habe, und dass man den anhaftenden
Sauerstoff auch nicht durch Reiben, vom Metalle zu entfer-
nen vermöge. Allein diese Thatsachen scheinen mir kein
Beweis für den chemisch gebundenen Zustand des Sauer-
stoffs zu seyn; denn an der Holzkohle z.B., die ihr neun-
zigfaches Volumen Ammoniakgas verschluckt hat, nimmt
man, so viel ich weiss, auch keine Luftbläschen wahr, und
lässt sich das eingezogene Ammoniak auch nicht durch Rei-
ben wegschaffen, ohne dass aber deshalb hieraus bis jetzt
der Schluss gezogen worden wäre: das verschluckte Gas
sey mit der Kohle chemisch verbunden.
Aus den angeführten Gründen will es mir daher schei-
nen, als ob die unter I. angeführte Thatsache nicht als Be-
weis dienen könne für die Richtigkeit der Behaupturg: dass
25
das Platin theilweise mit dem an ihm durch den Strom aus-
geschiedenen Sauerstoff sich chemisch verbinde.
Was die zweite Thatsache betrifft, durch welche Herr
DE LA RıvE die directe Oxydirbarkeit des Goldes und des
Platins darzuthun sich bemüht, so scheint dieselbe aller-
dings etwas mehr Beweiskraft zu besitzen, als diejenige,
die wir eben besprochen haben. Haben Gold- oder Pla-
tinbleche eine Zeit lang in einer oxy -elektrolytischen Flüs-
sigkeit abwechselnd als positive und negative Elektroden
gedient, so erscheint an ihrer Oberfläche ein Metallpulver,
wie diess geschieht, wenn man Kupfer oder irgend ein an-
deres direct oxydirbares Metall denselben Dienst hat ver-
richten lassen.
Es ist wohl ausser Zweifel, dass im letztern Falle das
Metall abwechselnd oxydirt und desoxydirt. wird, und ein-
leuchtend genug, schreibt man die hiebei stattfindende Auf-
lockerung der Metalloberfläche diesen chemischen Actionen
zu. Gesetzt nun, für das Kupfer und andere leicht oxy-
dirbare Metalle sey diese Erklärung die richtige; folgt
denn hieraus wohl mit Nothwendigkeit, dass der Zusam-
menhang des Goldes und des Platins auch durch abwech-
selnde Oxydationen und Reductionen bewerkstelligt werde?
Würde die directe Oxydirbarkeit dieser Metalle auf
anderweitige Weise schon dargethan seyn, so liesse sich
die Auflockerung, welche dieselben unter dem Einflusse
hin- und hergehender Ströme erleiden, wohl auf die er-
wähnte Art deuten, und man könnte sich, mit einer sol-
chen Erklärung begnügen. Allein wenn diese Auflockerung
selbst als Hauptargument für die fragliche Oxydirbarkeit
geltend gemacht und letztere nur aus einer Analogie ge-
folgert wird; dann darf man wohl verlangen, dass der Be-
weis geliefert werde: es könne der Zusammenhang des Pla-
tins und des Goldes durch nichts Anderes als durch die
26
angenommenen Oxydationen und Reductionen bewerkstel-
ligt werden.
Ist es denn unmöglich, dass z. B. der einfache Strom-
übergang schon einen desaggregirenden Einfluss auf den
Zusammenhangszustand der fraglichen edlen Metalle aus-
übe? Nach den Versuchen Gxrovz’s, Gassıor’s, DAnıEnL’s
und oe ra Rıve’s selbst werden von dem positiven Pole ei-
ner sehr kräftigen Säule, aus welcher festen Materie der-
selbe auch bestehen mag, Theile losgelöst, und diese nach
dem negativen Pole hinübergeführt, in dem Falle nämlich,
wo nach vorangegangener Schliessung der Säule die beiden
Pole wenig von einander entfernt werden.
Dieses merkwürdige Phänomen, das man namentlich
auch am Platin schön beobachten kann, ist offenbar von
chemischen Thätigkeiten vollkommen unabhängig, und muss
als eine rein physikalische Wirkung des Stromes angesehen
werden, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil das-
selbe auch im luftleeren Raume oder in einem Medium
stattfindet, welches auf die Substanz der Pole nicht die
mindeste chemische Wirkung auszuüben im Stande ist. Wie
räthselhaft und unerklärlich für uns die fragliche Thatsa-
che noch erscheinen muss, so liefert sie doch den Beweis,
dass auch ohne die Vermittlung von Oxydationen und Re-
ductionen oder anderweitiger chemischen Vorgänge der Zu-
sammenhang der Theilchen eines Poles aufgehoben werden
kann. Wenn dem aber so ist, warum sollte es nicht ge-
schehen können, dass z. B. von der positiven Platinelek-
trode Theilchen sich ablösten und dieselben durch die elek-
trolytische Flüssigkeit hindurch nach dem negativen Pole
geführt würden? Tauchen z. B. zwei Platin- oder Gold-
bleche in eine elektrolytische Flüssigkeit ein, und dienen
dieselben abwechselnd als positive und negative Elektroden,
wie diess bei einigen der ve za Rıve’schen Versuche der
Fall war, so lässt sich wohl einsehen, warum mit der Zeit
27
an beiden Blechen ein Metallpulver in merklicher Menge
sich abgelagert findet.
Wenn nun die oxydirbareren Metalle das Phänomen
der Auflockerung in einem ausgezeichneteren Grade als
Gold und Platin zeigen, so könnte diese Eigenthümlichkeit
davon herrühren, dass bei jenen zwei Ursachen eine phy-
sikalische und chemische, bei diesen aber nur die erste
der genannten Ursachen wirksam wären.
Es ist auch nicht unmöglich, dass der an den edlen
Metallen stattfindende Wasserbildungsprocess auf irgend
eine Weise mechanisch irennend auf die Theilchen dersel-
ben wirkte.
In sofern also die Möglichkeit gedacht werden kann, -
dass die fragliche Auflockerung des Platins und des Goldes
durch rein physikalische Thätigkeiten des Stroms verur-
sacht werde, so möchten wir aus blossen Gründen der
Analogie, dem Verhalten der oxydirbaren Metalle entnom-
men, das in Rede stehende Phänomen noch nicht unbe-
dingt einer chemischen Ursache beimessen, und erst dann
die Richtigkeit der Erklärung pe ıA Rıyr’s anerkennen, wenn
die directe Oxydirbarkeit des Platins und des Goldes auch
noch durch andere Thatsachen ausser Zweifel gestellt seyn
wird.
Der ausgezeichnete Genfer Physiker unterscheidet in
der schon mehrmals angeführten Abhandlung die oberfläch-
liche Oxydation von derjenigen, welche sich von der Ober-
fläche eines Körpers aus mehr oder weniger tief in dessen
Inneres erstreckt durch eine Art von Cämentation, und
sagt, dass jene Art von Oxydation den edlen Metallen,
diese aber den oxydirbareren eigenthümlich sey, und in
dem Umstande, dass die Chemiker diese beiden Oxydati-
onsweisen nicht gehörig von einander unterschieden hät-
ten, findet ve 1A Rıve den Grund, weshalb man kisher die
25
direete Oxydirbarkeit des Goldes und des Platins nicht er-
kannt habe.
Wir haben bis jetzt geglaubt, die Oxydation eines Me-
talls von Aussen nach Innen erfolge ganz einfach so, dass
das auf seiner Oberfläche sich bildende Oxyd den Zusam-
menhang mit der noch nicht oxydirten Masse des Körpers
verliere und hiedurch neue Metalltheile der Einwirkung
des Sauerstofls bloss gelegt werden, die, nachdem sie oxy-
dirt worden, abermals vom Metall sich losreissen, um wie-
der neue Theile des Metalls zu entblössen u. s. w.
Wenn nun dieses der wahre Vorgang der Sache ist,
und der Unterschied wirklich besteht, den ve LA Rıve an-
‚nimmt, so würde hieraus folgen, dass die Hülle des Oxy-
des, welche sich z. B. in einer Sauerstoffatmosphäre um
Platin bildet, so zusammenhängend und so innig mit dem
Metalle verbunden sey, dass der Sauerstoff jene Hülle
nicht zu durchdringen, und daher nur die äusserste Ober-
fläche des fraglichen metallischen Körpers zu oxydiren ver-
möchte.
Wollen wir zugeben, dass das Platinoxyd zu seinem
Metalle in dieser so unwahrscheinlichen Beziehung stehe.
Da in manchen Säuren, namentlich in Schwefelsäure und
Salpetersäure, das Platinoxyd etwas löslich ist, so kann
durch dieselben, nach ve LA Rıve, selbst das auf directem
Wege gebildete Oxyd vom Platin weggeschafft werden.
Würde man nun dieses Metall zu wiederholten Malen der
Einwirkung des Sauerstoffs und einer der genannten Säu-
ren aussetzen, und operirte man hiebei auf etwas beträcht-
liche Oberflächen des Platins, so müsste nothwendig das
Gewicht des letzteren vermindert und endlich eine merk-
liche Menge des Oxyds in der Säure angetroffen werden.
Diesen directesten aller Beweise für die unmittelbare Oxy-
dirbarkeit des fraglichen Metalls vermissen wir in der
29
DE La Rıve’schen Arbeit, und deshalb haben wir uns auch
bemüht die bedeutende Lücke auszufüllen.
Ein Platinblech von zehn Quadratzollen Oberfläche und
einem Gewichte von 9280 Milligrin., das vorher auf die
sorgfältigste Weise durch Kochen in Salpetersäure u. s. w.
gereinigt worden war, verband ich mit dem positiven Pol
einer äusserst kräftigen Grove’schen Säule, liess dasselbe
in verdünnte Schwefelsäure eintauchen und an ihm wäh-
rend 15 Minuten eine schr lebhafte Sauerstoffgasentwick-
lung stattfinden. Hierauf wurde das Blech weggenommen,
in destillirtem Wasser abgespült, eine Viertelstunde lang
in kochende chemisch reine Salpetersäure von 1,45 spec.
Gew. gelegt, dann abermals in reinem Wasser abgewaschen,
zum Glühen erhitzt und hierauf gewogen. Es konnte nicht
der geringste Gewichtsverlust am Platin bemerkt werden.
Ich wiederholte die eben erwähnten Operationen ein Dutzend
Male, und nach Beendigung derselben wog das Platinblech
gerade so viel, als vor Anfang der Versuche, denn ich
betrachte einige Milligramme, die endlich fehlten, nicht als
einen Gewichtsverlust, da durch die verschiedenen Mani-
pulationen, die mit dem Bleche vorgenommen wurden, von
letzterem leicht eine so unbedeutende Menge Metalls auf
mechanischem Wege abgelöst werden konnte. Hätte sich
nun bei jedem Versuch auch nur ein Zehntel Milligrm.
Sauerstoffs mit dem Platinblech chemisch verbunden, so
müssten sich bei den zwölf Operationen 1,2 Millisrm. die-
ses Elementes mit dem Metalle vereinigt haben, und wür-
den hiedurch etwa 14 Millisrm. Platin oxydirt worden seyn,
also eineMenge, die durch eine gute Wage schon bestimm-
bar ist. Wie schon oben erwähnt worden ist, fehlten
DE LA Rıve bei cinem seiner Versuche 4 Kbkc. Sauerstoff;
diese wiegen, wenn ich mich nicht täusche, 5 Milligrm.,
und hätten sich dieselben nun mit Platin verbunden, so
müsste das Blech, nachdem es mit Säure behandelt und
30
geglüht worden, einen Gewichtsverlust von 60 Milligrm.
gezeigt haben, was aber, meinen Versuchen zufolge, nicht
der Fall gewesen seyn würde, wäre auch der Versuch
von DE LA RıvE angestellt worden.
Wir glauben daher berechtigt zu seyn, aus den eben
angeführten Thatsachen den Schluss zu ziehen, dass der
in dem pe LA Rıye’schen Versuch am positiven Pole fehlen-
de Sauerstoff nicht mit dem Metalle chemisch verbunden
sey, sondern nur mechanisch am Platin hafte.
Der Genfer Physiker nimmt, wenn ich mich nicht sehr
täusche , ferner an, dass Salpetersäure oder Schwefelsäure
fähig seyen, das Platin zu oxydiren, und es wird diese
Annahme auf die Thatsache gestützt, dass das durch Ab-
kochen in einer der genannten Säuren gereinigte Metall
mit gewöhnlichem (in Luft gelegenem) Platin Volta’sch
combinirt und in eine gesäuerte Flüssigkeit eingeführt, ei-
nen Strom erregt, welcher vom gereinigten Metalle zum
gewöhnlichen geht. Herr ne LA Rıv meint nämlich, dass
unter diesen Umständen das gereinigte Platin von der sau-
ren Flüssigkeit chemisch angegriffen werde, während diese
letztere das gewöhnliche Metall (bereits mit einer Oxyd-
hülle umgeben) entweder gar nicht oder doch weniger sich
oxydire, als jenes (das gereinigte Platin).
Da nun nach pe ıA Rıve selbst das’ Platinoxyd sich in
Salpetersäure auflöst, und er gerade hiedurch das gewöhn-
liche Platin in dieser Flüssigkeit positiv werden lässt, so
müsste, scheint es mir, liesse das fragliche Metall wirklich
durch Salpetersäure sich oxydiren, dasselbe beim Kochen
in Salpetersäure sich auflösen. Unter diesen Umständen
würde nämlich das Platin der Säure immer eine reine me-
tallische Fläche darbieten, in sofern das Oxyd in dem Au-
genblicke seiner Bildung von der sauren Flüssigkeit aufge-
nommen werden müsste, und die Eigenthümlichkeit des
Platins nicht durch Cämentation, sondern nur oberflächlich
si
sich oxydiren zu können, keinen Einfluss ausüben dürfte.
Es müsste also, wäre die Annahme pe LA Rıyr’s richtig,
' Platin lange genug und mit einer hinreichenden Menge Sal-
petersäure behandelt, gänzlich aufgelöst werden; die bis-
herigen Erfahrungen der Chemiker zeigen aber, dass rei-
nes Platin, auch noch so lange mit kochender reiner Sal-
petersäure oder Schwefelsäure in Berührung gelassen, nichts
von seinem Gewichte verliert. Dürfen wir nun nicht aus
dieser Thatsache schliessen, dass dieses Metall auch nicht
einmal spurenweise von den. genannten Säuren oxydirt
werde?
Können wir aber die directe Oxydirbarkeit des Platins
und des Goldes weder im Sauerstoffgase noch in Salpeter-
säure und Schwefelsäure als bewiesen ansehen; müssen
wir diese Oxydirbarkeit vielmehr als gegen Thatsachen
streitend betrachten, so vermögen wir auch nicht der An-
sicht beizutreten, welche ve LA Rıve in seiner Abhandlung
über die Ursache der von den Platin- oder Goldelektroden
erlangten volta’schen Polarität geäussert hat. Nach dieser
Ansicht nämlich würde die positive Polarität, welche die
negative Elektrode während des Stromdurchganges erlangt,
davon herrühren, dass der an ihr während der Wasser-
elektrolyse auftretende Wasserstoff die Oxydhülle reducir-
te, welche das Gold oder das Platin im natürlichen Zu-
stand immer umgebe. Der Wasserstoff diente also bloss
dazu, der negativen Elektrode eine rein metallische Ober-
fläche zu geben. Die negätive Polarität der positiven Blek-
trode lässt pe LA Rıve umgekehrt auf einer an letzterer
sich bildenden Oxydhülle beruhen. Tauche man nun, sagt
der 'berühmte Genfer Physiker, die beiden Elektroden nach-
dem sie einige Zeit functionirt haben, in Salpetersäure
oder Schwefelsäure ein, so werde die Elektrode von rei-
ner metallischer Oberfläche‘ von der sauren Flüssigkeit
stärker angegriffen, als’ die mit einer Ozydhülle behaftete ,
32
und eben deshalb verhalte sich die negative Elektrode po-
sitiv gegen die positive Elektrode.
Lässt man zwei Platinstreifen, welche kürzere oder
längere Zeit in reinem Wasser als Elektroden gedient ha-
ben, in chemisch reines und von aller Luft befreites Was-
ser eintauchen, und verbindet man dieselben mit einem
etwas empfindlichen Galvanometer, so tritt unter diesen
Umständen eine sehr merkliche Ablenkung der Nadel ein,
welche Abweichung zeigt, dass die negative Elektrode po-
sitiv, die positive Elektrode negativ ist. Welche chemische
Wirkung soll aber das chemisch reine Wasser auf die (nach
pe LA RıvE) rein metallische Oberfläche der negativen Elek-
trode ausüben? Wird das Wasser etwa durch das Platin,
und zwar schon bei gewöhnlicher Temperatur, zersetzt,
und letzteres auf Kosten des erstern sich oxydiren? Um
den secundären Strom, der unter den erwähnten Umstän-
den auftritt, muss, wie mir scheint, ve 1A Rıve die ge-
stellte Frage bejahend beantworten; ich zweille aber recht
sehr, dass die Chemiker eine derartige Wasserzerlegung
für wahrscheinlich halten werden.
Combinirt man einen Platinstreifen, der sich längere
Zeit in einer Sauerstoffatmosphäre befunden, mit einem
andern Streifen desselben Metalls, welcher in Wasser als
positive Elektrode functionirt hat, so erregt auch dieses
Metallpaar beim Eintauchen in luftfreies Wasser einen
Strom, dessen Richtung zeigt, dass die positive Elektrode
negativ zum Platinstreifen sich verhält, welcher sich in der
Sauerstoffatmosphäre befunden. Nach ve La Rıve’s Ansicht
sollten beide Streifen in elektromotorischer Hinsicht voll-
kommen indifferent gegen einander seyn, gar keinen Strom
erregen, selbst bei der unwahrscheinlichen Annahme, dass
blosses Wasser auf Platin chemisch: zu wirken vermöge;
denn beide Metallstreifen müssen ja, nach ve ra Rıve, mit
33
einer Oxydhülle umgeben, folglich auch beide gegen die
chemische Einwirkung des Wassers geschützt seyn.
Combinirt man Volta’sch eine wässrige Sauerstofilö-
sung mit einer wässrigen Wasserstofflösung, und taucht
man in jede dieser Flüssigkeiten einen Platinstreifen ein,
dessen Oberfläche durch die von FarApar angegebenen
chemischen Mittel vorher gereinigt worden ist, so sollte
man gemäss der Theorie des Genfer Physikers erwarten,
dass unter diesen Umständen ein Strom entstände, von
der Sauerstofflösung zu der Wasserstofflösung gehend;
weil, nach oe ıA Rıve’s Annahmen, auch durch die Ver-
bindung eines Metalles mit freiem Sauerstoff das elektri-
sche Gleichgewicht gestört wird, und das Platin fähig ist,
schon bei gewöhnlicher Temperatur auf eine directe Weise
sich zu oxydiren. Nun 'taucht in dem fraglichen Versuche
ein Platinstreifen mit reiner Oberfläche in ein leitendes Me-
dium ein, das freien Sauerstoff enthält, und es befindet
sich ein Metallstreifen von gleicher Beschaffenheit in einer
wässrigen Wasserstofilösung; es sollte sich daher der Strei-
fen in ersterer Flüssigkeit jedenfalls leichter oxydiren , als
diess der Streifen in der Wasserstofllösung zu thun ver-
mag. Nichts destoweniger verhält sich aber das Platin in
der letztgenannten Flüssigkeit positiv zu dem Platin, das
in die Sauerstofflösung taucht.
Aus den so eben angeführten, wie auch aus den wei-
ter oben auseinandergesetzten Gründen kann ich die An-
sichten DE ıA Rıve’s über die Ursache der von den Elek-
troden, unter dem Einfluss eines Stroms erlangten Polari-
täten nicht für richtig halten.
Durch die Hypothese der direeten Oxydirbarkeit des
Platins bei gewöhnlicher Temperatur sucht der Genfer Phy-
siker auch das Davr-Dösereiner’sche Phänomen zu erklä-
ren, das heisst, dasselbe aus einem Wechsel von Oxyda-
tionen und Desoxydationen des genannten Metalles abzulei-
2
{9}
34
ten, und es wird die Thatsache, dass ein Platindraht, wel-
cher bei einer Davy’schen Glühlampe einige Zeit gebraucht
worden ist, eine rauhe und zertheilte Oberfläche annimmt,
als Hauptbeweis für die Richtigkeit der fraglichen Hypo-
these angeführt. Die prLaRıve’sche Erklärung des in Rede
stehenden Phänomens beruht auf zwei Hauptvoraussetzun-
gen: einmal auf derjenigen, dass das Platin bei gewöhnli-
cher Temperatur sich in atmosphärischer Luft oxydire, und
dann auf der Annahme, dass Platinoxyd bei gewöhnlicher
Temperatur durch Wasserstoffgas, oder Weingeist- und
Aetherdampf reducirt werde. In Folge dieser mit einander
abwechselnden Oxydationen und Reductionen lässt ve LA Rıve
Wärme entstehen, welche, nach und nach das Platin bis
zum Erglühen erhitzend, den Wasserstoff endlich ent-
zündet.
Was nun die ersten dieser Voraussetzungen betrifft,
so ist bereits in dem Vorhergehenden versucht worden de-
ren Unzulänglichkeit darzuthun. Es springt aber in die
Augen, dass die fragliche Hypothese zusammenfällt, wenn
diese erste Annahme unrichüg ist.
Nehmen wir indessen an, das Platin oxydire sich selbst
bei den allergrössten Kältegraden in einer Sauerstoffatmo-
sphäre: wird dann wohl das Platinoxyd auch bei eben so
niedrigen Temperaturen durch Wasserstoff reducirt? Das
auf dem gewöhnlich chemischen Wege bereitete Oxyd zeigt
eine solche leichte Reducirbarkeit nicht, und muss, nach
den Erfahrungen der Chemiker, immer etwas erwärmt wer-
den, wenn es durch freien Wasserstoff in den metallischen
Zustand zurückgeführt werden soll.
Meines Wissens giebt es überhaupt kein einziges Me-
talloxyd, welches durch freien Wasserstoff in der Kälte
reducirbar wäre. Das o£ LA Rıve’sche Platinoxyd, d.h. das
auf directem Wege gebildete, müsste daher eine grosse
35
Ausnahme von der Regel machen und ein Oxyd sui gene-
ris seyn.
Würde aber diese Verbindung ein so eigenthümliches
Verhalten zeigen, müsste dann nicht angenommen werden,
dass der Sauerstoff darin auch in einer ganz eigenihümlichen
Beziehung zu dem freien Wasserstoff stände, und in einem
Zustande sich befände, in dem wir ihn (den Sauerstoff)
weder im Gold-, noch irgend einem andern Oxyde antref-
fen. Wenn man aber eine solche Annahme machte, würde
dieselbe dann nicht, anstatt die Berzeuius’sche Ansicht zu
widerlegen, im Grunde mit ihr geradezu übereinstimmen’?
Würde, mit andern Worten, die fragliche Annahme nicht
auch die andere enthalten, dass Platin einen specifisch che-
mischen Einfluss auf Sauerstoff und Wasserstoff ausübe,
und die Affinität dieser Elemente zu einander steigere, in
ähnlicher Weise, wie diess die Wärme thut?
Geben wir indessen auch die beiden Voraussetzungen
zu; nehmen wir an: das Platin oxydire sich bei gewöhnli-
cher Temperatur, und das unter diesen Umständen gebil-
dete Oxyd werde in der Kälte durch Wasserstoffgas redu-
eirt, so bedünkt es mich, dass aus diesen Annahmen das
Döseremer’sche Phänomen doch nicht genügend erklärt
werden könne, wenn man nicht weitere, äusserst unwahr-
scheinliche Voraussetzungen zu Hülfe ruft.
Setzen wir den Fall: Platin von reiner Oberfläche
werde in ein Gemneng von Sauerstoff- und Wasserstoffgas
gebracht. Nach ve LA Rıvz findet unter diesen Umständen
sofort eine Oxydation der Oberfläche des Metalles statt,
und unmittelbar nachher wird die gebildete Oxydhülle
durch das anwesende Wasserstoffgas redueirt. Ist die Flä-
che hiedurch wieder metallisch geworden, so erneuert sich
an derselben der Oxydationsact, eine zweite Reduction er-
folgt, und geht es so fort, bis endlich aller Sauerstoff mit
Wasserstoff chemisch verbunden ist. Indem man den Vor-
36
gang auf diese Weise stattfinden lässt, nimmt man .an, dass
auf einige Zeit nur zwischen dem Platin und dem Sauer-
stoff eine chemische Anziehung sich äussere, und der Was-
serstoff während dieses Actes vollkommen unthätig sich
verhalte; dass der letztere, um mich bildlich auszudrü-
cken, dem Metalle ruhig zusieht, bis es eine gewisse Menge
von Sauerstoff ergriffen und verschluckt hat. Erst wenn
diess geschehen ist, erwacht, um im Bilde fortzufahren,
im Wasserstoff die Lust, sich auch mit Sauerstoff zu ver-
binden, und zway nicht mit dem freien, sondern mit dem-
jenigen, den sich das Platin angeeignet hat.
Dem Wasserstoff solche Anwandlungen zuzuschreiben,
dürfte wohl schwerlich einem Naturforscher in den Sinn
kommen, und am allerwenigstens wird der ausgezeichnete
Genfer Physiker eine derartige Annahme für zulässig hal-
ten. Dennoch aber enthält, wie mir scheint, dessen Hy-
pothese implicite eine solche Voraussetzung; denn jene
muss durchaus den Act der Oxydation der Oberfläche des
Platins als gänzlich vollzogen ansehen, bevor sie die de-
soxydirende Wirkung des Wasserstoffs eintreten lassen
kann.
Will man dieser sonderbaren CGonsequenz der Hypo-
these ausweichen, so muss man annehmen, dass die Acte
der Oxydation und Reduction in demselben ungetheilten
Zeitmomente stattfinden; eine Voraussetzung, die noch
viel unzulässiger ist als die erste. Es scheint mir daher
viel wahrscheinlicher zu seyn, dass bei Anwesenheit von
Platin, Wasserstoff und Sauerstoff unmittelbar sich verbin-
den, und die Wasserbildung nicht durch eine vorangehen-
de Oxydation des Metalls vermittelt werde.
Ausser den bereits angeführten thatsächlichen Grün-
den giebt es noch einige andere Umstände, welche nicht
gut mit den theoretischen Ansichten pE LA RıvE’s zusam-
menstimmen. Bekanntlich zersetzt sich das Platinoxyd
37
schon bei einer Temperatur, welche der Rothgluth noch
nicht gleich kommt; auch wissen wir, dass durch die lang-
same Verbrennung des Wasserstoffgases, des Weingeist-
oder Aetherdampfes Platin für unbestimmte Zeit glühend
erhalten werden kann, ohne dass hiedurch weder die eine
noch die andere dieser brennbaren Materien entflammt
würde. Die Davv’sche Glühlampe giebt hievon das schla-
gendste Beispiel. Lässt es sich nun wohl als möglich den-
ken, dass Platin bei derjenigen Temperatur sich oxydire,
bei welcher die Oxyde dieses Metalles reducirt werden?
Alle Chemiker , denke ich, werden auf diese Frage mit
Nein antworten.
Ich habe vor einiger Zeit gezeigt, dass schwammför-
miges Platin als positive Elektrode in ein Gemisch von
Schwefelsäure, Weingeist und Wasser eintauchend, keinen
Sauerstoff während der Wasserelektrolyse an sich auftreten
lässt, und dieses Metali das letztere Element bestimmt auf
einen Theil des Wasserstoffs des Weingeistes sich zuwerfen
lässt, um diesen hiedurch in Acetal, Aldehyd u. s. w. um-
zuwandeln. Ich habe ferner dargethan, dass wenn Eisen
als positiver Pol in dem gleichen Gemisch dient, der durch
den Strom entbundene Sauerstoff nicht auf den anwesen-
den Weingeist reagirt.
Aus diesen und ähnlichen Thatsachen glaubte ich den
Schluss ziehen zu dürfen, dass Sauerstoff, selbst wenn er
auch im nascirenden Zustande sich befindet, doch nicht im
Stande ist dem Weingeist in merklicher Menge Wasserstoff
zu entziehen, und dass unter den erwähnten Umständen
noch die specifische Einwirkung des Platins erfordert wird,
um die chemische Action zwischen Sauerstoff und Wasser-
stoff einzuleiten. Auch folgerte ich aus dieser Thatsache,
dass die so sinnreiche, von Farınar gegebene Erklärung
des Döserzien’schen Phänomens nicht wohl die richtige
seyn, d. h. dass letzteres nicht von einer durch das Platin
28
bewerkstelligten Verdichtung des Sauerstoffgases abhangen
könne.
Sollte nun die von mir gemachte Beobachtung in der
Hypothese des Genfer Physikers ihre genügende Erklärung
finden? Der fraglichen Hypothese zufolge müsste der auf
elektrolytischeın Wege am positiven Platin ausgeschiedene
Sauerstoff erst mit diesem Metalle sich verbinden ; hierauf
würde das Platinoxyd durch den vorhandenen Weingeist
reducirt werden, und fände während des Stromdurchganges
ebenfalls ein Wechsel von Oxydationen und Reductionen
an der positiven Platinelektrode statt, wie z. B. bei der
Davv’schen Glühlampe.
Aus der einfachen Thatsache, dass Platinoxyd bei ge-
wöhnlicher Temperatur nicht die Wirkung auf den Wein-
geist zeigt, welche die schwammförmige positive Platinelek-
trode auf diese Flüssigkeit ausübt, scheint mir die Unzu-
lässigkeit der Erklärungsweise ve LA Rıve’s hervorzugehen;
denn warum sollte Platinoxyd, auf dem gewöhnlichen che-
mischen Wege dargestellt, anders wirken , als dasjenige,
welche sich nach diesem Chemiker während der Blektro-
Iyse des Wassers bildet? Oder ist letzteres wieder eine
Verbindung sui generis?
Aus der vorangegangenen Erörterung scheint sich nun
als Hauptresultat zu ergeben, dass die Hypothese ve A Rıyr’s,
das Dögerseiner’sche Phänomen nicht zu erklären im Stande
ist, ohne dass man genöthiget wäre, wieder zu neuen Vor-
aussetzungen seine Zuflucht zu nehmen, und mit bekannten
Thatsachen in Widerspruch zu treten.
D.16. Merz. Herr Prof. Scnöneem, Beobachtungen
über einige elektrolysirende Wirkungen der
einfachen Kette. Es ist eine bekannte Sache, dass die
kräftigste einfache Kette nur ein sehr schwaches chemisches
Zersetzungsvermögen äussert, wenn dieselbe durch reines
39
Wasser geschlossen wird und man sich hierbei des Platins
oder des Goldes als Elektroden bedient. Selbst dadurch,
dass man das Leitungsvermögen des Wassers durch Zusatz
von etwas Schwefelsäure oder Salpetersäure vermehrt, kann
keine merkliche Zerlegung des erwähnten Elektrolyten be-
werkstelligt werden, obwohl der polare Zustand, den die
Gold- oder Piatinelektroden annehmen, den Beweis liefert,
dass unter diesen Umständen eine Wasserzersetzung statt-
findet. Meines Wissens hat der sinnreiche GrovE zuerst
auf den wichtigen Umstand aufmerksam gemacht, dass die
Anwesenheit von freiem Sauerstoff oder Wasserstoff in dem
Wasser der Zersetzungszelle oder Kette einen merklichen
Einfluss auf die Stärke des Stromes. der Vorrichtung aus-
übt, oder was dasselbe sagen will, die Elektrolyse des
Wassers befördert. Epmunp BEcqQuEREL wies später durch
eine Reihe von Versuchen nach,: dass auch noch andere
Materien, dem Wasser der Zersetzungszelle beigemischt,
die Zerlegung dieser Flüssigkeit begünstigen, dass nament.-.
lich Chlor und Brom diese Wirkung ausüben, überhaupt
aber ein solches Vermögen alle die Substanzen zeigen, wel-
che eine starke Affinität entweder zum Sauerstoff oder zum
Wasserstoff des Wassers haben.
Da diese Thatsachen in einer unmittelbaren Beziehung
zu stehen scheinen zu der Theorie über die Quelle der
volta’schen Elektricität und geeignet seyn möchten, ein
neues Licht zu werfen auf den Zusammenhang, welcher
zwischen chemischen und elektrischen Thätigkeiten stattfin-
det, so habe ich geglaubt Etwas zur Schlichtung des im-
mer noch fortdauernden Streites über die Ursache der hy-
droelektrischen Ströme dadurch beitragen zu können, dass
ich den Kreis der erwähnten Thatsachen erweiterte und
die Bedingungen genauer, als bisher geschehen, ermittelte,
unter welchen die elektrolysirenden Wirkungen der einfa-
chen Kette vermehrt werden.
AO
Ob es meinen Bemühungen gelungen ist, diesen Zweck
zu erreichen, diess wird am besten der Inhalt der nach-
stehenden Arbeit zeigen, und will ich dem Urtheile der
unpartheiischen Männer der Wissenschaft zu unterscheiden
überlassen.
Ehe ich zur Beschreibung meiner Versuche übergehe,
will ich einmal für allemal bemerken, dass die Kette, wel-
‚che ich zur Anstellung derselben gebraucht, aus Gusseisen
und Zink bestand, ersteres Metall in concentrirte Salpeter-
säure, letzteres in verdünnte Schwefelsäure tauchte, und
beide Flüssigkeiten durch eine poröse Thonzelle von ein-
ander getrennt waren. Die Grösse der elektromotorischen
Kraft. dieser Vorrichtung war so, dass der Anker eines
Elektromagneten, durch dessen Spirale der Strom der Kette
ging, mit einem Gewichte von dreihundert Pfunden beiastet
werden konnte, ohne dass der Anker von dem Hufeisen
hierdurch abgerissen worden wäre.
Die von mir mit diesem Apparate angestellten Versuche
und erhaltenen Resultate waren folgende:
1) Zwei Platinstreifen wurden auf die bekannte (elek-
trochemische) Weise mit Bleihyperoxyd oder Silberhyper-
oxyd überzogen und auf das Sorgfältigste mit reinem Was-
ser abgespült. Liess ich nun dieselben als Elektroden der
fraglichen Kette in reines Wasser eintauchen, so trat an
der positiven Elektrode eine sehr merkliche Entwicklung
von Sauerstoffgas ein. Wurde das Wasser mit einigen Tro-
pfen Salpetersäure versetzt, so fiel die Gasentwicklung an
der positiven Elektrode noch viel lebhafter aus und dauer-
te dieselbe so lange an, bis jede Spur des Hyperoxydes
an der negativen Elektrode verschwunden war. Mit dem dem
Verschwinden des letzten 'Theilchens jener Substanz hörte
auch die wahrnehmbare Zersetzung des Wassers auf. Es
ist kaum nöthig anzuführen, dass die Elektrolyse dieser
Flüssigkeit ganz unmerklich ausfällt, wenn reine Platinelek-
Al
troden in das reine oder gesäuerte Wasser eintauchen, ‘oder
wenn nur die positive Elektrode eine Hülle von Hyperoxyd
hat. Ob beide Platinelektroden mit Hyperoxyd überzogen
waren, oder nur die negative allein, schien auf die Leb-
hafuigkeit der Wasserzersetzung keinen merklichen Einiluss
auszuüben.
2) Wurden Streifen von Kupfer, Eisen, Palladium,
Blei etc. erst bis zum Anlaufen erhitzt, dann als negative
Elektrode in reines oder schwach (mit Schwefelsäure oder
Salpetersäure) gesäuertes Wasser eingeführt und als posi-
tive Elektrode Gold oder Platin gebraucht, so fand an letz-
terer eine sichtliche Entwicklung von Sauerstoffgas statt,
die auch wieder nur so lange dauerte, bis die Oxydhülle
der negativen Elektrode gänzlich reducirt war.
3) Wurden Platinstreifen mit leicht redueirbaren Me-
talloxyden, z. B. mit denen des Kupfers, des Zinnes, des
Bleies überzogen und als negative Elektrode der Kette in
schwach gesäuertes Wasser eingeführt, so erhielt ich ein
Resultat, ganz übereinstimmend mit dem vorhergehenden.
4) Tauchte ich zwei Platinstreifen in eine starke Auf-
lösung von Chromsäure oder chromsaurem Kali, oder in
concentrirte Schwefelsäure, oder in starke Salpetersäure
ein, und liess ich dann dieselben in reinem oder schwach
gesäuertem Wasser als Elektroden der Kette functioniren;
so-fand an der positiven Elektrode eine ziemlich lebhafte
Sauerstoffgasentwicklung statt, die jedoch nur kurze Zeit
andauerte, d. h. auch nur so lange, als an der negativen
Elektrode noch etwas von den vorhin genannten Substan-
zen haftete. Das gleiche Resultat wurde erhalten, wenn
man nur die negative Elektrode in Chromsäure, Salzsäure
etc. eintauchte. Benetzte ich dagegen mit den erwähnten
Säuren die positive Elektrode, nicht aber auch die negati-
ve, so war die Wasserzersetzung eben so unmerklich, als
hätten die reinen Platinbleche in diess Wasser eingetaucht.
A2
Hüllen von schwefelsaurem Kupferoxyd, salpetersaurem Sil-
beroxyd, um die negative Platinelektrode gezogen, wirkten
‚ ähnlich den Schichten von Chromsäure, Salpetersäure etc.
5) Tauchen Platin- oder Goldstreifen als Elektroden
der Kette in concentrirte Salpetersäure ein, so findet eine
lebhafte und stetige Sauerstoffgasentwicklung an der posi-
tiven Elektrode statt, und wird die Säure an dem negati-
ven Streifen rasch in salpetrichte Säure umgewandelt. Wird
aber die Salpetersäure mit so viel Wasser verdünnt, dass
man ein Gemisch erhält, aus welchem der Strom einer
Säule die beiden Elemente des Wassers entwickelt, ver-
dünnt man nämlich die besagte Säure bis zu dem Grade,
bei welchem der an der negativen Elektrode durch den
Strom ausgeschiedene Wasserstoff nicht mehr von der
Säure verschluckt wird, so vermag der Strom der Kette
das Wasser auch nicht mehr auf eine wahrnehmbare Weise
zu zerlegen. In einer so verdünnten Säure kann aber der
unter 4) enthaltenen Angabe zufolge die Sauerstoffgasent-
wickelung an der positiven Elektrode wieder veranlasst
werden dadurch, dass man die negative Elektrode mit con-
eentrirter Salpetersäure benetzt.
In concentrirter Schwefelsäure, oder in einer wässri-
gen Lösungen von Ghromsäure, chromsaurem Kali, man-
gansaurem Kali, schwefelsaurem Kupferoxyd, salpetersau-
rem Blei- oder Silberoxyd, findet ebenfalls eine merkliche
und stetige Sauerstoffgasentwicklung an der positiven Elek-
trode statt, wenn Platin- oder Goldbleche als Elektroden
in die genannten Flüssigkeiten eintauchen.
6) Wird gut leitende Kohle als negative Elektrode ge-
braucht, Gold- oder Platinblech als positive, und ist die
Zersetzungsflüssigkeit reines oder gesäuertes Wasser, so
findet eine merkliche Entwicklung von Sauerstoff an der
positiven Elektrode statt. Dient die Kohle als positive Elek-
trode, Gold oder Platin als negative, so bemerkt man an
AS
letzterer eine ziemlich lebhafte Entbindung, von Wasser-
" stoffgas. i
7) Haben frisch geglühte Platinbleche einige Zeit in
einer Atmosphäre von Wasserstoffgas sich befunden, und
lässt man dieselben dann als Elektroden in reines oder
schwach gesäuertes Wasser treten, so tritt an der negati-
ven Elektrode auf einige Augenblick eine Wasserstoffgas-
entibindung ein, die etwas merklicher ist als diejenige, wel-
che man mit gewöhnlichen Platinblechen erhält. Das gleiche
Resultat wird gewonnen, wenn man nur die positive Elek-
trode in Wasserstoffgas getaucht hat.
3) Macht man Platinschwamm oder auch Platinblech,
nachdem der eine oder das andere einige Zeit als negative
Elektrode in gesäuerteim Wasser gedient hat, zur positiven
Elektrode unserer Kette, so findet an der negativen Elek-
trode eine noch lebhaftere Wasserstoffgasentwicklung statt,
als diese unter den bei 7) angegebenen Umständen der
Fall ist.
9) Wird Platinschwamm oder Platinblech, nachdem sie
einige Zeil in einer Atmosphäre von Sauerstoffgas sich be-
funden oder besser als positive Elektroden in gesäuertem
Wasser gedient haben, als negative Elektrode gebraucht,
so entwickelt sich an der positiven Elektrode merklich mehr
Sauerstoff, als sich davon entbinden würde, wäre diese
Elektrode gewöhnliches Platin.
10) Hält man Gold- oder Platinbleche für einige Au-
genblicke in Chlor- oder Bromgas, und lässt man diese
Streifen dann in gesäuertem Wasser als Elektroden der
Kette functioniren, so findet eine viel lebhaftere Sauerstoff-
gasentwicklung an der positiven Elektrode statt, als die
ist, welche man bei Anwendung der gewöhnlichen Bleche
dieser Metalle erhält. Natürlich dauert unter diesen Um-
ständen die Entbindung des Sauerstoffes nur sehr kurze
Zeit; auch bedarf es kaum der Erwähnung, dass man das
Au
gleiche Resultat erhält, wenn nur die negative Elektrode
mit Chlor oder Brom in Berührung gesetzt worden ist.
11) Tauchen gewöhnliche Gold- oder Platinstreifen als
Elektroden der Ketie in schwach gesäuertes Chlor- oder
Bromwasser ein, so findet an der positiven Elektrode eine
stetige und ziemlich lebhafte Sauerstoffgasentwicklung statt.
Diese Gasentbindung ist selbst dann schon sehr merklich,
wenn das Chlor- oder Bremwasser auch keinen Zusatz von
Säure erhalten hat.
12) Bedient man sich des reinen oder schwach ge-
säuerten Wassers als Zersetzungsflüssigkeit, und führt man
in die letztere Gold- oder Platinstreifen ein, die man vor-
her in gewöhnliche Salzsäure getaucht hatte, so findet für
einige Augenblicke eine lebhafte Wasserstoffgasentwicklung
an der negativen Elektrode statt.
13) Wird gewöhnliche Salzsäure als Zersetzungsflüs-
sigkeit gebraucht und werden Gold- oder Platinstreifen als
Elektroden der Kette in diese Säure eingeführt, so tritt
eine stetige und sehr lebhafte Wasserstoffgasentwicklung
an der negativen Elektrode ein, während das Gold oder.
das Platin der positiven Elektrode rasch in der Zersetzungs-
flüssigkeit sich auflöst.
14) Wird entweder reines oder schwach (durch Schwe.
felsäure) gesäuertes Wasser als Zersetzungsflüssigkeit in
Anwendung gebracht, und lässt man als Elektroden der
Kette Streifen von amalgamirtem Zink oder von Kupfer,
oder von irgend einem leicht oxydirbaren Metalle in diese
Flüssigkeit treten, so findet an der negativen Elektrode
eine Wasserstoffgasentwicklung statt, welche um so lebhaf-
ter ausfällt, je oxydirbarer das Metall der Elektroden ist.
Bestehen die Elektroden aus Eisen, so treten ganz eigen-
thümliche Erscheinungen ein, welche in der nachfolgenden
Abhandlung umständlicher besprochen werden sollen.
A5
Aus allen voranstehenden Angaben, denen ich noch
viele ähnliche beifügen könnte, erhellt deutlich, dass die
in der Zersetzungszelle befindlichen Materien einen ent-
schiedenen Einfluss auf die chemische Wirksamkeit der
Kette, oder was auf das Gleiche hinauskommt, auf die
Stärke des Stroms der Kette ausüben. Untersuchen wir
diesen Einfluss näher, so zeigt es sich, dass derselbe ein-
zig und allein bedingt wird und abhängig ist von der
chemischen Natur der in der Zersetzungszelle anwesenden
Substanzen.
Ist die Zersetzungsflüssigkeit z. B. Wasser, und tau-
chen in dasselbe Gold- oder Platinelektroden ein, SO ver-
mag unter diesen Umständen der Strom der Kette keine
wahrnehmbare Elektrolyse des Wassers zu bewerkstelligen.
Umgeben wir aber die negative Elektrode mit einem
Stoffe, welcher zu dem Wasserstoffe eine grosse chemische
Verwandtschaft besitzt, so wird das Wasser merklich zer-
legt, wie der an der positiven Elektrode sich entbindende
Sauerstoff beweist.
Der Sauerstoff des Blei- oder Silberhyperoxydes, der
Sauerstoff der Salpetersäure, der Chromsäure, der Magan-
säure, der coneentrirten Schwefelsäure; der Sauerstoff der
leicht reduceirbaren Metalloxyde, der an der negativen Pla-
tinelektrode haftende freie Sauerstoff, das Chlor und das
Brom, alle diese Körper sind mit einer grossen Verwandt-
schaft zum Wasserstoff des Wassers begabt und es ist
eben die Anwesenheit dieser Materien in dem Wasser, oder
vielmehr an der negativen Elektrode, welche die Elektrolyse
dieser Flüssigkeit begünstigt oder eigentlich verursacht.
Schlagen wir ein umgekehrtes Verfahren ein, d. h.
umgeben wir die positive Elektrode mit einem Körper, der
zum Sauerstoffe des Wassers eine grosse Affinität besitzt,
so wird auch hiedurch die Elektrolyse des Wassers beför-
dert. Ist also die positive Platinelektrode mit: einer Hülle
46
von Wasserstoff umzogen, oder ist das Metall dieser Elek-
trode selbst eine leicht oxydirbare Substanz, so tritt, wie
wir gesehen haben, eine lebhafte Wasserstoffentwicklung
an der negativen Elektrode ein.
Wie sehr das Stromresultat der Kette oder die Elek-
trolyse des Wassers von den Verwandtschaftsverhältnissen
der Stoffe abhängig ist, die sich in der Zersetzungszelle
befinden, zeigen auf die schönste Weise die unter 5) an-
geführten Thatsachen. Es ist bekannt, dass Wasserstoff
im nascirenden Zustande der Salpetersäure dargeboten,
letztere zu salpetrichter Säure reducirt, vorausgesetzt, die
Salpetersäure besitze einen gewissen Concentrationsgrad.
Verdünnt man dieselbe mit einer hinreichenden Menge Was-
sers, so wirkt der nascirende Wasserstoff nicht mehr merk-
lich auf diese Säure ein. Dieses Verhalten zeigt sich be-
kanntermaassen am deutlichsten, wenn man den Strom ei-
ner Säule das eine Mal durch concentrirte, das andere Mal
durch verdünnte Salpetersäure gehen lässt. Im ersteren
Falle entwickelt sich kein Wasserstoff an der negativen
Elektrode; ım letzieren Falle entbinden sich Wasserstoff
und Sauerstoff in den bekannten Raumesverhältnissen. Be-
findet sich nun concentrirte Salpetersäure in der Zersetz-
ungszelle unserer Kette und tauchen Gold- oder Platin-
elektroden in dieseFlüssigkeit ein, so ist unter diesen Um-
ständen die negative Elektrode fortdauernd mit einer Ma-
terie umgeben, welche eine starke Verwandtschaft gegen
den Wasserstoff ausübt; woher es nun eben auch kommt,
dass unter solchen Verhältnissen der Strom der Kette das
Wasser lebhaft zersetzt, während dieselbe Kette so gut als
wirkungslos ist, wenn verdünnte Salpetersäure als Zer-
setzungsflüssigkeit dient.
Die gewöhnliche Schwefelsäure des Handels im unver-
dünnten Zustande zeigt, obwohl in schwächerem Grade,
gegen den nascirenden Wasserstoff ein Verhalten, ähnlich
>
AT
demjenignn der Salpetersäure, und diess ist der Grund,
warum an der positiven Elektrode einer einfachen Kette
sich Sauerstoff entbindet, wenn jene Säure als Zersetzungs-
flüssigkeit dient, während diess in einer mit Wasser stark
verdünnten Säure nicht geschieht.
Nach obigen Angaben zersetzt der Strom einer Kette
die Salzsäure sehr lebhaft, selbst in dem Falle, wo die
Elektroden Gold oder Platin sind. Säuert man Wasser
schwach, in einem Falle mit Salzsäure, im andern Falle
mit Schwefelsäure oder Salpetersäure und lässt man Gold-
oder Platinstreifen als Elektroden der Kette in der einen
und der andern dieser Flüssigkeiten functioniren; so wird
man an der negativen Elektrode, die in das salzsäurehalti-
ge Wasser taucht, eine merkliche Gasentwicklung bemerken,
während man an der gleichen Elektrode, welche in das
schwefelsäurehaltige Wasser taucht, kaum ein Bläschen
Wasserstoff aufsteigen sieht. Diese Thatsachen finden ihre
Erklärung in der Verschiedenheit des chemischen Verhal-
tens des Sauerstoffs und des Chlors zum Platin und zum
Golde. Bekanntlich können sich diese Metalle schon auf
directem Wege mit Chlor verbinden, während sie sich nicht
auf die gleiche Weise mit dem Sauerstoffe zu vereinigen
vermögen. Hieraus wird von den CGhemikern der Schluss
gezogen, dass die Verwandtschaft des Chlors zum Golde
und zum Platin grösser sey, als diejenige des Sauerstoffes
zu den gleichen Metallen. Indem nun die positive Gold-
elektrode der Kette eine grössere chemische Anziehung
gegen das Chlor der Salzsäure ausübt, als die Anziehung
ist, welche dieselbe Elektrode gegen den Sauerstoff des
Wassers äussert, ist auch die Elektrolyse, die im salzsäu-
rehaltigen Wasser stattfindet, ungleich lebhafter, als es die-
jenige ist, die wir im schwefelsäurehaltigen Wasser wahr-
nehmen.
A
' Dient letzteres als Zersetzungsflüssigkeit und nehmen
wir anstatt Gold- oder Platinbleche, Streifen von Kupfer
oder Zink, als Elektroden, so wird in diesem Falle eine
eben so lebhafte Wasserstoffentwicklung an der negativen
Elektrode stattfinden, als die ist, welche man erhält, wenn
Goldelektroden in salzsäurehaltiges Wasser eintauchen. Nach
den bereits gemachten Bemerkungen ist es kaum nöthig,
über die erwähnte Thatsache eine weitere Erklärung zu
geben. Im fraglichen Falle steht die positive Kupfer -
oder Zinkelektrode in einer chemischen Beziehung zu dem
Sauerstoffe des Wassers, ähnlich derjenigen, welche die
positive Gold- oder Platinelektrode zum Chlor der Salz-
säure hat. Die Aehnlichkeit dieser Beziehungen, welche
in den beiden Fällen stattfindet, hat auch eine Aehnlichkeit
des Stromresultates zur Folge.
Eine wichtige Frage, die wir nun zu beantworten ha-
ben, ist die: in welcher Weise wirken die Substanzen, von
welchen die Elektroden umgeben sind, begünstigend auf
die Elektrolyse des Wassers ein ?
Wenn z, B. die negative Elektrode mit Chlor, mit
Brom, mit freiem Sauerstoff, oder mit Sauerstoff locker
gebunden an andere Substanzen, umhüllt ist, bewirkt die-
ses Chlor, dieses Brom, dieser Sauerstoff eine Trennung
der Wassereiemente dadurch, dass die vorhin genannten
Körper eine chemische Anziehung ausüben gegen den noch
gebundenen Wasserstoff des Wassers der Zersetzungszelle,
und dass diese chemische Anziehung sich addirend zu der
in’ gleicher Richtung wirkenden Zersetzungskraft des Stro-
mes der Kette, dasjenige bewerkstelligt, was letzterer für
sich allein nicht zu thun vermöchte ?
Wie es scheint smd Grov: und Becovzr£L dieser Mei-
nung. ‘Wir werden später auf diese Ansicht zurükkommen.
Diejenigen, welche von den Grundsätzen der Con-
tactshypothese ausgehen, könnten vielleicht die fragliche
AI
Wasserzersetzung so erklären wollen, dass sie sagen: man
führe durch die genannten (an der negativen Elektrode
haftenden) Substanzen eine neue elektromotorische Kraft
in die Keite ein, die einen Strom in Bewegung setze, wel-
cher mit dem Strome der Kette einerlei Richtung habe.
Diese Ansicht kann aber aus dem einfachen Grunde nicht
geltend gemacht werden, weil die Wasserzersetzung auch
noch dann erfolgt, wenn beide Elektroden mit der gleichen
Substanz umgeben sind. Nach der Gontactshypothese müs.
sen sich in diesem Falle die elektromotorischen Wirkungen
der in die Flüssigkeit der Zersetzungszelle eintauchenden
Elektroden gegenseitig aufheben, und es kann somit durch
jene die Intensität des Stroms der Kette nicht vermehrt
werden.
Ist die Flüssigkeit der Zersetzungszelle z. B. concen-
trirte Salpetersäure oder Chromsäure, und sind die bei-
den Elektroden Gold oder Platin, so entwickelt sich , obi-
gen Angaben zufolge, Sauerstoffgas sehr lebhaft an der
positiven Elektrode, während der elektrolytisch ausgeschie-
dene Wasserstoff an der negativen Elektrode die daselbst
vorhandenen Säuren desoxydirt. Welche elektromotorische
Thätigkeit nun auch bei der Berührung zwischen Salpeter-
säure und Platin stattfinden mag, so ist klar, dass in dem
vorliegenden Falle diese Thätigkeit keinen Einfluss auf das
Stromresultat ausüben kann, da die beiden aus dem glei-
chen Metalle bestehenden Elektroden in eine gleiche Säure
eintauchen.
Da nach dem Onum’schen Gesetze die Grösse des Stro-
mes einer Kette gleich ist ihrer elektromotorischen Kraft,
getheilt durch den Gesammtwiderstand der Kette, so dürfte
man geneigt seyn, die Vermehrung der Intensität des Stro-
mes oder, was dasselbe ist, die Steigerung der elektroly-
sirenden Kraft der Kette, welche durch die Einführung ge-
wisser Substanzen in die Zersetzungszelle bewerkstelligt
4
50
wird, zunächst in einer Verminderung des fraglichen Wi-
derstandes zu suchen. Der in der Zersetzungszelle aus-
geübte Widerstand setzt sich nach der-Absicht vieler Phy-
siker zusammen: erstens aus dem Leitungswiderstande der
zwischen den Elektroden befindlichen elektrolytischen Flüs-
sigkeit und zweitens aus dem Widerstande, der da statt-
findet, wo die Elektroden und der Elektrolyt sich begrän-
zen und Uebergangswiderstand genannt wird. Was nun
den Leitungswiderstand der Flüssigkeit betrifft, so kann
nicht angenommen werden, dass derselbe bei den in die-
ser Abhandlung besprochenen Erscheinungen eine merklich
einflussreiche Rolle spiele. Denn wenn wir zwei Platin-
bleche z.B. mit concentrirter Salpetersäure befeuchten und
dieselben als Elektroden der Kette in reines Wasser ein-
führen, so darf man die unter diesen Umständen an der
positiven Elektrode stattfindende Sauerstoffgasentwicklung
nicht. der Verminderung des Leitungswiderstandes der in
der Zerseizungszelle befindlichen Flüssigkeit zuschreiben,
da die in diese letztere gebrachte Menge von Säure zu un-
bedeutend ist, als dass dadurch die bestehenden Leitungs-
verhältnisse merklich verändert werden könnten.
Dass übrigens das erhaltene Resultat nicht von der
Verminderung des Leitungswiderstandes abhängt, geht auf
das Genügendste aus dem Umstande hervor, dass in einem
Falle der Leitungswiderstand der Flüssigkeit in der Zer-
setzungszelle vielmal grösser seyn kann, als er es in einem
andern Falle ist und im erstern dennoch eine merkliche
Wasserzersetzung stattfindet, während diess im letztern
Falle nicht geschieht. Tauchen z.B. die beiden Platinelek-
troden einer Kette in concentrirte Salpetersäure, die in
porösen Zellen sich befindet, und sind die letztern durch
eine Zoll dicke .Wasserschicht von einander getrennt, so
wird unter diesen Umständen noch eine merkliche Sauer-
stoffgasentwicklung an der positiven Elektrode stattfinden.
si
Lässt man die beiden Elektroden der gleichen Kette in rei-
nes Wasser treten und stehen dieselben nur eine Linie von
einander ab, so erfolgt keine wahrnehmbare Wasserzer-
setzung. Es ist aber offenbar, dass in dem erstern Falle
der Leitungswiderstand, den die Flüssigkeit der Zersetz-
ungszelle ausübt, viele Male grösser ist, als der Wider-
stand, den die Flüssigkeit im zweiten Falle äussert; denn
nicht nur sind dort die Elektroden durch eine bedeuten-
dere Wassermasse von einander getrennt, sondern es hat
überdiess der Strom der Kette auch noch den Widerstand
der beiden Salpetersäureschichten zu überwinden.
Es kann daher hier einzig der sogenannte Uebergangs-
widerstand in Betracht kommen. ‘Nach unserer Ansicht
giebt es einen solchen zwar nicht, und wir sind immer
noch der Meinung, dass dasjenige, was Uebergangswider-
stand genannt wird, seinen Grund allein in secundären
Gegenströmen oder in der sogenannten Polarisation der
Elektroden habe. Erfahrungsgemäss findet ein Uebergangs-
widerstand nicht statt, falls ein Strom aus einem Metalle
in ein anderes, überhaupt aus einem festen Leiter in einen
andern festen Leiter tritt; ja selbst'in dem Falle wird kein
Uebergangswiderstand bemerkt, wo der Strom aus einem
festen Leiter in einen unzersetzbaren flüssigen, z. B. in
Quecksilber tritt, oder umgekehrt.
Damit der. sogenannte Uebergangswiderstand sich zei-
ge, ist nach unsern bisherigen Erfahrungen durchaus noth-
wendig, dass zwischen die Elektroden ein durch den Strom
zersetzbarer Körper, eine elektrolytische Flüssigkeit ge-
stellt, sey. Es ist ferner bekannt, dass die Grösse des
unter diesen Umständen entwickelten Uebergangswiderstan-
des wesentlich bedingt wird durch die chemische Natur,
sowohl der Elektroden als der elektrolytischen Flüssigkeit,
oder, um noch genauer zu reden, durch das chemische
Verhältniss, in welchem die Bestandtheile des Elektrolyten
52
zu der Materie der Elektroden stehen. Verbinden sich die
durch den Strom. ausgeschiedenen Jone des Elektrolyten
mit der Substanz. der Elektroden und werden überdiess
die hiedurch erzeugten chemischen Verbindungen durch
die elektrolytische Flüssigkeit oder auf eine andere Weise
von der Oberfläche der Elektroden fortwährend entfernt,
so wird unter solchen Umständen kein merklicher Ueber-
gangswiderstand wahrgenommen. Ein gleiches Resultat wird
auch erhalten werden, wenn man die ausgeschiedenen Jone
sofort in chemische Verbindung treten lässt mit Materien,
welche die Elektroden umgeben. Treten dagegen die Jone
frei an den Elektroden auf, so wird der Uebergangswider-
stand immer bedeutend seyn. Ist die elektrolytische Flüs-
sigkeit reines oder mit Schwefelsäure oder Salpetersäure
gesäuertes Wasser und sind die Elektroden der Kette Gold-
oder Platinstreifen, so tritt an dieser der Sauerstoff und
Wasserstoff frei auf und der unter diesen Umständen sich
zeigende Uebergangswiderstand erscheint bedeutend gross.
‚Wählt man zu Elektroden ein Metall, das sich mit dem
Sauerstoffe direct verbinden kann, z. B. Zink, so wird
der Uebergangswiderstand schon bedeutend schwächer aus-
fallen, weil der an der positiven Elektrode ausgeschiedene
Sauerstoff sich sofort mit dem Zink vereinigt. Entfernt
man auf eine geeignete Weise auch den an der negativen
Elektrode auftretenden Wasserstoff, so wird der Ueber-
gangswiderstand gleich Null seyn.
Diente Salzsäure als Elektrolyt und Gold oder Platin
als Elektroden, so ist in diesem Falle der Uebergangswi-
derstand ebenfalls unbedeütender, als derjenige, welcher
bei Anwendung von denselben Elektroden und schwefel-
säurehaltigem Wasser sich zeigt; weil in ersterm Falle das
Chlor mit dem Golde oder Platin sich chemisch verbindet
und das Chlorid sofort von der elektrolytischen Flüssigkeit
aufgenommen wird. Noch geringer fällt dieser Widerstand
53
aus, wenn man die positive Goldelektrode in Salzsäure, die
aus demselben Metalle bestehende negative Elektrode in
concentrirte Salpetersäure eintauchen lässt, während beide
Flüssigkeiten durch eine poröse Zwischenwand mit einan-
der in leitender Verbindung stehen. Unter diesen Umstän-
den wird ‚auch der Wasserstoff in dem Augenblicke von
der Salpetersäure gebunden, wo jenes Element an der ne-
gativen Elektrode sich ausscheidet.
Da man überhaupt in allen Fällen, in welchen die Po-
larisation der Elektroden geschwächt oder völlig verhindert
wird, auch den Uebergangswiderstand vermindert oder auf-
hebt, so darf hieraus wohl der Schluss gezogen werden,
dass dieser Uebergangswiderstand seine Ursache in der be-
sagten Polarisation habe, welche letztere selbst, wie wir
diess jetzt mit, Bestimmtheit wissen, veranlasst wird durch
die Ablagerung der Jone des Blektrolyten auf die Elektro-
den, oder der secundären Produkte, welche diese Jone
mit dem Elektrolyten oder mit der Materie der Elektroden
bilden. ’
Es darf jetzt ebenfalls als eine ausgemachte Sache an-
gesehen werden, dass die Leitung eines Stromes durch ei-
nen Elektrolyten wesentlich abhängig oder eigentlich. be-
dingt ist durch eine Zerlegung des letztern Körpers, und
dass daher auch nicht der allerschwächste Strom durch
eine elektrolytische Flüssigkeit gehen kann, ohne von die-
ser eine gewisse Menge zu zerlegen. Den sichern Beweis
dafür, dass eine Elektrolyse stattgefunden, haben wir im-
mer in der Polarität der Elektroden.
Setzen wir nun den Fall, dass in der Zersetzungszelle
einer einfachen Kette sich reines Wasser befinde und die
in diese Flüssigkeit eintauchenden Elektroden Platin- oder
Goldstreifen seyen. Im allerersten Augenblicke schon, wo
der Strom der Kette durch die Zersetzungszelle geht, wird
eine gewisse Menge Wassers zersetzt, und der daraus ab-
54
geschiedene Sauerstoff auf die positive Elektrode, der Was-
serstoff auf die negative Elektrode abgesetzt werden. Die
unmittelbare Folge hievon wird seyn, dass jene Elektrode
negative Polarität, diese positive Polarität erlangt und zwar
wird der Grad dieser Polaritäten im Verhältniss stehen zu
der Menge des im ersten Augenblicke der Strömung zer-
setzten Wassers oder zu der Grösse des anfänglichen Stro-
mes. Im zweiten Augenblicke sucht die Kette einen Strom
durch die Zersetzungszelle zu schicken, eben so gross, als
derjenige war, welcher im ersten Augenblicke durch das
Wasser ging. Allein dieser Strom, im zweiten Augenblicke
erzeugt, wird nicht so gross seyn können, als es der
Strom des ersten Augenblicks war; denn die Polarität der
Elektroden ruft im zweiten Moment einen secundären Strom
hervor, der dem von der Kette gleichzeitig erregten ent-
gegen gesetzt ist. Es muss daher der letztere um die
Grösse des secundären Stromes vermindert werden. Würde
nun diese Grösse gleich seyn der Grösse des Stromes, wel-
chen die Kette im zweiten Augenblicke hervorruft, so könnte
in diesem zweiten Momente gar keine Elektrolyse mehr
stattfinden, d. h. müsste der secundäre Strom den primi-
tiven im Gleichgewicht halten. Gestatteten es nun die Um-
stände, dass das ganze Quantum der im ersten Augenbli-
cke der Strömung der Kette ausgeschiedenen Jone des Was-
sers an den Elektroden haftete, so würde vielleicht der
durch die Polarisation im zweiten Augenblicke hervorgeru-
fene secundäre Strom die Stärke des in derselben Zeit durch
die Kette erregten primitiven Stromes erreichen. Da aber
das die Elektroden umgebende Wasser durch sein Auflö-
sungsvermögen einen Theil der Jone von den Elektroden
sofort entfernt, so kann ein solches Stromgleichgewicht
nicht eintreten und muss der Strom der Kette in den er-
sten Momenten ihrer Thätigkeit den durch die Elektroden
erregten Gegenstrom überwinden. Dieses Uebergewicht
33
wird aber so unbedeutend seyn, dass dadurch keine wahr-
nehmbare Elektrolyse des Wassers wird bewerkstelligt wer-
den können.
Umhüllen wir nun aber die negative Elektrode mit ei-
ner Materie, die sich mit dem nascirenden Wasserstoffe
chemisch verbindet, d. h. schaffen wir den Wasserstoff,
der in Folge der Stromthätigkeit an der negativen Elek-
trode auftritt, in dem Augenblicke seines Auftretens da-
selbst fort, so wird hiedurch die positive Polarisation die-
ser Elektrode verhindert, somit die Grösse des secundären
Stromes vermindert, damit aber auch die Intensität des
primitiven Stromes gesteigert und eben dadurch die Elek-
trolyse des Wassers befördert. Aus vorangegangenen Be-
merkungen erhellt auch, dass ein gleiches-Resultat erhalten
werden muss, wenn man den Sauerstoff von der positiven
Elektrode entfernt, in dem Augenblicke, wo jenes Element
an derselben ausgeschieden wird. Werden durch geeignete
Mittel die an den Elektroden ausgeschiedenen Jone des
Wassers oder irgend eines andern Elektrolyten gleichzeitig
und vollständig von ihren respectiven Ablagerungsorten
entfernt, wird mit andern Worten die Polarisation beider
Elektroden gleichzeitig und vollständig verhindert, so muss
der unter solchen Umständen von der Kette erzeugte Strom
stärker ausfallen, als in dem Falle geschieht, wo ‚die Pola-
risation von nur einer Elektrode verhindert wird.
Nach den voranstehenden Bemerkungen dürfte es nun
nicht mehr schwierig seyn, alle die weiter oben angeführ-
ten Thatsachen genügend zu erklären und eine richtige
Vorstellung sich zu bilden von der Art und Weise, wie
die in die Zersetzungszelle eingeführten oder die dieElek-
troden umhüllenden Substanzen den Strom der einfachen
Kette oder die Elektrolyse der Zersetzungsflüssigkeit be-
günstigen. Es geschieht diess, gemäss dem vorhin Gesag-
ten, ganz einfach durch die depolarisirenden Wirkungen,
56
Y
welche die fraglichen Materien auf die Elektroden ausüben,
in manchen Fällen auch dadurch, dass die Jone der Elek-
trolyten mit der Materie der Elektroden chemisch sich ver-
binden und .die hieraus entstandenen Gebilde von der um-
gebenden Zersetzungsflüssigkeit aufgenommen werden.
Streng genommen beruht auch in dem letztern Falle die
Verstärkung des Stromes der Kette auf einer depolarisiren-
den Wirkung.
Nicht selten geschieht es, dass die in der Zersetzungs-
zelle entstandenen chemischen Verbindungen selbst wieder
depolarisirend auf die eine oder die andere der Elektroden
wirken. Ein solcher Fall tritt ein, wenn z. B. die Elek-
troden Kupferstreifen, die Zersetzungsflüssigkeit verdünnte
Schwefelsäure ist. Es entsteht unter diesen Umständen
schwefelsaures Kupferoxyd, dessen Anwesenheit in der Zer-
setzungsflüssigkeit, gemäss den oben angeführten Thatsa-
chen, den Strom der Kette verstärkt, in sofern es den
Wasserstoff der negativen Elektrode aufnimmt. Ist die Zer-
setzungsflüssigkeit Salzsäure und sind die Elektroden Gold,
so wirkt das entstehende Chlorgold in gleicher Weise de-
‚polarisirend auf die negative Elektrode. Aus dem Gesagten
erklären sich auch manche andere Thatsachen, die bisher
sehr anomal erscheinen mussten.
Bekanntlich leitet wasserfreies flüssiges Chlor oder
Brom den volta’schen Strom ganz und gar nicht; vom rei-
nen Wasser sagt man nicht mit Unrecht, dass dessen Lei-
tungsvermögen sehr unbedeutend sey und jeder Physiker
weiss, dass wasserhaltiges Brom oder Chlor viel besser
leitet, als reines Wasser. Nach meiner Ansicht vermehrt
nun das Chlor etc. die Leitungsfähigkeit des Wassers an
und für sich ganz und gar nicht, und beschränkt sich die
Wirkung jenes Körpers darauf, dass er den an der ne-
gativen Elektrode auftretenden Wasserstoff aufnimmt, hie-
durch die positive Polarisation dieser Elektrode verhindert,
37
somit indirect den primitiven Strom der Kette verstärkt,
scheinbar also die Leitungsfähigkeit des Wassers erhöht.
Die Thatsache, dass Salpetersäure von einer gewissen
Stärke besser leitet, als die mit Wasser verdünnte, erklärt
sich auf die gleiche Weise. Auch das verhältnissmässig be-
deutende elektrolysirende Vermögen der Becquzrer’schen
Kette, welche bekanntlich aus einer concentrirten Kalılö-
sung und starker Salpetersäure gebildet wird, ist nunmehr
leichter begreiflich. Werden die beiden genannten Flüssig-
keiten (durch eine poröse Scheidewand mit einander in Be-
rührung stehend) vermittelst Platinstreifen leitend verbun-
den, so entwickelt sich in merklicher Menge Sauerstoff an
der Elektrode, die in die Kalilösung- taucht, und wird die
Salpetersäure an der negativen Elektrode in salpetrichte
Säure verwandelt. In Folge der chemischen Reaction, die
an den Berührungsflächen der beiden Flüssigkeiten statt-
findet, entsteht ein Strom, der von dem Kalı zur Säure
geht. Dieser Strom scheidet Sauerstoff an der im wässri-
gen Kalı stehenden Elektrode, und Wasserstoff an dem in
die Salpetersäure tauchenden Platinstreifen aus. Der, Was-
serstoff verbindet sich aber im Augenblicke seines Freiwer-
dens mit einem Theile des Sauerstoffes der Salpetersäure,
wodurch die positive Polarisation der negativen Elektrode
verhindert und also indirecet der primitive Strom der Kette
verstärkt wird.
Die Thatsache, dass eine Kette, aus verdünnter Sal-
petersäure und Kalilösung gebildet, keinen Strom erzeugt,
der kräftig genug wäre, das Wasser in merklicher Menge
zu zerlegen, scheint mir ein weiterer Beweis für die Rich-
tigkeit der so eben gegebenen Erklärung zu seyn; denn
Salpetersäure von einem gewissen Wassergehalt besitzt
nicht mehr das Vermögen, nascirenden Wasserstoff zu ver-
‚schlucken, d. h. die negative Elektrode zu depolarisiren.
55
Wenn nun kaum in Abrede gestellt werden kann, dass
in den bisher besprochenen Fällen die Erhöhung des elek-
trolysirenden Vermögens oder die Verstärkung des Stromes
einer einfachen Kette von depolarisirenden Wirkungen ab-
hängt, welche von den in der Zersetzungszelle befindlichen
Substanzen auf die Elektroden ausgeübt werden, so fragt
es sich doch noch, ob die beobachtete Steigerung der vol-
ta’schen T'hätigkeit einer solchen Kette einzig und allein
der bezeichneten Ursache ‚(der Depolarisation) zugeschrieben
werden darf.
Nach den Annahmen mancher Physiker verursacht jede
chemische Thätigkeit eine Störung des elektrischen Gleich-
gewichts und findet letztere namentlich bei der chemischen
Verbindung der Stoffe untereinander statt, z. B. also bei
der Vereinigung des freien Sauerstoffes mit irgend einem
Metalle.
Dieser Ansicht zufolge müsste nun z. B. die Verbin-
dung des an der negativen Elektrode ausgeschiedenen Was-
serstoffes mit Sauerstoff, Chlor, Brom u. s. w., und die
Vereinigung des an der positiven Elektrode auftretenden
Sauerstoffes mit Wasserstoff oder mit irgend einem andern
oxydirbaren Körper volta’sche Ströme veranlassen. Was
die Richtung betrifft, welche die in den eben erwähnten
Fällen erzeugten Ströme nehmen, so müsste dieselbe, täu-
sche ich mich anders nicht, nach den Grundsätzen pe 1A Rıve’s
z. B. gerade entgegen gesetzt seyn der Richtung, in wel-
cher der primitive Strom der Kette kreist. Es müsste dem-
nach der secundäre Strom, hervorgegangen aus der an
den Elektroden stattfindenden chemischen Actionen, anstatt
verstärkend, schwächend auf den Strom der Kette wirken.
Würde nun aber diesen Thätigkeiten wirklich das ihnen
zugeschriebene elektromotorische Vermögen zukommen, so
müsste dasselbe merklich kleiner seyn, als dasjenige der
polarisirten Elektroden, weil sonst die Depolarisation der
59
letztern keine Verstärkung des Stromes der Kette verursa--
chen könnte. Jedenfalls erhellt aus dem eben Gesagten,
dass die chemischen Vorgänge, welche an den Elektroden
stattinden, gemäss DE LA Rıve’s Theorie, nichts zur Erhö-
hung der volta’schen Thätigkeit der Kette beizutragen ver-
mögen. |
Um auf eine genügende Weise die Frage beantworten
zu können, ob die in Rede stehende Verstärkung des Stro-
mes der Kette allein von. der Depolarisation der Elektro-
den herrühre, müsste man, meinem Ermessen nach, genau
das Verhältniss kennen, in welchem die Stärke des initia-
len Stromes der Kette steht zu der Stärke der von ihm
hervorgerufenen Polarität der Elektroden; oder was das-
selbe ist, es müsste das Verhältniss bekannt seyn, welches
die Intensität des primitiven Stromes der Kette zu der In-
tensität des secundären Stromes der Elektroden hat. Mei-
nes Wissens kennen wir aber dieses Verhältniss noch nicht;
auch will es mir scheinen, als ob die directe Ausmittelung
desselben eine äusserst schwierige, wo nicht unmögliche
Sache sey. Denn in demselben Augenblicke, wo der Strom
der Kette durch die Zersetzungszelle geht, findet auch
schon die Polarisation der daselbst befindlichen Metallelek-
troden und somit auch dieRückwirkung ihrer Polaritäten
auf den primitiven Strom der Kette statt. Die Stärke des
Stromes der Kette, in welchem Momerte wir jene auch
messen mögen, wie auch. der Grad der Polarisation der
Elektroden, ist daher immer nur die Resultante von Gegen-
strömen oder von elektromotorischen Kräften, die in ent-
gegengesetzten Richtungen wirken:
Setzen wir nun aber den Fall, das fragliche Verhält-
niss wäre bekanzt und es ergäbe sich aus demselben, dass
der durch die Polarisation der Eletkroden hervorgerufene
Gegenstirom z. B. nur ein Viertel so stark sey, als der
primitive Strom, der diese Polarisation erregte, so müsste
6v
offenbar, im Falle die letztere durch irgend ein Mittel gänz-
lich verhindert würde, der beobachtete Strom der Kette
gerade um ein Viertel stärker ausfallen, als der Strom ei-
ner gleichen volta’schen Vorrichtung, deren Elektroden gar
nicht depolarisirt worden wären. Würde aber die Stärke
des Stromes der erstern Kette um mehr als um ein Viertel
grösser seyn, so erhellte aus ‚einer solchen Thatsache, dass
ausser der Depolarisation der Elektroden noch ein anderer
Umstand verstärkend auf den Strom eingewirkt hätte.
Es giebt einige Thatsachen, welche der Vermuthung
Raum zu geben scheinen, dass der Strom der Kette in ei-
nem grössern Verhältniss verstärkt werde, als diess in Folge
der Depolarisation der Elektroden gescheben sollte.
Thatsachen solcher Art scheinen mir die verhältniss-
mässie bedeutende voita’sche Wirksamkeit der BeEcquvErer’
schen Kette und die erstaunlichen Wirkungen der Grovr’
schen Säule zu seyn. Die elektromotorische Ueberlegen-
heit dieser beiden Vorrichtungen über andere ihnen ähn-
liche Ketten ist in der That so gross, dass wir kaum an-
nehmen können, dieselbe rühre einzig von dem depolarisi-
renden Einflusse her, welchen die concentrirte Salpeter-
säure an der negativen Platinelektrode dieser Ketten ausübt.
Sollte aber die fragliche Depolarisation nicht die ein-
zige Ursache der Stromverstärkung seyn, wo haben wir
denn noch eine weitere, und zwar eine directe Stromquelle
zu suchen? Dass z. B.in der Grove’schen Kette eine sol-
che Quelle nicht in der Reaction der Salpetersäure und
verdünnten Schwefelsäure liege, ist meines Wissens von
JAcosı gezeigt worden.
Das getrennte Auftreten der Bestandtheile des Wassers
an den Elektroden lässt verinuthen oder zwingt vielmehr
zu der Annahme, dass die erste Wirkung, welche eine vol-
ta’sche Vorrichtung auf die Molecüle des genannten Elek-
trolyten in der Zersetzungszelle ausübt, darin besteht:
6
dass diese Molecüle in eine bestimmte Lage in Bezug auf
die Elektroden gebracht, d. h. die Wasserstofiseiten der
Wassertheilchen gegen die .negative Elektrode, die Sauer-
stoffseiten aber gegen die positive Elektrode gerichtet wer-
den. Diese Wirkung muss nothwendiger Weise der wirk-
lichen Elektrolyse des Wassers oder dem Eintritte des Stro-
mes vorausgehen, weil wir sonst nicht begreifen könnten,
wie z. B. der Wasserstoff des Wassertheilchens, welches
an die positive Elektrode gränzt,:mit dem Sauerstoffe des
jenen zunächst liegenden Wassermolecüles, wie überhaupt
der Wasserstoff des vorangehenden Wassertheilchens mit
dem Sauerstoffe des unmittelbar folgenden Wassermolecüles
sich vereinigen könnte.
Denken wir uns nun die Molecüle des Wassers in der
Zersetzungszelle auf die angegebene Weise geordnet und
nehmen wir an, es sey die negative Elektrode dieser Zelle
unmittelbar mit einer Substanz umgeben, welche zum Was-
serstoffe eine grosse Verwandtschaft besitzt (z. B. mit Sauer-
stoff, Chlor, Brom u. s. w.) so muss unter den angeführ-
ten Umständen eine derartige Materie gegen den Wasser-
stoff des ihr benachbarten Wassermolecüles eine chemische
Anziehung ausüben. Diese Anziehung ändert nothwendig
das chemische Verhältniss ab, in welchem der Sauerstoff
und Wasserstoff des fraglichen Wassermoleeüles zu einan-
der stehen, d. h. vermindert die Stärke der Affinität die-
ser Elemente zu einander und gestattet eben desshalb dem
Sauerstoffe des ersten (mit der negativen Elektrode in un-
mittelbarer Berührung stehenden) Wassertheilchens, dass
er eine grössere chemische Anziehungskraft ausübt gegen
das ihm (dem Sauerstoffe) zugekehrte Wasserstoffatom des
zweiten Wassermolecüles. Hiedurch wird in diesem letz-
tern Molecül ebenfalls eine Schwächung der Affinität seiner
Bestandtheile verursacht und die Affinität des Sauerstoffes
zu dem Wasserstoffatome des dritten Wassermolecüles ge-
62
steigert. Der veränderte chemische Zustand des dritten
Molecüles führt nothwendig eine ähnliche Veränderung im
vierten Molecüle herbei u. s. w. Die Elemente aller Was-
sermolecüle, welche. sich zwischen den Elektroden befin-
den, erleiden somit in ihrem chemischen Verhältnisse zu
einander die nämliche Veränderung, welche in den Bestand-
theilen des ersten Wassermolecüles verursacht wird durch
den Einfluss der wasserstoffanziehenden Substanz, von der
die negative Elektrode umgeben ist. Alle Wasserstoffatome
der zwischen den Elektroden liegenden Wassermolecüle er-
halten daher unter den obwaltenden Umständen das Bestre-
ben, gegen die negative Elektrode der Kette hin sich zu
bewegen und da der Strom der letztern dieselben Wasser-
stoffatome in der gleichen Richtung zu bewegen sucht, so
lässt sich leicht begreifen, wie beide Impulse, gleichzeitig
wirkend, eine grössere Wirkung hervorbringen, als die ist,
welche nur einer dieser Impulse zu verursachen vermag.
Wenn man die positive Elektrode mit einer Materie
umhüllt, die den Sauerstoff begierig aufnimmt, so sieht
man nach den voranstehenden Bemerkungen unschwer ein,
dass auch hiedurch die Elektrolyse des Wassers eben so
gut befördert werden muss, als dadurch, dass man die ne-
gative Elektrode in Berührung setzt mit einer Substanz,
die den Wasserstoff stark anzieht. Auch ist klar, dass die
Stromeffekte noch stärker ausfallen müssen, wenn die bei-
den Elektroden gleichzeitig, die positive mit einer den
Sauerstoff anziehenden Substanz, die negative Elektrode
mit einer den Wasserstoff anziehenden Materie, in Berüh-
rung stehen.
Möge nun die besprochene Stromverstärkung in.depo-
larisirenden Wirkungen auf die Elektroden allein, möge sie
auch noch in andern Ursachen und namentlich in dem von
mir zuletzt bezeichneten Umstande ihren Grund haben: so
viel ist jedenfalls gewiss, dass dieselbe in dem innigsten
63
Zusammenhange steht mit chemischen Thätigkeiten, die an
den Elektroden der Kette stattfinden. Denn lässt man sich
bei der Wahl der Substanzen, mit denen man entweder
die Elektroden umhüllt, oder die man in die Zersetzungs-
flüssigkeit einführt, ich sage, lässt man sich hiebei einzig
und allein von chemischen Rücksichten leiten, d. h. von
den gewöhnlichen chemischen Beziehungen, in welchen die
fraglichen Substanzen zu den an den Elektroden ausgeschie-
denen Jonen des Elektrolyten stehen, so lässt sich immer
das eintretende volta’sche Resultat mit Sicherheit voraussa-
gen. Dieser Umstand scheint mir nicht ohne Bedeutung
für die Theorie des Voltaismus zu seyn und stark zu Gun-
sten der Ansicht zu sprechen, welcher gemäss die hydro-
elektrischen Ströme aus chemischen Thätigkeiten entspringen.
c
Nachtrag.
Es war Voranstehendes bereits geschrieben, als ich
noch einige neuere Thatsachen ermittelte , welche sich ge-
nau an die weiter oben beschriebenen Phänomene anreihen
und die ich desshalb noch mittheilen will.
Dient frischgeglühtes schwammförmiges Platin als po-
sitive Elektrode der Kette, Platindraht als negative und ge-
wöhnliches Wasser als Zersetzungsflüssigkeit, so findet un-
ter diesen Umständen eine noch wahrnehmbare Elektrolyse
des Wassers statt, wie die an der negativen Elektrode auf-
steigenden Gasbläschen darthun. Wird frisch geglühter
Platinschwamm als negative Elektrode, Platindraht als po-
sitive gebraucht, so bemerkt man kaum eine Gasentwick-
lung mehr. Versetzt man das Wasser mit einigen Tropfen
Schwefelsäure oder Salpetersäure, so fällt die Wasserstoff-
entbindung an der negativen Elektrode ziemlich lebhaft aus
und dauert dieselbe längere Zeit mit scheinbar gleichblei-
64
bender Stärke an, falls nämlich die negative Elektrode aus
einem Platindraht und die positive aus Platinschwamm be-
steht. An letzterem sieht man unter den erwähnten Um-
ständen zwar auch Bläschen aufsteigen; es scheint jedoch
die Menge derselben bei weitem nicht dem an der negati-
ven Elektrode entbundenen Wasserstoffquantum zu ent-
sprechen.
Macht man den Platinschwamm zur negativen Elektro-
de, den Platindraht zur positiven, so findet zwar an letz-
terem eine merkliche Sauerstoffentwicklung statt; es hört
aber dieselbe, wie auch die Entbindung des Wasserstoffes
an dem negativen Platinschwamme schon nach wenigen Au-
genblicken beinahe gänzlich auf.
' Wird. der ‚geglühte und zur positiven Elektrode be-
stimmte Platinschwamm mit Ameisensäure benetzt, bevor
man ihn in das schwach gesäuerte Wasser der Zersetzungs-
zelle eintaucht, so findet an: der negativen Platindrahtelek-
trode eine Wasserstoffgasentwicklung statt, welche merk-
lich lebhafter ist, als diejenige, die man in dem Falle er-
hält, wo reiner Platiinschwamm als positive Elektrode func-
tionirt.. Lässt man frischgeglühten Platinschwamm, eben-
falls mit Ameisensäure benetzt, als negative Elektrode in
schwach gesäuertes Wasser tauchen, und dient als: positive
Elektrode ein Piatindraht, so ist die unter solchen Umstän-
den stattfindende Wasserelektrolyse nicht lebhafter, als: die-
jenige, welche Platinschwamm für sich allein verursacht.
Wird wässrige Ameisensäure als Zersetzungsflüssigkeit,
Platinschwamm als positive, und Plaiindraht als negative
Elektrode angewendet, so findet an letzterer eine lebhafte
Wasserstoffgasentwicklung statt. Verwechselt man die ge-
nannten Elektroden, nachdem sie vorher geglüht worden,
so ist an der schwammförmigen negativen Elektrode kaum
ein Bläschen von Wasserstoffgas wahrzunehmen.
65
Wird frisch geglühter Platinschwamm mit Aether be-
netzt und als positive Elektrode in schwach (mit Schwefel- -
säure) gesäuertes Wasser eingeführt, und dient ein Pla-
tindraht als negative Elektrode, so entwickelt sich an letz-
terer merklich mehr Wasserstoff, als sich daran in dem
Falle enibindet, wo Platinschwamm ohne Aether als posi-
tive Elektrode functionirt. Lässt man mit Aether benetzten
Platinschwamm als negative Elektrode in die Zersetzungs.
flüssigkeit eintauchen, und einen Platindraht als positive
Elektrode functioniren, so fällt die Elektrolyse des Wassers
nicht lebhafter aus, als diess der Fall ist, wenn der nega-
tive Platinschwamm ohne Aetherhülle angewendet wird.
Versetzt man das gesäuerte Wasser mit etwas Aether und
functionirt Platinschwamm als positive Elektrode, so ent-
wickelt sich an der negativen Elektrode mehr Wasserstoff,
als sich davon entbindet in dem Falle, wo die Zersetzungs-
flüssigkeit keinen Aether enthält. Spielt der Plauinschwamm
die Rolle der negativen Elektrode, so übt die Anwesenheit
des Aethers in der Zersetzungsflüssigkeit keinen merklichen
Einfluss auf die stattfindende Elektrolyse des Wassers aus.
Weingeist wirkt in den vorhin angeführten Fällen wie Ae-
ther, jedoch, wie es mir schien, in etwas schwächerm
Grade. Noch verdient bemerkt zu werden, dass an dem
Platinschwamme, der mit Aether oder Weingeist benetzt
wird, bevor er als positive Rlektrode dient, kein Sauerstoff
sich entbindet, wenn die Wasserstoffentwicklung an dem
negativen Platindrahte auch noch so lebhaft ist. Diese
Thatsache begreift sich sehr leicht. Der an dem positiven
Platinschwamme auf elektrolytischem Wege ausgeschiedene
Sauerstoff vereinigt sich mit einem Theil des Wasserstof-
fes, enthalten im Aether oderWeingeist, und wandelt diese
Substanzen in Aldehyd u. s. w. um.
Was die Ameisensäure betrifft, die sich am positiven
Platinschwamme befindet, so ist von ihr bekannt, dass sie
5
66
unter geeigneten Umständen durch den Sauerstoff sehr
leicht in Kohlensäure und Wasser verwändelt wird. Der
an der positiven Elektrode ausgeschiedene Sauerstoff wirft
sich im fraglichen Falle auf den Kohlenstoff und Wasser-
stoff der Ameisensäure und verursacht die eben erwähnte
Zersetzung dieser Säure. Desshalb bemerkt man auch in
dem Augenblicke, wo der mit Ameisensäure behaftete Pla-
tinschwamm als positive Elektrode in die Zersetzungsflüs-
sigkeit eintaucht, an ihm (dem Platinschwamme) Bläschen
aufsteigen, die höchst wahrscheinlich aus Kohlensäure be-
stehen.
Es ist kaum nothwendig über die so eben mitgetheil-
ten T'hatsachen noch weitere Bemerkungen zu machen; denn
es ist offenbar, dass Aether, Weingeist und Ameisensäure
an der positiven Elektrode gerade so wirken, wie eine
Hülle von Wasserstoff oder von irgend einem andern leicht
oxydirbaren Körper.
Dass das schwammförmige Platin als positive Elektrode
und umgeben von Aether u. s. w. eine Steigerung der
Wasserelektrolyse verursacht, hat seinen Grund ohne Zwei-
fel in dem merkwürdigen Vermögen dieses Metalles, die
Aftinität des Sauerstoffes zum Wasserstoffe zu erhöhen.
Auffallend ist die Thatsache, dass die volta’sche Zer-
setzung des Wassers lebhafter ausfällt, wenn in reinen
oder mit Schwefelsäure gesäuertem Wasser Platinschwamm
als positive Elektrode dient, als diess geschieht, falls der-
selbe als negative Elektrode und Platindraht als die positive
functionirt.
ich gestehe aufrichtig, dass es mir unmöglich ist, ir-
gend einen Grund für den fraglichen Wirkungsunterschied
anzugeben; denn unsern bisherigen Theorien nach sollte
es in Bezug auf das Resultat der Elektrolyse ganz einerlei
seyn, ob Platinschwamm die Rolle der positiven oder die
der negativen Elektrode spielt. Da dem nun nicht so ist,
67
'so muss an besagtem Schwamme, als positiver Elektrode,
irgend ein Vorgang stattfinden, der entweder auf mittelbare
oder direkte Weise die Stärke des Stromes der Kette ver-
mehrt. Sollte sich vielleicht als secundäres Produkt um
den positiven Platinschwamm Wasserstoffhyperoxyd bilden
und in Folge der unter dem Einflusse des Platins sofort
wieder eintretenden Zersetzung dieser Verbindung ein Strom
entstehen, der mit dem Strome der Kette einerlei Richtung
. hat? Nach BEcauzrer’s und meinen eigenen Versuchen ver-
hält sich in oxydirtem Wasser das schwammförmige Platin
positiv zu dem dichten Metalle.
DeıARıvE wird vielleicht die Ursache der in Rede ste-
henden Erscheinung in der von ihm angenommenen Oxy-
dirbarkeit des Platins und in der schwammförmigen Be-
schaffenheit, welche die directe Vereinigung des Sauerstof-
fes mit diesem Metalle begünstigen musste, zu suchen ge-
neigt seyn. Aus Gründen, die in einer eigenen, bald er-
scheinenden Abhandlung entwickelt sind, kann ich die di-
recte Oxydirbarkeit des Platins nicht zugeben und desshalb
auch die fragliche Erscheinung nicht aus einer Oxydation
des positiven Platinschwammes ableiten.
D. 13. Apr. Herr Prof. Scnönsem, Beobachtungen
über einen eigenthümlichen Zustand des Ei-
sens. Es ist in der voranstehenden Abhandlung bemerkt
worden, dass das Wasser in der Zersetzungszelle lebhaft
elektrolysirt werde, wenn ein leicht oxydirbares Metall dem
Strome einer Kette als positive Elektrode diene, dass aber
hievon das Eisen, das doch mit einer so bedeutenden Af-
finität zum Sauerstoffe begabt ist, unter gegebenen Um-
ständen eine auffallende Ausnahme von der Regel mache.
Da die Beobachtungen und Versuche, welche ich über das
eigenthümliche Verhalten dieses Metalles gemacht habe, ei-
niges wissenschaftliche Interesse gewähren dürften, so will
63
ich es versuchen, dieselben in möglichst gedrängter Kürze
zu beschreiben und daraus einige theoretische Folgerungen
zu ziehen.
Lässt man jeden der Zuleitungsdrähte einer kräftigen
einfachen Kette in ein mit Quecksilber gefülltes Näpfchen
treten, verbindet man dann das Näpfchen, in welches der
negative Leitungsdraht taucht, durch einen Platinstreifen mit
der Flüssigkeit (stark verdünnte Schwefelsäure) der Zer-
setzungszelle, und taucht man hierauf das eine Ende eines
gewöhnlichen Eisendrahtes in das positive Quecksilbernäpf-
chen und dann das andere Ende desselben Drahtes in das
gesäuerte Wasser der Zersetzungszelle ein, so entwickelt
sich an der negativen Platinelektrode kein Wasserstoffgas,
findet also unter diesen Umständen die Elektrolyse des Was-
sers in keinem merklichen Grade statt. Befindet sich die
ganze Vorrichtung in dem eben beschriebenen Zustande
der Unthätigkeit, so kann derselbe aufgehoben, d. h, eine
lebhafte Elektrölyse des Wassers veranlasst werden:
1) Dadurch, dass man innerhalb der Zersetzungsflüs-
sigkeit die negative Platinelektrode einen Augenblick in Be-
rührung setzt mit der positiven Eisenelektrode. Sobald
man beide Elektroden von einander entfernt hat, tritt leb-
hafte Wasserstoffgasentwicklung an der negativen Elektrode
ein, die jedoch bald abnimmt und nach einigen Secunden
ganz aufhört.
2) Dadurch, dass man auf einige Augenblicke den Kreis
der Kette an einem beliebigen Orte und in beliebiger Weise
öffnet. Beim Wiederschliessen der Kette findet eine leb-
hafte Gasentbindung an der negativen Elektrode statt, der
aber wieder schnell der Zustand der Unthätigkeit folgt.
3) Dadurch, dass man die positive Eisenelektrode in-
nerhalb der Zersetzungsflüssigkeit mit einem oxydirbaren
Metalle, z. B. mit Zink, Zinn, Eisen, Kupfer oder selbst
mit Silber berührt. Die, unter diesen Umständen eintre-
69
tende Gasentwicklung an der negativen Elektrode dauert
aber auch wieder nur einige Secunden.
4) Dadurch, dass man die beiden Quecksilbernäpfchen
mittelst eines gut leitenden Kupferdrahtes von etwa. drei
Zoll Länge und einer halben Linie Dicke auf einige Augen-
blicke unter einander verbindet und dann den Kupferdraht
wieder entfernt. Im Augenblicke, wo letzteres geschieht,
tritt eine lebhafte Wasserstoffgasentbindung an der negati-
ven Elektrode ein, die ebenfalls nur wenige Secunden an-
dauert.
5) Dadurch, dass man den Theil des positiven Eisen-
drahts, der in die Zersetzungsflüssigkeit eintaucht, lebhaft
bewegt, ohne aber hiedurch den Kreis der Kette zu öffnen.
Es verdienen auch noch folgende Thatsachen hier er-
wähnt zu werden. Wird das Ende eines Eisendrahts, dazu
bestimmt, als positive Elektrode in der Zersetzungsflüssig-
keit zu dienen, mit irgend einer Säure in Berührung ge-
setzt, welche auf das Metall chemisch einwirkt, so entbin-
det sich beim Schliessen der Kette Wasserstoffgas an der
negativen Elektrode. Dasselbe Resultat wird auch erhalten
in dem Fall, wo besagter Eisendraht in die Zersetzungs-
flüssigkeit eintaucht, bevor die Kette geschlossen ist.
Schliesst man letztere z. B. in der Weise, dass zuerst
das eine Ende des positiven Eisendrahts in die Zersetzungs-
flüssigkeit, und hierauf dessen anderes Ende in das posi-
tive Quecksilbernäpfchen gebracht wird, so findet im Au-
genblick des Schliessens der Kette eine lebhafte Gasent-
wicklung an der negativen Elektrode statt, die jedoch, wie
in den zuletzt und vorhin angeführten Fällen, bald aufhört. _
Ehe wir unsere Bemerkungen über die mitgetheilten
Thatsachen machen, wollen wir vorher noch einiger an-
dern, mit ihnen im Zusammenhange stehender Erscheinun-
“ gen erwähnen. '
70
Ist der, positive Eisendraht in der Zersetzungszelle un:
“thätig, das heist, entwickelt sich ‘an der negativen Elek-
trode der gleichen Zelle kein Wasserstoffgas, und verbin-
det man nun die beiden vorhin erwähnten Quecksilbernäpf-
chen durch einen Kupferdraht von drei Zoll Länge und
einer halben Linie Dicke, so bemerkt man während der
Dauer dieser Verbindung an der negativen Elektrode keine
merkliche Gasentwicklung. Giebt man aber dem kupfernen
Verbindungsdraht eine Länge von sechs Zollen, so macht
sich schon eine Gasentwicklung an der negativen Elektrode
bemerklich. : Ein Fuss langer Draht derselben Art verur-
sacht eine: stärkere, ein zwei Fuss langer Draht eine noch
lebhaftere. Gasentwicklung an der gleichen Elektrode. In-
dem, man den Draht bis zu einer Länge von etwa sechszehn
Fussen ‚verlängert, vermehrt man auch immer mehr die
Wasserstoffgasentbindung an der negativen Elektrode der
Zersetzum®szelle; überschreitet man diese Länge noch um
einige Fuss mehr, so wird dieser Kupferdraht nicht mehr
im Stande seyn, unmittelbar in dem Augenblicke, wo der-
selbe die Näpfchen. verbindet, die Wasserstoffgasentbindung
an der negativen Elektrode hervorzurufen. Hat aber die
Verbindung der Näpfchen durch den zuletzt erwähnten Ku-
pferdraht einige Secunden lang gedauert, so beginnt die
Wasserstoffgasentwicklung an der negativen Elektrode, und
zwar ist diese Gasentwicklung lebhafter, als diejenige, wel-
che durch kürzere Verbindungsdrähte veranlasst wird. Es
dauert aber eine solche Gasentbindung nur einige Secun-
den an, und folgt .ihr ein Zustand der Ruhe. Nach einiger
Zeit begimnt die Gasentwicklung wieder auf's Neue, es folgt
derselben ein abermaliger Stillstand der Elektrolyse in der
Zersetzungszelle, und so findet längere Zeit hindurch ein
Wechsel von elektrolytischer Ruhe und Thätigkeit statt, bis
endlich der positive Eisendraht in den Zustand dauernder
Unthätigkeit zurückfällt.
- 7
Verbindet ein Kupferdraht von 40 Fuss Länge und
einer halben Linie Dicke die beiden Näpfchen, so übt der-
selbe keinen merklichen Einfluss auf den Zustand der Blek-
troden aus; öffnet man aber die Kette, während besagter
Draht die Näpichen verbindet, so dauert die Gasentwick-
lung an der negativen Elektrode nach Wiederschliessung
der Kette etwas länger an, als diess geschehen würde, wern
die Näpfchen gar nicht leitend verbunden wären.
Ist- der die Näpfehen verbindende Kupferdraht mehrere
hundert Fuss lang und von vorhin genannter Dicke, so
treten alle Erscheinungen so ein, als ständen die Näpfchen
ausser aller leitenden Verbindung.
Sind die Näpfehen durch einen Kupferdraht verbun-
den, dessen Dicke eine halbe Linie: beträgt, und dessen
Länge so ist, dass sie eine stetige Wasserstoffgasentwick-
lung an der negativen Elektrode gestattet, beträgt also die
Drahtlänge zwischen einem halben und sechszehn Fuss, so
tritt in dem Augenblicke, wo ein solcher Draht aus den
Näpfehen entfernt wird, eine Gasentbindung an der nega-
tiven Elektrode ein, welche viel lebhafter ist als diejenige,
die stattfindet, während der besagte Draht die Näpfchen
verbindet. Es dauert aber diese lebhaftere Gasentwicklung
nur kurze Zeit an, und schon nach einigen Secunden tritt
ein Zustand von Unthätigkeit in der Zersetzungszelle ein.
Wendet man zur Verbindung der Näpfchen Kupfer-
@rähte an, welche dicker als eine halbe Linie sind, so müs-
sen dieselben, um mit ihnen all die vorhin erwähnten Er-
scheinungen zu veranlassen, länger seyn, als die dünnern
Drähte. Dient zur Verbindung der Näpfchen ein anderer
als Kupferdraht, so lehrt die Erfahrung, dass der Erfolg
in der Zersetzungszelle im Allgemeinen nach dem Leitungs-
vermögen des angewendeten Metalis sich richtet. Wendet
man z. B. Platindraht zu dem genannten Zwecke an, und
ist derselbe eine halbe Linie dick, so muss er gegen acht
72
Mal kürzer seyn als der Kupferdraht, um Resultate zu er-
halten, gleich denen, welche der Kupferdraht liefert.
Eisendrähte müssen etwas länger als Platindrähte, Mes-
singdrähte länger als Eisendrähte, Golddrähte länger als
Messingdrähte seyn, falls alle Drähte die gleiche Dicke ha-
ben und die gleiche Wirkung in der Zersetzungszelle her-
vorbringen sollen.
Werden Drähte von demselben Metall, aber verschie-
dener Dicke, zur Verbindung der Näpfchen angewendet,
und will man das gleiche Resultat in der Zersetzungszelle
erhalten, :so ist nothwendig, dass der dickere Draht in
eben demselben Verhältniss länger sey als der dünnere, in
welchem der Querschnitt des erstern Drahtes grösser ist
als der Querschnitt des zweiten. Ich muss indessen be-
merken, dass ich die unter den erwähnten Umständen sich
‚zeigenden numerischen Verhältnisse noch nicht genauer
ausgemittelt habe. So viel ist aber durch vielfältige Ver-
suche von mir ausser Zweifel gestellt worden, dass die
Grösse des Leitungswiderstandes, welchen der die Näpf-
chen verbindende Metalldraht ausübt, einen entscheidenden
Einfluss auf die Vorgänge in der Zersetzungszelle, d. h.
auf die Thätigkeit der Elektroden, ausübt.
Es ist gleich im Anfange dieser Abhandlung bemerkt
worden, dass so gut als gar keine Elektrolyse in der Zer-
setzungszelle stattfindet, wenn das Eisen als positive Elek-
trode auf eine bestimmte Weise in die verdünnte Schwefel-
säure eingeführt, das heisst: wenn mit diesem Eisen die
Kette geschlossen wird. Setzt man aber die besagten Näpf-
chen in leitende Verbindung durch einen Kupferdraht, z.B.
von 5Fuss Länge und einer halben Linie Dicke; verbindet
man dann das Näpfchen, in welches der negative Zulei-
tungsdraht der Kette ausmündet, mit der verdünnten Schwe-
felsäure der Zersetzungszelle durch einen Platindraht; taucht
hierauf das eine Ende eines gewöhnlichen Eisendrahtes in
75
das positive Quecksilbernäpfehen, und dann das andere
Ende des gleichen Eisendrahtes in die Zersetzungsflüssig-
keit ein: so beginnt unter diesen Umständen sofort die
Wasserstoffgasentwicklung an der negativen Elektrode, und
dauert dieselbe so lange fort, als an der ganzen Vorrich-
tung nichts geändert wird. Das gleiche Resultat erhält man
immer in dem Falle, wo die beiden Näpfchen durch einen
Metalldraht verbunden sind, der das Vermögen besitzt, die
in die Zersetzungsflüssigkeit eintauchenden Elektroden aus
dem Zustande der Unthätigkeit in den Zustand dauernder
Thätigkeit überzuführen.
Wird in die Zersetzungszelle Salzsäure, Brom-, Jod-,
Fluorwasserstoffsäure, oder die Lösung von Kochsalz, Brom-
kalium, Jodkalium oder von irgend einem Haloidsalze ge-
bracht, so treten die vorhin beschriebenen eigenthümlichen
Erscheinungen nicht ein, wenigstens nicht in einem wahr-
nehmbaren Grade. Dagegen verhält sich das Eisen in ver-
dünnter Salpetersäure und Phosphorsäure im Allgemeinen
so, wie in der wässrigen Schwefelsäure; es kommen jedoch
bei Anwendung der erstern Säure einige Eigenthümlichkei-
ten vor, die ich bei einer andern Gelegenheit besprechen
werde. !
Werden bei den vorhin beschriebenen Versuchen als
positive Elektrode andere Metalle als das Eisen in Anwen-
dung gebracht, so zeigt, nach meimen bisherigen Erfahrun-
gen, nur das Kupfer einige Analogie mit jenem Metalle.
Hiemit soil jedoch nicht gesagt seyn, dass ausser dem Kup-
fer es kein anderes Metall gebe, das die Eigenthümlich-
keit des Eisens besitzt. Es ist sogar wahrscheinlich, dass
in einem gewissen Grade alle oxydirbareren Metalle in dem
Eisen ähnliches Verhalten zeigen, dasselbe aber in Folge
des Stattfindens anderweitiger Thätigkeiten für uns noch
verdeckt sey.
74
Was nun das Kupfer betrifft, das als positive Elek-
trode in verdünnter Schwefelsäure functionirt, so haben
meine Versuche gezeigt, dass die Wasserstoffgasentwick-
lung, die an der negativen Elektrode stattfindet, nach Schlies-
sung der Kette einige Minuten lang mit ziemlicher Lebhaf-
tigkeit andauert. Nach Verfluss dieser Zeit tritt eine merk-
liche Verlangsamung der Elektrolyse ein, und wird diese
endlich so unbedeutend, dass an der negativen Elektrode
nur noch wenige Gasblasen erscheinen. Ist nun dieser Zu-
stand relativer Unthätigkeit in der Zersetzungszelle einge-
treten, so kann durch Anwendung der weiter oben für
das Eisen angegebenen Mittel die beinahe gänzlich gehemm-
te Wasserelektrolyse wieder bis zur anfänglichen Lebhaf-
tigkeit gesteigert werden. Oeffnet man also auf: irgend
eine Weise für einige Augenblicke die Kette, so tritt beim
Wiederschliessen derselben an der negativen Elektrode eine
Gasentwicklung ein, die so lebhaft ist, als sie es im An-
fange des Versuches war. Dasselbe Resultat wird auch
erhalten dadurch, dass man die beiden Näpfchen vermit-
telst eines kurzen Kupferdrahts einige Augenblicke lang in
Verbindung bringt. Bei der Entfernung dieses Drahtes aus
den Näpfchen tritt an der negativen Elektrode eine sehr
lebhafte Entbindung von Wasserstoffgas ein, die sich na-
türlich auch bald wieder mässigt. Eben so wird die ge-
hemmte Elektrolyse des Wassers wieder gesteigert und
stetig erhalten, wenn man die Näpfchen durch einen Me-
talldraht von geeigneter Länge und Dicke mit einander ver-
bindet, z. B. durch einen Kupferdraht von sechs Fuss
Länge und einer halben Linie Dicke.
Das Kupfer unterscheidet sich somit wesentlich nur
dadurch vom Eisen, dass jenes Metall als positive Elektrode
etwas schwieriger äls dieses in den Zustand der Unthätig-
keit tritt, dass es also nicht, wie das Eisen, in dem Au-
genblick, wo es als positive Elektrode in die Zersetzungs-
75
flüssigkeit eintaucht, die Elektrolyse des Wassers hemmt.
Dieses abweichende Verhalten ist aber offenbar nur ein
Unterschied dem Grade und nicht der Art nach.
Nach Darlegung dieser nicht ganz uninteressanten That-
sachen wird es wohl am Orte seyn, dieselben einer theo-
retischen Erörterung zu unterwerfen und einige Schlüsse
aus ihnen zu ziehen, und indem wir diess thun, werden
wir ımmer das Eisen im Sinne haben.
Ich habe schon vor mehrern Jahren .die Beobachtung
gemacht, dass das Eisen den Sauerstoff frei an sich auftre-
ten lässt, wenn dasselbe als der positive Pol einer Säule
in mit Wasser verdünnte Sauerstoffsäuren eingeführt und
hiedurch der volta’sche Kreis geschlossen wird, Ich habe
mit andern Worten dargethan, dass unter den erwähnten
Umständen das Eisen seine Affinität gegen den Sauerstoff
ganz oder zum grössern Theil zu - verlieren scheint, und
vorübergehend die Eigenschaften eines edlen Metalles er-
langt. Es ist von mir gleichfalls‘ gezeigt worden, dass bei
Anwendung einer etwas kräftigen Säule die Sauerstoffent-
wicklung am positiven Eisenpole selbst dann eintritt, wenn
letzterer von der negativen Elektrode in die saure Flüssig-
keit der Zersetzungszelle eingeführt wird. Ueberdiess
machte ich damals schon die Beobachtung, dass der Zu-
stand der chemischen Unthätigkeit, in welchem sich die
positive Eisenelektrode befindet, aufgehoben werden. kann,
1) durch eine augenblickliche Berührung der Elektroden
innerhalb der Zersetzungszelle, 2) durch Berührung der
unthätigen Eisenelektrode mit einem oxydirbaren Metall in-
nerhalb der Zersetzungsflüssigkeit, 3) durch Oeffnen des
volta’schen Kreises u. s. w. Diese und noch. andere zu
seiner Zeit von mir veröffentlichten Thatsachen stehen of-
fenbar in einem genauen Zusammenhange mit den Phäno-
menen, die den Gegenstand dieser Abhandlung: bilden.
76
Beide Reihen von Thatsachen gehören in die Klasse der
Passivitätserscheinungen.
Es ist oben gesagt worden, dass an der negativen
Elektrode keine merkliche Gasentwicklung stattfinde, falls
die Kette mit dem Eisen als positive Elektrode geschlossen
werde. Dieses auffallende Verhalten hat ohne Zweifel sei-
nen Grund zunächst in dem Umstande, dass das Eisen, ob-
wohl an und für sich ein sehr oxydirbares Metall, unter
den angegebenen Verhältnissen in den passiven Zustand
tritt, das heisst, gegen den Sauerstoff, den der Strom an
dem Metalle auszuscheiden sich bestrebt, seine Affinität
verliert. Nach den Angaben, die in der vorhergehenden
Abhandlung gemacht wurden, fällt aber der Strom einer
Ketie immer so schwach aus, dass derselbe das Wasser
nicht mehr in merklicher Menge elektrolysirt, falls nämlich
die angewendeten Elektroden keine bedeutende chemische
Anziehungskraft ausüben gegen die Bestandttheile der elek-
trolytischen Zersetzungsflüssigkeite Dass es die besagte
Veränderung des chemischen Zustandes, d. h. die Passivi-
tät des Eisens ist, welche die Elektrolyse des Wassers in
dem vorliegenden Falle verhindert, erhellt übrigens schon
aus dem einfachen Umstande, dass dasselbe negative Re-
sultat erhalten wird, wenn man anstatt Eisen das Gold
oder das Platin als positive Elektrode anwendet, und um-
gekehrt eine lebhafte Entwicklung von Wasserstoffgas an
der negativen Elektrode stattfindet, wenn ein leicht oxy-
dirbares Metall als positive Elektrode functionirt. Zu ei-
ner gleichen Folgerung führt auch die Thatsache, dass die
Elektrolyse in dem Augenblicke beginnt, wo die passive
Eisenelektrode in Berührung gesetzt wird mit einem Me-
talle, das die Passivität des Eisens aufzuheben vermag, z.B.
also in Berührung gebracht wird mit Zink, Kupfer oder
gewöhnlichem Eisen. Es zeigt sich überhaupt, dass jedes
Mittel, welches die Oxydirbarkeit im passiven Eisen wieder
77
hervorruft, auch die unterbrochene Elektrolyse des Was-
sers in der Zersetzungszelle wieder einleitet oder die Stärke
des Stromes der Kette steigert.
Ich will mich hier über die Ursache der chemischen
Unthätigkeit des Eisens, welche unter den obenerwähnten
Umständen eintritt, noch nicht näher aussprechen; so viel
scheint jedoch aus den vorliegenden Thatsachen zu erhel-
len, dass die Erregung dieses ausserordentlichen Zustan-
des, wie auch die Fortdauer desselben durch irgend eine
elektrische Thätigkeit vermittelt wird. Denn functionirt das
Eisen nicht als die positive Elektrode in der verdünnten
Schwefelsäure, so wird die Passivität im Metalle gar nicht
hervorgerufen, auch hört der chemisch -unthätige Zustand
des Eisens auf, sobald das Metall nicht mehr die Rolle der
positiven Elektrode spielt, oder, um mich noch vorsichti-
ger auszudrücken, sobald das Metall sich nicht mehr unter
Umständen befindet, unter welchen es die Rolle der posi-
tiven Elektrode spielen könnte.
| Man dürfte vielleicht geneigt seyn, die Passivität des
Eisens als die Wirkung eines wirklichen Stromes zu be-
trachten, und ist berechtigt anzunehmen, dass die ver-
dünnte Schwefelsäure, wenn in Berührung mit passivem
Eisen stehend, fortwährend sich bestrebt, die unter dem
Einflusse einer elektrischen Thätigkeit hervorgerufene Pas-
sivität dieses Metalls aufzuheben.
Indem wir von diesen Voraussetzungen ausgehen, er-
klärt sich zunächst die Thätsache, dass durch Oeffnen und
Wiederschliessen der Kette die in der Zersetzungszelle un-
terbrochene Wasserelektrolyse wieder eingeleitet wird. Wäh-
rend des Geöffnetseyns der Kette verliert nämlich die po-
sitive Eisenelektrode ihre Passivität in Folge der vorhin
bezeichneten Einwirkung der in der Zersetzungszelle vor-
handenen verdünnten Schwefelsäure. Wird nun die Kette
geschlossen, so befindet sich in dem Augenblicke, wo diess
78
geschieht, die positive Eisenelektrode im normalen, d. h.
im oxydirbaren Zustande; der Sauerstoff, den der Strom
der Kette an diesem Eisen auszuscheiden strebt, kann sich
daher mit letzterm verbinden Es wird, indem diess statt-
“ findet, gemäss den in der vorhergehenden Abhandlung mit-
getheilten Thatsachen, der Strom der Kette vermehrt, hie-
durch aber auch die Elektrolyse des Wassers befördert.
Betrachten wir die Passivität des Eisens als eine Stromwir-
kung, so folgt aus dieser Ansicht, dass der nämliche Strom,
der eine lebhafte Elektrolyse des Wassers verursacht, auch
streben muss, die chemisch-thätig gewordene Eisenelek-
trode wieder in den passiven Zustand zu versetzen. Und
ist die von besagtem Strom auf das Eisen ausgeübte passi-
virende Wirkung grösser, als die der Passivirung dieses
Metalls entgegenwirkende Thätigkeit der Zersetzungsflüssig-
keit, so muss unter solchen Umständen nothwendig die
Passivität des Eisens wieder eintreten, und mit dem Ein-
tritt dieses ausserordentlichen Zustandes auch der Strom
der Kette und mithin die Lebhaftigkeit der Elektrolyse sehr
bedeutend vermindert werden.
Nach den gemachten Bemerkungen begreift sich auch
sehr leicht die Wirkung, weiche ein sehr kurzer, d.h. ein
wenig Widerstand leitender Draht ausübt, wenn man mit
demselben erst die Quecksilbernäpfchen in leitende Verbin-
dung setzt und dann diese Verbindung wieder aufhebt. So
lange besagter Draht die Näpfchen vereinigt, geht durch
ihn vorzugsweise der Strom der Kette, und nur ein sehr
geringer Theil durch die Elektroden und die Zersetzungs-
flüssigkeit. Die positive Eisenelektrode befindet sich somit
ungefähr in demselben Zustande, in welchem sie während
des Geöffnetseyns der Kette ist. Die der Passivität des
Eisens entgegenwirkende Thätigkeit der Zersetzungsflüssig-
keit wird desswegen bald die passivirende Wirkung des
schwachen Stroms überwiegen und das Metall schnell in
79
den chemisch -thätigen Zustand zurückführen. Ist dieser
Zustand eingetreten und nimmt man den Verbindungsdraht
aus den Näpfchen weg, so muss nun ein Strom durch die
Kette gehen, von grösserer Stärke als sie der Strom hatte,
welcher dieselbe Kette durchkreiste, bevor man die Näpf-
chen durch den erwähnten Draht verbunden hatte. Aber
eben diese grössere Stromstärke muss nun, wie in dem
früher angeführten Falle, das Eisen wieder chemisch-un-
thätig machen; die hervorgerufene Passivität hat Schwä-
chung des Stroms der Kette, also auch Schwächung der
Wasserelektrolyse in der Zersetzungszelle zur Folge.
Verlängert man den Draht, welcher die‘ Quecksilber-
näpfchen zu verbinden hat, so vermehrt man hiedurch des-.
sen Leitungswiderstand, und es geht durch einen solchen
Draht eine Strommenge, die kleiner ist, als diejenige, wel-
che durch einen kürzern Draht ginge. Der Strom, der
bei Anwendung eines längern Verbindungsdrahtes durch
die Zersetzungsflüssigkeit geht, wird also grösser seyn als
der Strom, welcher dieselbe Flüssigkeit durchläuft, in dem
Falle, wo ein kürzerer Draht die Näpfchen verbindet.
Wird nun durch den Draht, welcher die Näpfchen in
leitende Verbindung setzt, der durch die Zersetzungszelle
gehende Strom bis zu dem Grade geschwächt, dass dessen
passivirende Wirkung auf das Eisen nicht grösser Ist als
die entgegengesetzte Wirkung, welche die Zerssiingcnge
sigkeit auf das gleiche Metall ausübt, so muss, bei der Ab-
hängigkeit, in der die Stärke des durch die Zersetzungs-
flüssigkeit- gehenden Stromes von der Oxydirbarkeit der
positiven Elektrode steht, unter den so eben angegebenen
Umständen die positive Eisenelektrode denjenigen Grad von
Oxydirbarkeit erhalten und behalten, welcher nothwendig
ist, damit die Elektrolyse in der Zersetzungszelle mit gleich-
bleibender Lebhaftigkeit stattfinde.
so
Folgende Bemerkungen dienen vielleicht dazu, das eben
Gesagte noch klarer zu machen. Unmittelbar vor dem Au-
genblicke, wo die Näpfchen durch den besagten längern
Draht vereinigt werden, besitzt die positive Eisenelektrode
einen solchen Grad von Passivität, dass letztere den Strom
der Kette bis zur Unmerklichkeit schwächt, das heisst,
die Elektrolyse in der Zersetzungszelle so gut als gänzlich
verhindert.
Ist die fragliche Verbindung zwischen den Näpfchen
hergestellt, so wird der Einfluss, den die Kette auf die
positive Eisenelektrode ausübt, in eben dem Grade ge-
schwächt, in welchem der Verbindungsdraht der Näpfchen
gut leitet. Es muss daher der Grad der Passivität der po-
sitiiven Elektrode in Folge der fortdauernden Einwirkung
der Zersetzungsflüssigkeit auf das Eisen sofort sich ver-
mindern, oder die Oxydirbarkeit des Metalls sich steigern;
es muss daher auch der Strom, der jetzt durch die Zer-
seizungszelle geht, grösser seyn als der Strom, der durch
dieselbe Zelle ging unmittelbar vor dem Moraent, wo beide
Näpfchen durch den längern Draht verbunden wurden, und
es muss die Stärke jenes Stromes so lange wachsen, bis
seine passivirende Rückwirkung auf das Eisen gerade so
gross geworden ist als der entgegengesetzte Einfluss, den
die Zersetzungsflüssigkeit auf das gleiche Metall ausübt. Ist
dieser Zustand der Gleichheit der entgegesetzien Wirkun-
gen von Strom und Säure eingetreten, so findet eine gleich-
förmige Elektrolyse des Wassers statt, oder es wird die
Stärke des Stroms, der durch die Zersetzungsflüssigkeit
geht, merklich constant seyn.
Findet ein solcher Zustand statt, und setzt man nun
die Näpfchen ausser Verbindung, so tritt, obigen Angaben
zufolge, in dem Augenblick, wo dieses geschieht, eine leb-
haftere Wasserstoffgasentwicklung an der negativen Elek-
trode ein, als die Gasentwicklung war, welche statiland,
ol
so lange die Näpfchen durch den längeren Draht mit-
einander communicirten. Es fällt aber auch die positive
Bisenelektrode sofort, wieder in den Zustand chemischer
Unthätigkeit zurück, und wird die Elektrolyse des Wassers
bis zum Grade der Unmerklichkeit vermindert.
Diese Thatsache erklärt sich leicht aus den bereits
gemachten Bemerkungen. In dem Augenblick, wo der
Draht aus den Näpfchen entfernt wird, muss aus leicht
einsehbaren Gründen durch die Zersetzungszelle ein Strom
gehen, stärker als derjenige, welcher unmittelbar vorher
durch dieselbe (Zelle) gegangen ; hiedurch wird aber das
vorhin bestandene Gleichgewicht zwischen der passivirenden
Wirkung des Stroms und der depassivirenden Wirkung
der Zersetzungsflüssigkeit auf die positive Eisenelektrode
gestört, und zwar zu Gunsten der ersteren Wirkung, was
das Hervorrufen der Passivität des Eisens zur Folge haben
muss.
Unschwer wird es nun auch seyn, die Wirkung zu
begreifen, ausgeübt von einem Verbindungsdrahte, dessen
Länge etwas beträchtlicher ist als die Länge des Drahtes,
von dem so eben die Rede war. Bei Anwendung eines
solchen längeren Drahtes tritt, obigen Angaben zufolge,
die interessante Erscheinung ein, dass während der Dauer
der Verbindung dieses Drahtes mit den Näpfchen in ge-
wissen Zeitintervallen eine lebhafte Gasentwicklung an der
negativen Elektrode mit einem Stillstande der Elektrolyse
in der Zersetzungszelle abwechselt.
Der in Rede stehende längere Draht schwächt noth-
wendig den Einfluss, welchen die Kette auf die positive
Elektrode ausübt, in einem stärkeren’ Grade als dies ein
sonst gleicher, aber kürzerer Draht thut; die Passivität der
positiven Elektrode muss daher bei Anwendung des länge-
ren Drahtes rascher und stärker vermindert werden, als sie
(die Passivität) es durch einen kürzeren Verbindungsdraht
6
32
wird. Unter solchen Umständen steigert man daher die
Oxydirbarkeit des Eisens zu einem höheren Grade als
diess bei Anwendung eines kürzeren Drahtes möglich ist.
Dieser höhere Grad der Oxydirbarkeit des Metalles hat
aber zur nothwendigen Folge, dass ein Strom durch die
Zersetzungzelle geht, der stärker ist als derjenige Strom,
welchen man bei einem schwächeren Grade der Oxydir-
barkeit des Eisens erhält. Dieser stärkere Strom muss
aber die positive Elektrode zur chemischen Unthätigkeit
bestimmen und die Unterbrechung der Elektrolyse zur
endlichen Wirkung haben. Ist in der Zersetzungszelle
dieser Zustand der Ruhe eingetreten, so wird der Einfluss,
den die Zersetzungsflüssigkeit auf die positive Elektrode
daselbst ausübt, wieder grösser sein als derjenige, den
die Kette auf diese Elektrode äussert; die Oxydirbarkeit
des Eisens wird sich daher abermals bis zu dem Grade
vermehren, bei welchem ein starker Strom durch die Zer-
setzungszelle gehen kann. Kurz nach dem Eintritt dieses
Stromes wird die Passivität des genannten Metalls aufs
Neue hervorgerufen, in Folge hievon die Entwicklung des
Wasserstoffgases an der negativen Elektrode abermals unter-
brochen; es wird die Passivität der positiven Elektrode nach
einiger Zeit wieder aufgehoben, und so wechseln diese ent-
gegengesetzten Zustände längere Zeit hindurch mit einander
ab, bis endlich der Zustand der Ruhe ein dauernder wird.
Wüsste man nun fortwährend die Bedingungen genau
zu erfüllen, unter welchen die Wirkung des Verbindungs-
Drahtes zu der Wirkung der Zersetzungsflüssigkeit auf
die positive Eisenelektrode in einem bestimmten Verhältnisse
stände, so könnte man den activen und passiven Zustand
dieser Elektrode, oder, was dasselbe ist, die elektrolysi-
rende Thätigkeit und Ruhe in der Zersetzungszelle auf
die regelmässigste Weise mit einander abwechseln lassen.
83
Es machen sich aber unsnoch unbekannte Einflüsse geltend,
welche dahin gehen, nach einiger Zeit diesen Wechsel von
entgegengesetzten Zuständen aufzuheben und die positive
Elektrode in dauernde Unthätigkeit zu versetzen.
Die Thatsache endlich, dass ein sehr langer Verbin-
dungsdraht keine merkliche Wirkung auf die Vorgänge
ausübt, die in der Zersetzungszelle stattfinden, bedarf
nach den vorausgegangenen Erörterungen kaum einer wei-
teren Erklärung. In dem fraglichen Falle nämlich wird
der Einfluss der Kette auf die positive Eisenelektrode ver-
‚hältnissmässig nur wenig vermindert, d. h. die Grösse des
Uebergewichts dieses Einflusses über den Einfluss, den
die Zersetzungsflüssigkeit auf das Eisen ausübt, wenn
auch etwas verkleinert, doch nicht aufgehoben. Es muss
somit unter diesen Umständen die Passivität der positiven
Elektrode fortbestehen, wie dies geschieht, wenn der lange
Draht die Quecksilbernäpfchen gar nicht verbindet. Oeffnet
man die Kette, während die Näpfehen durch den besagten.
Draht verbunden sind, und schliesst man dieselbe nach
einigen Augenblicken wieder, so muss die Gasentwicklung
an der negativen Elektrode oder die Oxydirbarkeit der
positiven Elektrode etwas länger dauern, als diess in dem
Falle geschieht, wo von dem Verbindungsdraht gar kein
Gebrauch gemacht wird. Denn in ersterem Falle muss
der beim Schliessen der Kette durch die Zersetzungsflüs-
sigkeit gehende Strom schwächer seyn als es der Strom ist,
der im zweiten Fall durch dieselbe Flüssigkeit geht. Jener
schwächere Strom wird daher auch längere Zeit bedürfen,
um die positive Elektrode wieder passiv zu machen, als
die Zeit nothwendig ist für den stärkeren Strom, um die
gleiche Wirkung hervorzubringen.
Es bleibt mir noch übrig, eine Thatsache in nähere
Erörterung zu ziehen, welche, nach meinem Dafürhalten,
ein nicht kleines theoretisches Interesse besitzt und zu
84
einer ziemlich wichtigen Folgerung führt. Es ist weiter
oben erwähnt worden, dass keine merkliche Entwicklung
von Wasserstoffgas an der negativen Elektrode stattfindet,
falls man gewöhnliches Eisen zur positiven Elektrode’
macht und mit demselben die Kette schliesst. Die unter
diesen Umständen in der Zersetzungszelle stattfindende
Elektrolyse ist beinahe eben so unmerklich als sie es seyn
würde, wenn Platin oder Gold als positive Elektrode
functionirte. Wie bereits bemerkt worden , tritt das Eisen
unter den angegebenen Umständen in den chemisch-unthä-
tigen Zustand, wird passiv in dem Augenblick, wo es in
die verdünnte Schwefelsäure taucht, und es liegt, wie wir
gesehen haben, eben in diesem eigenthümlichen Zustand
des genannten Metalls der nächste Grund, weshalb kein
Strom durch die Kette kreist, hinreichend stark, um
selbst im Augenblick des Schliessens derselben eine wahr-
nehmbare Wasserelektrolyse zu verursachen. So lange
nun die positive Eisenelektrode unter dem ganzen Einflusse
der Kette steht, so lange dauert auch die Passivität des
Eisens fort, und eben so lange tritt keine merkliche Elek-
trolyse in der Zersetzungszelle ein. Verbindet man aber
die Zuleitungsdrähte der Kette, oder, was dasselbe ist,
die so oft erwähnten Quecksilbernäpfchen durch einen
gehörig langen Draht, so tritt eine wahrnehmbare und
ziemlich stetig bleibende Wasserstoffgasentwicklung an
der negativen Elektrode ein, es wird das positive Eisen.
oxydirbarer und geht somit ein Strom durch die Zersetz-
ungszelle, stärker als derjenige, welcher die gleiche
Zelle durchlief, während die Näpfchen ausser Verbindung
standen. Wenn nun bisher die Passivität als die Wirkung
eines Stromes betrachtet wurde, so scheint mir aus den
so eben besprochenen Thatsachen hervorzugehen , dass
eine solche Ansicht nicht zulässig ist, und die chemische
Unthätigkeit der positiven Eisenelektrode einer anderen
85
Ursache als einem wirklichen Strome von bestimmter In-
tensität zugeschrieben werden muss; denn sonst wäre es
unmöglich die paradoxe Folserung zu vermeiden, dass ein
schwächerer Strom eine grössere Wirkung verursachte als
diess ein stärkerer zu ihun vermöchte. Wäre nämlich die
fragliche Passivität wirklich der Effect eines Stromes,
dessen Intensität nicht unterhalb eines gewissen Grades
fallen dürfte, und würde die Stetigkeit dieser Passivität
abhängig seyn von der Fortdauer eines Stromes von
der eben erwähnten Beschaffenheit, so ist klar, dass
unter den angegebenen Umständen die positive Eisenelek-
trode weder in den passiven Zustand treten, noch einmal
denselben besitzend, darin zu verharren vermöchte. Eine
weiter oben angeführte Thatsache stellt die Richtigkeit
dieser Folgerung ausser allen Zweifel. Sind nämlich die
Quecksilbernäpfehen durch einen Kupferdraht, z. B. von
sechs Fuss Länge und einer halben Linie Dicke, verbunden,
und geht vom negativen Näpfchen aus ein Platindraht in
die Zersetzungsflüssigkeit, so wird ein Eisendraht, dessen
eines Ende man erst in das povitive Näpfchen, und dessen
anderes Ende man hierauf in die erwähnte Flüssigkeit
taucht, nicht passiv; es findet unter diesen Umständen
eine merkliche Wasserstoffgasentwicklung an der negativen
Platinelektrode statt, und geht durch die Zersetzungszelle
ein. Strom, stärker als derjenige, welcher letztere durch-
läuft, im Falle die Näpfchen unverbunden sind.
Wenn es nun aus thatsächlichen Gründen kaum mehr
bezweifelt werden dürfte, dass die nächste Ursache der
Erregung und der Erhaltung der Passivität des Eisens
‚nicht in einer wirklichen Volta’schen Strömung liegt, so
fragt es sich, worin dann jene‘ Ursache zu suchen sey?
Bei dem jetzigen Zustand unseres Wissens ist es
vielleicht noch nicht möglich eine genügende Antwort auf
die gestellten Fragen zu geben, indess scheinen mir doch
\
36
die bisher besprochenen Thatsachen einigen Aufschluss
über den in Rede stehenden Gegenstand zu geben.
Die elektromotorische Beschaffenheit der Kette, mit
der meine Versuche angestellt wurden, war so, dass sie
einen äusserst bedeutenden Strom in Circulation setzte,
sobald das Metallpaar durch einMedium verbunden wurde,
das verhältnissmässig einen nur geringen Leitungswider-
stand darbot. Wurden die Metalle der fraglichen Kette
z.B. durch einen mehrere Zoll langen und eine halbe Linie
dicken Platindraht verbunden, so gerieth dieser beinahe
augenblicklich in lebhaftes Glühen. Bewerkstelligte ich die
Schliessung der Kette durch die Spirale eines Elektromag-
neten, so wurde der Anker des letzteren durch eine Be-
lastung von drei Centnern noch nicht abgerissen u. s. w.
Befindet sich nun zwischen den Elektroden einer so
beschaffenen Kette selbst nur die allerdünnste Schicht von
wässriger Schwefelsäure, so wird hierdurch ein so grosser
Widerstand veranlasst, dass trotz des grossen elektromo-
torischen Vermögens der Kette nur ein äusserst schwacher
Strom zur Circulation gelangen kann. Wie schwach nun
aber auch der unter solchen Umständen eintretende Strom
seyn mag, so besteht doch fortwährend an denElektroden
der Kette die Tendenz, einen starken Strom durch die
Zersetzungszelle zu schicken; denn die Stärke des Stromes
vermehrt sich, sobald der zwischen den Elektroden wir-
kende Widerstand auf irgend eine Weise vermindert wird.
Je nach der Stärke der elektromotorischen Kraft ei-
ner Kette und je nach der Grösse des in der Kette statt-
findenden Widerstands muss also auch in den Elektroden
eine bestimmte Tendenz zur Stromerzeugung vorhanden
seyn. Nennen wir nun den Zustand der Elektroden, in
welchem sie einen Strom hervorzurufen streben, einen
solchen aber inFolge der auf sie einwirkenden Widerstände
nicht zu Stande zu bringen vermögen, „Spannung,” so
87
werden die Elektroden verschiedener Ketten auch verschie-
dene Grade von Spannung haben müssen. Die oben an..
geführten Thatsachen scheinen mir nun der Vermuthung
Raum zu geben, dass die Passivität, welche das Eisen als
positive Elektrode einer Kette in verdünnter Schwefelsäure
erlangt, vielmehr die Wirkung einer solchen Spannung
von bestimmtem Grade, als der Effect eines zur Wirklich-
keit gekommenen Stromes sey.
Diese Ansicht erklärt nach meinem Dafürhalten ziem-
lich genügend die Thatsache, dass die bestehende Passi-
vität der positiven Eisenelektrode aufgehoben wird, wenn
man die Quecksilbernäpfehen durch einen Kupferdraht von
bestimmter Länge und Dicke unter einander verbindet.
In diesem Falle muss offenbar die erwähnte Spannung des
positiven Eisens geschwächt werden, da der fragliche Ver-
bindungsdraht seines geringen Leitungswiderstandes halber
es gestattet, dass ein bedeutender Theil der elektromoto-
rischen Kräfte der Kette zur Thätigkeit, oder dass ein
starker Strom zur wirklichen Circulation gelangt.
Ist aber ein bestimmter Grad von besagter Spannung
erforderlich, damit die Oxydirbarkeit der positiven Eisen-
elektrode bis auf einen gewissen Grad vermindert oder
das Metall passiv werde, so ist klar, dass sich dieser
Passivitätsgrad vermindern muss, sobald man durch irgend
ein Mittel jene Spannung verkleinert. Diese Schwächung
wird nun eben bewerkstelligt durch den Draht, der die
- Quecksilbernäpfchen verbindet. Hat aber die positive Bi-
senelektrode einen bestimmten Grad von Oxydirbarkeit
wieder erlangt, so kann und muss dann, gemäss den wei-
ter oben angeführten Thatsachen, ein Strom durch die
Zersetzungszelle gehen, stärker als der Strom, welcher
durch die positive Eisenelektrode ging, bevor die Näpfchen
durch den Draht verbunden waren.
83
Es ist unschwer einzusehen , dass nicht nur die eben
besprochene Thatsache, sondern auch alle die oben er-
wähnten Erscheinungen sich leicht aus der zuletzt ent-
wickelten Hypothese erklären lassen. Befindet sich z. B.
die positive Eisenelektrode im passiven Zustande und wird
derselbe durch das Oeffnen der Kette aufgehoben, so hat,
meiner Hypothese gemäss, diese Zustandsveränderung ihren
nächsten Grund darin, dass die besagte Elektrode die
Spannung, welche die Passivität bedingt, in dem Augen-
blick verliert, wo die Kette geöffnet wird. Schliesst man
letztere wieder, so wird auch der eigenthümliche Span-
hungszustand wieder in der Elektrode erregt, und tritt
mit ihm die frühere chemische Unthätigkeit des Eisens
wieder ein. Letzteres geschieht allerdings, vielleicht in
Folge einer Art von Trägheit, nicht im Moment des
Schliessens der Kette selbst, sondern kurze Zeit nachher;
woher es kommt, dass die Wasserstoffgasentwicklung an
der negativen Elektrode noch einige Augenblicke nach er-
folgter Schliessung des Volta’schen Kreises fortdauert.
Setzt man üherhaupt in den gegebenen Erklärungen
anstatt Strom, Spannung, so sind dieselben ganz meiner
Hypothese gemäss.
Es ist nun allerdings Thatsache, dass die chemische
Unthätigkeit des Eisens selbst auch dann noch fortbesteht,
wenn durch dieses Metall, als positive Elektrode functioni-
rend, ein Strom geht, der stark genug ist, um eine sehr
lebhafte Elektrolyse in der Zersetzungszelle zu bewerk-
stelligen. Es tritt, wie dies meine früheren Versuche zur
Genüge gezeigt haben, ein solcher Fall ein, wenn das
Eisen einer kräftigen Säule als positive Elektrode dient,
und als solche in eine wasserhaltige Sauerstoffsäure ein-
taucht. Wie mir scheint, steht aber diese Thatsache in
keinem Widerspruche mit der Annahme, dass die Passivi-
tät der positiven Eisenelektrode die Wirkung eines eigen-
83
thümlichen Spannungszustandes des Metalls sey. Denn
wenn auch in einer solchen Säule der eirculirende Strom
sehr stark ist, so ist doch, wenn ich mich so ausdrücken
darf, der Zustand der fraglichen Spannung, in welchem
sich die Elektroden der Säule befinden, nur zum kleineren
Theil aufgehoben; weil die in ihr (der Säule) vorhandenen
Leitungswiderstände im Verhältniss zu den verhandenen
elektromotorischen Kräften dieser Säule immer noch sehr
gross sind, wie gut auch sonst das Leitungsvermögen des
Elektrolyten ist, welcher sich zwischen den Elektroden be-
findet. Die nämliche Ursache, die nach unserer Meinung
die Passivität des Eisens in der einfachen Kette hervorruft,
ist es also auch, die in der Säule wirksam ist, und welche
die chemische Unthätigkeit des Metalls vesanlasst.-
Dass übrigens in manchen Fällen die Erregung und
Fortdauer der Passivität des Eisens nicht von einer wirk-
lichen Volta’schen Strömung herrührt, erhellt deutlich aus
der Thatsache, dass Eisen passiv wird, und passiv hleibt
in sehr concentrirter Salpetersäure, und dass dieses Metall,
einmal durch irgend ein beliebiges Mittel passiv geworden,
in seinem eigenthümlichen Zustand verharrt, wenn es in
Salpetersäure gebracht wird, in der sich gewöhnliches Ei-
sen mit Lebhaftigkeit auflösen würde.
Ich behalte mir vor, in einer späteren Abhandlung
die Resultate meiner neuesten Untersuchungen über die
Passivität des Eisens mitzutheilen, und bei diesem Anlasse
dann in die nähere Erörterung der Frage einzutreten: ob
der passive Zustand des Eisens in allen Fällen, wo wir
ihn beobachten, von einer und eben derselben Ursache
herrühre? Für jetzt genügt es mir, die Aufmerksamkeit
der Physiker auf eine Anzahl neuer Erscheinungen hinge-
lenkt zu haben, welchen, nach meinem Urtheile, eine nicht
ganz geringe theoretische Wichtigkeit zukommt.
0.
D.15. Jun. Herr Prof. Scuöngeın zeigt eine galvanische
Kette nach eigener Construction vor, in welcher nur Guss-
eisen zur Anwendung kommt und die eine bedeutende
elektromotorische Kraft entwickelt. Sie besteht aus einem
hohlen Cylinder von Gusseisen, der eine Höhe von 10//
und einen Queerschnitt im Lichten von etwa 3%,‘// hat;
in diesen Cylinder ist eine ebenfalls cylinderförmige und
poröse Thonzelle gestellt, die bis an den Rand des Eisen-
gefässes reicht und von der innern Wandung dieses Cylin-
ders etwa drei Linien weit absteht. Die Thonzelle nimmt
einen zweiten entweder hohlen oder dichten gusseisernen
Cylinder auf, der etwa 9// 5// lang ist und einen Queer-
schnitt von ungefähr 3 hat.
Soll die Kette geladen werden, so giesst man in die
Thonzelle verdünnte Schwefelsäure oder Salzsäure, in den
zwischen diesem Gefäss und dem äusseren Cylinder vor-
handenen Raum möglichst concentrirte Salpetersäure. Letzt-
genannte Säure macht nach den frühern Beobachtungen
des Vortragenden durch blosse Berührung das Eisen pas-
siv oder chemisch -unthätig und gibt diesem Metalle in
Volta’scher Hinsicht dem Platin ähnliche Eigenschaften ; so
dass das passive Eisen gegen actives stark elektro -negativ
sich verhält.
Da nun in der erwähnten Kette der äussere Cylinder
fortwährend mit concentrirter Salpetersäure, der innere
Eisencylinder mit verdünnter Schwefelsäure oder Salzsäure
in Berührung steht, jener Cylinder also in chemischer Un-
thätigkeit sich befindet, während dieser von der sauren
Flüssigkeit angegriffen wird, so müssen auch die beiden
Cylinder, gemäss der chemischen Theorie des Galvanismus,
in entgegengesetzten elektrischen Zuständen sich befinden
und während der Dauer dieses Gegensatzes auch einen
Strom erzeugen, falls dieselben unter einander leitend
verbunden sind. Da nun, wie in der Grove’schen Kette,
9
der an dem passiven Eisen auf elektrolytischem Wege sich
ausscheidende Wasserstoff mit einem Theil des Sauerstoffes
der daselbst sich befindenden Salpetersäure zu Wasser sich
vereiniget, so muss diese Säure nach und nach in salpet-
richte Säure sich umwandeln und deren Wassergehalt
sich vermehren. Insofern aber nur in einer Säure von
bestimmtem Concentrationsgrade das Eisen sich passiv er-
halten kann, muss der äussere Cylinder der oben beschrie-
benen Kette angegriffen werden , nachdem der Strom dersel-
ben einige Zeit durch die besagte Salpetersäure gegangen
ist; weil nämlich letztere unter den angeführten Umständen
immer wasserhaltiger wird. Ist aber einmal der Verdün-
nungszustand der Säure eingetreten, bei welchem sie auf
das Eisen chemisch einwirkt, so hört natürlich die Wirk-
samkeit der Kette auf und muss die schwächere Säure
wieder durch stärkere ersetzt werden.
Nach den Erfahrungen des Herrn Prof. ScuöngEın
kann selbst eine stark gewässerte Salpetersäure z. B. eine
von 1,3 spec. Gewicht das Eisen passiv machen, falls man
derselben eine hinreichende Menge von gewöhnlicher Schwe-
felsäure beimischt; drei Maastheile von letzterer Säure
mit einem Maastheil der ersteren liefert ein solches Ge-
misch. Hieraus folgt nun, dass man dasselbe in der be-
schriebenen Kette anstatt der concentrirten Salpetersäure
anwenden kann; auch erhellt aus diesem Umstande , dass
man gut thut, wenn man selbst die concentrirte Salpeter-
säure mit Vitriolöl vermischt anwendet, weil in einem
solchen Fall der Zeitpunkt später eintritt, wo das Metall
des äusseren Oylinders angegriffen wird. Wegen der Wohl-
feilheit der metallischen Substanz , welche zur Construction
der Eisenkette erforderlich ist und wegen der bedeutenden
elektromotorischen Kraft, welche letztere besitzt, kann
dieselbe die Grove’sche Vorrichtung mit Vortheil ersetzen;
92
aber abgesehen hievon bietet jener Apparat noch ein eigen-
thümliches wissenschaftliches Interesse dar.
Er zeigt nämlich auf eine augenfällige Weise den inni-
gen Zusammenhang, welcher zwischen der in einer Kette
stattfindenden chemischen Thätigkeit und dem von ihr er-
zeugten Strom besteht und kann als schöner Beweis für
die Richtigkeit der chemischen Theorie des Galvanismus be-
nützt werden.
Der Vortragende hat nie sehr glänzende Hoffnungen
gehegt, hinsichtlich der praktischen Anwendungen des
Elektro-Magnetismus als Bewegkraft; wenn indessen eines
Tages dieses Ziel erreicht werden sollte, so glaubt er,
dass die Eisensäule demselben um einen Schritt näher
führe; denn nicht allein sey sie die wohlfeilste aller
bis ‚jetzt bekannt gewordenen kräftigen Volta’schen Vor-
richtungen, sondern es liefere dieselbe auch als Neben-
product ein Eisensalz, das eine ausgedehnte Anwendung
in den Künsten und Gewerben finde, was von dem Zink-
salze in unsern bisherigen Säulen erzeugt, nicht gesagt
werden könne.
93
IL. METEOROLOGIE
Herr Rathsherr Pürer Merıan. Meteorologische
Uebersicht des Jahres 1840.
Die Mitteltemperatur der einzelnen Monate, nach den
höchsten und niedrigsten täglichen Thermometerständen
berechnet , waren:
Jan. + 10%, 5 R.
Febr. 0,8
März 0,8
April 8,8
Mai... 115.2
Juni 13,
Juli ..13.,
Aug. ls,
Sept. 11 ,
ce. 515
Nov: 5.3
Dec. —-4,0
Jahres Mittel 7°, O
Der Januar war folglich verhältnissmässig warm. Hin-
a DD" wo
gegen liegt die Temperatur der Monate März, Juli, Octo-
ber und December beträchtlich unter dem allgemeinen
Mittel, so dass die allgemeine Jahrestemperatur ziemlich
niedrig ausfällt. Die Temperatur-Extreme wurden beobachtet
den 15 Juni mit + 23°, 2, und den 16 December mit
— 15°, 0.
Die Anzahl der Regentage betrug 114; die der Schnee-
tage 12; an 2 Tagen fielen Regen und Schnee zugleich;
der Tage, an welchen atmosphärische Niederschläge sich
94
ereigneten, waren demnach 124, also eher eine geringe
Zahl. Fast ganz bedeckte Tage fanden nur 83 statt, also
besonders wenige. Hingegen ist die Regenmenge im Ver-
hältniss zu den vorhergehenden Jahren sehr bedeutend
31,58 Pariser Zoll. Gefrorner Regen ereignete sich an 1
Tag, Riesel an 2, Hagel an 2, Gewitter an 20 Tagen.
Die mittlere Rheinhöhe am Pegel der Rheinbrücke be-
trug 6,29 Schweizer Fuss.
Der höchste Wasserstand am 15 Juli und 18 Nov. 12/ „0
der niedrigste „ „ vom 30 März bis 1 April /,4
Der mittlere Barometerstand um Mittag auf 0° R. und
auf denselben Standpunct reducirt wie in den früheren
Jahren ist 27 3//, 81, folglich dem Mittel der früheren
Jahre nahekommend.
Höchster Barometerstand d.27Dec. um 9 Uhr Morg.27//11/4/,23
»..r1de2,Bebr. um 412Uhr #26, I 277
Mittlerer Unterschied des Barometers von 9 Uhr Morgens
und 3 Uhr Nachmittags 0/// , 43.
Tiefster gi
Um Mittag stand die Windfahne
auf N an 16 Tagen
NO 135
o 2
So. 21
S 18
SW 84
W 35
NW 36
95
Herr Rathsherr Peter Merian. Meteorologische
Uebersicht des Jahres 1841.
Mitteltemperatur der einzelnen Monate:
Jan. — 10, 2R.
Febr. — 0,1
März +6,0
April 7,6
Mai 13,9
Juni 12,5
Juli Bas
Aus ar
Sept. 13,2
Oct. BR:
Nov AA
Dec. 3u.13
Jahres Mittel 7°, 9
Also ziemlich mittlere Verhältnisse. Die Monate Fe-
bruar, Juli verhältnissmässig kalt; März, Mai, September
und besonders December warm.
Höchster 'Thermometerstand schon den 27 Mai mit 230, 5
5 den 10 Jan. mit — 10% ,6
Anzahl der Regentage 142, der Schneetage 27, der Tage,
an welchen überhaupt Niederschläge gefallen sind, 161;
beträchtlich mehr als das gewöhnliche Mittel. Fast ganz
'bedeckter Himmel an 121 Tagen. Gefrorner Regen an 1
Tag, Riesel an2, Hagelan 3, Gewitter an 29 Tagen , folglich
ein sehr gewitterreiches Jahr. Regenmenge 23,87 Par. Zoll.
Mittlerer Rheinstand 6 , 68 Schweizer Fuss
Höchster d. 11 Juli 13°, 0
Tiefster d. 10 Jan. 3, 0
MittlererBarometerstand umMittag aufO°R.reducirt 27// 31,0
Höchster Barom.St. d. 12 März um 9 Uhr Morg. 27// 10/15
Tiefteer „ 9» d.4Jan. um 71, Uhr Nachm. 26// 5/11,38
Mittlerer Unterschied d. Barometersv.9 U.M.u. 3U.N. 0,36.
Niedrigster 5
96
Um Mittag stand die Windfahne '
auf N an 14 Tagen
One
o 21
so 26
Ss 9
SW 108
W 31
NW 19
365
D. 12 Mai 1841. Herr Rathsherr Perer MerıaAn,
über das meteorologische Verhalten des
Winters von 4840 — 41. Dieser Winter zeichnete
sich nicht sowohl durch ein sehr grosses Kälte-Extrem als
durch eine sehr anhaltende Kälte aus. Die Mitteltempera-
turen für die einzelnen Monate sind nämlich folgende:
Dec. 1840 — 42, 0R.
Tan. AN un MD
Febr. 1841 —0 ,1
Mitteltemperatur des Winters — 1° , 8
Niedrigster beobachteter Thermometerstand den 16 De-
cember 1840 — 15°, OR.
Nach den Beobachtungen der 11 vorhergehenden Jahre
ist die Mitteltemperatur der einzelnen Jahreszeiten:
- Winter (Dec. Jan. Febr) +0°,5R
Frühling (März, April, Mai) 7 Ab
Sommer (Juni, Juli, Aug.) 44:,,7
Herbst (Sept, Oct. Nov. 14,8
Jahresmittel a
; 97
Die Winterkälte von 1840—41 wurde in den letzten
12 Jahren bloss übertroffen von dem kalten Winter von
1829—30, wo die Mitteltemperaturen waren:
Beck. 182941. 2.30.,:3
Jan. 1830 —6 ,,5
Bebrs.18304 .,014,.7
Winter EEE
Einen kältern Monat Januar haben wir in dem er-
wähnten Zeitraum schon öfter gehabt; einen kältern Feb-
ruar schon einige Mal; niemals aber einen so kalten
December.
Herr Rathsherr Prrer Merian. -Mittlere tägliche
Aenderung der Luftwärme in Basel. Vermitelst
der Beobachtungen des Thermometrographen lässt sich die
mittlere Aenderung bestimmen, die in jedem Monate in
der Wärme derLuft täglich einzutreten pflegt, ein Element,
welches für die Würdigung der meteorologischen Verhält-
nisse nicht ganz unwichtig ist. Die Unterschiede zwischen
dem höchsten und niedrigsten täglichen Thermometerstand
sind nach einem Mittel der 14 Jahre 1829—1842 folgende :
Jan. 40, AR.
Febr.
März
April
Mai
Juni
Juli
Aug.
Sept.
EN rate
Ar}
ol FA nr m m wm oa
ww
olun ww vo wo I 90 0 -T w
_
93
Das Mittel des Decembers ist folglich 21% Mal kleiner,
als das Mittel der Monate Mai, Juni oder Juli. An einzel-
nen Tagen kommen natürlicherweise viel grössere Aende-
rungen vor. Am beträchtlichsten sind die Unterschiede an
hellen Tagen, namentlich an hellen Sommertagen, weil die
erwärmenden und erkältenden Einflüsse am stärksten wir-
ken. Aus den entgegengesetzten Ursachen sind sie am
kleinsten an bedeckten Wintertagen.
Der grösste tägliche thermometrische Unterschied, wel-
cher in den obigen 14 Jahren in Basel beobachtet worden
ist, beträgt 160 , 5, und kam im Mai 1841 vor.
99
III. MINERALOGIE, GEOLOGIE
unn PETREFACTENKUNDE.
D.6. Jan. 1841. Herr Rathsherr Peter MerıAn, über
dieGeologie der afrikanischen Goldküste, nach
einer kleinen Sammlung von Gebirgsarten, welche Missio-
nar Russ mitgebracht hat. An der Küste bei Christians-
burg steht ein feinkörniger und feinflasriger Gneiss an,
mit kleinen Blättchen von tombackbraunem Glimmer er-
füllt. Vielleicht kommt auch Hornblende mit darin vor.
Ferner zeigt sich daselbst, obgleich weniger verbreitet, ein
ziemlich grobkörniger Granit, mit weissem Feldspath und
Quarz und tombackbraunem Glimmer. Leicht möglich wäre
es, dass dieser den Gneiss gangförmig durchsetzte, worüber
die Handstücke freilich keine Auskunft geben. Die ver-
breitetste Gebirgsart der Gegend, in die vielleicht der Gneiss
der Küste übergeht, ist ein Hornblendeschiefer, aus vielem
weissem Feldspath, weniger jedoch schieferig zertheilter,
schwarzer Hornblende, und meist kleinen Körnern edeln
rothen Granats bestehend. In einem der Handstücke wa-
ren diese Körner grösser, bis zu Erbsengrösse. Unter
den mitgebrachten Stücken fand sich diese Gebirgsart von
Akrepong, vom Rio Wolta, sie ist ferner, nach Herrn
Russ’s Versicherung, in dem Lande der Aschantees die
allgemein herrschende. Es ist merkwürdig, dass auch in
diesem Erdstriche, wie am Ural, und in andern Gegenden,
das Gold vorzugsweise in dem Gebiete Hornblendeführen-
der, krystallischer Gebirgsarten sich zu finden scheint. In
Aquapim, wo Herr Rıs gewohnt hat, wird kein Gold
100
gewonnen, wohl aber inAkim, und imLande der Aschan-
tees, wo es aus einem aufgeschwemmten Thon ausgewa-
schen wird. Die Aschantees bereiten aus diesem Golde
sehr zierlich gearbeitete Gusswaaren.
Nebst diesen krystallinischen Gebirgsmassen, welche,
den vorstehenden Angaben zufolge, die Hauptbestandtheile
der Gebirge der Goldküste bilden, kommt an der Küste
westlich von Christiansburg, beim holländischen Fort El-
mina, ein feinkörniger rother und grauer Thonsandstein
vor, in Schichten, die unter ziemlich starken Winkeln ein-
fallen sollen. Dieser Sandstein gleicht in Handstücken voll-
kommen dem bunten Bausandstein der Umgebungen von
Basel. Ob derselbe aber wirklich der Formation des bun-
ten Sandsteins angehört, kann nicht entschieden werden,
denn ähniiche bunte Gebirgsarten erscheinen in verschie-
denen Gegenden der Erde, in einem sehr verschiedenen
geologischen Horizont, und ihre vorschnelle Einordnung
hat schon häufig zu Missgriffen verleitet. Wir müssen dem-
nach vor der Hand noch weitere Erfahrungen gewärtigen.
Einstweilen finden wir in den wenigen mitgetheilten That-
sachen einen neuen Beleg zu dem Satz, dass die Bestand-
masse der festen Erdrinde in allen Klimaten eine grosse
Gleichförmigkeit zeigt, die den vollkommensten Gegensatz
bildet, gegen die gänzliche Verschiedenheit der belebten
Natur. (S. Leonhard und Bronns Jahrbuch 1841. S. 488).
D.16. Dec. 1540. Herr Rathsherr Prrer Merrn theilt
in Bezug auf die durch Eurengergs Untersuchungen wieder
zur Sprache gebrachten ältern Nachrichten über essbare
Erden, folgende Notiz mit, aus der auf der hiesigen Univer-
sitätsbibliothek befindlichen handschriftlichen Chronik des
Pfarrers Bromsacn: „Wundermehl 1623. Zwölf Wochen
„lange Trockniss bis Anfangs Sept., woraus grosse 'Theu-
„rung entstand. In dieser Zeit ward bei dem Städtlein
=
101
„Oberburckbernheim im Elsass im freien Feld eine
„grosse Menge Mehl aus der Erden herfür gequollen, wel-
„ches aufgefasst und gebacken, hat ein recht liebliches
„wohlgeschmacktes Brod, fast dem Eierbrod gleich gege-
„ben. ‚Ich hab selber das Mehl und Brod gesehen, und
„versucht.” Dieselbe Nachricht steht im T’heatr. europ.
Ir. Bd. Frankf. 1662. S. 786. Auch GrArFFENAuUER erwähnt
sie, jedoch ohne deutliche Angabe des Fundorts in seiner
Mineralogie alsacienne 1306. S. 45 u. 46.
D. 13. Mai 1842. Herr Rathsherr Prrer Merian,
Uebersicht der Acephalen unserer öffentli-
chen Sammlung mit Anfang des‘ Jahrs 1842. Referent
hat sich im Laufe des Jahrs mit der Anordnung und Be-
stimmung der zweischaligen Conchylien unserer Sammlung,
der lebenden sowohl, als der fossilen beschäftigt. Bei die-
ser Arbeit wurde das System von Desnaygs zum Grunde
gelegt. Die Anordnung ist rein zoologisch, so dass die
Petrefacten bei den betreffenden lebenden Gattungen ein-
gereiht sind, und zwar nach 5 geologischen Hauptabthei-
lungen. Auf die lebenden Arten jeder Gattung folgen näm-
lich, so weit sie vorhanden sind, die Arten der Tertiär-
formation, der Kreide, des Jura, der Trias und der ältern
Formationen. Bei den Fossilien mussten viele noch nicht
beschriebene Arten neu benannt werden. Die Brachiopo-
den, die besser als besondere von den eigentlichen Ace-
phalen gesonderte Ordnung der Weichthiere zu betrachten
sind, wurden nicht in die Anordnung mit aufgenommen.
Die Zählung der geordneten Bivalven unserer Samm-
lung ergab zu Anfang des Jahrs 1842 folgendes Resultat:
lebende Gonchylien 306 Arten in 1236 Exemplaren
petrifizirte OR... N ,:3052 N MN
Dabei ist zu bemerken, dass unter den Petrefacten nur
diejenigen als besondere Arten sind aufgeführt worden, die
102
in einem hinlänglichen Zustande erhalten sind, um eine
Bestimmung zuzulassen. Viele blosse Steinkerne, und dar-
unter ganze Familien, die nur in diesem Zustande in den
ältern Formationen vorzukommen pflegen, sind daher einst-
weilen ausgelassen worden, und das um so mehr, da
Acassız sich gegenwärtig mit der Bearbeitung verschiede-
ner dieser Familien sich beschäftigt, deren Bekanntmachung
vor der Anordnung der entsprechenden Abtheilungen un-
serer Sammlung abgewartet wurde.
Lamarck hat die Bivalven in zwei Hauptordnungen ab-
getheilt, in die Dimyarier und Monomyarier. Desuaves
hat diese Abtheilung beibehalten, nur hat er zwei Fami-
lien, die Tridacneen und die Mpytilaceen zu den Dimya-
riern herübergezogen. Nach ihm erscheint die Ordnung
der Dimyarier in 21, die der Monomyarier in 4 Familien
abgetheilt. Diese Abıheilung scheint, wenigstens was die
Stellung der Mytilaceen anbetrifft, weniger naturgemäss als
die LamArcr’sche. Die Mytilaceen besitzen nämlich mit der
von DesnAyzs in der Ordnung der Monomyarier belassenen
Familie der Malleaceen eine so grosse Verwandtschaft, dass
sie nicht mit Recht in eine von denselben verschiedene
Ordnung gestellt werden können. Lassen wir daher mit
DesuAyzs die Tridacneen, von denen übrigens unsere Samm-
lung nur lebende Arten besitzt, bei den Dimyariern, zie-
hen aber die Mytilaceen zu den Monomyariern herüber, so
ergibt sich folgende Vertheilung der in unserer Sammlung
vorhandenen Arten:
Dimyaria. Monomyaria. Summe d.Arten.
lebende .----- AHLEN 217 s9 306
aus Tertiärformationen 140 13 213
„Kreide (arena 46 75 121
Jura ug zeig 132 223
3 AD nase u 14 31
„ älternFormationen 9 10 49
103
Unter den tertiären Arten stimmen 25 mit vorhandenen
lebenden Muscheln überein. Freilich ist diese Ueberein-
stimmung zum Theil noch zweifelhaft, und kann in der
Folge, wenn vollkommener erhaltene petrifizirte Exemplare
zu Gebote stehen, bei fortgesetzter sorgfältiger Verglei-
chung, sich noch modifiziren. Immerhin steht fest, dass
die obern Tertiärformationen in dem Charakter ihrer Bi-
valven schr genau an die lebende Schöpfung sich anschlies-
sen. In den übrigen geologischen Hauptabtheilungen ist
keine Art von zweischaligen Muscheln vorhanden, die von
der einen in die andere übergienge. Die Trennung ist
folglich schärfer, als die zwischen den Muscheln der Ter-
tiärzeit und der lebenden Schöpfung.
Ohne in spezielle Bemerkungen über die einzelnen Fa-
milien einzutreten, dürfte die obige Aufzählung zur Ablei-
tung einiger allgemeiner Resultate über die Vergleichung
dieses Theiles der organischen Wesen, in den Schöpfungen
der verschiedenen geologischen Epochen berechtigen.
Die Vergleichung der Gesammtzahlen der Arten an
sich, darf nur mit grosser Vorsicht benutzt werden, um
über den verhältnissmässigen Artenreichthum der Schöpf-
ungen, die auf einander gefolgt sind, zu entscheiden; denn
offenbar sind die Ergebnisse, die sich darstellen, in man-
cherlei Beziehungen höchst zufällige, zum Theil abhängig
von den Umständen, wie die vorhandene Sammlung zusam-
mengekommen ist. Die Tertiärformationen sind in unsern
nächsten Umgebungen sehr unvollkommen entwickelt; na-
mentlich sind die Abtheilungen, die bei uns, und überhaupt
in der Schweiz vorkommen, verhältnissmässig arm an wohl
erhaltenen Petrefacten. Der grösste Theil der vorhande-
nen Arten gehört daher fremden Localitäten an. Ganz das-
selbe gilt für die Exemplare aus der Kreideformation, die
unsern Umgebungen gänzlich fehlt, und zunächst erst in
dem südlichen Jura und in den Alpen erscheint. - Verhält-
104
nissmässig am besten bedacht ist unsere Sammlung an Ju-
rapetrefacten, die in unserer Umgegend häufig vorkommen,
und seit längerer Zeit sorgfältig gesammelt worden sind.
Zwischen der lebenden Schöpfung, und den aus ver-
schiedenen geologischen Epochen erhaltenen Bivalven ist es
äusserst schwierig in Beziehung auf die Zahl der Arten
eine Vergleichung anzustellen, auch wenn wir von den 306
lebenden Arten, die zufällig in unserer Sammlung sich be-
finden, ganz absehen, und die Anzahl der bekannten le-
benden Arten mit den bekannten fossilen zusammenstellen
wollen. Einerseits darf nicht vergessen werden, dass die
Erhaltung der fossilen Arten öfter sehr unvollkommen, und
ihre Bestimmung und Unterscheidung fast immer weit
schwieriger ist, als die der lebenden. Die Sammlungen
der lebenden Conchylien enthalten ferner Arten aus sehr
verschiedenen Gegenden der Erde; die Fossilien sind bis
jetzt nur aus Europa in einem gewissen Umfange bekannt.
ÄAndrerseits ist in den Fossilien einer von uns angenomme-
nen geologischen Hauptepoche eine Folge von Schöpfungen
‘enthalten, die nicht gleichzeitig, sondern eine nach der
andern gelebt haben. In der Abtheilung z. B. die wir als
Juraformation aufgeführt haben sind enthalten der untere
Lias, der obere Lias, der untere Rogenstein, die Bildun-
gen über dem Hauptrogenstein, der Oxfordthon, Terrain
a Chailles und Corallenkalk, der Portlandkalk, deren auf
einander folgende Schöpfungen jedenfalls nur äusserst we-
nige Arten miteinander gemein haben. Eine unmittelbare
Vergleichung eines solchen Komplexes von Schöpfungen mit
der gegenwärtig lebenden, ist daher hinsichtlich der Arten-
zahl nicht zulässig.
Wenn wir jedoch, in Beachtung des verhältnissmässi-
gen Grades von Vollständigkeit unserer Sammlung für die
verschiedenen geologischen Hauptepochen einen Blick wer-
fen auf die 223 jurassischen Arten von Bivalven, verglichen
105
mit unsern 121 Arten aus den Abtheilungen der Kreide-
formation und den 213 des Tertiärgebirges, so scheint,
trotz aller Zufälligkeiten, eine Vermehrung der Artenzahl
in den jüngern geologischen Gebilden sich herauszustellen.
Die Formation der Trias ist in unsern Umgebungen
gut entwickelt; auch von fremden Localitäten besitzt unsere
Sammlung Verschiedenes. Es sind die Bivalven dieser For-
mation verhältnissmässig so gut repräsentirt wie die des
Jura. Doch zählen wir nur 31 Arten, gegen die 223 Ar-
ten der Juraformation. Also offenbar eine verhältniss-
mässige Armuth an Arten. Freilich umschliesst die Trias
nur eine einzige Schöpfung, unsere Juraformation hingegen
eine ganze Folge derselben. Aber ‘auch diese eine Schö-
pfung steht an Artenreichthum zurück gegen die des un-
tern oder des obern Lias, des untern Rogensteins, oder
des Terrain a Chailles in der Juraformation.
Aus ältern Formationen besitzen wir nur 19 Arten von
Bivalven, ungeachtet hier wieder eine Folge von Schöpfun-
gen begriffen ist. Freilich sind unsere Exemplare sämmt-
lich aus fremden Localitäten, und die Sammlung ist. über-
haupt für diese geologische Epoche ärmlich ausgestattet;
auch die Erhaltung der Petrefaeten ist in diesen alten For-
mationen in der Regel unvollkommener, als in den neuern.
In neuerer Zeit sind durch Gorpruss, MurcHmson u. A.
viele Arten aus diesen ältern Formationen bekannt gewor-
den, welche die früher vermuthete Dürftigkeit an Arten
etwas ausgleichen. Im Allgemeinen scheinen aber doch die
eigentlichen Acephalen in verhältnissmässig geringer Arten-
zahl hier aufzutreten, was gegen den vorhandenen Reich-
thum an Brachiopoden und CGephalopoden einen: augen-
scheinlichen Gegensatz bildet.
Zuverlässiger als diese Zusammenstellung der Arten-
zahl sind die Ergebnisse über den allgemeinen Character
der Fauna der Bivalven in verschiedenen geologischen Epo-
106
chen. Vergleichen wir z. B. in der oben gegebenen Auf-
zählung das Verhältniss der Monomyarier zu den Dimya-
riern der Juraformation, so walten die erstern bedeutend
vor, da hingegen in der lebenden Schöpfung gerade das
umgekehrte Verhältniss stattfindet. Das unmittelbare Er-
gebniss der Zahl nach ist freilich wenig bedeutend, weil
die vorläufig in die Anordnung noch nicht aufgenommenen
Steinkerne der Juraformation gerade den Dimyariern ange-
hören. Hingegen so viel steht fest, dass gerade wegen
der besser gelungenen Vergleichung die Formen der Mo-
nomyarier der Juraformatien, mit denjenigen der lebenden
Schöpfung weit mehr Uebereinstimmung zeigen, als die der
Dimyarier. Noch mehr zeigt das die nähere Vergleichung
der einzelnen Gattungen. Neben einer Anzahl unterge-
gangener Gattungen haben wir bei den Monomyariern der
Juraformation eine ganze Reihe, welche fast ganz dieselbe
Beschaffenheit zeigen, wie die entsprechenden lebenden. So
namentlich unter den Mytilaceen die Gattungen Mytilus
(nebst Modiola) und Pinna; unter den Malleaceen Perna;
unter den Pectinideen Lima, Pecten, Hinnites, Spondy-
lus (nebst Plicatula); unter den Ostraceen Ostrea. Dar-
unter sind z. B. Mytillus, Pecten, Ostrea sehr zahlreich
an Arten in der lebenden Schöpfung wie in der Jurafor-
mation. Ungleich weniger Gattungen mit unverändertem
Charakter treffen wir bei den Dimyariern. Die lebenden
Monomyarier sind also viel gleichartiger mit denen des
Jura, als die Dimyarier, oder in der Folge der Schöpfun-
gen hat sich der Charakter derselben früher entwickelt, als
derjenige der Dimyarier. Ein ähnliches Verhalten findet
noch bei den Bivalven der Kreide statt, da hingegen die
Tertiärformationen in dieser Beziehung mit der lebenden
Schöpfung übereinstimmen.
Hinsichtlich der Grösse, zu welcher einzelne Arten
gelangen, finden wir bekanntlich bei den Wirbelthieren und
107
bei den Cephalopoden in den frühern geologischen Epo-
chen viele Geschöpfe, die ungleich grösser sind, als die
ihnen zunächst verwandten lebenden. Bei den Bivalven
zeigt sich dieses Verhalten nicht. Die lebende Tridacna
Gigas wird von keiner fossilen Muschel an Grösse erreicht.
Die Pinnen der europäischen Meere sind grösser als alle
bis jetzt bekannten fossilen. Nur die Pinnigena des Jura
kann ihnen an die Seite gestellt werden. Die Osirea Col-
linii M (O. callifera Auctt.) unseres Tertiärgebirges wird
grösser als alle bekannten lebenden Austern, und alle Au-
stern älterer Formationen.
D 3.Febr.1841. Herr Rathsherr Perer Merın, über
einige angeblich fossile Wallfischknochen, die
im Schuttlande des Rheinthals gefunden wor-
den sind. Vor einem Jahr (s. Ar. Bericht S. 81) legte
ich der Gesellschaft ein Bruchstück eines sehr grossen Kno-
chens vor, welches von Herrn Horsterrer bei Neudorf im
Rheine gefunden, und unserer Sammlung zum Geschenk
gemacht worden ist. Grösse und Gefüge desselben lassen,
ungeachtet seines verstümmelten Zustandes, schliessen, dass
es ein Wallfischknochen, wahrscheinlich ein Bruchstück ei-
ner Wallfischkinnlade ist. Andrerseits ist die gute Erhal-
tung der Knochensubstanz ganz verschieden, von dem Zu-
stande, in welchen die fossilen Knochen in unserm Dilu-
vium angetroffen zu werden pflegen, so dass das Bruch-
stück zufällig durch Schiffer von der See herauf, in unsere
Gegend scheint gebracht worden zu seyn. Es steht dieser
Fund durchaus nicht vereinzelt da, sondern ähnliche Kno-
chen sind in verschiedenen Gegenden des Rheinthals ge-
funden, und zum Theil als eigentliche Fossilien beschrieben
worden *). ;
*) Seit der Zeit der Mittheilung dieser Notiz hat Hr. Horsterrer
an derselben Stelle ein zweites ansehnliches Knochenbruch-
108 '
Iın Museum zu Mannheim liegt. die vollständige linke
Hälfte einer Wallfischkinnlade, die von Corrını im 5ten Bde.
der Acten der Pfälzer Akademie S. 99, als gigantische Wall-
fischrippe beschrieben und tab. 4. fig. 4, auf freilich etwas
mangelhafte Weise, abgebildel worden ist. Sie hat 17 Fuss
Länge, wiegt 486 Pfund, und soll im Jahr 1720, als die
churfürstliche Residenz von Heidelberg nach Mannheim ver-
legt wurde, bei Nachgrabungen. gefunden worden seyn, die
man, zur Anlesung neuer Gebäude, zwischen der damali-
gen Stadt und der Citadelle unternommen hatte. Zu Cor-
uını's Zeiten (um 1780) wurde sie, an Ketten aufgehangen,
unter den Arkaden des Mannheimer Kaufhauses aufbewahrt‘).
In demselben Museum finden sich ferner einige zersägte
Bruchstücke von Wallfischkinnladen, die früher in der Ge-
gend als Abweissteine gedient haben. Die Beschaffenheit
aller dieser Knochen ist sehr frisch, und durchaus abwei-
chend von derjenigen der Ueberreste von Diluvialthieren,
welche auch bei Mannheim häufig gefunden werden. Dazu
kommt dass im Diluvialschutt der dortigen Gegenden, wie
bei uns sonst bloss Knochen von Landthieren gefunden wer-
den; Seemuscheln fehlen gänzlich. Alles das spricht sehr
dafür, dass die erwähnten Wallfischreste von der See her,
in historischer Zeit den Rhein herauf gebracht worden
sind, und lassen die Nachricht des angeblichen Ausgrabens
an Ort und Stelle als eine sehr problematische erscheinen.
Zu Coruınr’s Zeiten, in welchen man Diluvialland von dem
stück ähnlicher Art aufgefunden, welches durch Hrn. Dr.
EmAn. MEyER ebenfalls unserer Sammlung geschenkt worden
ist. Es scheint ein Theil eines Wallfischschädels zu seyn.
*) Jüngsthin ist diese Kinnladenhälfte nebst einem im Jahr 1760
am Mainufer bei Rüsselheim im Darmstädtischen gefundenen
Wallfischwirbel von Prof. Kırıan im $ten Jahresbericht des
Mannheimer Vereins für Naturkunde wieder näher beschrie-
ben und abgebildet worden.
109
in der Rheinpfalz vorkommenden, mit wohlerhaltenen Mee-
resmuscheln erfüllten Tertiärgebirge, noch nicht geogno-
stisch unterschied, konnte das Vorkommen fossiler Wall-
fischknochen weniger auffallend erscheinen als jetzt.
Auch im Mainzer Museum befinden sich mehrere in
der dortigen Umgegend gefundene Ueberreste von Wall-
fischen, unter Anderm ein Bruchstück einer Wallfischrippe,
in welcher ein bronzener Ring, anscheinend römischen Ur-
sprungs, befestigt war; wohl eine Stütze mehr, zu der
Annahme des bloss zufälligen Vorkommens der erwähnten
Wallfischknochen an ihren Fundorten. Es scheint demnach
zu Römerzeiten schon, und wahrscheinlich noch später im Mit-
telalter, Sitte gewesen zu seyn, dass die Schiffer als Merk-
würdigkeit von dem Meere her Wallfisch - Ueberreste her-
aufbrachten. In Holland und in den nordischen Seestädten
werden die Wallfischknochen bekanntlich zu mancherlei
Verwendungen benutzt. Dass alle bis jetzt bekannt gewor-
denen Ueberreste dieser Art, immer nur in der unmittel-
baren Nähe, des in die See ausmündenden Stromes sich
gefunden haben, unterstützt diese Annahme nicht wenig.
Cuvier beschreibt (Ossem. foss. 2e. Ed. T. 5. P. 1.
S. 393. u.tab. 27. fig. 16) den Schädelknochen eines Wall-
fisches, welcher im Jahr 1779 bei Grabung eines Kellers
in der rue Dauphine zu Paris gefunden worden ist, und
gegenwärtig in dem Teyler’schen Museum zu Harlem sich
befindet. Er hat mit dem entsprechenden Knochen des
gemeinen Wallfisches (Balaena Mysticetus) grosse Achn-
lichkeit. Guvıer wirft sich selbst die Frage auf, ob der-
selbe nicht durch Menschenhände könnte hergebracht wor-
den seyn, und ungeachtet er diese Meinung, als wenig
wahrscheinlich, von der Hand weist, so möchte sie, wenn
man den Ursprung der rheinischen Wallfischüberreste be-
rüchsichtigt, dennoch begründet erscheinen. -
110
Herr Rathsherr Perer Merian. Ueber die Theorie
der Gletscher*). Die genauere Untersuchung der Glet-
scher, die verschiedenen Erscheinungen, welche an ihnen
sich wahrnehmen lassen, und die Erforschung der Ursachen,
denen sie ihre Entstehung verdanken, hat in den letzten
Jahren auf's Neue das lebhafte Interesse der Naturforscher
in Anspruch genommen. Venerz und Jos. von CHARPENTIER
stellten bekanntlich die Behauptung auf, die grossen Blöcke
alpinischer Felsarten, welche wir in der sogenannten ebenen,
zwischen den Alpen und dem Jura sich erstreckenden
Schweiz, und auf dem südlichen Abhang des Juragebirges
zerstreut finden, seyen einst durch Gletscher, welche von
den Alpen bis zum Juragebirge herausreichten, an
Ort und Stelle gebracht worden. Acassız verfolgte die
Idee noch weiter, und gelangte zu der Ansicht, der geo-
logischen Epoche, in welcher wir gegenwärtig leben, sey
unmittelbar vorher eine sogenannte Eiszeit vorausgegangen,
während welcher nicht nur die Schweiz, sondern der grösste
Theil der gemässigten Zone unserer Erde in Schnce und
Eis eingehüllt gewesen sey, und alles frühere organisch.
Leben aufgehört habe. Diese Theorieen stellen folglich
*) Referent suchte in einem ausführlichen Vortrage, welcher
der Gesellschaft in den Sitzungen vom 12 Mai, 9 Juni und
7 Juli 1841 vorgelegt worden ist, die Gesammtheit der bis
dahin bekannt gewordenen Thatsachen über die Gletscher
auf möglichst vollständige Weise zusammenzustellen. Seit
dieser Zeit sind verschiedene wichtige Beiträge über diesen
Gegenstand erschienen, namentlich das Werk von CHARPEN-
TIER, und die Berichte über die seitherigen Arbeiten von
Acassız und Forges. Bei dem Abdrucke des auf die Glet-
schertheorie bezüglichen Theils jenes Vortrages ist daher
zweckmässig erachtet worden, das Wesentliche aus den Mit-
theilungen mit aufzunehmen, welche Referent nach einem
bei Acassız auf dem Aarglescher gemachten Besuche der
Gesellschaft in der Sitzung vom 419 October 1842 gegeben
hat.
ım
die Gletscher dar, als ein mächtiges geologisches Agens, in
dem Zeitraume, welcher dem jetzigen Zustande der Dinge
auf der Erde vorhergegangen ist. Die Urheber der Hypo-
thesen haben sich nicht damit begnügt, eine Reihe von
Erscheinungen von den Gletschern herzuleiten; sie ha-
ben auf eine Jobenswerthe Weise die Gletscher selbst, wie
sie jetzt noch in den Alpen sich darstellen, einer genauen
Beobachtung unterworfen, und sind zum Theil zu einer
Erklärungsweise der beobachteten Erscheinungen gelangt,
die wesentlich abweicht von derjenigen, welche vor ihnen
gründliche Naturforscher, und namentlich SAaussurr, auf-
gestellt haben.
Um sich Begriffe zu bilden über die Wirkungen,
welche in früheren geologischen Epochen den Gletschern
zugeschrieben werden können, ist es vor Allem nothwen-
dig, über die Ursachen in’s Klare zu. kommen, welche
gegenwärtig die Erscheinungen, die wir an den Gletschern
beobachten, bedingen. Es mag daher der Mühe lohnen,
die Hauptzüge der bestrittenen Saussure’schen Erklärungs-
weise einer genauern Prüfung zu unterwerfen, und sie zu-
sammenzuhalten mit den Theorieen, welche man statt ihrer
aufzustellen versucht hat. Es soll das der Zweck der
gegenwärtigen Abhandlung seyn, in welcher ich mich aus-
schliesslich auf die Betrachtung der jetzt existirenden Glet-
scher, und zwar vorzugsweise der schweizerischen Gletscher,
beschränke, und die Erörterungen einstweilen unberührt
lasse, mittelst welcher man eine vormalige weit grössere
Ausdehnung der Gletscher nachzuweisen versucht hat.
1. Das ewige Eis der Höhen.
Die abnehmende Temperatur mit zunehmender Erhe-
bung ‘bewirkt, dass auf Bergen, die eine gewisse Höhe
übersteigen, der Schnee das ganze Jahr hindurch sich er-
hält, an allen Stellen wenigstens, wo eine nicht zu grosse
112
Steilheit der Abhänge die Ablagerung von Schnee gestattet.
Die Linie, welche den ewigen Schnee der Höhen von den
tiefern Gegenden sondert, nennen wir die Schneelinie,
die Berge, welche diese Höhe übersteigen, Schneeberge.
Die Lage .der Schneelinie, in einer gegebenen Gegend,
ist zunächst abhängig von der mittlern Jahreswärme, die
in derselben Gegend in der Tiefe statt findet. Je höher
diese Jahrestemperatur ist, desto höher wird, unter übri-
gens gleichbleibenden Bedingungen, die Schneelinie auf
den Bergen angetroffen werden. In einem warmen Jahre,
oder nach einer Folge von warmen Jahren, wird in der
Regel die Schneelinie sich höher hinaufziehen; sie wird um-
gekehrt in kalten Jahren sich heruntersenken.
Die mittlere Jahrestemperatur ist aber nicht das ein-
zige Element, welches die Lage der Schneelinie bedingt.
Auch die verschiedene Vertheilung der Wärme in den ver-
schiedenen Jahreszeiten, und namentlich die Masse des im
Winter sich ansammelnden Schnees, übt einen wesentlichen
Einfluss aus. Fällt im Winter sehr viel Schnee, so wird
er in dem darauf folgenden Sommer sich theilweise an
Stellen erhalten, wo er bei gleicher Sommerwärme in ei-
nem andern Jahre verschwunden ist, dessen Winter keine
so grosse Schneemasse gebracht hat. Aus diesem Grunde
liegt die Schneelinie im Innern des Festlandes unter den-
selben Breitengraden merklich höher, als in der Nähe der
Meeresküsten. Denn einerseits ist an der Meeresküste die
Menge des im Jahre, und vorzüglich im Witer, herabfal-
lenden atmosphärischen Wassers weit grösser, als in einem
Continentalklima; es häuft sich also auf den Höhen eine
ungleich grössere Menge von Schnee an. Andrerseits ist
der Unterschied der Wärme der Jahreszeiten . nicht so
gross; der kühlere Sommer des Küstenklimas wirkt also
zur Verminderung der im Winter angesammelten Schnee-
masse nicht so kräfüg ein, als der heissere Sommer im
i 113
Innern des Festlandes. So fanden z. B. WAHLEnBERG,
Scuouw und Snıtu die Grenze des ewigen Schnees auf der
Ostseite des skandinavischen Gebirges um mehr als 100
Toisen höher, als auf der norwegischen Seite, ungeachtet
die jährliche Mitteltemperatur in gleicher Meereshöhe und
unter demselben Breitengrade auf der norwegischen Seite
‚beträchtlicher ist. Die Schneelinie am Kaukasus steht nach
Kurrer und PArror um volle 300 Toisen höher, als an
den unter gleichem Bzeitengrade liegenden Pyrenäen, wo sie
in ungefähr 1400 Toisen über dem Meere angetroffen wird.
Am Kaukasus zeigt sich aber in gleicher Meereshöhe eine
merklich geringere mittlere Jahrestemperatur als in den
Pyrenäen.
Einen fernern wesentlichen Einfluss auf die Höhe der
Schneelinie hat die eigenthümliche Lage eines Orts. Unter
denselben Umständen wird auf einem der Sonne zugekehr-
ten Abhange der Schnee eher wegschmeizen, als in einem
gleich hoch liegenden engen schattigen Thale; und zwar
abgesehen davon, dass Winde und Lawinen einen Theil
des aus der Atmosphäre herabfallenden Schnees von höher
gelegenen Orten in die liefern herabführen, und auf mit-
telbare Weise die Schneemasse daselbst vermehren. Auch
die auf die Umgebungen sich erstreckende erkältende Ein-
wirkung grösserer vorhandener Schneeanhäufungen ist von
Einfluss. Auf Bergen, die vereinzelt in die Region des
ewigen Schnees sich erheben, wird aus dieser Ursache die
Schneelinie höher liegen, als auf solchen, die mit einer
ausgedehnten Kette von Schneegebirgen im Zusammenhange
stehen.
Es folgt aus diesen Erörterungen, dass die Lage der
Schneelinie auch in ein und derselben Gegend ziemlichen
Verschiedenheiten unterworfen ist, und das um so mehr,
je veränderlicher in einem gegebenen Klima die Umstände
sind, welche eine Einwirkung ausüben. Unter den bestän-
8
114
digen Witterungsverhältnissen der heissen Zone ist diese
Linie schärfer bezeichnet, und ihre Lage daher auch leich-
ter zu bestimmen, als unter unserm Himmelsstriche, wo
deren Fixirung genauere Erwägung der einwirkenden Ver-
hältnisse, und Vergleichung einer grössern Anzahl von
Beobachtungen erfordert. Saussune (Yoy..$. 942 u. 943)
nimmt die Höhe der Schneelinie in den Alpen auf zusam-
menhängenden Schneegebirgen zu 1500 Toisen, auf ver-
einzelten Bergspitzen zu 1400 Toisen über der Meeres-
fläche an. Als Mittelzahl können wir folglich 1350 Toisen
oder 8100 Par. Fuss setzen, müssen aber niemals die Ver-
änderungen aus dem Auge verlieren, denen diese Annahme
nach den Localverhältnissen ausgesetzt ist.
Die mittlere jährliche Lufttemperatur unter der Schnee-
linie fällt bloss in den Aequatorialgegenden ziemlich nahe
mit dem Eispunkte zusammen. In den Alpen steht sie be-
trächtlich niedriger. Nach Bıscnors (Wärmelehre des In-
nern unseres Erdkörpers S. 224) Ausmittlung, welcher in
den Schweizeralpen die mittlere Lufttemperatur vonO°R. in
6165 / Meereshöhe setzt, und eine Abnahme von 4° R. für
677 ’ Erhebung annimmt, würde in 8100 / die mittlere Luft-
wärme ungefähr — 30 R. betragen, was mit Pıcrer’s Schätzung
(Gilb. Ann. 25. S. 318) gut zusammenstimmt. In höhern
Breiten, und mehr im Innern des Festlandes, liegt sie noch
beträchtlich tiefer, aus Gründen, die sich aus den vorhin
gegebenen Erörterungen ableiten lassen, in die. wir jedoch
hier nicht eintreten wollen.
Das ewige Eis ist indess nicht auf die Gebirgshöhen
beschränkt, die oberhalb der Schneelinie liegen. In den
Thalgründen, welche von den beständig beschneiten Regio-
-nen der Höhen herunterreichen, werden Eismassen gegen
die Niederungen hervorgeschoben, und erhalten sich nur
durch das immerwährende Nachrücken des Eises von oben
herab, inUUmgebungen, wo ewiger Schnee längst nicht mehr
115
selbstständig zu bestehen vermag. Diese Eismassen, die
folglich nicht gebildet sind aus dem Schnee, der aus der
Atmosphäre an Ort und Stelle herunterfällt, sondern die
unterhalten werden aus dem oberhalb der Schneelinie ur-
sprünglich abgelagerten, und in die vorliegenden tiefern
und wärmern Thäler sich hervordrängenden ns sind die
eigentlichen Gletscher.
Die Gletscher reichen bis zu den Stellen herab, wo
das in der wärmern Lufttemperatur der Tiefen zusammen-
schmelzende Eis durch das Nachschieben von oben ersetzt
zu werden vermag, was für die einzelnen Gletscher, je
nach den eigenthümlichen Verhältnissen eines jeglichen, in
verschiedenen Höhen stattfindet. In der Alpenkette giebt
es Gletscher, die bis zu 3000 Fuss Meereshöhe herabkom-
men. So liegt z. B. das Ende des untern Grindel-
wald-Gletschers nach Bıscuor’s barometrischen Mes-
sungen in einer Höhe von 2989 Fuss, in Umgebungen, de-
ren mittlere Lufttemperatur ungefähr zu + 5° R. angenom-
men werden kann,(Wärmelehre S. 113). Der auffallende
Gegensatz zwischen dem starren ewigen Eis des Gletschers,
und der üppigen Vegetation, die unter solchen atmosphä-
rischen Verhältnissen unmittelbar daneben gedeiht, hat von
jeher die Aufmerksamkeit der Alpenbesucher auf die Glet-
scher hingezogen. Der Endpunkt eines Gletschers ist in-
dess eben so wenig ein Axer Punkt, als die Lage der
Schneelinie. Tritt eine Reihe von kalten Sommern ein, wo
die Gletscher weniger abschmelzen, oder rücken mächtigere
‚Eismassen, als die gewöhnlichen, von oben nach, so rückt
das Gletscherende vor; in warmen Sommern, oder wenn
der Nachdrang von oben sich vermindert, zieht es sich
zurück.
Die Grenzlinie, über welcher der auf dem Gletscher
herabfallende atmosphärische Schnee das Jahr hindurch
nicht mehr abschmilzt, oder mit andern Worten die Schnee-
116
linie auf dem Gletscher, nennt Hucı (Alpenreise S. 332)
Firnlinie. Er behauptet, dieselbe sey viel schärfer und
bestimmter abgegrenzt, als das was man gewöhnlich Schnee-
linie zu nennen pflegt; und es erscheint diese Behauptung
begründet, denn wenigstens ein auf die Lage der Schnee-
linie mächtig einwirkendes modifizirendes Element, der er-
wärmende Einfluss des Erdbodens, namentlich wenn der-
selbe theilweise entblösst von der Sonne beschienen wird,
fällt hier weg, da die Unterlage immer Eis ist. In denEis-
gebirgen des Berner Oberlandes und der nördlichen Kette
des Wallis hat Hucı nach seinen Beobachtungen die Firn-
linie beständig zwischen 7600 und 7700 Fuss Meereshöhe
angetroffen. Sie liegt im Allgemeinen etwas tiefer als die
Schneelinie am Abhange der Berge, eines Theils wegen der
erwähnten eisigen Unterlage, andrerseits weil die Gletscher
die dem Einfluss der Sonne im Ganzen weniger ausgesetz-
ten Thäler erfüllen. Bei Verschiedenheit der Lage, und
der klimatischen Beschaffenheit der einzelnen Jahrgänge ist
jedoch auch diese Linie grössern Veränderungen unterwor-
fen, als Hucı anzunehmen geneigt scheint.
Ich enthalte mich hier auseinanderzusetzen, wie der
lockere nur theilweise zusammengesinterte Schnee oberhalb
der Firnlinie, der Firn, wie man ihn in den Alpen nennt,
durch Einsickern des an der Oberfiäche abschmelzenden
Schneewassers, und nachheriges Gefrieren, zum festen
Gleischereis wird, und wie dasselbe durch Herunterrücken
in die tiefern Regionen an Konsistenz zunimmt, da im We-
sentlichen Saussure mit den neuern Beobachtern den Her-
gang übereinstimmend beschreibt, und das kein streitiger
Punkt der Theorie ist. Die Trennung von Gletscher und
Firn ist übrigens keine scharfe, denn der letztere besteht
in der Tiefe ebenfalls aus Gletschereis (CuArreEntier $. 3),
und nimmt bis zu einer, freilich noch nicht genau ausge-
117
mittelten Höhe an derselben abwärts gerichteten Fortbewe-
gung der ganzen Masse Theil.
2. Geschichtliche Nachweisungen.
Die ersten Nachrichten von den Gletschern finden wir
bei Josıas Smuer (Vallesiae et Alpium descriptio 1574)
und Rouporr Resmann (Naturae Magnalia 1605). Die Schil-
derung des letztern wiederholt Marruäus Merian fast wört-
lich in der Erläuterung zur Abbildung des untern Grindel-
waldgletschers, die er in seiner helvetischen Topographie
mittheilt (1642). Mehr von dem Standpunkt des Naturfor-
schers aus, fasst J. Hzınr. Hottinser (Ephem. Nat. Curios.
1706) die Erscheinungen auf. Er erwähnt bereits die deut-
liche Schichtung, die im Eise einiger Gletscher bemerkbar
ist. J. J. Scueucuzen beschäftigt sich mit der Betrachtung
der Gletscher in seiner vierten, im Jahr 1723 zuerst im
Druck erschienen Alpenreise. Er fügt den Wahrnehmun-
gen seiner Vorgänger wenig Neues bei, sucht hingegen die
Bewegung des Gletschereises und das angebliche Ausstos-
sen fremder Körper durch das Wasser zu erklären, wel-
ches sich in den Spalten und andern im Eise sich vorfin-
denden Zwischenräumen ansammelt, daselbst gefriert, und
weil es nach dem Gefrieren einen grössern Raum einnimmt
als vorher, nach allen Seiten einen Druck ausübt und den
Gletscher thalabwärts drängt.
Jou. GEorG ALTMAnn, in seinem Versuch einer histo-
rischen und physischen Beschreibung der helvetischen Eis-
berge vom Jahr 1751, theilt manche schätzbare Beobach-_
tungen über den Grindelwaldgletscher mit, den er selbst
genau untersucht hat. In Beziehung auf die Theorie der
Gletscher sucht er darzuthun, „dass der ganze Gletscher,
wie ein Gewölb, gleichsam auf Säulen ruhe, und nur an
etwelchen Orten auf der Erde fest stehe.” Das Fortrücken
werde bewirkt durch das von oben hervorgestossene Eis,
118
„dadurch denn der an dem Berg liegende und gleichsam
hangende Gletscher von oben her gedrucket wird, und auf
diese Weise geschiehet es, dass durch dieses grosse, von
oben herkommende Gewicht der ganze Gletscher weiter
gegen das Thal hinuntergeschoben wird.” (S. 44 u. 45).
Freilich ist er mit seinen theoretischen Ideen nicht immer
glücklich, namentlich nicht mit der Annahme eines soge-
nannten helvetischen Eismeeres, welches die Thalgründe
zwischen den höchsten Eisgebirgen erfüllen, in der Tiefe
flüssig, und nur an der Oberfläche mit Eis bedeckt seyn
soll.
Ausführlich werden die Gletscher beschrieben in dem
im Jahr 1760 gedruckten Werke: die Eisgebirge des Schwei-
zerlandes von GoTTLIiEß Sıegmunp Gruner. Die beiden er-
sten Bände dieses Buchs enthalten Beschreibungen und Ab-
bildungen der vorzüglichsten Gletscher der Schweiz. Der
dritte Band ist den physikalischen Betrachtungen über die
Eisgebirge gewidmet, und beschäftigt sich namentlich auch
mit der Beschreibung der Erscheinungen an den Gletschern
und mit deren Erklärung. Saussure gibt dieser Arbeit das
Zeugniss: „Dans ce traiteE Tauteur a epuise son sujet,
autant du moins qu’un sujet de physique est susceptible
de lötre; et bien qu’un physicien ne füt peut-ötre pas
de son avis en tout, il serait cependant dificile de don=
ner en general de meilleures explications des differents
phenomtnes que presentent ces amas de glace.” (Voy.
$, 519). Bei Durchlesung des Werkes muss man indess
„gestehen, dass SAussure ein zu wohlwollendes Urtheil über
die Arbeit seines unmittelbaren Vorgängers fällt, und dass,
abgesehen von mancherlei physikalischen Verstössen, die
Sıussune nur leise rügt, die Gruner’schen Erklärungen in
Hinsicht der Schärfe und Bestimmtheit mit denjenigen von
Sıussure den Vergleich nich aushalten. GruNER nimmt an,
dass die Gletscher bei dem fortwährenden Abschmelzen
119
durch ihre eigene Schwere auf abhängigem Grunde thalab-
wärts vorrücken können; er stellt aber nicht mit dersel-
ben Bestiinmtheit, wie Aurmann, die Behauptung auf, dass
das ganze Hervordringen ‘der Gletschermasse auf diese
Weise geschehe. (S. 135 u. 156).
Am umfassendsten und gründlichsten ist die Theorie
der Gletscherbildung von Horacz Bexepict De Saussure be-
handelt worden. Derselbe hat, wie er selbst berichtet,
die Grundzüge seiner Theorie bereits im Jahr 1764 in ei-
nem akademischen Vortrage entwickelt, als er das Gruner’
sche Werk noch gar nicht kannte. Durch den Druck hat
er sie jedoch erst im Jahr 1779 im ersten Bande der Quart-
ausgabe der Alpenreisen bekannt gemacht.
Ganz mit den Saussurü’schen ‘Ansichten übereinstim.
mend, und auf gründlichen eigenen Wahrnehmungen be-
“ruhend, ist der im ersten Bande des Hörrner’schen Maga-
zins für die Naturkunde Helvetiens (1787) abgedruckte Auf-
satz, über den Mechanismus der Gletscher von BernuArD
Frıeopr. Kuun. (Dazu der Nachtrag B. II. S.427.) Er gibt
unter Anderm die richtige Erklärung der Guferlinien auf
der Mitte der Gletscher. Derselbe Band enthält einen Brief
von Prof. Stuper dem Vater, in welchem die Gletscher-
tische, die mit Erde bedeckten Eishügel, und die engen,
tiefen, mit Wasser gefüllten Löcher des vordern Aarglet-
schers näher beschrieben werden.
Die Beiträge zur nähern Kenntniss der schweizerischen
Gletscher aus spätern Zeiten halte ich für überflüssig hier
aufzuzählen.
3. Theorie der Bewegung der Gletscher durch
die Ausdehnung des sefrierenden WVassers.
Wie wir gesehen haben, hat Scurucnzer den Wachs-
thum und die abwärts gerichtete Bewegung des Gletscher-
eises durch die Ausdehnung zu erklären versucht, die das
120
in den Spalten sich ansammelnde Wasser beim Gefrieren
erleidet. Die Erfahrung hat gelehrt, dass das Eis der Glet-
scher, wenigstens in den Sommermonaten, in kontinuir-
licher fortschreitender Bewegung ist. Zu dieser Zeit sind
aber die Gletscherspalten nur ausnahmsweise mit Wasser
gefüllt. Gefriert dieses Wasser bei kalten Nächten, so ge-
schieht das nur an der Oberfläche. Diese Erklärungsweise
der Erscheinungen, die in neuern Zeiten wieder von Tous-
SAINT VON CHARPENTIER (Gilb. Ann. 63. S. 388) und Bıszrx
(Gilb. Ann. 63. S. 192) versucht worden ist, ist daher all-
gemein als. unzureichend anerkannt worden.
Hingegen ist sie, unter Beibehaltung der Grundidee,
von VENETZ, J. v. ÜHARPENTIER und Acassız auf eine ei-
genthümliche Weise modifizirt worden. Das an Sommer-
tagen durch Abschmelzen des Eises der Oberfläche entste-
hende Wasser, oder auch dasjenige, welches als Regen
auf den Gletscher herabfällt, zieht sich nach dieser An-
sicht in alle feinen Haarspalten des Gletschereises hinein,
und tränkt dasselbe wie einen Schwamm. „Nothwendiger
Weise besitzt dieses Wasser eine Temperatur, die nur sehr
wenig den Eispunkt übersteigen kann, und wird im flüssi-
gen Zustande nur durch die geringe Wärme erhalten, wel-
che ihm das von der Oberfläche oder der umgebenden Luft
nachströmende Wasser zugeführt wird. Das absorbirte
Wasser muss folglich gefrieren, sobald diese einzige Wär-
mequelle ihm entzogen wird. Das muss aber jederzeit ge-
schehen, sobald bei eintretender Erkaltung der Atmosphäre
das Abschmelzen des Gletschers an der Oberfläche aufhört.
Eine solche Erkaltung wird aber in der Regel in allen Som-
mernächten eintreten. Die Gletscher werden folglich wäh-
rend der Sommertage mit Wasser getränkt, und dieses ge-
friert während der Nächte.” (CuArrentTier, essai sur les
glaciers 1841. $ 6). Beim Gefrieren dehnt das Wasser
121
sich aus, und diese ausdehnende Gewalt treibt den Glet-
scher abwärts.
Da im festen Erdboden die täglichen Wärmeänderungen
der angrenzenden Atmosphäre nur bis auf eine sehr ge-
ringe Tiefe fühlbar sind, so ist wohl an sich klar, dass
die Erkältung der Nacht nur bis in eine sehr geringe
Tiefe in das Eis des Gletschers herabreichen kann; dass
daher auch das in den Zwischenräumen des Gleischer-
eises enthaltene Wasser flüssig bleiben muss, wenn die
Oberfläche des Gletschers überfriert. Zum Ueberfluss führt
Forszs (Bibl. univ. de Gentve 42. S. 363) die Erfahrung
an, dass auf einem bei eingetretener kalter Witterung schon
mehrere Tage lang überfrornen Gletscher, überall, in der
Tiefe von weniger als einem Fuss, nasses Eis anzutreffen
war. Die unmittelbare Mittheilung der täglichen Wärme-
änderungen der Atmosphäre bis in grössere Tiefen des
Gletschers wird auch nicht angenommen, sondern der Vor-
gang wird dargestellt, wie wir es oben, möglichst mit den
eigenen Worten von CHZRPENTIER, zu geben versucht haben.
Offenbar ist aber eine solche Darstellung unzulässig. Das
in die Haarspalten des Gletschereises eindringende Schmelz-
wasser kann nur gefrieren, wenn das Eis eine niedrigere
Temperatur besitzt als 0%, sonst muss es flüssig bleiben.
Dann muss es aber, wenn es in die feinen Zwischenräume
des Eises eindringt, im Augenblick des Eindringens gefrie-
ren. Es ist also gar kein Grund vorhanden, dass das
Gletschereis bloss am Tage mit flüssigem Wasser sich trän-
ken, und das eingedrungene Wasser bloss in der Nacht
gefrieren soll. Die einzige zulässige Art zu einem Wachs-
thum des Gletschers von innen heraus, und einer Ausdeh-
nung durch das in seinem Innern gefrierende Wasser zu
gelangen ist folglich die, ein Kältemagazin in seinem Innern
anzunehmen, welches bewirkt, dass das täglich einsickern-
de Wasser sofort gefriert, wenn es in die unter 0° stehen-
122
den Theile des Gletschers gelangt. Es ist das auch die
Vorstellungsweise, welcher gegenwärtig Acassız zugethan
scheint. Es scheint mir, dass wenn solche angebliche kalte
Massen im Innern des Gletschers wirklich existirten, das
Einfhltriren des von oben hindurchsickernden Wassers nur
an den äussern Umgebungen der erkalteten Masse stattfin-
den könnte. Durch das erfolgende Gefrieren des eindrin-
genden Wassers an allen Stellen, .wo das Eis unter 0° zu
stehen anfängt, würde der fernere Zutritt in die feinern
Zwischenräume des erkalteten Eises verstopft. Erst wenn
die Erkaltung dieser fest gefrornen äussern Hülle des käl-
tern Gletschertheils durch allmählige Wärmemittheilung aus
den Umgebungen abgenommen hätte, wäre ein ferneres
Vordringen des einsickernden Wassers gegen das Innere
des kalten Gletschertheiles möglich. Die Art und Weise,
wie nach dem Winter, wo allerdings eine solche Erkaltung
der äussern Kruste des Gletschers stattgefunden hat, das
Wasser an der Oberfläche der Gletscher in vielen Spalten
und Vertiefungen längere Zeit angesammelt bleibt, bis es
den Zutritt in das zerklüftete Innere des Gletschereises
findet, scheint mir einen directen Beweis für diese Ansicht
darzubieten. Das fortwährende Gefrieren des .täglich ein-
dringenden Wassers, und die mit demselben in Verbindung
stehende Ausdehnung des Eises, könnte folglich, unter
solchen Voraussetzungen, bloss an der äussern Hülle des
unter 09 erkalteten Theiles der Gletschermasse stattfinden,
und so unregelmässig auch die Gestaltung dieser Hülle
seyn möchte, so wäre eine Ausdehnung die bloss an der-
selben erfolgt, offenbar unzureichend um die Thatsache
des täglichen Vorrückens der ganzen mächtigen Eismasse
des Gletschers zu erklären.
Doch wir wollen von diesem Einwurfe einstweilen ab-
strahiren, und die Gründe untersuchen, die zur Annahme
des angeblichen Kältenmagazins im Innern des Gletschers
123 :
/
berechtigen sollen. Es müsste dieses Kältemagazin ein
sehr bedeutendes seyn, wenn es zur Erklärung der Er-
scheinungen 'zureichen sollte, weil es durch das beständig
vor sich gehende Gefrieren des einsickernden Wassers,
durch welches die beständig fortschreitende Bewegung des
Gletschers erklärt zu werden versucht wird, eine fortwäh-
rende Verminderung erlitte.. Nehmen wir eine Eismasse im
Innern des Gletschers von — 1° R. Temperatur an, so
wird bekanntlich jedes Pfund Wasser auf 00%, welches sie
zum Gefrieren bringt, mehr als 60 Pfund dieser Eismasse
durch die beim Gefrieren entwickelte latente Wärme bis
zum Eispunkt zu erwärmen vermögen; denn die beim Ge-
frieren frei werdende Wärme könnte bekanntlich die Tem-
peratur von 60 Pfund Wasser um einen Grad erhöhen, und
die spezifische Wärme des Eises ist geringer, als die ‘des
flüssigen Wassers. Noch am untersten Ende des Gletschers,
während der langen Reihe von Jahren, die das Gletschereis
braucht, um von der Firnregion bis dahin zu gelangen,
müssten aber noch Ueberreste dieses Kältemagazins vor-
handen seyn, denn die fortschreitende Bewegung, welche
durch dasselbe erklärt werden soll, zeigt sich auch da
noch immer; und das trotz der beständigen Abnahme, wel-
che dasselbe erlitten hat, ohne dass ein zureichender Er-
satz für diese beständig vor sich gehende Abnahme sich
darbietet. Ein Ersatz wäre zunächst denkbar, durch die
Kälte, welche während des Winters, vorzüglich in den
kalten obern Regionen, in das Gletschereis eindringt. Auch
dieses Eindringen kann aber, zufolge der Erfahrungen die
wir über die Mittheilung der jährlichen Wärmeänderungen
in das Innere der festen Erdrinde besitzen, sich nur bis
in eine mässige Tiefe erstrecken, und muss folglich durch
das bei eintretender warmer Jahreszeit wieder stattfindende
Einsickern des Schmelzwassers von der Oberfläche bald
beseitigt seyn. Durch direeten Versuch fand Acassız,
124
dass ein, während des Winters von 1841 auf 42, 24 Fuss
tief in das Eis des Aargletschers beim Aötel des Neucha=
telois, also in ungefähr 7500 Fuss Meereshöhe, eingesenk-
ter Thermometrograph keine tiefere Winterkälte als — 0°, 3 C
zeigte. (Comptes rendus 15. S. 736). Dasselbe beweisen
die verschiedenen Gletscherseen, die in durch Gletscher
abgesperrten Vertiefungen sich bilden, deren Ausgänge im
Spätjahr durch die Einwirkung der eindringenden kalten
Luft und durch das erfolgende Gefrieren gesperrt werden.
Das Wasser, welches den Sommer hindurch unter dem
Gletscher seinen Abfluss gefunden hat, häuft sich dann an
und füllt endlich das Becken aus. Im Winter gefrieren
diese Seen, jedoch nur an der Oberfläche, in der Tiefe
bleibt das Wasser flüssig. Sie erhalten sich bis in den
Sommer, wo dann durch den Einfluss des den Gletscher
durchsickernden Wassers , oder durch die Bewegung, wel-
che bei zunehmender Wärme im Gletscher merkbarer wird
und Spalten erzeugt, die Ausgänge wieder eröffnet werden,
und der ganze See, oft in wenigen Stunden, unter dem
Gletscher hindurch abfliesst. S. z. B. die Beschreibung,
welche Saussure (Joy. $.1013) von einem dieser Seen, der
Gouille & Vassu im Entremontthale gibt, dessen Rand un-
gefähr 7700 Fuss über dem Meere liegt. Es beweisen diese
Erscheinungen, dass, selbst in einer so beträchtlichen Höhe,
die Winterkälte nicht zureicht mehr als die Oberfläche des
eiskalten Wassers dieser Seen zum Gefrieren zu bringen;
dass. das eben so wenig durch Kältemittheilung aus dem
umgebenden Erdboden bewirkt wird, die einzige Erkältungs-
quelle, die nebst dem Einfluss der Winterkälte der Atmo-
sphäre, noch zu Hülfe gezogen werden könnte.
Es lässt sich in der That kein geeigneterer Apparat
denken um die Temperatur von 0° zu bewahren, als ge-
rade der Gletscher es ist. Erkältungen von der Oberfläche
aus können, wie wir eben gesehen haben, nur auf eine
125
geringe Tiefe sich erstrecken. Eine Erwärmung über 0°
ist vollends unmöglich. Der erwärmende Einfluss der Som-
merzeit bleibt daher nicht, wie im Erdboden, in der äus-
sersten Kruste haften, um durch den entgegesetzten Ein-
fluss der kalten Jahrszeit wiederum beseitigt zu werden.
Er äussert sich bloss dadurch, dass er Eis von 0° im Was-
ser von eben derselben, oder nur ausnahmsweise von et-
‚was darüber erhöhter Temperatur verwandelt, was sofort
durch die ganze zerklüftete Masse hinuntersickert. Ist das
Gletschereis mit der Wassermenge gesättigt, mit welcher
es, in Folge seiner Porosität, getränkt bleiben kann, so
wird das hinuntersickernde Wasser auf seinem Wege bis
zum Gletscherboden nirgends haften bleiben; es sey denn
es träfe Eis an, welches unter 0° erkältet ist, und welches
sein Gefrieren bewirken müsste. Durch die bei Gefrieren
frei werdende latente Wärme würde aber dieses kältere Eis
sofort erwärmt, bis es ebenfalls die Temperatur von 0°
besässe, und sich verhielte wie die übrige mit Wasser ge-
tränkte Eismasse. Alles wirkt folglich darauf hin die Tem-
peratur von 0° im Innern des Gletschers zu erhalten, und
sie wiederherzustellen, wenn sie durch eine zufällige Ur-
sache in irgend einem Theil sich verändert haben sollte.
Das Innere eines Gletschers besteht folglich aus Eis auf
0°, dessen Zwischenräume mit Wasser von ebenfalls 0°
benetzt sind. Die Kälte der äussern Umgebungen kann
nur bis auf eine mässige Tiefe eindringen, und das be-
netzende Wasser zum Gefrieren bringen. Nur ausnahms-
weise wird die kalte Winterluft, wenn durch Ungleichheit
des Luftdrucks ein Luftzug erzeugt wird, in die weitern
Zwischenräume des Gletschers gelangen, und eine Erkal-
tung unter 0° auf ihrem Wege bewirken können. Zu den
feinern Zwischenräumen des Eises wird sie sich selbst so-
fort den Zugang verstopfen, indem sie das aus denselben
nachsickernde Wasser zum Gefrieren bringt. Alle bisheri-
126
gen Erfahrungen weisen darauf hin, dass es sich im In-
nern des Gletschers wirklich auf die angegebene Weise
verhält, so weit man hat eindringen können. Bei seinen
Bohrversuchen im Jahr 1842 auf dem Aargletscher fand
Acassız die Temperatur immer auf 0°, bis in 200 Fuss
Tiefe. (Comptes rendus 15. S. 204). Ein Kältemagazin im
innern unzugänglichen Theil ist folglich eine jeder Wahr-
scheinlichkeit widersprechende Annahme, die jeder Begrün-
dung durch Thatsachen ermangelt.
Ist aber die Beschaffenheit der Gletscher die angege-
bene, so folgt von selbst, dass kein Wachsthum des Glet-
schereises von innen heraus stattfindet, dass überhaupt,
auch in Folge der Winterkälte, die Eisbildung durch Ge-
frieren des im Gleischereise enthaltenen Wassers, nur in
einer mässigen Entfernung von der Aussenfläche eintreten
kann. Die Erklärung des Fortschiebens der ganzen Glet-
schermasse, durch die Ausdehnung des gefrierenden Was-
-sers, falle dadurch von selbst.
Es folgt daraus ferner, dass die Temperatur des Erd-
bodens unter dem Gletscher das ganze Jahr hindurch auf
0° sich erhalten wird, diejenigen Stellen ausgenommen, wo
ein durch Höhlungen sich hindurchziehender Luftstrom auf
eine etwas bleibende Weise erkältend oder erwärmend
wirkt. Derselbe Grund, welcher bewirkt, dass die äus-
serste Erdhülle an jedem Orte eine Mitteltemperatur an-
nimmt, Jie der Mitteltemperatur der umgebenden Luft un-
gefähr gleich ist, muss bewirken, dass die Erdoberfläche,
‘unter den Gletschern, die seit undenklichen Zeiten mit Eis
auf 0° in Berührung ist, dieselbe Temperatur muss ange-
nommen haben. Ihrer eigenthümlichen Verhältnisse zufolge
sind also Gletscher Apparate, welche einerseits die Tem-
peratur des Bodens, den sie bedecken, auf 0° erhalten, in
Umgebungen, deren mittlere Lufttemperatur beträchtlich
über 00 steigt; auf + 5° R. z. B. am Ende des untern
; 127
Grindelwaldgletschers, wie oben ist angeführt worden; an-
drerseits aber auch, in den obern Gletscherregionen, in
Umgebungen, deren mittlere Lufttemperatur bedeutend un-
ter 0° sinkt. Wie weit aufwärts dieser eigenthümliche Ein-
fluss der Gletscher stattfindet, muss noch genauer ermit-
telt werden. Wahrscheinlich erstreckt er sich so weit
noch eine fortschreitende Bewegung im ewigen Eise der
Höhen bemerkbar ist, also noch weit in die Firnregion
hinauf.
Wir wollen nunmehr untersuchen, wie die Theorie,
wodurch man die Sıssure’sche zu verdrängen versucht, von
der 'Thatsache Rechenschaft gibt, dass das Gletschereis nur
thalabwärts vorrückt. Wir legen hier wieder CHArpEnTier’s
Darstellung zum Grunde. ($. 11.) „Wenn” so sagt er, „das
in allen feinen Zwischenräumen des Gletschereises enthal-
tene Wasser zum Gefrieren kömmt, so nimmt es an Raum
zu, und theilt eine Art von Ausdehnung der ganzen Masse
mit. Diese Ausdehnung muss vorzüglich nach der Richtung
sich äussern, wo -sie am wenigsten Widerstand findet;
also einerseits in der Richtung des Abhanges, oder der
Länge des Gletschers; andrerseits nach der Richtung der
Dicke des Eises, von der untern Fläche des Gletschers ge-
gen oben; denn nach den andern Richtungen findet sie Wi-
derstand, sowohl von dem Berge, von welchem der Glet-
scher herabkömmt, als von den Thalwänden die ihn der
Länge nach, zu beiden Seiten einschliessen.” Bei einem
bleibenden Zustande des Gletschers wird durch das erfol-
gende Abschmelzen an der Oberfläche und am Ende des
Gletschers die nach beiden Richtungen erfolgende Ausdeh-
nung der Eismasse beseitigt, dem ganzen Gletscher ent-
lang bleibt aber die thalabwärts gehende Bewegung des Ei-
ses bemerkbar. |
Wäre eine solche Erklärung die richtige, so müsste
man allervorderst am obern Ende des Gletschers, und an
123
den ihn einschliessenden 'Thalwänden, Spuren der nach
diesen Richtungen sich äussernden ausdehnenden Kraft des
Eises finden; denn der hier erfolgende Widerstand soll es
ja seyn, und nicht das eigene Gewicht des Eises, welcher
den Gletscher thalabwärts drängt. Nun lesen wir aber bei
CuArrEntier selbst (S. 81), dass wenn ein Gletscher an
.seinem obern Ende an einer Felswand endigt, das Zusam-
mensinken (tassement) des Eises die unmittelbare Berüh-
rung hindert, und eine weite Kluft zwischen der Felswand
und dem Gletschereise erzeugt. Also gerade das Gegen-
theil von einem Anstemmen des Eises gegen das hinterlie-
gende Gebirge, und eine Erklärung des Ablösens durch
das eigene Gewicht des Eises nach Saussure’schen Grund-
sätzen. Ueberhaupt müsste eine in der ganzen Eismasse
vor sich gehende, nach allen Richtungen sich äussernde
Ausdehnung alle Spalten, leere Zwischenräume und Klüf-
te, die den Gletscher durchziehen, und ihn von den ein-
schliessenden Felswänden trennen, vollständig schliessen,
ehe sie eine mehrere Stunden lange Eismasse, auf öfter
wenig geneigter Unterlage, abwärts zu schieben vermöchte.
Von diesem Allem bemerkt man aber nichts. Die Reibung
die beim Vorwärtsschieben einer so ungeheuern Eismasse
zu überwinden ist, liesse schlechterdings keine andere Aus-
dehnung zu, als ein Aufquellen der ganzen Eismasse nach
der Dicke, auch ohne die Annahme, die CuArrENTIER aus-
serdem noch vertheidigt, dass der ganze Gletscher an sei-
ner Grundfläche angefroren sey.
Es hat CuArrentier das Gewicht dieses Einwurfes, der
ihm 1838, bei der Versammlung der schweizerischen Na-
turforscher in Basel, bereits gemacht worden ist, gar wohl
gefühlt. Er gibt zu (S. 105), dass wenn die Ausdehnung
nur an einer einzelnen Stelle des Gletschers sich äussern
würde, auch nur ein solches Aufquellen der Gletscher-
masse an der entsprechenden Stelle eintreten könnte; allein
129
da die Ausdehnung dem ganzen Gletscher entlang erfolge
so könne das nicht eintreten. Es will mir jedoch schei-
nen, dass wenn man das Aufquellen an einer Stelle für
zulässig findet, dass bei einer Ausdehnung, die in der gan-
zen Gletschermasse sich kund gibt, eben ein Aufquellen an
allen Stellen, und kein Vorwärtsschieben des Gletschers
stattfinden müsste.
Die Annahme des Angefrorenseyns des Gletschereises
an dem Boden scheint mir vollends schlechterdings unver-
einbar mit der Thatsache des Vorrückens der Gletscher,
sie mag nun hergeleitet werden von welcher Theorie man
will. Wenn das Gletschereis zu jeder Stunde des Tages
im Vorrücken begriffen ist, wenn durch die zwischen Eis
und dem unterliegenden Felsboden eingepressten Gesteins-
trümmer bei diesem Vorrücken Ritzen auf dem Felsboden
entstehen, und das sind Thatsachen, die CnArr£nTier und
Acassız lebhaft vertheidigen, so können doch unmöglich Eis
und Erdboden zusammenhaften. (Vergl. auch Forses Ann.
de Ch. et de Ph. 3e. Ser. 6. S. 251).
CHARPENTIER führt nun freilich eine Thatsache an, wel.
che das Angefrorenseyn der Gletscher an ihrer Grundfläche
darthun soll ($. 34). Von dem über eine Felswand herab-
hängenden Gietrozgletscher ım Bagnethal lösen im
Sommer tagtäglich Eismassen sich ab, die unten im Thale
eine Eisanhäufung bilden, den sogenannten untern Gietroz-
gletscher. Häuft diesesEis sich sehr an, so sperrt es den
Abfluss derDrance, welche dann zu einem See anschwillt,
dessen Abfluss beim Durchbrechen des Eisdamms schon
mehrmals bedeutende Verheerungen angerichtet hat; so na-
mentlich im Jahr 1818. Um das zu verhindern hat die
Regierung von Wallis im Jahr 1821 einen Stollen durch
‘ den Eisdamm anlegen lassen, durch welchen der Abfluss
der’Drance offen erhalten wird. Alljährlich wird dieser
Stollen aufgeräumt. Jedes Jahr, und zwar vom Juni bis
g
130
in den Oktober, hat man nun nach CuArrentier bei diesen
Arbeiten den Boden des Gletschers gefroren gefunden, mit
Ausnahme eines Streifens von etwa 10 Fuss Breite, über
welchen die Drance unmittelbar wegfliesst. Die Stelle liegt
etwa 5500 Fuss über dem Meere. Wenn die Thatsache
richtig ist, und ich habe keine Ursache an CuArrENTIER’S
Angabe zu zweifeln, so wird eine nähere Untersuchung
wohl lehren, dass an einer solchen Stelle kein Vorrücken
des Gletschereises über den unterliegenden Boden stattfin-
det. Die Frage würde, gerade weil alljährlich, Arbeiten
vorgenommen werden, leicht zu entscheiden seyn. Jeden-
falls ist das eine sehr vereinzelte Thatsache, denn überall
sonst wo man unter einen wirklich in Bewegung begriffe-
nen Gletscher eingedrungen ist, hat sich das am Boden
aufliegende Eis im Zustande des Abschmelzens gezeigt.
Eine zweite Thatsache die nach CuArrentier das Ange-
frorenseyn der Gletscher an dem Boden, und folglich eine
Temperatur unter 0° beweisen soll ist die, dass Wurzeln
perennirender Alpenpflanzen die im Jahr 1818 beim Vor-
rücken des Gletschers du Tour im Chamounithale in 4700/
Meereshöhe von demselben bedeckt worden sind, noch
Triebkraft genug zeigten, um wieder ausschlagen zu kön-
nen, als 4 Jahre später der Gletscher sich wieder zurück-
zog. Diese Wurzeln hätten, nach seiner Ansicht, während
dieses langen Zeitraums faulen, und gänzlich absterben
müssen, wenn sie nicht in einer niedrigern Temperatur als
0° verweilt hätten. Ich sollte indess meinen, dass solche
_ Wurzeln in einem gewöhnlichen Eiskeller, in welchem das
aufbewahrte Eis ebenfalls immer auf 0° bleibt, ihre Le-
benskraft ohne zu faulen würden erhalten haben.
Ich komme nunmehr zu der Erklärungsweise der an-
geblichen Säuberung des Gletschers, und des Ausstossens
von fremden Körpern, die man auch als Stütze der Ge-
frierungstheorie, und eines Wachsthums des Eises von in-
131
nen nach aussen geltend gemacht hat. Die meisten Glet-
scher zeigen nämlich auf ihrer Oberfläche an gewissen Stel-
len, den sogenannten Guferlinien, Anhäufungen von
Steinblöcken und Felstrümmern , von denen in der Regel
das Innere des Gletschereises frei bleibt. Doch ist der
Fall so selten nicht, als man öfter behauptet, dass Schich-
ten des Gletschereises durch Zwischenlagen von Sand, Kies
und grössern Steinen unterschieden sind, wie das z.B. Kunn
bezeugt, der längere Zeit Grindelwald bewohnt hat, (Hörrners
Magazin I. S. 120) und neuerlich ArnoLn Escuer (Pogg.
Ann. 56. S. 611). Dass alle Steintrümmer, die von den
umgebenden Felswänden auf den eigentlichen Gletscher her-
unterfallen, auf seiner Oberfläche müssen liegen bleiben,
ist an sich klar, denn der im Winter niederfallende Schnee
schmilzt hier in der warmen Jahrszeit vollständig wieder
ab. Nur in der Firnregion, wo aus der jährlich herabfal-
lenden Schneemasse eine neue Schicht von Gletschereis
sich bildet, welche durch die abwärts schreitende Bewe-
gung nach Jahren in die untern Gletscherregionen vorge-
schoben wird, können Steintrümmer in das Innere des
Gletschereises gelangen. Auch diese erscheinen allmählig
an der Oberfläche, was SAussure aus der immer vor sich
gehenden Abschmelzung des der Atmosphäre zugekehrten
Theils des Gletschers erklärt, wodurch die im Innern be-
grabenen fremden Körper allmählig zum Vorschein kommen,
auf dem Gletscher liegen bleiben, und mit demselben thal-
abwärts vorrücken. Wenn das der Hergang der Sache ist,
so wird behauptet, es müsste das Gletschereis, was aus
Firnregionen herkömmt, zum Theil das Aussehen einer
durch Eis verbundenen Trümmerbreccie darbieten. (CuAr-
PENTIER S. 17). |
Wir wollen uns hier nicht mit den Erklärungsweisen
befassen, die nach Art der Aelpler ein wirkliches Aufwärts-
bewegen der im Innern begrabenen fremden Körper, durch
132
das umgebende Eis hindurch, annehmen. CuArrpentier hat
in seiner Schrift deren Ungrund hinlänglich dargelegt ($. 25).
Er selbst erklärt sich den Vorgang auf folgende Weise:
Durch das Gefrieren des in die Zwischenräume des Glet-
schereises eingesickerten Wassers, und die damit verbun-
dene Ausdehnung, gelangt eine jede Schicht des Innern
des Gletschers nach und nach in eine immer grössere Ent-
fernung von dem Boden. An der Oberfläche findet aber
durch Abschmelzen eine fortdauernde Verminderung des
Eises statt, die eben durch jenen angeblichen Wachsthum
von innen heraus ersetzt wird. Jede mit Unreinigkeiten
erfüllte Eisschicht die aus der Firnregion heruntergescho-
ben worden ist, gelangt daher endlich an die Oberfläche,
wo dann die Unreinigkeiten, nach stattgefundenem Ab-
schmelzen des umgebenden Eises, liegen bleiben. Cnuar-
vENTIER hält es sogar für möglich, dass auf diese Weise
Steinblöcke, die bis an den Boden des Gletschers herun-
tergefallen sind, auf die angegebene Weise an die Ober-
fläche gelangen können, wenn sie sich in einer solchen Lage
befinden, dass die Eisbildung unter ihnen vor sich gehen
kann. Wenn ich diese Erklärungsweise recht verstehe, so
wäre nach derselben in den untern Regionen der Gletscher
alles aus der Firnregion herabgeschobene Eis vollständig
abgeschmolzen; der Gletscher bestünde hier nur aus dem
durch Gefrieren des einfiltrirten Wassers allmählig gebilde-
ten Eise, und zeigte eben aus diesem Grunde die grosse
Reinheit.
Abgesehen von den Einwendungen, welche oben gegen
den Wachsthum des Gletschereises von innen heraus über-
haupt geltend gemacht worden sind, streitet die Erklärungs-
weise gegen die schönen im letzten Jahre von Acassız ge-
machten Beobachtungen über die Schichtung des Gletscher-
eises, von deren Richtigkeit ich mich meines Orts, unter
dessen Führung auf dem Aargletscher, vollkommen
133
überzeugt habe. Einen kurzen Abriss dieser Beobachtun- -
gen hat derselbe bereits im Jahrbuch von LeonuArp und
Bronw mitgetheilt (1843. S. 84 u. 86). In der Firnregion,
am Lauteraarfirn z. B. ist die Eismasse in horizontal lie-
gende Schichten abgetheilt, die wahrscheinlich aus den
Schneeablagerungen der einzelnen Winter entstehen, und
deren Absonderungen durch den Staub und Sand, welche
zur Sommerzeit von den entblössten Felswänden durch die
Winde hergeweht werden, bezeichnet sind. Jede Schicht
deutet folglich einen Jahrgang an. Bereits HoTTinGEr
(Ephem.\nat. car. 1706 S. 41) und nach ihm Saussure
(Y5y. $.514 u. 2015) und Andere haben auf diese Schich-
tung des Firns aufmerksam gemacht. So wie der Firn
thalabwärts in die eigentliche Gletscherregion gelangt, bie-
gen sich die anfänglich horizontalen Schichten, indem sie
sich von beiden Rändern gegen die Mitte einsenken. Das
Ausgehende auf dem Gletscher bildet daher nicht mehr
eine gerade Linie, sondern einen Bogen, dessen Konvexität
thalabwärts gerichtet ist. Weiter unten nimmt die Einsen-
kung der Mitte zu, das Ausgehende der Schichten auf der
Gletscheroberfläche zeigt eine mehrfach eingeknickte Zick-
zacklinie, deren allgemeine Konvexität immer noch abwärts
gerichtet ist. In den Umgebungen des Hötel des Neucha=
ielois, wo der Lauteraargletscher, durch den grossen Gu-
ferwall getrennt, mit dem von der andern Seite des Ab-
schwungs herabkommenden Finsteraargletscher zusammen-
gestossen ist, hat die Einbiegung der Schichten dermassen
zugenommen, dass sie an den beiden Rändern unter stei-
len Winkeln gegen die Mitte einfallen, und auf der Mitte
des Gletschers selbst theilweise senkrecht stehen, nach der
Längenerstreckung des Gletschers fortstreichend. Ein ähn-
liches Verhalten zeigt der Finsteraargletscher, auf der rech-
ten Seite des Guferwalls. Wo ein kleinerer Seitengletscher
mit dem grossen Haupigletscher zusammenstösst, wird sehr
134
bald seine ganze Masse so aufgerichtet, dass seine Schich-
ten steil vom Hauptgletscher gegen den Rand zu einfallen.
Die einzelnen Schichten lassen sich deutlich erkennen durch
die gewöhnlich etwas abweichende Beschaffenheit ihres Ei-
ses, und durch den Sand, welchen sie vorzüglich an der
ursprünglich nach oben gerichteten Oberfläche einschlies-
sen, und der zuweilen nahe liegenden Schichten eine et-
was verschiedene Färbung mittheilt. Bei der vor sich ge-
henden Abschmelzung wird dieser Sand nicht sofort von
den Gletscherbächen vollständig weggespült, sondern er
bleibt theilweise an der Stelle der Abschmelzung liegen,
was zu einer deutlichen Bezeichnung der Linien des Aus-
gehenden, wenn man den ganzen Gletscher überblickt, we-
sentlich beiträgt. Es kann wohl kein unmittelbarerer Be-
weis des beim Vorschieben des Gletschers erfolgenden Ein-
keilens und Zusammendrängens der ganzen Eismasse gege-
ben werden, als eben diese Structur.
Nebst dieser Schichtenabtheilung wird das poröse Glet-
schereis durchzogen von blauen Bändern dichtern Eises,
die offenbar entstanden sind durch das Gefrieren des das
Gletschereis tränkenden Wassers, während der kalten Jah-
reszeit, so weit die Winterkälte in das Innere der Glet-
scher- oder Firnmasse einzudringen vermag. Es hat näm-
lich dieses Eis eine ganz übereinstimmende Beschaffenheit
mit demjenigen, welches sich in künstlich gemachten und
mit Wasser angefüllten Vertiefungen im Winter auf dem
Gletscher bildet. Die blauenBänder existiren schon in der
Firnregion. Zuusteın (v. Werpen, der Monte Rosa 1824
S. 152), welcher bei seiner ersten Besteigung des Monte
Rosa, im August 1820, in einer Firnspalte in 13128 Fuss
Meereshöhe die Nacht zubrachte, gibt davon eine sehr an-
schauliche Beschreibung. Später haben sie bekanntlich die
Aufmerksamkeit von Fonges auf sich gezogen. (Edinb. new.
phil. Journ. Jan. 1842). Sie laufen, auf dem eigentlichen
135
Gletscher wenigstens, im Allgemeinen parallel mit der Schich-
tung, stehen daher senkrecht, oder fallen steil ein, wo
die Schichten eine entsprechende Stellung haben. Der Pa-
rallelismus ist jedoch nicht immer vollständig, sie laufen
den Schichtungsabsonderungen zuweilen unter spitzen Win-
keln zu. Wir haben deren nähere Beschreibung, und die
Darstellung ihres Verhaltens in den verschiedenen Regio-
nen des Gletschers von Acassız zu gewärtigen. Forges
scheint anzunehmen (Bibl. univ. de Gen£eve 42. S. 352) es
entstünden diese Bänder aus Spalten, die sich durch die
ungleichförmige Bewegung der verschiedenen Theile des
Gletschers nach der Richtung der Bänder, auf dem mitt-
lern Theil des Aargletschers also seiner Längenerstreckung
nach, bildeten, später sich mit Wasser füllten, was im
Winter gefriere. Die Unstatthaftigkeit dieser Erklärung er-
gibt sich wohl daraus, dass solche Längenspalten, die doch
bei der stärksten Bewegung des Gletschers während des
Sommers in dieser Jahrszeit vorzugsweise beobachtet wer-
den müssten, auf dem Aargletscher gar nicht existiren. Alle
Spalten laufen in der Regel queer über den Gletscher.
In den tiefern, vom Hötel des Neuchatelois weiter ab-
wärts liegenden Theilen des Aargletschers wird die Schich-
tenstellung wieder verändert, auf eine Art und Weise, in
die wir hier nicht eintreten wollen. Im Allgemeinen wird
sie verworrener, blaue Bänder und wahre Schichtungsab-
sonderungen lassen sich kaum mehr von einander unter-
scheiden. Das Daseyn einer Schichtung wird indess leicht
erkannt, wenn man sich einmal von der Thatsache an den-
jenigen Stellen des Gletschers überzeugt hat, wo sie we-
gen grösserer Regelmässigkeit anschaulicher hervortritt.
Das Vorhandenseyn einer Schichtung im Gletschereise
spricht nun ganz gegen eine Entstehungsweise des Eises
in den untern Regionen der Gletscher , wie CHARPENTIER
sich dieselbe vorstellt. Eine bloss aus gefrorenem Wasser
136
entstandene klare Eismasse könnte keine Schichtung zeigen.
CuArpenTier behauptet auch die geschichtete Structur des
Firns gehe verloren, wenn er sich zum Gletscher um-
wandelt (S. 18). Es ist überhaupt merkwürdig wie lange
die Structurverhältnisse der Gletscher auch von emsigen
Beobachtern übersehen worden sind, Es erklärt sich das
zunächst daraus, dass die Gletscher gewöhnlich nur bei
schöner Witterung besucht werden. Dann ist aber durch
die vor sich gehende Abschmelzung die äussere Oberfläche
des Gletschereises aufgelockert; Schichtung und blaue Bän-
der sind kaum bemerkbar, so deutlich sie bei Regenzeit
sich darstellen. Ist man aber einmal durch genauere
Beobachtung auf die Sache aufmerksam geworden, so wird
man überall die Schichtung erkennen.
Dass man im Innern des Gletschereises selten gröbere
Gesteinstrümmer antrifft, erklärt sich wohl genügend dar-
aus, dass erstlich die Stellen, wo durch Herabfallen von
Schutt derselbe in die Firnmasse begraben werden kann,
im Vergleich zu denjenigen, wo kein Schutt auf den Firn
gelangt, nur von unendlich kleiner Ausdehnung sind. Dann
liegen diese Stellen am Rande des sich bildenden Glet-
schers. Beim Herabschieben gegen die Tiefe zu erleidet
aber das am Rande liegende Eis gewöhnlich eine besonders
starke Abschmelzung, wie die Vertiefungen beweisen, wel-
che die Oberfläche des Gletschers häufig von den das Thal
einschliessenden Felswänden trennen, namentlich wenn die
Thalwand der Erwärmung durch die bescheinende Sonne
ausgesetzt ist. Die im Eise des Randes eingeschlossenen
Felstrümmer werden also bald entblösst und gelangen in
die Gandecke des Gletschers. Oder der Gletscher verei-
nigt sich mit einem andern, wo dann, wie wir bei der
Darstellung der Schichtungsverhältnisse gesehen haben, der
Rand in der Höhe bleibt, die Schichten in der Mitte sich
einbiegen und einknicken und zusammengedrängt werden.
i 137 :
Auch hier bleiben also wieder die Theile des frühern Ran-
des in der Höhe, dem Abschmelzen durch den Einfluss
der warmen Atmosphäre vorzugsweise ausgesetzt; die her-
ausschmelzenden Steintrümmer gelangen in die auf dem
zusammengesetzten Gletscher sich hinziehende Guferlinie ;
die theilweise aufgerichteten und zusammengepressten Schich-
ten des mittlern Theils des frühern Gletschers schmelzen
hingegen nur an den der Atmosphäre zugekehrten Kanten
ab. Alles trägt folglich dazu bei, dass diejenigen Theile
des Firns, welche gröbere Steintrümmer enthalten können,
zusammenschmelzen, ehe sie in den untern Theil des Glet-
schers gelangen, und es ist sich daher kaum zu verwun-
dern, dass man solche selten im Innern des letztern wahr-
nimmt.
So absolut rein, wie man gewöhnlich anzunehmen
pflegt, ist indess das Gletschereis durchaus nicht. Der
Sand, den die Winde auf die Mitte des Firns treiben, und
der zur deutlichern Bezeichnung von dessen Schichtungs-
absonderung beiträgt, bleibt in den Schichten des Glet-
schereises und theilt ihm selbst eine schwache Färbung mit,
wie wir oben gesehen haben. Es findet das nicht nur an
der Oberfläche statt, wo dieser Sand allerdings beim Ab-
schmelzen den Trennungslinien der Schichten entlang sich
anhäuft. An allen Spalten auf dem Gletscher bemerkt man,
wie die durch Sand verschiedentlich schwach gefärbten Eis-
schichten sich in die Tiefe hinunterziehen. Durch Schmel-
zen des aus einem Bohrloche von 20 Fuss Tiefe heraufgeför-
derten Eises hat Acassız das Vorhandenseyn des enthalte-
nen Sandes direet nachgewiesen (Comptes rendus. 15.8. 435).
Und doch müssten diese feinern Unreinigkeiten, die im
Firneis mit herunterkommen, eben sowohl im Gletschereise
verschwinden, wenn CuArrenrier’s Darstellung begründet
wäre.
138
4. Die Sıussure’sche Theorie der Gletscher.
Das Vorrücken der Gletscher geschieht nach der von
Aurmann zuerst aufgestellten und von Saussurz näher ent-
wickelten Theorie durch ihr eigenes Gewicht. Wenn die
Stellen, an welchen der Gletscher auf der abschüssigen
Unterlage aufliegt, allmählig abschmelzen, so bewirkt die
von oben aufdrückende Last ein Vorrücken thalabwärts.
Die Ungleichheiten der Unterlage, worüber der Gletscher
weggleitet, oder auch die unregelmässige Gestaltung der
Seitenwände, neben welchen der Gletscher vorgeschoben
wird, bewirken die Entstehung von den Spalten, die den
Gletscher durchziehen. Die Spalten ganz oder theilweise
abzuleiten von einer Spannung der Masse, die durch un-
gleichmässige Vertheilung der Temperatur in ihrem Innern
entstehen soll, ist unstatthaft, weil, wie oben näher ent-
wickelt worden ist, Alles darauf hinweist, dass der ganze
Gletscher in seinem Innern die gleichmässige Temperatur
von 0° besitzt.
Dass die Gletscher an ihrer Auflagerungsfläche im Ab-
schmelzen begriffen sind, beweist die unmittelbare Erfah-
rung an allen Stellen, wo man unter den Gletscher hat
eindringen können. Unter vielen Gletschern ziehen sich
zwischen dem Boden und dem Eise Höhlungen hindurch,
als unmittelbarer Beweis der hier vor sich gehenden Ab-
schmelzung. Die Eisgewölbe, unter welchen die Gletscher-
bäche am untern Ende vieler Gletscher hervorkommen, sind
allgemein bekannt, so z. B. die des Glacier des Bois im
Chamounithal, des Rhonegletschers, des Zermattgletschers,
welches letztere Acassız (Etudes sur les Glaciers Taf. 6)
abbildet u.a. m. Es ziehen sich diese Gewölbe öfter weit
unter die Gletscher hinein, und verzweigen sich auf man-
nigfache Weise. Ein Beweis davon liefert das bekannte
Abentheuer des Wirths Curıstıan Bouren, welcher im Juli
139
1787 auf dem obern Grindelwaldgletscher in eine 64 / tiefe
Spalte stürzte, und trotz seines gebrochenen Arms glück-
lich einen Ausweg fand, indem er in dem Bette des Bachs
unter dem Gletscher heraufkroch (Wyss, Reise ins Berner
Oberland S. 653). Hucı beschreibt (Alpenreise S. 261) die
Gewölbe unter dem Urazgletscher, am Fusse des Tit-
lis, in welchen er während 1% Stunden herumgekrochen
ist. Die ganze Gletschermasse ruhte hier auf einer unzäh-
ligenMenge kleinerer und grösserer unregelmässig vertheil-
ter Pfeiler, wie Aurmann sich die Sache vorgestellt hat.
Ganz übereinstimmende Wahrnehmungen machte er am
Oberaar-, Viescher- und Gasterngletscher, wo
es ihm ebenfalls gelang ziemlich weit unter die Eismasse
vorzudringen. Die Endpunkte dieser Gletscher liegen nach
seinen Beobachtungen in 7000, 4154 und 5341 Fuss Mee-
reshöhe (S.350 u. 339). Auch Ensemoser konnte im Bette
des Baches, der aus dem Pfelderer Gletscher im Ty-
rol hervorkömmt, sehr weit aufwärts gelangen, und sah
noch immer das Eisgewölbe sich fortziehen (Bıscuor Wär-
melehre S. 111). Es nehmen diese Höhlungen wahrschein-
lich an Umfang ab, je höher der Gletscher ansteigt; dass
sie aber auch an hoch gelegenen Punkten noch existiren
müssen, beweisen die starken Gletscherbäche, die auch
dort noch durch Spalten in die Tiefe stürzen und unge-
hindert abfliessen. Sehr oft kann man durch die Spalten
das Rauschen der unter dem Eise fortströmenden Bäche
vernehmen. Am augenscheinlichsten wird das Vorhanden-
seyn von zusammenhängenden Höhlungen, die unter dem
ganzen Gletscher sich fortziehen, durch jene oben erwähn-
ten, oft hoch am Gletscher liegenden Gletscherseen bewie-
sen, die gewöhnlich in kurzer Zeit sich leeren, und dann
plötzlich die am Ende der Gletscher abfliessenden Bäche
beträchtlich anschwellen.
140
Die Ursachen, welche das Abschmelzen an der untern
Fläche der Gletscher bewirken, sind: das von aussen in
die Klüfte des Gletschers eindringende Wasser, die ein-
dringende warme Luft, die Wärme des Erdbodens, und
endlich die Quellen, die unter dem Gletscher entspringen.
Unter diesen Ursachen ist wohl die wirksamste das
Abschmelzen durch die an den Boden des Gletschers ge-
langenden Wasser. Acassız (Etudes S. 206) fand die Tem-
peratur der kleinen Wasserrinnen und Bäche auf der Ober-
fläche der Gletscher immer sehr genau auf 0°, so lange
sie auf reinem Eis flossen, welches auch die Wärme der
umgebenden Luft seyn mochte; sobald sie aber auf der
Oberfläche des Gletschers über Sand und Kies rieselten
stieg ihre Temperatur höher, bis zu + 0°, 6 R. Ebenso
verhielt es sich mit dem in den oberflächlichen Vertiefun-
gen des Gletschereises sich ansammelnden Wasser. Bestan-
den deren Wände aus reinem Eis, so war das Wasser im-
mer auf 0°, sie mochten klein, oder sehr weit und tief
seyn; sobald aber der Boden mit Schlamm, Sand oder Kies
bedeckt war, stieg die Temperatur des Wassers bei war-
mer Lufttemperatur höher, bis zu + 10, 2R Das aus
dem Abschmelzen des oberflächlichen Eises entstandene
Wasser wird folglich, wenn es durch die Klüfte des Glet-
schers abfliesst, zum Abschmelzen des Eises im Innern sei-
ner Masse und auf dem Boden beitragen. In viel höherm
Maasse wird das bei dem Wasser der Fall seyn, welches
über die von Schnee entblössten, den Gletscher einschlies-
senden Thalwände demselben zuströmmt, und unter seine
Masse sich versenkt. Das auf die Oberfläche des Gletschers
herabfallende und von den Seiten ihm zufliessende Regen-
wasser wirkt auf ähnliche Weise.
Ferner wirkt abschmelzend die Luft, welche unter den
Gletscher eindringt. Die in den Zwischenräumen des Glet-
schers enthaltene auf 0° stehende Luft wird mit der äus-
141
sern, zur Sommerszeit stärker erwärmten Luft sich ins
Gleichgewicht zu setzen suchen. Sie wird, wie die Luft
in den Bergwerken, in den abwärts geneigten Kanälen in
die Tiefe sinken, zu den unten liegenden Oeffnungen aus-
strömen, während die wärmere äussere Luft durch die
höher liegenden Oeffnungen eingesogen wird, und, indem
sie durch die Höhlungen des Eises dringt, zu deren Er-
_ weiterung durch Abschmelzung beiträgt. Wie bei den
Luftzügen der Bergwerke ist dieser Luftwechsel in den
hohlen Räumen unter dem Gletscher, und der an gewissen
Stellen ausströmende Gletscherwind um so stärker, je
grösser der Temperaturunterschied zwischen der äussern
und innern Luft ist. Er nimmt an Stärke zu bei sehr war-
men Tagen, ist häufig unmerklich des Morgens und wächst
gegen den Mittag. Im Uebrigen sind diese Luftzüge natür-
licher Weise sehr abhängig von der Gestaltung der unter
dem Gletscher sich durchziehenden Höhlungen. Sinkt die
Temperatur der äussern Luft merklich unter den Eispunkt,
so kann die Richtung der Luftströmungen auch im entge-
gengesetzten Sinne eintreten, und erkältend im Innern des
Gletschers einwirken, wie wir bereits oben bemerkt haben.
Diese Einwirkung ist aber ungleich beschränkter, weil
durch das eintretende Gefrieren des durchsickernden Was-
sers die kalte Luft den fernern Zugang in das Innere des
Gletschers sich bald selbst verstopft. Im Winter kommt
noch dazu die bedeckende äussere Schneehülle, welche die
Zugänge zu den Höhlungen des Gletschers von aussen
ebenfalls verschliesst.
Die Wärme des Erdbodens muss ebenfalls zum Ab-
schmelzen an der untern Fläche der Gletscher beitragen,
wenn auch nicht in dem Maasse, wie Saussure es sich
scheint vorgestellt zu haben, zu einer Zeit, wo man über
die Vertheilung der Wärme im Innern des Erdkörpers noch
wenig bestimmte Erfahrungen besass. Diese Ursache ist
122
aber von Einfluss, weil sie an allen Punkten, wo das Glet-
schereis aufliegt, und zu jeder Jahreszeit, ungefähr gleich-
mässig sich äussern muss. Die Thatsache, dass die Wär-
me des Erdkörpers zunimmt, so wie man in sein Inneres
eindringt, bringt als nothwendige Folge mit sich, dass an
allen Punkten der Erdoberfläche Wärme ausströmt, bei
dem stattfindenden Vertheilungszustande freilich in so ge-
ringer Menge, dass sie die mittlere Lufttemperatur eines
Ortes nicht merkbar zu erhöhen vermag. Eis pe BeAv-
mont (Leonh. u.Bronn Jahrbuch, 1842. S. 855) berechnet,
dass die Wärmeausströmung für Paris jährlich eine 6 %
Millimeter dicke Eisrinde zu schmelzen vermag. Es nimmt
diese Grösse zu, wenn die Zunahme der Wärme gegen das
Erdinnere, oder wenn die Wärmeleitungsfähigkeit des Erd-
bodens wächst; die Veränderungen dieser Grössen können
aber nach Erıe pe Beaumont’s Ansicht nicht gar beträcht-
lich seyn. Demzufolge würde man, wenigstens näherungs-
weise, annehmen können, dass die Wärmeausströmung des
Erdbodens unter dem Gletscher ungefähr dieselbe ist. Sie
trifft hier, wie wir gesehen haben, eine beständige Tem-
peratur von 0° an, sie wird also vollständig zur Schmel-
zung des aufliegenden Eises verwendet. Nach diesen An-
gaben würde sie demnach jährlich 6 Y, Millimeter Eis an
der Grundfläche des Gletschers schmelzen, oder monatlich
etwa Y, Millim,, also im Zeitraum eines Monats nicht mehr
Wasser liefern, als ein ganz unbedeutender Regenschauer.
Die Annahme, dass eine der Grössen, von welcher die
jährliche Wärmeausströmung abhängig ist, nämlich die Zu-
nahme der Wärme des Bodens, wenn man in denselben
eindringt, unter dem Gletscher nicht wesentlich abweichen
kann, von dem was an andern Orten beobachtet wird,
scheint mir, wenigstens für die untern Gletscherregionen,
sehr unwahrscheinlich. Am Gletscherboden wird ausnahms-
weise eine beständige Temperatur von 0° erhalten, wäh-
143
rend in den Umgebungen die mittlere Bodenwärme eine
viel höhere seyn kann. Am Ende des untern Grindelwald-
gletschers herrscht z. B. wie wir angeführt haben, eine
mittlere Lufttemperatur von + 5° R.; die mittlere Boden-
temperatur ist wahrscheinlich noch höher. Die Vertheilung
der Wärme nach dem Erdinnern wird aber hauptsächlich
abhängig seyn von der- Temperatur, die an der weit aus-
gedehntern, vom Gletscher nicht bedeckten Bodenfläche
herrscht. Auf dem verhältnissmässig sehr geringen Flä-
chenraum, der vom Gletschereis bedeckt wird, muss daher
in der äussersten Erdhülle ausnahmsweise eine stärkere
Temperaturzunahme nach innen eintreten. In gleichem
Verhältnisse nimmt aber die Wärmeausströmung zu. Neh-
men wir aber auch eine beträchtliche Vervielfachung der
von ErLiE ns BeAumont berechneten Grösse an, der Satz,
wozu er gelangt, bleibt richtig, dass die Abschmelzung,
welche in Folge der Wärmeausströmung des Erdkörpers
unter dem Gletscher erfolgt, nur einen verhältnissmässig
sehr kleinen Beitrag liefert, zu der Wassermasse der Bäche,
die aus den Gletschern abfliessen.
Auf eine mehr mittelbare Weise kann die Erdwärme
abschmelzend auf die untere Fläche der Gletscher einwir-
ken, durch die Quellen, die unter dem Gletscher selbst
entspringen, und welche, wenn sie aus einer etwas be-
trächtlichen Tiefe kommen, die wärmere Temperatur der
tiefern Erdschichten mit sich bringen. Diese Ursache der
Abschmelzung ist eine durchaus örtliche, der Umfang ihres
Einflusses kann daher nur sehr schwer beurtheilt werden.
Wo die Mitteltemperatur der Oberfläche des Bodens unter
0° sinkt, derselbe folglich in einer gewissen Tiefe fortwäh-
rend gefroren bleibt, die atmosphärischen Wasser also
nicht mehr eindringen können, müssen auch alle Quellen
verschwinden. Nach den Erfahrungen, die man im Nor-
den von Europa gemacht hat, steht in Gegenden, welche
144
einen beträchtlichen Theil vom Jahr mit einer Schneehülle
bedeckt sind, die Mitteltemperatur der äussersten Schicht
des Erdbodens immer höher als die Mitteltemperatur der
umgebenden Luft, weil der entblösste Erdboden die Som-
merwärme aufnimmt, im Winter hingegen die Schneebe-
deckung das Eindringen der Kälte hemmt, und überdiess
wenn der Boden gefroren ist, das Einsickern von Wasser
aufhört. In den Alpen, wo ähnliche Verkältnisse obwal-
ten, wird daher die mittlere Bodentemperatur von 0°, sich
höher hinaufziehen, als die mittlere Lufttemperatur von 0°,
welche, wie angeführt worden, nach Bıscaor in einer Mee-
reshöhe von 6165 Fuss anzutreffen ist. Ueber die Höhe,
in welcher in den Alpen die Mitteltemperatur des Bodens
unter 0° sinkt, fehlen noch genauere Beobachtungen. Je-
denfalls muss daselbst jeder Einfluss der Quellen aufhören.
Die unter den Gletscher gelangenden Wasser geben
nicht einmal unter allen Umständen ihren Temperaturüber-
schuss über 0° vollständig ab, bis sie am Ende des Glet-
schers wieder zu Tage kommen. Bıscnor (Wärmelehre S.
109) fand den Gletscherbach des untern Grindelwald-
gletschers an seinem Ausflusse auf + 0°, 4 R., am
obern Grindelwaldgletscher auf + 0°, 6, und am
Lämmerngletscher auf der Gemmi auf + 0°, 2, un-
geachtet die beiden letztern keine Eisgewölbe an ihrem Ende
hatten, und das Wasser unmittelbar unter dem Eise her-
vorkam. Es ist das ein Beweis, dass ein Wasserstrahl von
einiger Stärke den Ueberschuss von Wärme an das Eis,
mit welchem er in Berührung kömmt, nur allmählıg ab-
gibt, dass er daher noch in beträchtlichen Entfernungen
von den Punkten, wo er unter den Gletscher eintritt, Ab-
schmelzungen an dessen Grundfläche bewirken kann. Ex-
neMmoser (Bischof a. a. ©.) beobachtete bei 6 Tyroler Glet-
schern die Temperatur der abfliessenden Bäche sogar auf
+1°R., am Pfelderergletscher auf +1°, 7. Acassız
145
(Etudes S. 215) fand die Temperatur der Visp, beim Aus-
flusse aus dem Zermattgletscher des Morgens immer
fast genau 0°; während des Tags erhob sie sich aber bis
auf + 10, 2R. Eine ganz ähnliche Wahrnehmung machte
er amBache des Zmuttgletschers. Es ist daher nicht
unwahrscheinlich, dass die höhere Temperatur bei den Bä-
chen dieser beiden Gletscher hauptsächlich herkommen mag
von der grössern Wärme, welche die von der Seite zu-
strömenden, unter die Gletscher sich versenkenden Bäche
mitbringen, und beim Durchfluss durch die Gletscherge-
wölbe nicht ganz verlieren, da sie diese höhere Tempera-
tur nur während des Tages besitzen. Die unter den Glet-
scher hauptsächlich während des Tages, einströmende war-
me Luft kann jedoch auch von Einfluss seyn. Die Aar,
beim Austritt aus dem Unteraargletscher, zeigte nach Acassız
während des Tags gewöhnlich + 0%, 8 R.
Die Eisschicht, welche an der Bodenfläche eines Glet-
schers abschmilzt, muss an denjenigen Stellen, wo haupt-
sächlich nur das eindringende Schmelzwasser wirkt, sehr
unbeträchtlich seyn, im Verhältniss zu der Abnahme, die
der Gletscher durch das Abschmelzen an seiner Oberfläche
erleidet; denn die Schmelzwasser können im günstigsten
Falle nur mit einem geringen Temperaturüberschuss über
0° an den Boden des Gletschers gelangen. Die Totalein-
wirkung der ausströmenden Erdwärme ist, wie wir gese-
hen haben, ebenfalls nur gering. Unter günstigen Ver-
hältnissen, namentlich wenn der Zutritt der äussern war-
men Luft lebhaft stattfindet, kann hingegen das Abschmel-
zen am Boden sehr bedeutend werden. Vom 26. Juni bis
zum 10. September 1842 beobachtete Forzes, (Bibl. univ.
de Geneve 42. S. 364) nahe beim Rande des Eismeers
ım Ghamounithal, ein Einsinken der Oberfläche des Glet-
schers von 25 engl. Fuss und 11% Zoll. In der Mitte des
Gletschers war das Einsinken noch bedeutender. Er hat
10
146
sich überzeugt, dass dasselbe bei weitem zum grössten
Theil vom Abschmelzen des Eises an der Bodenfläche her-
rührte (S. 356).
5. Würdigung einiger gegen die Saussurr’sche
Theorie erhobenen Einwürfe.
Ein Einwurf gegen die Theorie des Herabgleitens der
Gletscher auf geneigter Grundfläche in Folge ihres eigenen
Gewichts, welchen man oft geltend gemacht hat, ist fol-
gender: (s. z. B. CuAnrenrier $ 14). Viele Gletscher ru-
hen auf einer so stark geneigten Grundfläche, dass nicht
abzusehen sey, warum, wenn sie einmal ins Gleiten kom.
men, dasselbe nicht fortdauere, und die ganze Gletscher-
masse in die Tiefe stürze. Der Einwurf wäre begründet,
wenn ein Gletscher aus einer starren, fest zusammenhän-
genden Masse bestünde, wie z. B. eine Scheibe von Glas,
oder ein Felsblock. Ein Körper von dieser Beschaffenheit
würde allerdings fortgleiten, wenn sein Gewicht einmal die
Reibung am Boden, welche ihn auf einer gleichmässig ge-
neigten Grundfläche festhält, überwunden hat; denn die
Reibung auf der Grundfläche bleibt beim Fortbewegen eines
solchen Körpers ungefähr dieselbe; zu dem Druck von
oben, der einmal diese Reibung überwunden hat, kommt
die Gewalt der Bewegung selbst, es ist folglich keine Ur-
sache da, welche die einmal eingeleitete Bewegung hemmt,
und die ganze Masse stürzt mit beschleunigter Geschwin-
digkeit in die Tiefe. Die angegebene Beschaffenheit ist
aber durchaus nicht diejenige eines Gletschers. Er besteht
im Gegentheil aus einer vielfach zerklüfteten dem Drucke
nachgebenden Masse, kann also besser verglichen werden
mit einer Anhäufung von Schutt, welcher auf einer geneig-
ten Grundfläche aufliegt, als mit einem zusammenhängen-
den Felsblock. Der wesentliche Unterschied zwischen ei-
17
ner Schuttmasse aus Felstrümmern, und einer Trümmer-
masse von Eis, wie wir uns den Gletscher denken müssen,
ist derjenige, dass die erstere unverändert dieselbe bleibt,
dass folglich Felsschutt auf geneigter Grundfläche liegen
bleibt, wo er einmal sich abgelagert hat, es sey denn,
dass nachfallende Massen den Druck von oben vermehren,
oder dass einsickernde Wasser die Beweglichkeit der ein-
zelnen Theile erhöhen. Eisschutt auf geneigter Grundflä-
che erleidet aber eine beständige Veränderung durch die
fortdauernde Abschmelzung, die an der Auflagerungsfläche
vor sich geht. Es löst sich dadurch der Zusammenhang
an allen Stellen, wo die Masse auf der Grundlage aufsitzt,
und es muss folglich ein Zeitpunkt eintreten, wo der Druck
von oben den Widerstand an der Grundfläche überwindet,
und die Masse weiter gleitet. So wie aber das Gleiten ein-
tritt, vermehren sich durch Nachgiebigkeit der ganzen Masse
die Berührungsstellen, der Gletscher greift wieder voll-
ständiger ein in die Unebenheiten der Unterlage, der Zu-
sammenhang mit derselben nimmt ‚zu bis er durch die im-
mer fortschreitende Abschmelzung wieder geschwächt wird.
Der Gletscher, bei seiner Fortbewegung, erlangt also nie-
mals ein starkes Bewegungsmoment; die durch das fort-
währende Abschmelzen an der Grundfläche eingeleitete Be-
wegung wird eben so allmählig durch die mit der Bewe-
gung selbst wieder zunehmende Reibung gehemmt, und
diese wieder eben so allmählig vermindert; der Gletscher
muss sich folglich mit gleichmässiger langsamer Bewegung
fortschieben, so lange das Abschmelzen an der Bodenfläche
in gleichem Maasse vor sich geht, und derDruck von oben
auf der geneigten Grundfläche derselbe bleibt.
Erlitte die Reibung am Boden nicht auf die angege-
bene Weise eine beständige Verminderung, so wäre auch
kaum zu begreifen, warum bei einem nur etwas mächtigen
Gletscher, der auf abschüssiger Unterlage weiter gleitet,
148
die Fortbewegung in der Regel immer in der ganzen Eis-
masse, vom Boden bis zur Oberfläche gleichmässig, statt-
findet, und nicht ein oberer Theil des Gletschereises häu-
fig über den untern weiter gleitet; denn der zu überwin-
dende Zusammenhang im Innern des Gletschereises selbst
könnte kaum grösser seyn, als die zwischen dem Gletscher
und seiner Grundfläche. Am allerwenigstens ıst ein Unter-
schied denkbar, wenn nach CuArrentier’s Behauptung die
Gletscher am Boden festgefroren wären.
Wir wollen hier die zum 'Theil höchst unglücklichen
Erklärungsweisen nicht berühren, die eine verschiedene
Geschwindigkeit in der Bewegung verschiedener über ein-
ander liegender Schichten des Gletschereises darzulegen
versuchen; überall, wo man den Gletschern durch directe
Beobachtung hat beikommen können, hat sich die gleich-
mässige Fortbewegung in der ganzen Mächtigkeit des Glet-
schers als Thatsache erwiesen; die angebliche Ungleich-
mässigkeit der Bewegung unter solchen Verhältnissen bloss
in diejenigen Stellen zu verlegen, die der directen Beob-
achtung unzugänglich sind, ist bei physikalischen Erklärun-
gen ein höchst missliches Unternehmen. DBewegt sich aber
das Gletschereis in der Regel immer seiner ganzen Mäch-
tigkeit nach gleichmässig, so ist das einer der directesten
Beweise, dass die Lösung des Widerstandes fortwährend
an der Bodenfläche stattfindet, und dass das eigene Gewicht
der Gletschermasse die Ursache ihrer Bewegung ist.
Dass es übrigens viele Gletscher gebe, die, wie CuAr-
PENTIER behauptet, auf einer mehr als 45° geneigten Grund-
fläche liegen, bedarf noch der Nachweisung durch genauere
Messungen, da bei einer blossen Schätzung nach dem Au-
genmasse in der Beurtheilung der Bergabhänge bekanntlich
leicht Irrthümer unterlaufen.
Ein zweiter Einwurf ist dem vorigen gerade entgegen-
gesetzt. Viele Gletscher sollen eine so geringe Neigung
149
der Oberfläche zeigen, dass bei einem so schwachen Ge-
fälle ein Vorwärtsschieben durch ihr eigenes Gewicht nicht
denkbar ist. Auch dieser Einwurf scheint nicht von Er-
heblichkeit. Es ist noch kein Beispiel eines in Bewegung
begriffenen Gletschers nachgewiesen worden, dessen Ober-
fläche nur in einiger Erstreckung völlig horizontal läge.
Der Unteraargletscher wird als ein Beispiel eines sehr we-
nig geneigten Gletschers angeführt, und doch zeigt seine
Oberfläche einen Abfall von 3 und 49%. Erie ne BeAumonT,
welcher sich mit Ausmittlung der Neigung der Gletscher
speziell beschäftigt hat, bemerkt ausdrücklich, er kenne in
den Alpen keinen Gletscher, der sich in einiger Ausdeh-
nung, z. B. von einer Stunde, auf einer erheblich gerin-
gern Neigung als von 30 bewegte (Leonu. u. Bronx Jahrb.
1842. S. 858). Ein Wasserstrom von der Mächtigkeit des
Gletschereises, mit einer solchen Neigung seiner Ober-
fläche, würde eine ganz ungeheure Geschwindigkeit be-
sitzen, und das ja auch nur in Folge des eigenen Gewichts
seiner Wassermasse.. Auch auf wenig geneigter Fläche
muss folglich das Eis gegen die Tiefe geschoben werden,
wenn die Stellen, wo es auf dem Boden aufliegt, zusam-
menschmelzen. Es sind überhaupt zwei Elemente, welche
das Fortrücken eines Gletschers hauptsächlich bedingen:
der abwärts wirkende Druck, der wiederum abhängig ist
von der Neigung der Bodenfläche und vom Gewicht der
aufliegenden Eismasse, und die Grösse des an dem Boden
stattfindenden Abschmelzens. In Folge des Druckes allein
bewegt sich der Gletscher so wenig vorwärts, als eine auf
geneigter Fläche abgelagerte Schuttmasse, die Abschmel-
zung am Boden muss dazu kommen. Ist diese sehr ge--
ring, so kann auf sehr geneigter Grundfläche ein Gletscher
langsamer vorrücken, als einer von demselben Gewicht, der
auf einer viel weniger geneigten Bodenfläche ruht, auf wel-
cher aber das Abschmelzen viel rascher vor sich geht; ist
150
das Abschmelzen aber gleich, so muss unter denselben Um-
ständen das Vorrücken auf einer geneigten Unterlage aller-
dings schneller vor gich gehen. Der Einfluss jedes der
Elemente , in einem gegebenen Fall, ist freilich schwer zu
bestimmen. Wenn Acassız im Sommer 1842 die mittlere
tägliche Bewegung auf dem Aaargletscher etwa 3 Y; Schwei-
zer Zoll gefunden hat, (Comptes rendus 15. S. 736), an
einem Punkte freilich, der noch nicht fern vom Rande lag,
und wo daher der Gletscher nicht die schnellste Bewegung
hatte, Forses hingegen ungefähr zu derselben Zeit diese
tägliche Bewegung am Eismeer im Chamounithale von 15
bis 171% engl. Zoll, gegenüber dem Montanvert sogar von
27 Zoll gefunden hat, (Bibl. univ. de Gen. 42. p. 340 u.
345), so können wir bloss abnehmen, dass die Geschwin-
digkeit des Fortschiebens an verschiedenen Gletschern eine
sehr verschiedene ist, es mangeln uns aber noch alle That-
sachen um auszumitteln, welchen Antheil an dem so un-
gleich stärkern Fortschreiten, was Forses beobachtet hat,
die stärkere Neigung des Eismeers, und welchen die stär-
kere Abschmelzung am Boden gehabt hat.
Rückt ein Gletscher in verschiedenen Abständen von
seinem untern Ende, aus irgend einer Ursache, mit ver-
schiedener Geschwindigkeit vor, so sind zwei Fälle denk-
bar. Ein weiter thalabwärts liegender Theil schreitet
‚schneller vor; dann werden, weil die hinterliegenden Theile
nicht nachkommen, eine Menge von Spalten entstehen und
die Längenausdehnung des Gletschers wird in Folge der
vielen entstehenden und sich erweiternden leeren Räume
zunehmen, während die Gesammtheit der vorhandenen Eis-
masse dennoch in stetem Abnehmen begriffen ist. Oder
ein thalaufwärts liegender Theil des Gletschers bewegt sich
schneller, als ein ihm vorliegender. Es wird in diesem
Falle einDruck der hinterliegenden Massen gegen die vor-
liegenden enstehen, deren erster Effekt seyn wird die vor-
151
handenen Spalten zu schliessen. Nur bis in eine mässige
Entfernung wird aber der Druck der hinterliegenden Theile
gegen die vorliegenden fühlbar seyn können, und die Ge-
schwindigkeit vermehren, welche diese letztern für sich
annehmen würden; denn die beim Vorrücken über die
Grundfläche zu überwindende Reibung wird bald zu gross
werden. Durch den von hinten wirkenden Druck, und
den weiter abwärts stattfindenden Widerstand, wird dann
die ganze Gletschermasse sich aufstauen; die Dicke des
Gletschers wird an solchen Stellen zunehmen, bis das meh-
rere Nachrücken von hinten mit dem vorliegenden Wider-
stande sich ins Gleichgewicht gesetzt hat. Diese Erschei-
nung wird vorzüglich eintreten, wo das Bett des Gletschers
von einer starken Neigung plötzlich zu einer weit geringern
übergeht. An solchen Stellen wird daher die Dicke des
Gletschers in der Regel bedeutend zunehmen. Auf dem
Aargletscher ist die Gegend beim Abschwung eine Stelle,
an welcher wir durch das Einsinken und Einknicken des
mittlern Theils der Gletscherschichten einen unmittelbaren
Beweis von dem erfolgenden Zusammendrängen und Auf-
quellen der ganzen Masse vor uns haben, und das Alles
durch das erfolgende Nachrücken, ohne irgend ein Anwach-
sen des Gletschereises von innen heraus.
Es erleiden diese Vorgänge noch einige Modification
durch das Abschmelzen, welches im Gletschereise nicht nur
an der Oberfläche und am Boden, sondern in seiner gan-
zen Masse stattfinden muss. Namentlich muss das eintreten
durch die Einwirkung der warmen Luft, wenn sie durch
die stark zerklüftete Masse eines Gletschers Zutritt findet;
ferner durch die von der Oberfläche abfliessenden Schmelz-
wasser, und noch in stärkerm Maasse durch die herabfal-
lenden wärmern Regenwasser, die allerorts durch die Klüfte
des Gletschers eindringen. Bei dem oben erwähnten durch
Forses vom 26. Juni bis zum 10. Sept. 1942 beobachteten
152
so bedeutenden Zusammensinken des Gletschereises am Eis-
meere des Chamounithals, hat unstreitig diese allseitige Ab-
schmelzung des Eises mächtig mitgewirkt. Es lassen sich
demzufolge Stellen an einem Gletscher denken, wo in Folge
einer stärkern Bewegung der thalaufwärts liegenden Theile,
die Entfernung zwischen zwei gegebenen Punkten der Ober-
fläche abnimmt, ohne eine damit verbundene Zunahme der
Mächtigkeit des Gletschers, indem bloss die durch das all-
seitige* Abschmelzen erfolgende Erweiterung aller Klüfte,
durch das schnellere Nachrücken von oben ganz oder theil-
weise ersetzt wird.
Aus diesen Erörterungen geht hervor, dass auch der
Beweis eines Ersatzes des Eises von innen heraus, den
Acassız aus der geringen Abnahme der Mächtigkeit eines
Gletschers an seinen thalabwärts liegenden Theilen abzu-
leiten versucht, ohne Gewicht ist. Er führt das Beispiel
eines 4000 Fuss langen Gletschers an, der an seinem Ur-
sprung 50 Fuss Mächtigkeit besitzt, und fast dieselbe Mäch-
tigkeit noch an seinem Ende zeigt. (Comptes rendus 15.
S. 284). Es scheint ihm das unvereinbar mit einem fort-
dauernden Abschmelzen an der obern und untern Fläche,
während des langen Zeitraums, den die Eismasse bedarf,
um vom obern Ende des Gletschers bis zum untern vor-
zurücken, wenn nicht ein Ersatz durch Anwachsen der
Eismasse von innen heraus stattfände. Das bei thalabwärts
stattfindender Abnahme der Geschwindigkeit des Vorrü-
ckens erfolgende Aufquellen durch den Druck des hinter-
wärts liegenden Theils des Gletschers, kann aber die durch
das Abschmelzen erfolgende Abnahme der Mächtigkeit hin-
reichend ersetzen. In der Regel scheint jedoch die Mäch-
tigkeit der meisten Gletscher gegen den Punkt hin, wo sie
ausmünden, allerdings abzunehmen.
Die genauen, von Acassız und Forses im Sommer 1842
ausgeführten Messungen haben gezeigt, dass die Gletscher
153
kontinuirlich zu allen Stunden des Tages und.der Nacht
im Vorrücken begriffen sind; und dass die Mitte des Glet-
schers schneller vorrückt, als seineRänder. Ob zu keiner
Zeit ein ruckweises Vorschreiten eintrete, bleibt noch zu
erörlern, denn nach einigen ältern, schwer zu bezweifelnden
Angaben ist ein solches bestimmt beobachtet worden. Der
Pfarrer von Grindelwald Frıeprıcn Leumann gibt (Wess,
Reise ins Berner Oberland S. 659) folgende Beschreibung
eines Ereignisses auf dem untern Grindelwaldglet-
scher: „Das Ziel unserer Tagereise, die Hütten am Ze-
senberge ruhten schon sichtbar vor unsern Augen, und
eine Viertelstunde davon lagerten wir uns, um eine Pfeife
anzuzünden, ganz sorgenlos auf dem Eis. Kaum aber sass
ich, so hatte das wundersame Ereigniss des Gletscherwach-
sens statt. Ein unvergleichbar schreckliches Getöse, ein
betäubender Donner liess sich hören. Um uns her fieng
Alles an sich zu regen. Flinten, Bergbickel, Waidsäcke,
die wir auf den Boden gelegt, schienen lebendig zu wer-
den. Felsenstücke, ruhig zuvor auf dem Gletscher haf-
tend, rollten behend übereinander. Schründe verschlossen
sich mit einem Knalle, dem Schuss einer Kanone gleich,
und spritzten das Wasser, das gewöhnlich in ihnen sich
befindet, bis zu Hauseshöhe, wobei wir tüchtig beregnet
wurden. Neue 10 bis 12 Schuh breite Spalten öffneten
sich mit einem ganz unbeschreiblich widerwärtigen Getöse.
Die gesammte Gletschermasse rückte vielleicht um einige
Schritte vorwärts. Eine schreckliche Umwälzung schien
sich zu bereiten; aber in wenigen Sekunden war Alles wie-
der still, und nur das Pfeifen einiger Murmelthiere unter-
brach das bängliche Todesschweigen.” Fast ganz überein-
stimmende Beobachtungen, ebenfalls vom untern Grindel-
waldgletscher, theilen Arrwmann (S 47) und Kuux (a. a. O.
S. 129) mit. Es mag sich indess mit der Richtigkeit die-
ser Beobachtungen verhalten, wie man will, die Thatsache
154
steht fest, dass das kontinuirliche Vorrücken der Gletscher
Regel, das ruckweise jedenfalls nur seltene Ausnahme ist.
Auf den ersten Blick könnte man allerdings glauben,
nach der Saussure’schen Theorie müsste ein ruckweises
Fortgleiten des Gletschers beobachtet werden. Die konti-
nuirliche Fortbewegung ist auch noch von Forsgzs als Haupt-
einwurf gegen diese Theorie geltend gemacht worden, nach-
dem er die Unstatthaftigkeit der Cuarpentier’schen ausführ-
lich nachgewiesen hat. (Bibl. univ. de Gentve 42. S. 362).
Eine genauere Betrachtung der Sache, wie sie oben gege-
ben worden ist, führt aber zum Ergebniss, dass in der
Regel ein allmähliges, langsames Fortschreiten der Glet-
scher stattfinden muss; eine ruckweise Bewegung kann fast
nur beim Einstürzen grösserer am Boden des Gletschers
entstandener Gewölbe beobachtet werden. Es müsste näm-
lich eine ruckweise Bewegung eintreten, wenn der Glet-
scher, wie ein fester Fels, nur an wenigen Punkten auf
seiner Unterlage aufläige. Würde dann der Gletscher an
seinen Auflagerungspunkten abschmelzen, so würde er fort-
gleiten, bis die vermehrte Reibung am Boden ihn wieder
zur Ruhe brächte.. Da aber das Aufliegen der ihrem Ge-
wichte nachgebenden Gletschermasse an sehr vielen Punk-
ten stattfindet, die Bewegung jeder einzelnen Parthie des
Gletschers bedingt wird, durch den Widerstand, den die
vorliegenden Parthien darbieten, und den Druck, den die
hinterliegenden ausüben, so kann, wenn das Abschmelzen
am Boden ein allmähliges ist, die fortschreitende Bewegung
auch nur eine allmählige kontinuirliche seyn. Die ruck-
weise unregelmässige Bewegung, welche die einzelnen Theile
für sich annehmen würden, gleicht sich, wie bei allen Vor-
gängen ähnlicher Art, zu einer mittlern allgemeinen Bewe-
gung der ganzen Masse aus.
Aus einer ähnlichen Ursache bemerkt man wohl auch
einen so geringen Unterschied in der Geschwindigkeit des
155
Gletschers während des Tags und der Nacht. Die den Tag
über, namentlich in der letztern Hälfte des Trages, in den
Gletscher sich versenkenden Wasser sind stärker und wär-
mer, als des Nachts, sie müssen folglich kräftiger das Ab.
schmelzen befördern. Bis sie aber an den Boden gelangen,
und auf die Ablösung der Auflagerungspunkte ihren vollen
Effekt ausüben, vergeht eine beträchtliche, schwer a priori
zu bestimmende Zeit. Aehnliches gilt von der Einwirkung
der eindringenden wärmern Tagesluft. Wenn daher der
Gesammteffekt während einer Reihe auf einander folgender
Tage derselbe bleibt, so wird man einen geringen Unter-
schied in der Bewegung des Gletschers während der ein-
zelnen Tagesstunden wahrnehmen können, der noch über-
diess von den eigenthümlichen Verhältnissen eines gegebe-
nen Gletschers abhängig seyn muss. In der That fand
Acassız im Sommer 1842 die Bewegung des Aargletschers
während der Nacht von 7 Uhr Abends bis 7 Uhr Morgens
etwas weniges stärker, als während der 12 übrigen Stun-
den, im Mittel von 23 Beobachtungstagen 19 Linien des
Nachts, 16 %, Linien des Tags (Comptes rendus 15. 8.736).
Forges hingegen beobachtete am Eismeer im Chamouni-
thal in den letzten Tagen des Juni 1842, von 6 Uhr Abends
bis 6 Uhr Morgens, ein Fortschreiten von 8 oder S 5 Zoll;
während der 12 Tagesstunden von ungefähr Y%, Zoll mehr
(Bibl. univ. de Geneve 42. S. 340). Nahm hingegen wäh-
rend mehrerer auf einander folgender kalter Tage die
Menge sowohl, als die Wärme der in den Gletscher ein-
dringenden Wasser bedeutend ab, so verminderte sich al-
lerdings auch die fortschreitende Bewegung des Gletschers
auf eine sehr entschiedene Weise (Forzes S. 364).
Der stärkere Druck der in der Mitte des Gletschers
mächtigern Eismassen und die grössere Menge der ein-
dringenden Wasser, welche in Folge der Neigung des Bo-
dens, daselbst zusammenfliessen, und eine stärkere Ab-
156 2
schmelzung bewirken, sind wahrscheinlich die Ursachen
der von Acassız sowohl als von Forzes ausgemittelten That-
sache, dass die Bewegung des Gletschers in der Mitte be-
trächtlich grösser ist, als an den beiden Seitenrändern.
Mit dieser ungleichmässigen Bewegung muss nothwendiger
Weise ein Verschieben der gegenseitigen Lage zweier un-
gleich vom Rande entfernter Punkte auf dem Gletscher ver-
bunden seyn. Längenspalten können aber dadurch keine
entstehen, denn die in der Mitte -schneller nackrückende
Masse füllt alle entstehenden Zwischenräume sofort wieder
aus, oder lässt sie vielmehr nicht zum Entstehen kommen,
auf ähnliche Weise, wie die Queerspalten in einem Glet-
scher sich schliessen, wenn die Bewegung des Gletscher-
eises oberhalb stärker ist, als mehr thalabwärts. In der
That werden auch auf einem in die Länge sich erstrecken-
den, in einem regelmässigen Thale eingeschlossenen Glet-
scher, wie z. B. auf dem Aaargletscher, keine Längenspal-
ten beobachtet, so häufig auch die aus der schnellern Be-
wegung des thalabwärts liegenden Eises, entstehenden Queer-
spalten sind. Hingegen zeigen sich auf dem Aaargletscher
an denjenigen Stellen des Randes, wo die den Gletscher
einschliessende Thalwand Felsenvorsprünge zeigt, sternför-
mig sich verbreitende, von diesen Vorsprüngen schief auf-
wärts laufende Spalten. Der Grund ihrer Entstehung liegt
am Tage, in der Verzögerung der Bewegung in dem thal-
aufwärts liegenden Eise, welche der Felsenvorsprung ver-
anlasst, während das thalabwärts liegende Eis ungehemmt
vorrückt. In einiger Entfernung abwärts vom Vorsprung
sind aber diese Spalten vollständig wieder geschlossen, so
wie die Verzögerung der Bewegung, welche der Vorsprung
veranlasst hat, wieder ausgeglichen ist. Wie man aber
zwei Stücke Gletschereis, die man aneinander drückt, zu-
sammenhaften sieht, so bildet die Gletschermasse, wenn
157
Spalten durch den Druck sich wieder geschlossen haben,
auch wieder eine ununterbrochene Masse.
Schliesslich ist noch der Einwurf zu berühren, welcher
gegen die Saussure’sche Theorie, aus der angeblichen Un-
beweglichkeit der Gletscher im Winter, hergeleitet worden
ist. Ob diese Unbeweglichkeit im Winter wirklich statt-
finde oder nicht, ist noch ein Gegenstand des Streites, der
nur durch bestimmtere Beobachtungen. erledigt werden
kann. Aus dem Zustande der Schneedecke, welche den
Aargletscher im März 1841 gleichmässig überdeckte, als
Acassız denselben besuchte, leitet er den Schluss ab, dass
der Gletscher zu dieser Jahreszeit sich nicht bewegen
könne. (Bibl. univ. de Gen. Avril 1842). Hucı hingegen
führt das bestimmte Zeugniss des Pfarrers ZıEsLEr in Grin-
delwald an, dass die dortigen Gletscher ein sehr deutliches
Vorrücken zur Winterszeit zeigen (die Gletscher und die
erratischen Blocke S. 33). Diese letztere Meinung scheint
mir die wahrscheinlichere, schon wegen der allgemein be-
obachteten Thatsache, dass die Gletscher im Frühsommer
weit weniger Spalten zeigen, als im Spätjahr, was auf ein
'Zusammenrücken der ganzen Gletschermasse während des
Winters hinweist. Jedenfalls ıst die fortschreitende Bewe-
gung viel geringer, als im Sommer, was übrigens ganz im
Einklange ist mit den oben gegebenen Entwicklungen. Im
Winter können nur die Erdwärme, und die ganz lokal wir-
kenden unter dem Gletscher entspringenden Quellen eine
Abschmelzung an dessen Grundfläche hervorbringen. Wie
gering aber der Effekt der Erdwärme gegen die der übrigen
im Sommer einwirkenden Ursachen seyn muss, haben wir
genugsam dargethan. Da die Erdwärme an allen Stellen
des Gletscherbetts viel gleichmässiger wirkt, als die ein-
dringenden Wasser und die warme Luft, die zur Sommers-
zeit in den untern Theilen des Gletschers eine ungleich
grössere Abschmelzung zu Stande bringen müssen als in
158
den höher liegenden, so lässt sich vermuthen, dass zur
Winterszeit die Bewegung des Gletschers in den tiefern
Gegenden verhältnissmässig sich mehr verzögert, und dass
eben deshalb durch das Nachdrängen der weniger Verzö-
gerung erleidenden obern Massen, die Spalten zur Win-
terszeit sich schliessen, und der ganze Gletscher unten an
Mächtigkeit zunimmt. Auch das Festfrieren des Gletschers,
was im Winter um seinen Rand herum durch Eindringen
der Kälte eintreten kann, wenn die deckende Schneehülle
nicht genugsam schützt, muss die Bewegung am Ausgehen-
den des Gletschers hemmen, und das Nachrücken der obern
Eismassen befördern.
Die von den Gletschern abfliessende Wassermasse ist
im Winter sehr gering, was in dem eben Gesagten seine
Erklärung findet. Aus der Klarheit dieses Wassers den
Schluss abzuleiten, dass dasselbe bloss von unter dem
Gletscher entspringenden Quellen herrühren könne, scheint
mir etwas gewagt; denn das spärlicher, und folglich lang-
samer fliessende Wasser muss weniger fremde Theile mit
sich führen, als die stärkern Gletscherbäche im Sommer,
deren Wasser beständig eine gewisse Trübung besitzt. Als
Saussure im Winter 1764 das Chamounithal besuchte, wo
eine tiefe Schneedecke das ganze Thal bedeckte, sah er
noch sehr beträchtliche Bäche unter allen Gletschern her-
vorkommen. Bei einigen Gletschern versiegen indess die
Bäche ganz. Nach den von Bıscnor (Wärmelehre S. 104)
eingezogenen Erkundigungen scheint das beim Lämmern-
gletscher auf der Gemmi einzutreten. Es ist das frei-
lich ein kleiner, auch im Sommer nur wenig Wasser lie-
fernder Gletscher, dessen unteres Ende 7000 Fuss über
dem Meere liegt. Nach den Beobachtungen des Pfarrers
Zıesrer (Bıscnor S. 116) liefert der sehr tief ins Thal sich
herunterziehende untere Grindelwaldgletscher im
Winter ebenfalls kein Wasser, während der Bach des höher
159
liegenden obern Grindelwaldgletschers beständig
fortfliesst. Es ist sehr möglich, dass in diesen Fällen die
Ausgänge an der äussern, der Einwirkung der kalten Luft
ausgesetzten Seite des Gletschers zufrieren, und das im
Innern sehr langsam abschmelzende Wasser hinter dem Eis-
damme, der ihm den Ausweg verschliesst, sich ansammelt,
und im Frühjahr wieder durchbricht. Nach der Beschrei-
bung des Pfarrers ZıesLer ist das der Vorgang am untern
Grindelwaldgletscher.
In neuester Zeit hat Forszs (a.a. O.) die Erscheinun-
gen an den Gletschern abzuleiten versucht von einer Pla-
stizität oder Halbflüssigkeit ihrer Masse. Seinen Erklärun-
gen mangelt aber die nöthige Bestimmtheit und Klarheit.
In Bewegung begriffene Schuttmassen,, wie wir uns die
Gletscher denken können, zeigen allerdings, in Folge der
Verschiebbarkeit und Nachgiebigkeit ihrer Bestandmasse,
gewisse Erscheinungen, welche sie den flüssigen Körpern
nähern. Das abschmelzende Eis auf 0° Temperatur, wie
wir es zur Sommerszeit überall auf dem Gletscher antref-
fen, und wie es im Innern das ganze Jahr hindurch be-
steht, ist aber ein fester, keineswegs ein halbflüssiger Kör-
per. Es muss daher auch, wenn es sich in Bewegung
setzt, ein verschiedenes Verhalten von einem zähen Schlamm-
strome zeigen. Der Hauptunterschied besteht darin, dass
die Bewegung nur durch die an der Auflagerungsfläche
stattfindenden Abschmelzung möglich wird, dass daher die
einzelnen Parthien eines Gletschers in ihrer ganzen Mäch-
tigkeit vom Boden bis zur Oberfläche gleichmässig vorrü-
cken, während die Theile eines Schlammstroms übereinan-
der sich wegschieben.
Das Vorrücken durch das eigene Gewicht auf geneig-
ter Grundfläche, in Folge der daselbst vorgehenden Ab-
schmelzung, und der so zu sagen ausschliessliche Ersatz
der abschmelzenden Masse durch Nachschieben von oben
160
herab, sind die Grundlagen der SAussure’schen Gletscher-
theorie. Weit entfernt, durch die neuern Erfahrungen ge-
schwächt worden zu seyn, sind sie durch dieselben nur
klarer und vollständiger bewiesen worden. Gletscher, die
über eine ausgedehnte Ebene vorrücken, wie man solche
zur Erklärung gewisser geologischer Erscheinungen hat an-
nehmen wollen, sind eine physikalische Unmöglichkeit.
Ueberhaupt gibt sich der Ungrund der Erklärungsweisen,
die man an die Stelle der Saussure’schen hat setzen wol-
len, überall kund, sobald man sie einer genauern Prüfung
unterwirft.
D. 13. Apr. 1842. Herr Rathsherr Prrer MerıAn be-
richtet, dass mitten in der Nacht vom 29. auf den 30. März
von mehrern Personen in Basel ein Erdstoss verspürt
worden ist, der von unten nach oben zu gehen schien.
Den 29sten um 9 Uhr Abends stand das Barometer (bei
100 R.) auf 27 5 4, 54, das Thermometer in freier
Luft auf + 8%, 2 R., also für die Jahrszeit ziemlich hoch.
Der Himmel war bedeckt. Den 30sten um 7 Uhr Morgens,
Barom. (ebenfalls bei 100) auf 27 5/4, 66, Therm. + 40,7,
Himmel bewölkt bei schwachem SW Wind. Nach den Zei-
tungen ist dieser Stoss mit ziemlicher Heftigkeit den 30sten
des Morgens um 1%, Uhr ın Bex wahrgenommen worden.
Er war daselbst von einem dumpfen Getöse begleitet.
D. 20. Oct. 1841. Herr Rathsherr Prrer Merın gibt
einige Mittheilungen über den artesischen Brunnen
des Schlachthauses Za Grenelle bei Paris, mit
welchem man in 538 Meter Tiefe springendes Wasser er-
reicht hat. Bei einer Tiefe des Bohrloches von 505 Meter
hatten die Herren Arıco und Warrernın eine Erdwärme
von 26°, 43 C. gefunden. Nimmt man die Mitteltemperatur
von Paris von 100%, 6 GC als Grundlage an, so ergibt sich
161
eine Wärmezunahme von 1° G für 31 , 9 Meter Vertiefung.
Geht man hingegen von der konstanten Kellerwärme unter
der Pariser Sternwarte aus, die in 28 Meter unter der
Oberfläche 11°, J GC beträgt, so erhält man für 1° G Wär-
mezunahme, eine Vertiefung von 32,4 Meter. Die im
Jahr 1838 in dem über 400 / tiefen Bohrloche der Saline
Schweizerhall angestellten, und in den Verhandlungen
der schweizerischen naturforschenden Gesellschaft von 1838
S. 72 u. ff. veröffentlichten Beobachtungen, geben, wenn
man von der mittlern Lufttemperatur in Basel ausgeht, 1°G
Wärmezunahme bei je 31 Meter Vertiefung, was mit den
Pariser Beobachtungen nahe übereinstimmt.
D. 10. Nov. 1841. Herr Oswarn-Horrmann übergibt
der Gesellschaft als Geschenk eine schöne vollständige Rip-
pe von Nothosaurus, welche im Steinbruch beim Rothen-
haus gefunden worden ist; ferner mehrere Zähne eines an
der brasilianischen Küste gestrandeten Cetaceen.
D 3. Febr. 1841. Herr Dr. C. Srtreckzisen referirt
über einen von Acassız in der naturforschenden Gesell-
schaft von Neuenburg gehaltenen Vortrag über die ehema-
lige Verbreitung der Gletscher, insbesondere über Spuren
früherer Gletscher in Schottland. Vergleiche die Verhand-
lungen der schweizerischen Gesellschaft für Naturkunde bei
ihrer Versammlung in Zürich 1841 pag. 68.
11
162
14%.B © TANK:
D. 4. Nov 1840. Herr Prof. Meısser, Bemerkungen
über die Familie der Cacteen, nebst Erläuterungen
ihrer Morphologie mittelst Vorzeigung lebender Exemplare
aus dem hiesigen botanischen Garten, welche alle Gattun-
gen und Formen der Familie repräsentiren und worunter
sich besonders die von Herrn Consul WoerrrLın in Mexiko
empfangenen schönen Individuen mehrere Echinocacti, des
Cactus senilis u. a. auszeichnen.
Derselbe gibt eine Uebersicht der seltenen Ge-
wächse, welche im Jahr 1840 im hiesigen bota-
nischen Garten geblüht haben, nämlich: Angelo-
nia floribunda, Arthropodium pendulum, Bartonia au=
rea, Begonia incarnata, Beg. Dregei, Cajophora lateri-
tia, Cyperus papyrus, Clianthus puniceus, Clitoria Ter-=
natea fl. alb., Erythrina crista galli, Dracaena pani-
culata, Erysimum Perofskianum, Fabiana imbricata,
Gompholobium lanatum, Guizotia oleifera, Gladiolus
psittacinus, Gloriosa superba, Hedychium Gardnerianum,
Helicteres hirsuta, Justicia paniculata, Lagunea lobata,
Lasiandra Sellowü, Leycesteria formosa, Moraea Nor=
thiana, Passiflora kermesina, longifolia, coeruleo=ra=
mosa, biflora, capsularis, Philibertia gracilis, Physian=
thus albens, Plumbago micrantha, Podolepis gracilis,
Rhodanthe Manglesiü, Salvia patens, Solanum amazoni-=
cum, Strelitzia humilis, Saracha viscosa, Tropaeolum
pentaphyllum, T. tuberosum u. a. m.
D.6. Jan. 1841. Herr Prof. Mrısner,, über die ost-
indischen Thymeläen. Diese Abhandlung, die Be-
schreibung der von WaArricn mitgebrachten neuen Arten
und die Aufstellung der neuen Gattung Edgeworthia ent-
haltend, erschien seither gedruckt in den „Denkschriften
163
der königl. baier. botan. Gesellschaft zu Regensburg” Bd.
II, p. 271, mit 2 lith. Tafeln.
D. 17. u. 31. März 1841. Derselbe: Pflanzengeo-
graphische Schilderung der Südspitze Afrika’s
und Geschichte der seit Entdeckung derselben bis auf die
jüngste Zeit daselbst geschehenen botanischen Forschungen.
Besonders erwähnt der Verfasser der von Dr. Fern. Krauss
aus Stuttgart von 1839—41 in der Umgebung des Caps und
von Port Natal gemachten naturhistorischen Reisen und
der verhältnissmässig zahlreichen von ihm entdeckten neuen
Pflanzenarten. (M. s. die Beschreibung derselben von Dr.
Meisner in Sir W. J. Hooker’s London Journ. of Botany
Vol. I. u. 11.)
D. 5. Febr. 1841 legt Herr Prof. Meısner der Gesell-
schaft seine in der Linnaea Bd. 14, p. 385—502 erschie-
nene „Synopsis Polygonearum, Thymelaearum & Bego=
niarum Africae australis” vor.
D. 16. Sept. 1841 hält Herr Candidat Preıswere einen
Vortrag über die Familie der Algen, worin derselbe das
Wesentlichste über deren Anatomie und Physiologie und
eine Uebersicht ihrer systematischen Eintheilung nach Acarpn
mittheilt.
D.2. März 1342 gibt ebenderselbe eine übersichtliche
Darstellung der Familie der Flechten in Beziehung auf ihre
Structur, Lebensweise, Verbreitung und Classification.
164
».. ZOO. LOBTE.
D.10. Sept.1840. Herr Dr. Imnorr erstattet Bericht über
eine dem öffentlichen Museum vom Herrn Missionär Rus ge-
schenkte Sammlung Guineensischer Käfer. Es sind
ungefähr 200 Arten Goleoptern, manche in zahlreichen
Doubletten vorhanden, welche einen grossen Theil der von
Herrn Rırss an Guine’as Goldküste und zwar im Berglande
Aquapim, wo er einen mehrjährigen Aufenthalt gemacht hat,
zusammengebrachten Sammlung bilden. Aus den vorhan-
denen Arten einen Schluss auf die Weise, in welcher die
verschiedenen Familien dieser Insektenklasse in dortiger
Gegend vertreten sind zu ziehen, wird wie überhaupt für
aus fernen Gegenden unserm Welttheile zugeführte Natur-
körper, aus dem Grunde für unstatthaft erklärt, weil leicht
besondere Umstände die Aufmerksamkeit einer Familie
mehr als der andern zuwenden können und somit beim
Sammeln von Einfluss sind. Indessen ist so viel gewiss, dass
beinahe aus jeder der grössern Coleopternfamilien Repräsen-
tanten sich vorfinden, wovon die bemerkenswerthesten hier
hervorgehoben werden sollen. Die Familie der Carabiei
bot vorzüglich den Carab. (Tefflus Leach, Dj.) Me-
gerlei F. dar, an welchen der Augenschein bald lehrte,
dass die Bemerkung DeseAn’s, nach welcher an den vor-
dersten Tarsen die .2 ersten Glieder bei den Männchen
nur sehr leicht erweitert sind, unrichtig sey, insofern in
der That eine sehr merkliche Erweiterung dieser Theile
bei diesem Gesehlechte vorkommt; es ist nämlich sowohl
das zweite Glied als auch das erste in seiner zweiten Hälfte
viereckig ausgebreitet und auf der untern Fläche mit einem
dichten Haarfilze bekleidet. Interessant ist es sodann, dass
auch diese Gegend aus der Gattung Calosoma, für welche
die verschiedensten Punkte der Erde einzelne Arten lie-
fern, einen Repräsentanten in einer, wie es scheint ihr
165
ausschliesslich zukommenden, neuen Art, Cal. guineense
aufzuweisen hat: Tarsis subtus fulvo=tomentosis, elytris
obscure cupreis, margine laterali viridescente, striatis,
insterstitiis transversim striolatis „ punctis minus conspi=
cuis triplici serie; 11 Ys lin. long. Das vorliegende Exem-
plar ist ein Weibchen, tarsis intermedüs nonnihil cur-=
vatis. — Kopf erzgrün, schwach ins Kupfrige schim-
mernd, Fühler und Mundtheile schwarz, Mandibeln mit
Queerfurchen auf der Oberseite. Mittelleibsschild erz-
grün, etwas ins Kupferfarbe spielend, an den Seiten
stark ausgedehnt, ziemlich gerundet, doch hinter der Mitte
fast winklig vorragend, dann plötzlich schräg einwärts lau-
fend, so dass der Hinterrand schmäler als der Vorderrand
ist; die Fläche feinqueerrunzelig, vor den Hinterwinkeln
ein Eindruck. Brust und Schenkel aller Beine reingrün,
Schiene und Fuss schwarz, dieser unten an allen Gliedern,
- das letzte ausgenommen, mit braungelbglänzendem Filze.
Flügeldecken dunkelkupferfarbig, vorn und am Seitenrand
grünlich, die Zwischenräume der Striche mit feinen Queer-
strichelchen, der Ate, Ste und 12te ausserdem mit wenig
deutlichen, nach vorn fast verschwindenden Punkten ein-
gedrückt. Hinterleib schwärzlich, an den Seiten grün.
Die Gattung Catascopus ist durch 3 Arten vertreten,
welche in Colorit und Habitus im Allgemeinen mit denen
anderer Erdgegenden übereinstimmen, doch namenilich
vom Javanischen Cat. facialis durch den Ausschnitt hinten
am Flügeldeckenrande verschieden sind, indem dieser näm-
lich in der genannten Art sehr markiert in solcher Weise
sich darstellt, dass, wo er beginnt, der Rand der Flügel-
decken in einen Zahn vorspringt, bei den Guineensern da-
gegen der Rand hier nur gerundet erscheint und der Ueber-
gang in den Ausschnitt sanft und allmählig geschieht; es
sind daher dort e/ytra postice emarginatd, hier nur si=
nuata.
166
Die Arten selbst nun sind: C. femoralis: 5 Vy—6
lin. long. Supra viridis, elytris interdum obscurioribus
aut in cyaneum vergentibus, margine ante apicem sinua=
to, striatis, strüs interioribus subtilius , reliquis fortius
punclatis, femoribus rufo=piceis. Vielleicht ist diese Art
C. Westermannı des DeseAn’schen Gataloges. Kopf oben
grün bis zu Mandibeln und Oberlippe, welche schwarz
sind; Palpen und erste Fühlerglieder rothbraun, der übrige
Fühler schwärzlich mit bräunlichem Filze, 2 Kiele neben
jedem Auge, der innere mehr nach vorn hat nach innen
seiner Länge nach eine Grube neben sich. Mittelleibsschild
grün, Hinterecken mit schwärzlicher Spitze, die Längs-
furche vorn und hinten in ein Grübchen erweitert. Beine
schwarz, Schenkel und zuweilen auch die Trochantern
braunroth. Flügeldecken grün, mehr oder wenig ins Blaue
spielend, am Aussenrand gewöhnlich ein schwärzlicher
Wisch, selten sind sie blauschwarz und nur in einem Strei-
fen grün; Striche und Zwischenräume unter einander un-
gleich; die 3 ersten Striche fein, gegen der Wurzel hin
stärker, an der Wurzel selbst wieder schwächer punktirt,
die folgenden, am meisten der siebente, stärker punktirt,
ebenfalls mehr gegen die Wurzel hin als in der übrigen
Strecke, die stärkern Punkte in die Queere ausgedehnt;
die 4 ersten Zwischenräume unter sich ziemlich gleich,
breit, etwas flach gewölbt, der dritte mit 3 Punkten, un-
ter den folgenden der fünfte und siebente schmäler als die
andern und rippenartig erhoben. Unterseite des Körpers
schwarz, die der vordern 'Theile ins Grüne oder Blaue
ziehend. C.rigripes: 5lin. long. Supra viridis, thoracis
margine sub-angulato, elytris deplanatis, cyaneo=viri=
dibus, margine ante apicem sinuato, punctato =striatis,
strüs versus apicem angustioribus, pedibus nigris. Ist
möglicherweise Varietät des C. senegalensis Dj. Kopf wie
167
beim vorigen, aber die Fühlerwurzel schwarz. Mittelleibs-
schild in seinem ersten Drittheil mit geraden parallel oder
etwas auseinander laufendem Seitenrande, der in einer fei-
nen scharfen Ecke etwas vorspringt, im Uebrigen ungefähr
wie bei femoralis. Beine schwarz. Flügeldecken grün,
vorzüglich am Aussenrande, hier selbst gewöhnlich mit
goldglänzendem Streifen, auf der übrigen Fläche ins Blaue
überspielend; die Striche untereinander etwas ungleich, die
innern seichter als die äussern, auch die darin stehenden
Punkte bei jenen feiner als bei diesen, übrigens alle Striche
und Punkte gegen die Wurzel hin verstärkt, die stärkern
Punkte in die Queere ausgedehnt; die innern Zwischen-
räume etwas breiter als die übrigen, der dritte mit 3, 4
oder 5Punkten, der siebente an seiner innern Seite kielar-
tig erhoben. C. specularis: 4 lin. long. Supra viri-
dis, elytris ad basin fortius, versus apicem subtilius
punctato=striatis, plaga suturali nitidiore aurichalceo
resplendente. Kopf oben grün, punktirt und gestrichelt,
Oberlippe und Mandibeln schwärzlich; die 4 ersten Fühler-
glieder hellrothbraun, die übrigen dunkler. Mittelleibsschild
grün, deutlicher queerrunzelig als bei den vorhergehen-
den, mit einer breitern Längsfurche, die an beiden Enden
nicht so stark zu einer Grube erweitert ist. Beine mit
hellrothbraunem Schenkel, in den übrigen Theilen dunkler.
Flügeldecken grün, mit einem messingglänzenden Nahtfel-
de; dieses beginnt in einiger Entfernung von der Wurzel,
dehnt sich von der Naht bis zum dritten Strich in die
Breite, und bis zum letzten Vierttheil der Flügeldecken
in die Länge aus, hat also in dieser Erstreckung die Ge-
stalt eines länglichen Viereckes; es setzt sich dann noch
als viel schmälerer blos auf den Zwischenraum an der Naht
beschränkter Streif bis ans Ende fort; die Striche sind am
Ende fein, mit kleinen Pünktchen eingestochen, gegen die
Wurzel aber breiter, tiefer und mit grössern Punkten, von
168
denen die meisten in die Queere gezogen sind, besetzt;
die Zwischenräume alle sind ziemlich flach, die innern et-
was breiter, als die äussern. Unterseite des Körpers
schwärzlich.
Von Panagaeus finden sich 2 neue, ausgezeichnete
Arten vor: P. grandis, 101% lin. long. Thorace late=
ribus marginatis, medio rotundato=-dilatalis, margine
pone medium latiore, elevatiore, ater, elytris subtilius
punctulatis,, sulcatis, maculis duabus externis fulvis.
Dem Cychrus reflexus F. nahe verwandt. Hauptfarbe des
Körpers schwarz, die verschiedenen "Theile mit mehr oder
weniger deutlichem Haarflaum bekleidet. Kopf oben fein-
runzelig, mit einer Längsvertiefung jederseits nach vorn
von den Augen, vorn glatt, drittes Fühlerglied so lang als
das erste und zweite zusammengenommen. Mittelleibsschild
so lang als seine grösste Breite beträgt, oben mit kleinen,
zum Theil ineinander fliessenden Punkten besetzt, auf der
Mitte etwas gewölbt, mit einer Längsfurche und einen hin-
tern nicht sehr deutlichen Längseindruck jederseits; nach
vorn und hinten verschmälert, vorn etwas ausgerandet, in
der Mitte rundlich erweitert, längs den Seiten in einen
scharfen Rand ausgeflacht, der vorn schmäler, nach hinten
breiter, dort weniger, hier mehr aufgeworfen ist; Vor-
derecken etwas abwärts gekehrt, stumpf gerundet, Hinter-
ecken etwas aufwärts stehend, mit einem feinen Einschnitt
vor der Spitze; Hinterrand ziemlich gerade abgestutzt, nur
mit einem wenig vorspringenden stumpfen Spitzchen je-
derseits zwischen der Mitte und der Hinterecke. Flügelde-
cken fein punktirt, gefurcht, auf jeder 2 rothgelbe Flecke,
der erste nahe am Schulterwinkel, von der vierten Furche
bis zur achten, also über 4 Zwischenräume sich ausdeh-
nend, der hintere am Anfang des letzten Vierttheils der
Flügeldecken, dehnt sich noch etwas mehr nach innen,
nämlich noch über einen Zwischenraum aus, nimmt jedoch
169
eine nur sehr kleine Strecke von diesem ein. P. sca=
bricollis: 8 lin.long. Thorace supra punctato=scabro,
antice recte truncato, basi utrinque latius rectangulari=
ter exciso, ater, elytris confertim punctatis, sulcatis,
fascüs duabus interne abbreviatis fulvis, tarsis subtus
Julvo tomentosis. Allgemeine Körperfarbe schwarz. Kopf
oben vorn glatt, die übrige grössere Strecke durch grobe,
zum Theil ineinander fliessende Punkte rauh, mit einem
Längseindruck jederseits, der sich von vorn nach hinten
bis zwischen die Augen erstreckt; drittes Fühlerglied wie
bei voriger Art. Mittelleibsschild durch grobe, unregel-
mässig zerstreute, theils ineinander geflossene Punkte rauh,
breiter als lang, der Vorderrand gerade abgeschnitten,
schmäler als der Hinterrand , dieser beiderseits mit einem
weit gegen die Mitte hin sich erstreckenden, rechtwinkli-
gen Ausschnitt, der Seitenrand wie bei der vorigen Art,
gegen hinten jedoch weniger stark aufwärts geschlagen,
und mit scharfer stumpfwinkliger Hinterecke. An allen
Beinen der Fuss unten mit braunem, seidenglänzenden Haar-
filze. Flügeldecken überall, auch in den Furchen dicht
punktirt, jede mit 2 rothgelben kurzen, innen abgebroche-
nen Binden, die erste am Ende des ersten, die zweite am
Anfang des letzten Drittheils ihrer Länge, jede über den
$ten, Tten, 6ten und 5ten Zwischenraum sich ausbreitend,
jedoch die zwischen innen liegenden Furchen nicht ausfül-
lend, daher gleichsam aus 4 nebeneinander liegenden Stri-
chen gebildet, diese Striche etwas erhaben, an der ersten
Binde ziemlich gleich ausgedehnt, an der zweiten aber die
äussern etwas mehr nach hinten gestellt als die innern.
Sodann ist einer neuen Epomis zu gedenken. Ep. alter-
nans: 6%, lin. long. Elytris obscure aeneis, viridi=
marginalis, striatis, interstitiis seriatim punctulatis, al=
ternis cupreis, subcostatis, pedibus antennarumque basi
rufis. Kopf oben grüngolden, sparsam mit Pünktchen be-
170
streut, Mundtheile und 3 erste Fühlerglieder röthlich, der
übrige Fühler schwärzlich. Mittelleibsschild ziemlich vier-
eckig, mit etwas gerundeten Seiten, dicht punktirt, hinten
mit tiefer länglicher Grube jederseits, an den Seiten grün,
in der Mitte dunkler, bis fast ins Schwärzliche. Beine
rothgelb. Flügeldecken mit schön grünem Aussenrande,
sonst dunkel, fast schwärzlich mit mehrern kupferfarbenen
Längsstreifen; es sind nämlich der 1ste, 3te, 5te und Tte
Zwischenraum, am deutlichsten und lebhaftesten der letz-
tere, kupfrig angelaufen, zugleich sind sie auch gewölbter
als die andern Zwischenräume und scheinen sich daher
etwas rippenartig zu erheben; auf allen stehen übrigens
in 2 Reihen sehr feine Punkte und solche auch in den
Strichen, eine Reihe grösserer fast dreieckiger Punkte fin-
det sich am Aussenrande. Die Unterseite des Körpers ist
schwärzlich.
Endlich findet sich auch eine neue Art der Gattung
Morio vor, welche mit Mor. orientalis sehr überein-
kommt, aber breiter und länger als diese ist und eine
dunklere Färbung der Fühler und Beine zeigt; auch sind
die Striche der Flügeldecken in Stärke einander gleich,
während bei M. orientalis die 3 innern merklich feiner
sind, als die übrigen. Mor. guineensis: 6 Va—1 Y; lin.
long. Subdepressus nitidus, niger antennis pedibusque
nigropiceis, ‚elytris strialis, stris laevibus, aequalibus.
Unter den Serricornien. scheint uns erwähnungswerth
die Bupr. canaliculata F. und eine ihr nahe verwandte
Art. Wenn jene der ganzen Körpergestalt nach, vorzüg-
lich aber wegen Bildung des Schildchens und des Hinter-
leibes zunächst mit der Bupr. scutellaris F. zusammenzu-
stellen und unter die gleiche (Belionota genannte) Gattung
zu bringen ist, so ist, trotz dem, dass ein scutellum su=
dulatum ihr nicht zukommt, unsere neue Art dennoch der
gleichen Gattung einzuverleiben. Zu ihrer genauern Unter-
171
scheidung von canaliculata geben wir übrigens in Folgen-
dem von beiden die Diagnose: Bel. canaliculata:
obscure aenea, thorace utrinque lunula ümpresso, mesoster-
lobis antnicis duobus divergentibus, prosterno postice
trilobo, scutello subulato, ano quadridentato. Bel. ne=
glecta: Subtus viridi-aenea, supra obscurior , scutello
nitidiore acuminato, thorace utrinque & elytrorum basi
Jovea transversa impressis, mesosterni lobis anticis duo=
bus dentiformibus, subparallelis, prosterno pone basin
in processum angustum elongato, ano bidentato. Diese
Art ist obenauf dunkelerzfarben, das Schildchen aber, sowie
Unterseite und Beine sind metallischgrün, die mittlere Brust-
platte hat in ihrem vordern, zwischen den mittlern Beinen
gelegenen Theile einen rundlichen Ausschnitt, dessen Sei-
ten in 2 ziemlich parallel miteinander verlaufende Zähne
verlängert sind; in diesen Ausschnitt passt das Ende der
nach hinten in einen schmalen Fortsatz auslaufenden Vor-
derbrustplatte ; das Schildchen ist wohl 4mal kleiner als
bei B. canaliculata, seine Wurzel hat nur den Achttheil
der Breite des hintern Thoraxrandes, und seine Länge
verhält sich zu dieser Breite wie 3 zu 2; die Längsrinne
auf der Unterseite des Hinterleibes ist ziemlich seicht, seit-
lich nicht scharf begrenzt und ungefähr von gleicher Weite
in ihrer ganzen Erstreckung; das Aftersegment hat nur
jederseits eine feine Zahnspitze, ist am Ende gerundet mit
einer schwachen Ausrandung in der Mitte.
Aus der Familie der Lamellicornien lieferte die Samm-
lung 3 Arten der Gattung Passalus, die eine der Pass.
barbatus F., die andern beiden neu, nämlich: P. para-=
stictus 9Ya—10 lin. long. Antennarum clava triphyl=
la, ater, subtus piceus, capite supra tuberculis, carinis
foveisque inaequale, margine antico quadri-dentato, ely-
trorum sulcis interioribus subtilius punctatis, exteriori=
bus latioribus transversim striatis, thorace subtus ad an-
172
gulos posticos, elytris margine antico, tibisque interme=
dis rufohirtis. Diese Art zeigt die grösste Verwandtschaft
mit barbatus, doch schwankt sie nicht so in der Grösse
wie diese, von der wir Individuen vor uns haben von nur
7%: Linien bis 1 Zoll Länge. Der Kopf hat am Vorder-
rande 4 in gleichem Abstande von einander befindliche
Zähne, von denen die innern gerade nach vorn, die äus-
sern etwas auswärts gerichtet sind; auf dem Scheitel ste-
hen nahe aneinander 3 spitze Höckerchen, von denen der
mittlere etwas höher und nach -vorn verlängert ist, von
ihm entspringen 2 auseinander laufende Kiele, deren jeder
mit einem andern zusammenstosst, welcher gerade nach
dem Vorderrande läuft und sich in je einer der mittlern
Zähne des Vorderrandes fortsetzt. Die Fühlerkeule ist mit
einem braunen Filze bekleidet, ihre 3 Blätter sind sich an
Länge gleich. Der Mittelleibsschild ist ziemlich viereckig,
breiter als lang, nach vorn etwas verschmälert, mit etwas
vorragenden scharfen Vorderecken, wenig gewölbt, glatt,
mit ganz durchziehender Längsfurche, an den Seiten, be-
sonders nach vorn in ziemlicher Breite, dicht punktirt, in
den Punkten nach hinten eine Grube, ferner eine von je-
der Vorderecke bis zur Mitte zwischen dieser und der
Längsfurche längs dem Vorderrande sich hinziehende punk-
tirte Furche. Schiene der vordersten Beine auswärts 4zah-
nig. Flügeldecken auf dem Rücken flachgedrückt, die Rü-
ckenfurchen fein punktirt, die seitlichen tiefer, breiter,
jede mit einer Reihe queereingedrückter, starker Punkte.
Mittelleibsschild unten an den Hinterwinkeln, Flügeldecken
am Vorderrande bis zur Schulterecke, die Schiene aller
Beine auswärts, doch am dichtesten die der mittlern, mit
fuchsrothen Haaren bewimpert. P.dasypleurus: 19 lin.
long. Antennarum clava triphylla, piceoniger, capite
supra inaequali, tuberculato, tuberculis duobus majori=
bus ad marginem anticum, elytrorum strüs dorsalibus
173
laevibus, reliquis punctulatis, thorace subtus ad angulos
posticos, elytrorum latere baseos, pectore utrinque fulvo-
tibiisgue mediis rufo=villosis. DerKopf mit gerade abge-
stutztem Vorderrande, der jederseits ein feines Zähnchen
hat, auf seiner Oberseite stehen die wenig deutlichen Sei-
tenhöcker der mittlern Erhöhung etwas weit nach den Sei-
ten und nach hinten von dem mittlern Höcker entfernt;
von diesem gehen nach vorn divergierend 2 Kiele aus,
von denen jeder an seinem Ende mit einem aus 2 vordern
Höckern entspringenden, in gerader Richtung nach hinten
gerichteten Kiele, in stumpfem Winkel zusammentrifft. Jene
2 vordern Höcker sind von den übrigen des Kopfes die
stärksten und stehen zunächst hinter dem Vorderrande.
Die 3 Blätter der Fühlerkeule, sowie der zahnartige Vor-
sprung der ihnen vorhergehenden Fühlerglieder sind braun-
behaart. .Mittelleibsschild ziemlich viereckig, etwas breiter
als lang, mässig gewölbt, mit gerundeten Ecken. Der Rand-
strich zieht sich am Vorderwinkel hin und endigt als tie-
fere Furche etwas vom Vorderrande sich entfernend; die
mittlere Längsfurche erreicht den Vorderrand nicht völlig;
am Seitenrande nach hinten steht eine rundliche Grube;
der untergeschlagene Rand des Mittelleibsschildes ist an
seiner hintern Hälfte mit braungelben Haaren dicht besetzt.
An den vordersten Schienen ist die Aussenkante 7zahnig,
und der innere Endwinkel des Innendorns springt zahnar-
tig vor; mittlere und hinterste Schienen sind auswärts, jene
dicht, diese sparsamer rothbraun behaart. Die Flügelde-
cken haben völlig glatte Rücken-, aber feinpunktierte Sei-
tenstriche, der Seitenrand ist in seinem ersten Vierttheil
dicht mit braungelben Haaren besetzt und ebenso jedoch
in.noch weiterer Ausdehnung nach hinten sind die an diese
Stelle angrenzenden Brustseiten; auch der After ist braun-
gelb bewimpert.
174
Aus der Familie der Heteromeren bot die Samm-
lung 3 Iphthinusarten dar, wovon eine neu ist, die an-
dern zwei sind der Helops sinuatus und punctatus des
Furrıcıws. Es ist zu bemerken, dass die Ausbuchtung am
Rande der Flügeldecken vor der Spitze, welche Farrıcıus
als einen der Charaktere des sinuatus hervorhebt, auch
seinem punctatus, sowie noch unserer neuen Art zukommt;
der Hauptunterschied jener beiden Arten ist ausser der
abweichenden Färbung des Mittelleibsschildes die Punktie-
rung der Flügeldecken; es sind nämlich die in Längsreihen
geordneten Punkte daselbst viel feiner bei sinuatus als bei
punctatus. Die neue Art nennen wir: Iphth. crenato-=
striatus: Ater, thorace latiore quam longiore, con=
fertissime punctulato, elytris crenato-strialis, margine
ante apicem sinuato. Der Mittelleibsschild ist kürzer als
bei den zwei andern Arten, dicht mit feinen Punkten be-
setzt und hat in der Mitte jederseits die sehr schwache
Spur eines Eindrucks. Die Zwischenräume der Flügelde-
ckenstriche sind mit zerstreuten sehr feinen nur durch die
Loupe erkennbaren Pünktchen versehen.
Auch die Gattung Tezedrioim engernSinne kammit
einer neuen Art vor: T. guincensis:S lin. long. Su=
pra ater, subtilissime alutaceus, antennis subserratis,
apicem versus dilatatis, elyiris subtilius punctulato = stria=
is, interstitüs hinc inde punctis nonnullis sparsim im=
pressis. Dem T. obscurus ziemlich ähnlich, aber ansehn-
lich breiter. Tiefschwarz, Beine und Unterseite jedoch ins
Pechbraune übergehend. Die ganze obere Körperfläche
sehr fein chagriniert. Fühler zurückgelegt bis an den An-
fang der Flügeldecken reichend, Ates und folgende Glieder
allmählig breiter werdend, jedes an der Basis schmäler als
am Ende, hier der Innenwinkel etwas vorgezogen, wo-
durch der Fühler schwachsägezähnig erscheint, das letzte
Glied schräg abgestutzt. Mittelleibsschild breiter als lang,
175
vorn etwas enger als hinten, an den Seiten mässig gerun-
det, hinterer Rand jederseits eingebuchtet. Beine einfach,
unter sich gleich. Flügeldecken am Vorderrande zwischen
Schildchen und Schulterbeule mit vorspringender stumpfer
Ecke, die sehr seichten Längsstriche mit sehr gedrängt
stehenden Pünktchen besetzt, auf mehrern Zwischenräumen
einige grössere Pünktchen unregelmässig zerstreut. Diese
Art verbindet durch ihre Fühler die Gattung Tenedrio mit
Iphthinus. Sodann sind 2 ausgezeichnet schöne Arten der
Gattung Stenochia erwähnungswerth: St.cribripennis:
8%» lin. long. Viridi=-aenea, elytris violaceo-cupreis,
longitudinaliter seriatim foveatis,, foveis medis profun=
dioribus, oblongis. Kopf grün, seitlich hinter den Augen
verengt, Augen gross, vorgequollen, vorn nur durch ei-
nen schmalen Zwischenraum von einander getrennt, A erste
Fühlerglieder metallisch glänzend, die folgenden schwärz-
lich. Mittelleibsschild dieht punktiert, mit parallelen Sei-
ten, grün, wie auch das Schildchen. Beine grün, Ende
des Schenkels und der Schiene und der Fuss blau. Flügel-
decken violet-kupfrig, am äussersten Seitenrande grün,
mit Grübchen in 9 ganzen Längsreihen und einer 10ten
an der Naht abgebrochenen, die Grübchen an der Basis
und am Seitenrande punktförmig, die übrigen, besonders
in der Mitte gröber, länglicher,, einzelne davon ineinander
fliessend; St. cupripes: 10 lin. long.: viridiaenea,
scutello pedibusque cupreis, elytris punctato striatis, strüs
cyaneis. Metallisch glänzend, Kopf grün, vorn kupfrig, Augen
vorn nahe aneinander stossend, die 4 ersten Fühlerglieder
glänzend, die folgenden mattschwarz; Mittelleibsschild grün,
dicht punktiert, vorn ein durch eine Furche abgegrenzter
queerdreieckiger Raum kupfrig; Beine kupfrig, Ende des
Klauengliedes und Klauen schwärzlich. Flügeldecken grün,
in den Strichen blau, die Striche punktiert. Die Gattung
Hybonotus Dj., deren wenige Arten nur auf Madagaskar
176
beschränkt schienen , weis’t eine neue Guineensische auf:
H. femoralis: 5 lin. long. Nitidus, ater, femoribus
basi excepta rufis, tibiis apice tarsisque subtus fulvo =
tomentosis, elytris crenulato-=strialis. Grösstentheils glän-
zend tiefschwarz. Fühler, besonders gegen das Ende, et-
was braunhaarig, die ersten zwei Glieder pechbraun. Mit-
telleibsschild völlig glatt, mit einem rundlichen mittlern
Grübchen vor dem Hinterrande. Alle Schenkel rothbraun,
bis auf den ersten Drittheil, welcher schwarz, wie das
übrige Bein ist. Unten sind die Füsse, das Klauenglied
ausgenommen und das Ende der Schiene rothgelbfilzig. Die
Flügeldeckenstriche sind mit seitlich etwas übergreifenden
Punkten eingedrückt,
Unter den Xylophagen hat die Gattung Apate 3 neue
Arten dargeboten: Ap. producta, elytris apice, femi-
nae longius, productis, thorace antice muricato, utrin=
que in cornu protenso, cornubus feminae magis distan=
tibus, validioribus, porrectis, maris subnutantibus. Fem.
9—10 lin. long. Mas 8 1a—9 lin. long. Gehörtzu den grös-
sern Arten der Gattung. Körperfarbe schwarz. Kopf hin-
ter den Augen eingeschnürt; Vorderrand beiderseits mit
einem Zahn; Fühlerkeule pechbraun. Mittelleibsschild vorn
abgestutzt, etwas eingedrückt, jederseits in einen Fortsatz
ausgezogen, vielhöckerig, Fortsätze «les Männchens durch
einen rundlichen schmälern Ausschnitt von einander ge-
getrennt, daher einander näher, schräg abwärts geneigt;
die des Weibchens durch den geraden breitern Ausschnitt
des Vorderrandes weiter von einander entfernt, ziemlich
gerade vorstehend, etwas gegen einander gerichtet; die
Höcker im Allgemeinen stärker ausgebildet beim Weibchen
als beim Männchen, zugleich nach den Seiten grösser,
doch beim Weibchen auch einige solche auf der Abdachung
des Mittelleibsschildes, und einer an der innern Seite der
Fortsätze und noch einer zu jeder Seite des Ausschnittes.
177.
Der Mittelleibsschild auf seiner übrigen Fläche feingekör-
nelt, mit seichter Längsfurche. Schiene der vordern Beine
auswärts gezähnelt. Flügeldecken dicht mit in Längsreihen
stehenden groben Punkten besetzt, mit schwacher Andeutung
von 2 erhabenen Längslinien, nach hinten allmählig abfal-
lend, das Nahtende beim Männchen in eine stumpfe Ecke,
beim Weibchen in einen länglichen Höcker vorgezogen. Ap.
tonsa: Mas. 46% lin. long., fem. 5—1 lin. long.
Elytris postlice retusis, interrupte marginalis , thorace
antice muricato, feminae utringue in dentem hamatum,
nutantem producto. Körperfarbe schwarz. Kopf hinter
den Augen aufgequollen, mit dichtgedrängten parallelen
feinen Längskielen: beim Weibchen zwischen den Augen
und dahinter ein mittlerer gelblicher Filzfleck; Fühler pech-
braun. Mittelleibsschild vorn bucklig und mit mittlern
Körnchen und seitlichen Höckerchen besetzt, zunächst über
dem Kopfe mit einem gelblichen Filze bekleidet, beim Weib-
chen beiderseits in einen über den halben Kopf herabhän-
genden, mit spitzen Höckerchen besetzten, am Ende ha.
ckenartig aufgekrümmten Zahn ausgezogen. Schiene der
Vorderbeine auswärts gezähnelt, Flügeldecken mit zahl-
reichen in Längsreihen stehenden Punkten, hinten gröss-
tentheils gröbere, am Ende selbst keine; die abgestutzte
hintere Fläche mit einer Leiste umgeben, die am Nahtende
anfängt, längs den Seiten jener Fläche hinaufläuft, dann
aber durch eine Lücke von einem freistehenden Höcker-
chen getrennt ist und oben ganz aufhört. Hinterleib dun-
kelrothbraun: Ap. crinitarsis, 31; lin. long. Elytris
postice oblique truncatis, tridentatis, dentibus duobus
acutis, tertio obtuso, minore, thorace. anlice muricato,
tarsis posticis crinitis: rufo-picea, elytris versus api=
rem obscurioribus. _ Grundfarbe pechbraunröthlich, Beine,
Fühler und Palpen. jedoch heller, die Flügeldecken nach
hinten und vorderer Theil des Kopfes dunkler. Mittelleibs-
12
178
schild in der grössern Vorderhälfte dieht mit Körnchen
oder Höckerchen besetzt, welche seitlich durch grössere,
rückwärts gekrümmte, zugespitzte Zähnchen begrenzt sind,
von diesen liegt das grösste zuvorder:t und springt frei
‚vor. Schienen auswärts feingezähnelt. Fuss der hinter-
sten Beine einwärts mit sparsamen langen Haaren bekleidet.
Flügeldecken hinten mit gröbern, vorn mit kleinern Punk-
ten, am Ende schräg abgestutzt, und mit 3 Zähnen be-
wehrt, oberster und mittlerer Zahn spitz, unterster stumpf
und weniger deutlich, der mittlere etwas nach innen ge-
rückt.
Unter den Longicornien gedenken wir nur einer La=-
mia, welche, wie uns Kıvc belehrt hat, ZLamia leprosa F.
ist; das von Fasrıcıwus angegebene Vaterland (America)
würde nicht auf diese Art schliessen lassen, allein Diagnose
und Beschreibung dieses Autors lassen keinen Zweifel übrig,
dass er den Guineensischen Käfer vor sich gehabt habe.
Die Fühler sind beim Weibchen von Körperlänge, und vom
dritten Glied an mit bräunlichem Filz, wie die meisten
übrigen Körpertheile bedeckt, beim Männchen sind sie an-
derthalbmal so lang als der Körper und nackt, bei diesem
sind ferner die vordersten Beine verlängert, der Schenkel
ist längs der äussern Kante gezähnelt, die 3 ersten Fuss-
glieder sind ansehnlich erweitert und auswärts befranzt.
Es gehört diese Art der Gattung PAhryneta des Drszan’schen
Cataloges an. ;
Unter denChrysomelinen haben wir in einer Art,
welche uns als die Deloyala. Westermanni Dj. bezeichnet
worden ist, die Cassida chlorotica Ol. zu erkennen
geglaubt. Mittelleibsschild und Flügeldecken haben im Le-
ben einen schönen Messingglanz, wenigstens zeigten diese
Farbe alle Stücke in der Flüssigkeit, in welcher sie anka-
men, und sie hat sich bei manchen auch im trockenem
Zustande, freilich weniger lebhaft, erhalten. Durch die
179
erweiterten Mittelleibs- und Flügeldeckränder erhält das
Männchen einen beinahe kreisrunden Umfang, das Weib-
chen einen eiförmigen; dieses ist 7% Linien lang, und
misst in seiner grössten Breite 6 Y3 Linien; jenes hat 6 Li-
nien Länge und misst in seiner grössten Breite 53 Linien.
Der Kopf ist schwarz, die Augen auch im Tode messing-
gelbglänzend, Palpen, ein Fleck zwischen den Augen, die
6 ersten Glieder und die Spitze des Fühlers rothbraungelb,
der übrige Fühler schwarz. Brust schwarz, an den Seiten
rothgelbbraun, zuweilen nimmt diese Farbe auch die Mitte
ein, oder mischt sich dem Schwarzen bei. Am Hinterleibe
unten herrscht entweder die schwarze oder rothbraungelbe
Farbe vor, immer nimmt diese die Seiten ein, zieht sich
aber auch, besonders beim Weibchen, über einzelne oder
alle Segmente theilweise oder ganz hin. An den Beinen
sind Fuss und Schiene ganz braungelb, der Schenkel ist
es am Ende, selten auch am Anfang, in der übrigen Strecke
ist er schwarz, welcher Farbe sich zuweilen eine etwas
röthliche beimischt. Die Flügeldecken sind da, wo sie dem
Körper aufliegen mit zerstreuten feinen Pünktchen versehen,
und in den Stücken, in denen sie messingglänzend erschei-
nen, ziehen sich 4 undeutliche, blässere Längslinien durch
sie hin, die breiteste derselben an der Naht durch eine
Reihe Pünktchen auswärts begrenzt, sie sind ferner am
Ende in der Naht und vorn, wo sie an den Hinterrand
des Mittelleibsschildes anstossen, sammt diesem Hinterrande
schwarz. Wir geben somit folgende Diagnose: Cass. chlo=
rotica: Thorace elytrisque aurichalceis, subtus rufotesta=
ceo-nigroque varia, mas suborbicularis, femina ovata.
Aus der grossen Abtheilung der Curculioniden haben
uns die Familien der Brenthiden und der Anthribiden
manches Neue dargeboten, welches wir um so eher zu
würdigen vermochten, als wir uns seit geraumer Zeit dem
Studium dieser Käfer mit Vorliebe zuwenden. Von Bren=
180
thiden erwähnen wir des Brenthus (Ceocephalus Schh.)
depressus F. und unsers Ceocephalus Rüsi, einer durch
bedeutende Schlankheit ausgezeichneten Form. Aker die
Anthribiden sind es vorzüglich, welche uns neue, bisher
nicht bekannte Formen dargeboten haben und die Aufstel-
lung neuer Gattungen veranlassten, wie man sie im ersten
Bändchen unserer Ger. Curcul. vorfinden wird. Die Gat-
tungen Deuterocrates und Anacerastes, und der Decata-=
phanes gracilis zeichnen sich durch sehr langgezogene
Fühler aus, Fühler, welche selbst im weiblichen Geschlechte
Körperlänge haben, im männlichen aber den Körper mehr-
fach in Länge übertreffen. Bei Deuterocrates ist von ir-
gend einer Verdickung am Ende der Fühler keine Spur
vorhanden; auch ist in beiden Geschlechtern das zweite
Glied mehrfach länger als das erste, ein Verhältniss, wel-
ches weiter nicht eine einzige der zahlreichen Anthribiden-
gattungen zeigt. Von Polycorynus compressicornis, wel-
cher bisher nur nach dem weiblichen Geschlechte bekannt
war, lernten wir auch das männliche Geschlecht und aus-
serdem eine fernere Art, P. pantherinus kennen, auf
welche hin wir uns ermächtigt fanden, die Gattung in ei-
nem weitern Umfang und nach etwas andern Merkmalen
als Schönueer aufzustellen. Die Gattung Mecocerus stellte
in unserm disparipes einen merkwürdigen, durch ausneh-
mend lange Beine des männlichen Geschlechts ausgezeich-
neten Repräsentanten dar. Im Ganzen enthielt die Samm-
lung nicht weniger als etwa 12 Arten Anthribiden, und
diese Thatsache nahmen wir als Beweis dafür, dass die
Gegend, aus welcher die Käfer stammen, als die Wald- und
Gebirgsregion von Guinea anzusehen sey, und bemerkten
weiter, dass wenn mit irgend je einer andern ihre Käfer-
fauna verglichen werden könne, diess die tropische Region
der östlichen Hemisphäre, also Indien und seine Inselwelt;
namentlich Java sey.
181
. D. 20. Oct. 1841. Herr Dr. Immorr, über grosse
Ameisenschwärme, welche sich in Basel zeig-
ten. Am 17. Juli 1841 Nachmittags wurden mächtige über
einen grossen Theil der Stadt verbreitete Schwärme einer
Ameise, in welcher Herr Dr. Inuorr die Formica ni=
gra Latr. erkannte, beobachtet. Nach statt gefundenem
Schwärmen krochen die Thiere , vorzüglich die Weibchen,
auf verschiedenen freien Plätzen und in mancher Strasse
so zahlreich auf dem Boden hin, dass man kaum einen
Fuss aufsetzen konnte, ohne auf welche zu treten. Diese
Erscheinung schien Manchem wunderbar, man nahm an,
dass die Ameisen von weither zu uns geführt worden seyen,
und brachte sie sogar mit dem berühmten, weit verbreite-
ten Orkan in Verbindung, der doch erst den Tag nachher
(am 18. Juli) stattfand. Nun erinnerte aber. der Vortra-
gende, dass diese Ameisenart inmitten unserer Stadt lebe,
dass er sie schon eine ziemlich lange Zeit alljährlich an
bestimmten Orten getroffen habe, die Weibchen, in frei-
lich geringerer Zahl, ungefähr in den gleichen Sommerta-
gen, auf dem Boden hinkriechend, die Arbeiterinnen in
früherer Jahreszeit, fast überall vorhanden, selbst in die
Häuser dringend. Das Auffallende bleibt daher nur die
äusserst grosse Zahl, in welcher diese Insekten diessmal
auftraten. Es kann aber diese in zwei Thatsachen ihre Er-
klärung finden: 1) in der allgemeinen Wahrnehmung, dass
die Vermehrung gewisser Thiere,, vorzüglich gewisser’ In-
sekten durch besondere Umstände sehr begünstigt werden
kann. Beispiele, namentlich aus der Insektenklasse, liegen
hievon so viele vor, dass es unnöthig wäre, deren anzu-
führen; doch einer Erscheinung dieser Art wollen wir ge-
denken, welche sich uns im schönen und herrlichen Mai-
monat eben dieses Jahrs in der Schaumcecicade, Cicada
(Aphrophora Germ,) spumaria L. dargeboten hat. Be-
kanntlich lebt dieses Insekt vor seiner völligen Entwicklung,
182
in einer schaumartigen Flüssigkeit, dem sogenannten Ku-
kuksspeichel, von ihm selbst durch das Einstechen seines
Schnabels in verschiedene Pflanzen veranlasst. Nun fanden
sich von diesen Schaumklümpchen, besonders auf Weiden,
eine solche Menge, dass sie in grössere Massen zusammen-
flossen und diese von den Zweigen und Blättern herab auf
die Erde gelangten, welches nicht anders erschien, als
wenn zahlreiche Regentropfen aus einer Wolke herabfallen.
In ähnlicher Weise wie diese Insektenart konnte auch un-
sere Ameise durch begünstigende Verhältnisse, über welche
wir wohl Vermuthungen aufzustellen, aber keine Gewissheit
beizubringen vermöchten, eine bedeutende Vermehrung er-
fahren haben.
Es lässt sich aber die Erklärung 2)in noch etwas an-
derm suchen. Dem 17. Juli gingen eine ganze Woche lang
rauhe Tage voran. In dieser Zeit mochten sich in den
verschiedenen Ameisenhaufen schon ausgebildete Männchen
und Weibchen, also zum Schwärmen fähige und bereite
Individuen befunden haben, allein die Witterung hielt sie
in ihren Wohnungen zurück. Nun erschien endlich ein
warmer, milder Tag, und mit einem Male geschah nun,
was sich in andern Jahren auf eine Reihe von Tagen ver-
theilen mochte, die verschiedenen Schwärme vereinigten
sich zu jenen grossen Schaaren, die an diesem Tage beob-
achtet wurden.
Was sich in unserer Stadt ereignete, wurde am glei-
chen Tage auch in einigen benachbarten Dörfern beobach-
tet. Es ist uns aber nicht bekannt geworden, ob auch
in weitern Entfernungen Aehnliches wahrgenommen
wurde.
Einige Wochen später befand sich der Vortragende in
Zürich, er traf hier auch in einer Strasse weibliche Amei-
sen in ziemlicher Zahl auf dem Boden hinkriechend an,
183
es war jedoch nicht Forsn. nigra, sondern ihre nächste
Anverwandte die Formica flava Latr. Er glaubt
nicht zu irren, wenn er annimmt, dass auch diese Ameise
in der Stadt Zürich selbst, wie jene in Basel ihren Wohn-
sitz habe.
D. 3. Fedr. 1841. Mittheilungen von Herrn Prof.
Miescner über Acari im Innern lebender Thiere.
Die Thiere, welche auf andern Thieren leben als auf
ihrem eigenen, von der Natur ihnen angewiesenen Grund.
und Boden, aus welchem sie ihre Nahrung schöpfen, ohne
den sie nicht existiren können, der ihre eigentliche Welt
ist,diewahren beständigenParasiten nämlich, schei-
den sich in 2 natürliche grosse Abtheilungen, je nachdem
bei ihnen einAthmungsbedürfniss vorhanden ist oder
fehlt.
Hienach ist auch im Allgemeinen die Stätte verschie-
den, welche ihnen bei den Thieren zur Wohnung angewie-
sen ist. Die einen leben im Innern derselben, in natür-
lichen oder krankhaften Höhlen, oder im Parenchym der
Organe und werden daher Entozoen genannt. Die an-
dern dagegen wohnen an der äussern Oberfläche der Thie-
re, also in unmittelbarer Berührung mit dem Elemente,
welches diese athmen , und heissen Epizoen.
'Es ist wiederholt die Frage aufgeworfen worden, ob
die Entozoen athmen oder nicht. Nach dem gegenwärtigen
Standpunkt unserer Kenntnisse über diese Klasse von Thie-
ren können wir hierauf nur verneinend antworten. Denn
weder ist durch die sorgfältigste anatomische Untersuchung
in irgend einem, im Uebrigen noch so vollkommen organisir-
ten Entozoon je ein Respirationsorgan nachgewiesen wor-
den, noch finden sich in der Regel diese Thiere unter Ver-
hältnissen, unter denen derjenige Vorgang, den wir in der
Physiologie Athmung nennen, möglich ist. Die Epizoen
184
dagegen, sobald sie eine etwas ausgebildetere Orgänisation
besitzen, lassen auch besondere Respirationsapparate er-
kennen, kiemenartige Organe bei den Wasserthieren, ver-
zweigte Luftröhren bei den in der Luft lebenden Thieren,
und wenn wir auch bei einzelnen von einlacherer Struktur
keine besondern Athmungswerkzeuge erblicken, so dürfen
wir doch p. analogiam schliessen, dass diesen darum die
Athmung doch nicht abgeht, dass vielmehr die allgemeinen
äussern Bedeckungen dieser Funktion vorstehen.
Das Fehlen oder Vorhandenseyn einer Athmung ist
aber auch der einzige durchgreifende Unterschied zwischen
diesen beiden Abtheilungen der Parasiten ; die Unmterschei-
dung nach der Wohnstätte, von wo zwar die Benennungen
hergenommen sind, ist, wenn auch in der Mehrzahl der
Fälle richtig, doch in vielen unstatthaft. Es ist gar nicht
selten, dass Entozoen an der äussern Oberfläche von Thie-
ren, oder wenigstens in sehr zu Tage liegenden Organen
vorkommen; die Kiemen der Fische z. B. bieten eine eben
so reiche Erndte an Entozoen wie an crustaceenartigen Epi-
zoen; so lebt der Gyrodactylus an der freien Obertläche
von Fischen und das Monostoma Faba (bijugum m.) in
den Federbälgen von Vögeln. Viel seltener ist das Umge-
kehrte beobachtet worden, nämlich das Vorkommen von
Epizoen in innern Organen. Hieher gehören z. B. die Mil-
ben, welche sich in den Lungenhöhlen der Schnecken häu-
fig in grosser Anzahl aufhalten und durch das Luftloch
frei aus- und eingehen; ich habe solche bei mehrern der
grössern Landschnecken, bei nackten und beschaalten beob-
tet, und selbst die im Wasser lebenden Lungenschnecken
sind davon nicht frei. Bei den Vögeln und Säugethieren
leben die parasitischen Milben mit wenigen Ausnahmen frei
auf der äussern Haut, zwischen den Federn und Haaren;
sie nähren sich meistens von abfallenden Epidermis - Schüpp-
chen und verhältnissmässig nur wenige saugen mittelst ei-
185
nes Saugrüssels, den sie in dieHaut einsenken, die Säfte des
Thiers, auf dem sie wohnen, wobei sie sich, wie z.B. Ixodes,
zuweilen mit dem ganzen Vorderleib in der Haut vergra-
ben; andere bohren sich unter die Oberhaut, bilden zwi-
schen ihr und der Lederhaut Gänge, setzen dort ihre Eier
ab, erregen Entzündung und nähren sich wahrscheinlich
von den durch die entzündete Haut ausgeschwitzten Säften,
wie dieses bei den verschiedenen Krätzmilben der Fall ist.
Sarcoptes nidulans Nitzsch dringt sogar durch das Fell
hindurch und legt seine Eier in das Unterhautzellgewebe ;
Nitzsch beobachtete dergleichen Nester, aus Eiern ‘und
Jungen bestehend, bei Fringilla Chloris, wo sie grosse
gelbe, durch das Fell durchscheinende Knollen bildeten,
welche durch eine weder blutende noch eiternde Wunde
nach aussen hin geöffnet waren (v. Erscn und Gruser’s En-
eyclopädie I. Artikel Acarus.) Achnliches habe ich wieder-
holt bei unserer gewöhnlichen Hausmaus, Mus Musculus,
beobachtet, wo ich mehrmals an der innern Fläche des
abgezogenen Fells kleine milchweisse Knötchen von der
Grösse eines Stecknadelknopfes und grösser antraf, welche
nichts anderes waren als dergleichen Nester von Milben.
Wenn man ein solches Knötchen etwas comprimirt unter
das Mikroscop, so erkennt man 20—-30 kleine Milben, wel-
che in einem gemeinschaftlichen dünnhäutigen Balge liegen.
Der Balg steht aber nicht wie bei Sacroptes nidulans
Nitzch mittelst eines durch das Fell dringenden Loches
offen und mit der athmosphärischen Luft in Berührung;
er ist vielmehr allseitig geschlossen und nur lose mit der
innern Oberfläche des Fells verwachsen ; seine Höhle ist
nicht mit Luft gefüllt, sondern enthält eine zähe durch-
sichtige Flüssigkeit, welche die Milben umgibt. Ich über-
lasse es Sachkundigern zu entscheiden, ob ‘diese Milbe iden-
tisch ist mit derjenigen, welche an der äussern Fläche des
Fells zwischen den Haaren der Maus. lebt. und ob: sie einen
186
jugendlichen Zustand derselben darstellt; ich mache nur
auf den wesentlichen Unterschied aufmerksam, dass letztere
Borsten trägt, erstere aber vollkommen nackt ist.
Auch beim Fuchs habe ich einmal im Zellgewebe un-
ter der Haut einige Individuen eines grössern zäckenartigen
Parasiten angetroffen, dessen Leib platt war, ungefähr 1
lang bei % /“ Breite und deutlich in ein Vorder- und
Hinterstück getheilt; das Vorderstück trug 4 Fusspaare und
aus dem Kopf ragte ein langer horniger gezähnelter Rüssel
hervor; die äussern Bedeckungen waren bräunlich, hart,
hornig. Leider verhinderten damals die Umstände eine ge-
nauere Untersuchung, und seither bot sich die Gelegenheit
Do)
nicht wieder dar, das Versäumte nachzuholen.
Weniger auffallend erscheint das Vorkommen von Mil-
ben in den Respirationswerkzeugen, obgleich dasselbe nicht
häufig beobachtet worden zu sein scheint, indem ich nur
eine einzige hieher gehörige Beobachtung von Nırzscn habe
auffinden können. Dieser fand bei einem schottischen Töl-
pel (Dysporus bassanus Illig.) in dem Luftraume, welcher
sich unter der Haut über die ganze Brust verbreitet, eine
Milbenart, welche er Sarcoptes subcutaneus nannte und
die in grosser Menge dort angehäuft war (v. Jahrbuch der
Chem. & Phys. von ScuwEiscEer, Bd. 16. 1826. p. 435).
Wahrscheinlich jedoch hat Nırzscu Aehnliches auch bei an-
dern Vögeln angetroffen, indem er in dem o. a. Artikel
Acarus der Encyclopädie von Ersch und GrusEr p. 247
sagt: „Manche dringen selbst in innere Höhlen der Thiere,
als in die Nasenhöhlen und in die Luftzellen des Rumpfes
der Vögel,” ohne indessen spezielle weitere Thatsachen
hiezu anzuführen. Es mag daher die Mittheilung einiger
neuen Beobachtungen von Milben in den Athmungsorganen
von Vögeln nicht ganz ohne Interesse sein.
Im Anfang des Juli 1839 fand ich zuerst bei einem
eben getödeten erwachsenen männlichen Individuum von
187
Cypselus apus ziemlich zahlreiche, sehr kleine Milben in
den Luftzellen der Bauchhöhle. _ Sie sassen, in kleinen
Häufchen zusammenliegend, an der innern Fläche der zar-
ten Membran auf und erzeugten das Aussehen, als ob die-
selbe mit feinen Sandkörnern bestreut wären. In denLun-
gen suchte ich sie vergebens auf, will aber daraus keines-
wegs schliessen, dass sie dort fehlten, da vielmehr das Ge-
gentheil wahrscheinlich ist; die Blutüberfüllung’ des Organs
machte eine entscheidende Untersuchung unmöglich; dage-
gen fand ich sie wiederum in den Bronchien und in der
Luftröhre. Einige Tage später untersuchte ich ein anderes
Exemplar desselben Vogels und fand auch bei diesem die
Milben, nur in geringerer Menge. ‘Im folgenden Jahr um
dieselbe Zeit fand ich die Milben bei 2 Individuen wieder,
während sie bei einem dritten ganz fehlten. Der Leib
dieser Milben ist vollkommen nackt, ohne eine Spur von
Haaren oder Borsten und bildet ein ziemlich regelmässiges
Oval von durchschnittlich 14, // Länge auf 45 —Y\3 Breite.
Der Rücken ist gewölbt und durch Furchungen in mehrere
Wülste oder Abschnitte abgetheilt. Eine mit der Convexi-
tät nach hinten gerichtete halbkreisförmige queere Furche
trennt zunächst ein rundliches Kopfstück ab, aus dessen
vorderm Rande ein kurzer kegelförmiger, hackenförmig
nach abwärts gekrummter Rüssel hervorsteht. Zwei den
Seitenrändern parallel verlaufende Längsfurchen bilden ei-
nen mittlern Rückenwulst und zwei schmale Rand-
wülste, welche nach hinten untereinander verschmelzen
und sich gleichförmig gegen die Aftergegend hin abdachen.
Aus der Mitte der letztern ragt bei vielen Individuen ein
kurzer, cylindrischer, am Ende deutlich perforirter An-
hang hervor, von welchem ich ungewiss bin, ob er als
After oder als Oeffnung der Geschlechtsorgane zu betrach-
ten ist. Die untere oder Bauchseite ist mehr flach und trägt
4 Paar nackte, weder mit Borsten noch mit Hacken bewaff-
188
nete Füsse; die beiden ersten sind schief nach vorn gerich-
tet und bestehen aus 5 beweglichen Gelenken; die letzten
stehen schief nach hinten und zeigen bloss 4 Gelenke; an
allen 4 Fusspaaren trägt das letzte Gelenk ausserdem noch
ein Haftblatt. Die Füsse des ersten Paares liegen dicht
zu beiden Seiten des Rüssels, ihr erstes Gelenk zeichnet
sich vor allen andern durch Grösse aus und ist in seiner
hintern Hälfte mit dem der andern Seite verschmolzen.
Dicht hinter ihnen etwas nach aussen steht das zweite Fuss-
paar; in gleichmässigen Zwischenräumen, noch mehr am
Rande, sitzen das dritte und vierte, deren erste Glieder
durch einen eigenthümlichen, wie eine Springfeder gestalte-
ten Apparat untereinander verbunden sind. Zwischen den
beiden letzten Füssen bemerkt man nämlich einen in einem
Bogen verlaufenden schmalen, von zwei scharf gezeichneten
Säumen eingefassten Gürtel von harter, wahrscheinlich hor-
niger Substanz , der vom ersten Glied des dritten Fusses
zu dem des vierten herüber gespannt ist, die Convexität
nach innen gerichtet; jedes Ende desselben theilt sich in
zwei Schenkel und umfasst damit das erste Glied der bei-
den letzten Füsse.
Der Rüssel ist ein einfacher Sipho, an welchem keine
verschiedenen zusammensetzenden Bestandtheile erkennbar
sind; in seinem Innern verläuft ein spindelförmiger Canal,
der an der Spitze eng beginnt, in der Mitte sich erweitert
und an der Basis des Rüssels wieder sich verschmälert;
an demselben bemerkte ich von Zeit zu Zeit Zusammen-
ziehungen und darauf folgende Erweiterungen, also wahre
Saugbewegungen.
Ueber die weitere innere Organisation lässt sich wenig
beifügen, indem ich von eigentlichen sogenannten Einge-
weiden nichts zu erkennen im Stande war; die Leibeshöhle
schien nichts zu enthalten als eine durchsichtige Flüssig-
keit mit zahlreichen runden, scharf umschriebenen Bläs-
189
chen, welche bei jeder Leibesbewegung hin und her ge-
schoben wurden; diese Bläschen drangen auch in das In-
nere der demnach hohlen ersten Gelenke der Füsse und
rückten darin vorwärts, so wie der Fuss ausgestreckt wur-
de und umgekehrt. Das einzige bemerkliche Organ war
eine grosse körnige Kugel, welche im Hinterleib auf der
rechten Seite sass, und die man am wahrscheinlichsten für
einen Eierstock halten könnte.
Obgleich ich diese Thierchen mehrere Stunden anhal-
tend beobachtete, sah ich doch nie etwas durch eine na-
türliche Oeffnung heraustreten; dagegen platzten nicht sel-
ten einzelne Individuen, namentlich wenn ich sie im Was-
ser einer gelinden Compression, die sie anfangs ganz gut
vertrugen, eine Weile ausgesetzt halte, und entleerten da-
bei namentlich die erwähnte Kugel, welche dann sehr bald
zerfiel. Einige von diesen Milben fand ich nach 24stündi-
gem Aufenthalt im Wasser noch lebendig.
Im December 1840 fand ich wiederum Milben in den
Athmungswerkzeugen eines gemeinen Würgers, Lanius
excubitor , ın den grossen Luftsäcken des Bauchs und der
Brust, in den Lungen und der Luftröhre; im untern Theile
der Luftröhre und in den Bronchien waren sie in solcher
Anzahl vorhanden, dass sie das Zumen desselben eigent-
lich ausfüllten. Da der Vogel schon mehrere Tage todt in
der Kälte gelegen hatte, so waren auch die Milben starr
und regungslos, übrigens aber wohl erhalten; einige ver-
riethen sogar noch Spuren von Leben, nachdem ich sie
etwas erwärmt hatte. Diese Milben stimmen im Allgemei-
nen ınit denen aus Cypselus apus überein, mit mehr un-
tergeordneten Abweichungen, die indessen hinreichen, um
sie. als besondere Art zu unterscheiden. Der Leib ist
ebenfalls vollkommen nackt, ohne Haare und Borsten, von
einer lederartigen Haut oder Panzer eingeschlossen; der
Rücken gleichförmig gewölbt, aber ohne die bei der vorigen
190
Art erwähnten Furchungen und Abtheilungen; der Bauch
flach. Der vordere Rand des Leibes ist mehr abgestutzt
und breiter als der hintere; die 4 Vorderfüsse sind gleich-
sam in den vordern Leibesrand eingesetzt und ragen we-
niger gegen die Bauchseite hervor, so dass die ersten Ge-
lenke derselben wie vier in einer schwach gebogenenLinie
stehende Papillen auf dem vordern Rande des Leibes auf-
sitzen; zwischen den beiden mittlern steht der schwach
nach abwärts gebogene, in eine abgerundete Spitze zulau-
fende einfache Rüssel; neben ihm auf jeder Seite bemerkt
man einen kurzen ungegliederten schmächtigen Fortsatz,
welcher am innern Rande des ersten Gelenkes des ersten
Fusspaares ansitzt und den ich für eine rudimentäre Palpe
halten möchte. Von den 4 Fusspaaren bestehen dıe beiden
ersten aus 5, die 2 letzten aus 4 Gliedern, ohne Hacken
und Borsten; auch Hafıblasen waren an ihnen nicht be-
merklich, obgleich ich nicht behaupten möchte, dass sie
nicht vorhanden sind, indem sie eingezogen seyn können;
ein ähnlicher gebogener Gürtel von Hornsubstanz, wie der
oben beschriebene, verbindet die beiden hintern Fusspaare,
Kein Anhang am hintern Leibesende und, wie kei der Milbe
aus Cypselus apus, keine Spur von Augenpunkten. Im In-
nern des Leibes sah ich nichts als Körner in einer farblo-
sen Flüssigkeit, kleinere mit Molecularbewegung bis zu
grossen, wie Fettblasen aussehende Kugeln. Als Ver-
dauungshöhle erschien ein weiter, den mittlern Theil des
Leibes ganz ausfüllender, von seinem Inhalt gelblich oder
bräunlich gefärbter Raum, in welchen ein feiner aus dem
Rüssel entspringender Canal (Speiseröhre) führt; einen
Ausführungsgang aus diesem Magen konnte ich ebensowe-
nig als eine Afteröffnung und Geschlechtswerkzeuge wahr-
nehmen.
191
D. 2. März 1842. Mittheilungen von Herrn
Prof. Miescher über einen neuen Parasiten der
menschlichen Haut. Im December des vorigen Jabes
(1841) brachte zuerst der in Zürich erscheinende öffent-
liche Beobachter in einer Relation über eine Sitzung der
dortigen naturforschenden Gesellschaft die Nachricht, dass
Herr Prof Hexte in der Haut des äussern Gehörganges
bei menschlichen Leichen einen bisher unbeachtet geblie-
benen Schmarotzer entdeckt habe. Zu Ende desselben Mo-
nats kam Herr Prof. Henız nach Basel und zeigte uns bei
dieser Gelegenheit das neue, in den Haarbälgen sitzende
Thier vor. Ueber die Stellung desselben im Systeme hatte
er sich selbst noch nicht entschieden und behielt sich
darüber eine nähere Untersuchung vor; er war indessen
geneigt, das Thier für einen dem Octobdothrium verwand-
ten Helmisthen zu halten. Diese neue Entdeckung nahm
meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch und mein Inte-
resse daran wurde durch das noch obschwebende Räthsel
über die eigentliche Natur des Parasiten wesentlich erhöht;
ich versäumte daher keine Gelegenheit, mich mit demselben
näher bekannt zu machen und das Resultat dieser Unter-
suchung bildete den Gegenstand eines Vortrags in der na-
turforschenden Gesellschaft. Kurze Zeit nachher erschien
in Mürrer’s Archiv 1842. p. 218 cine weitläufige Beschrei-
bung dieses Thiers von Dr. Gustav Sımon, welcher das-
selbe unabhängig von Hextre in den Haarbälgen der Haut
der menschlichen Nase gefunden hatte. Da meine Unter-
suchungen in den wesentlichen Punkten damit übereinstim-
men, so enthalte ich mich hier einer ausführlichen Beschrei-
bung und beschränke mich auf einige Momente, worin ich
mehr oder weniger von Herrn Dr. Sımon abweiche.
Dass der Parasit ein milbenartiges Thier sei, davon
überzeugte ich mich sehr bald, indem es mir gelang, ein
lebendes Individuum, obgleich aus einer schon 2 Tage alten
192
Leiche, zu erhalten; in den 4 Paar Randwülsten, welche
Hexte für Haftorgane ähnlich denen der Polystomen gehal-
ten, erkannte ich gegliederte Füsse, und in dem unpaa-
ren Endwulst einen zusammengesetzten Fressapparat. Die
Gestalt des Thiers ist von Sımox richtig angegeben worden.
Dasselbe ist in der Regel 5—6mal so lang als breit und
besteht aus zwei deutlich von einander geschiedenen Ab-
theilungen, einem Vorderleib und einem Hinterleib. Der
Vorderleib ist platt und von ovaler Gestalt, am breite-
sten zwischen den beiden mittlern Fusspaaren; das vordere
schmälere Ende trägt die Fresswerkzeuge ohne abgetrenn-
tes Kopfstück; das hintere ist breiter und geht ununterbro-
chen in den langen, mehr cylindrischen und in eine stumpfe
Spitze zulaufenden Hinterleib über. Die obere oder Rü-
ckenseite des Vorderleibes ist vorn platt, bildet aber in
der Gegend der beiden hintern Fusspaare eine starke Wöl-
bung und an dieser Stelle ist die grösste Dicke des Thiers;
sie beträgt ungefähr die Hälfte der grössten Breite Die
Bauchseite ist flach und wird durch ein eigenthümliches
Gerüste in 8 gleiche Felder eingetheilt. Dieses Gerüste
kann am besten einem Brustbein verglichen werden; es
besteht aus einem Mittelstück oder Körper, welcher als
schmaler von zwei Rändern eingefasster bräunlicher Strei-
fen zwischen dem ersten Fusspaare entspringt und sich in
gerader Linie nach hinten bis zwischen das letzte Fusspaar
erstreckt, — und aus 5 rippenarligen symmetrischen
Fortsätzen, wovon je 4 auf jeder Seite von dem Mittel-
stück nach dem Seitenrande des Thiers verlaufen; die erste
Rippe geht in schwacher Bogenlinie nach vorn und aussen,
die dritte ziemlich queer, die letzte etwas schief nach hin-
ten. Die Rippen liegen vertieft oder in Furchen und zwi-
schen ihnen treten 8 deutlich erhabene länglich viereckige
und in der Queere liegende Wülste hervor, die ich als:
das erste oder Wurzelglied der Füsse betrachte; jedem
193
_Wulste gehört eine Rippe an, welche an dessen vorderm
Rande verläuft; es erscheinen daher die 3 vordern Wülste
von 2 Rippen eingefasst, während der letzte nur an sei-
nem vordern Rande von einer solchen begleitet wird. Jede
Rippe spaltet sich an ihrem Ende in 2 gebogene Aeste,
welche sich um den vordern Theil des äussern Endes des
Wurzelgliedes anlegen. Dieses Gerüste ist das festeste Ge-
bilde des ganzen Thieres und bleibt nach dem Eintrocknen
desselben noch deutlich sichtbar, namentlich die Rippen,
welche auch dunkler braun gefärbt erscheinen; wahrschein-
lich bestehen sie aus Hornsubstanz. Sımon hat die Beschaf-
fenneit dieser Theile nur ungenau angegeben, so wie über-
haupt die Bildung der Füsse unrichtig beschrieben und
abgebildet. In Beziehung auf letztere nimmt er zwar nit
Recht an, dass sie aus drei Gliedern bestehen; rechnet
aber den Wulst, den ich als erstes Glied betrachte, nicht
dazu; ausser diesem letztern aber hat jeder Fuss nur noch
zwei Glieder, wie ich mich diesen Augenblick noch an ei-
nem schönen lebenden Exemplar, das unter meinem Scuiek-
schen Instrumente liegt, mit Bestimmtheit überzeuge. Das
zweite Fussglied ist breiter als lang, wenn wir nämlich die
Dimension, die in der Axe des Fusses liegt als Länge be-
trachten; es hat die Gestalt eines spitzwinklichen Drei-
eckes, dessen Basis nach vorn, die abgerundete Spitze
nach hinten gerichtet ist, die eine Seite ist an den Rand
des ersten Gliedes angefügt, die andere ist grösstentheils
frei, indem sie nur an ihrem hintern Ende mit dem drit-
ten Gliede beweglich verbunden ist. Das dritte oder End-
glied ist platt, spathenförmig und erinnert mich mit seiner
unbeweglichen am Rande stehenden Klauen immer unwill-
kührlich an eine Maulwurfstatze; es ist nur mit seinem
schmälern Ende befestigt und in der Ruhe ganz nach vorn
gerichtet und an. das zweite Glied angezogen; der Rand
ist mit klauenartigen, wenig oder gar nicht gebogenen Fort-
13
194
sätzen besetzt, und zwar finde ich deren constant an den
beiden Hinterfüssen 5, wovon 2 kleinere den Seitenrän-
dern, 3 stärkere dem wie abgeschnittenen breiten End-
rande angehören; an den beiden Vorderfüssen dagegen be-
merke ich nur 4 Klauen, nämlich nur 2 starke und ge-
wöhnlich etwas zangenförmig zusammengebogene am End-
rande. Bei der Bewegung entfernen sich diese Tatzen vom
zweiten Gliede und werden wie Ruder nach auswärts und
rückwärts abgezogen, während zugleich das zweite Glied
sich mit seinem hintern Theile in das starke Wurzelglied
einschiebt. Auf diese Weise kann sich das Thierchen vor-
wärts schieben, was indessen nur mit der äussersten Lang-
samkeit geschieht, so wie überhaupt dasselbe sich durch
grosse Trägheit auszeichnet; am raschesten sah ich es an
einem Haar fortkriechen, wobei es mit seinen Tatzen das
Haar umklammerte. Am Wurzelgliede sah ich nie eine Be-
wegung und man könnte daraus schliessen, dass es nicht
eigentlich zum Fuss gehöre, wie es auch Sımox nicht dazu
rechnet; allein dann hätte jeder Fuss bestimmt nur 2 Glie-
der; übrigens sehe ich auch bei andern Milben, dass sich
das grosse Wurzelglied in der Regel gar nicht oder doch
nur sehr unmerklich bewegt.
Die Mundtheile sind im Allgemeinen von Sımon richtig
beschrieben worden; sie bestehen aus den beiden Palpen
und einem zusammengesetzten Rüssel. Die Palpen sind
verhältnissmässig gross und bestehen aus 2 Gliedern, aus
einem hintern längern, auf welchem das vordere wie ein
rundes Köpfchen aufsitzt; an letzterm befinden sich 2 nach
abwärts gekrümmte Hacken und zuweilen liess sich noch
ein dritter kleinerer bemerken. Die Palpen sind ziemlich
beweglich, hauptsächlich ‘das vordere kleinere Glied des-
selben, welches sich nach allen Seiten hin drehen kann.
Zwischen den Palpen sitzt der Rüssel in Gestalt eines läng-
lichen Kegels mit abgestumpfter Spitze; er ist in der Regel
195
kürzer als die Palpen und nur selten sah ich ihn von glei-
cher Länge; niemals länger, wie ıhn Sımon fast überall
zeichnet. Er besteht aus zwei dreieckigen übereinander
verschiebbaren Mandibeln und aus einer myrthenblattför-
migen Unterlippe:
Von Augen oder Augenpunkten ıst keine Spur wahr-
zunehmen.
Der Hinterleib ist eine unmittelbare Fortsetzung
des Vorderleibs und durch keine bestimmte Grenze von
ihm geschieden; er ist gewöhnlich zwei bis drei Mal so
lang als der Vorderleib und läuft, nach hinten allmählıg
dünner werdend, in eine stumpfe Spitze zu: Er ist zu-
weilen eylindrisch;, gewöhnlich aber mehr oder weniger
abgeplattet und zwar auf verschiedene Weise; am gewöhn-
lichsten erscheint er, in gleicher Weise wie der Vorder-
leib, von oben nach unten zusammengedrückt; in einigen
Fällen sah ich ihn seitlich zusammengedrückt, wo dann
das Thierchen in Gestalt einer Kaulquappe ähnlich sah.
Die Haut des Hinterleibs erscheint sehr fein geringelt, wenn
nämlich derselbe abgeplattet ist; ist er aber eylindrisch
und mehr aufgequollen, so erscheint die Haut ganz glatt;
sie besteht daher nicht &ü3 wirklichen Ringen und erhält
ihr geringeltes Ansehen, wie die Nematoiden, nur durch
ringförmige Furchen. Die Länge des Hinterleibs variirt
sehr, während die Grösse des Vorderleibs ziemlich con-
stant dieselbe ist; eine so verkürzte Form, wie sie Simon
fig. 4. abbildet, ist mir jedoch nie vorgekommen, ebenso
wenig habe ich unter den zahlreichen Individuen, die ich
untersucht habe, je eines mit nur 3 Fusspaaren angetrof-
fen; es ist mir daher auch nicht wahrscheinlich, dass wir
in den kürzern und längern Formen verschiedene Entwick-
lungsstufen zu sehen haben, besonders da keine gleich-
zeitigen Verschiedenheiten in andern Körpertheilen wahr-
zunehmen sind.
196
Ueber die innere Organisation lässt sich nur wenig
sagen, indem sich von eigentlichen Organen nichts erken-
nen lässt. Vorder- und Hinterleib schliessen eine gemein-
schaftliche ununterbrochene Höhle ein, deren Inhalt aus
einer farblosen Flüssigkeit und aus Körnern besteht; die
Körner sind punktförmig bis zu grössern, die wie Fettkü-
gelchen aussehen, und bewegen sich nur, wenn die Füsse
bewegt werden, wobei sie vorwärts und rückwärts fluctui-
ren. Dieses Contentum geht ohne Unterbrechung aus dem
Vorderleib in den Hinterleib über und erstreckt sich in
letzterm bald bis zu seinem Ende, oft nur bis zur Mitte,
wobei dann das Ende leer und glashell durchsichtig er-
scheint. Dieser letztere Umstand deutet darauf hin, dass
der ganze körnige Inhalt einen innern Zusammenhang hat,
vielleicht von einer besondern Membran eingeschlossen ist.
In der Regel, jedoch nicht immer, zeichnen sich in dem
feinkörnigen Inhalt des Hinterleibs mehrere weisse oder
farblose, kugelige oder eiförmige Massen aus, die vielleicht
eine Beziehung zur Fortpflanzung haben, was sich nicht mit
Gewissheit bestimmen lässt. Einige Mal sah ich an der
Bauchseite dicht hinter dem letzten Fusspaare eine kurze
Längsspalte, die ich für After oder Geschlechtsöffnung
halten möchte; allein bei der weitaus grössern Zahl der
untersuchten Exemplare konnte ich sie nicht wieder erken-
nen und ich muss es daher unentschieden lassen, ob ich
mich in jenen Fällen getäuscht habe, oder ob eine After-
spalte wirklich existirt, aber bei vollkommener Schliessung
sich dem Auge entzieht.
Diese parasitische Milbe erscheint nach den bis jetzt
angestellten Untersuchungen als ein sehr treuer Begleiter
des Menschen. Gleich nachdem mir Hexre’s Entdeckung
bekannt geworden, untersuchte ich die Haut des äussern
Gehörgangs bei allen im Spital Verstorbenen, nach der
von ihm angegebenen Methode, indem ich feine senkrechte
197
Abschnitte unter das Mikroscop brachte. Unter den 7 er-
sten Leichen, welche ich auf diese Weise untersucht habe,
vermisste ich den Parasiten nur bei einer einzigen. Auch
später suchte ich ihn häufig gelegentlich auf und fast nie
vergebens, besonders seitdem mir durch Sınon dessen An-
wesenheit auch in der Haut der Nase bekannt geworden
ist; finde ich ihn an dem einen Ort nicht, so kann ich
fast sicher darauf zählen, dass er am andern vorhanden
ist; meistens findet er sich an beiden zu gleicher Zeit. Er
sitzt immer in den Haarbälgen den Vorderleib nach dem
Grunde desselben hingerichtet, gewöhnlich, besonders im
Ohre, so, dass das Ende des Hinterleibs in der Oeffnung
des Haarbalgs liest und als ein kurzer stumpfer Stachel
neben dem Haarschafi sichtbar wird. Am häufigsten fand
ich nur einen in einem Haarbalge, zuweilen zwei, selten
mehrere, Sımon sogar einmal 13 in einem und demselben,
freilich krankhaft erweiterten Balge. Es ist nicht schwer,
ihn auch aus lebenden Menschen zu erhalten, indem man
mittelst des zugeschärften Endes eines Scalpelheftes den
Inhalt der Haarbälge an den Seiten der Nasenflügel oder
auch im Eingange des äussern Gehörganges herausdrückt.
Auf den Haarbalg scheint die Milbe keinen nachtheiligen
Einfluss auszuüben und wenn sie auch in den sogenannten
CGomedonen angetroffen wird, so ist dieses keineswegs die
Regel; ich habe sie im Gegentheil nur ausnahmsweise in
wirklichen Comedonen gefunden, gewöhnlich in ganz ge-
.sunden Haarbälgen. Ob sie auch an andern Körperstellen
als gerade an der Nase und im Gehörgang vorkömmt, kann
ich noch nicht entscheiden ; ich habe wiederholt die Haut
von verschiedenen Körpergegenden, von sogenannten nack-
ten und von stark behaarten untersucht, und zwar bei
Leichen, bei denen ich den Parasiten im Ohr oder an der
Nase aufgefunden hatte, ohne je denselben anzutreffen,
198
Sımox hat dem Thierchen vorläufig den Namen Acarus
follieulorum gegeben, den es indessen nicht behalten kann;
es gehört zwar ohne Zweifel in die Familie Acarina, aber
keineswegs zum genus Acarus, wie es Nırzsch eingegränzt
hat; überhaupt lässt es sich in keinem der bisher aufge-
stellten gezera unterbringen; ich erlaube mir daher für das-
selbe, in Berücksichtigung seiner hervorstechenden Eigen-
thümlichkeiten, den Namen Macrogaster platypus vorzu-
schlagen (Maxeos longus, vaoınp abdomen, zAarVs latus,
zoÜs pes). ?
D. 16. März. Herr Prof. Mieschrr, über eigen-
thümliche Schläuche in den Muskeln einer
Hausmaus.
Bei der Untersuehung dieser Maus, welche in meiner
Wohnung gefangen worden war, fiel mir gleich beim Ab-
ziehen des Fells ein sonderbares gestreiftes Aussehen der
Muskeln, die etwas blässer waren, als gewöhnlich, in die
Augen. Dasselbe rührte von milchweissen ziemlich starken
Fäden her, welche: in kleinern oder grössern, nicht regel-
mässigen Zwischenräumen zwischen den Muskelbündeln ver-
liefen. Sämmtliche Muskeln des Rumpfes, der Extremitä-
ten, des Halses und Gesichtes, die Augenmuskeln so wie
auch das Zwerchfell zeigten diese Beschaffenheit; die Mus-
keln der Zunge dagegen, so wie diejenigen des Kehlkopfes
und des Schlundes und alle unwillkührlichen Muskeln, näm-
lich die des Herzens, der Speiseröhre und des Darmcanals
verhielten sich normal.
So viele Mäuse ich auch vorher schon zu verschiede-
nen Zwecken secirt hatte, war mir doch nie etwas Aehn-
liches vorgekommen und auch nachher suchte ich bei ei-
ner grossen Anzahl vergebens darnach. Ich muss mich
daher in dieser Mittheilung lediglich auf das beschränken,
was mich die genauere Untersuchung dieses einzigen Falles
199
gelehrt hat; wobei ich zum Voraus bekenne, dass es mir
nicht gelungen ist, die Natur der fraglichen Muskelkrank-
heit vollkommen zu enträthseln.
Die milchweissen Fäden, welche den Muskeln das ge-
streifte Ansehen ertheilen, finden sich sowohl an der Ober-
fläche, wie im Innern der Muskeln und laufen beständig
den Muskelfasern parallel; an den Bauchwandungen bilden
sie, indem sie sich in drei verschiedenen Richtungen kreu-
zen, ein schönes Gitterwerk und zeigen sehr deutlich den
Verlauf der Fasern in den drei platten Bauchmuskeln an.
Auch ihre Länge wird bestimmt durch die Länge der Mus-
kelfasern und ist daher sehr verschieden ; jeder einzelne
Faden ist genau so lang als die Muskelparthie in welcher
er liegt; niemals geht ein Faden von einem Muskel auf
den andern über, und wo das Muskelfleisch durch inscrip=
tiones tendine® in mehrere Bäuche getheilt wird, ist auch
der Verlauf der weissen Fäden unterbrochen.
Unter dem Mikroscop stellt sich nun jeder einzelne Fa-
den als einen cylindrischen, an beiden Enden sich ver-
schmächtigenden und in eine stumpfe Spitze zulaufenden
Schlauch dar, welcher von einem körnigen Inhalt strotzend
angefüllt ist nnd in seiner äussern Gestaltung am meisten
an den Leib einer filaria erinnert, eine Aehnlichkeit, die
noch dadurch vermehrt wird, dass der Schlauch in unre-
gelmässigen Zwischenräumen leichte Einschnürungen zeigt
und nicht so gestreckt verlauft wie die Muskelfasern, son-
dern hier und da wellenförmige Biegungen beschreibt. Die
Dieke der Schläuche beträgt ungefähr das 4—Ö6fache des
Durchmessers der Muskelbündel; er variirt nämlich von
4ı—Vs3 Par. Linie. Eine einfache durchaus structurlose
Membran bildet die Wandungen der Schläuche; aus dicht-
gedrängten und wie untereinander zusammengebackenen
Körnern besteht der Inhalt derselben. Die Körner haben
einen bestimmten eigenthümlichen Charakter und lassen
200
sich nicht leicht mit andern bekannten Gebilden verglei-
chen ; weitaus die meisten sind länglich und nierenförmig
gebogen ; ihre Länge beträgt 0,0034—0,0054 Par. bei
einer Dicke von 0,0014—0,0024, und zwar ist dabei zu
bemerken, dass je grösser die Länge eines Körperchens,
um so geringer die Dicke desselben; andere in kleinerer
Anzahl sind sphärisch und von ziemlich gleichbleibender
Grösse; ihr Durchmesser variirt von 0,0027 —0,0031. Zwi-
schen diesen beiden Formen finden sich die mannigfaltig-
sten Uebergänge, welche nicht zweifeln lassen, dass die
einen, nämlich die nierenförmigen, eine höhere Ausbildung
der andern sind, Ueber die Natur dieser Körperchen lässt
sich bei ihrer Kleinheit nicht viel erkennen; jedoch kann
man sich mit Bestimmtheit überzeugen, dass sie keine ein-
fachen Zellen sind; ihr Inneres besteht aus Körnchen oder
ganz kleinen, nicht messbaren Bläschen, die warscheinlich
von einer einfachen Membran umschlossen und zusammen
gehalten werden.
Was sind nun diese Schläuche, was die darin in so
ungeheurer Anzahl vorhandenen eigenthümlich gestalteten
Körperchen? Die Antwort auf diese Frage muss ich vor
der Hand schuldig bleiben. Es bieten sich zwei mögliche:
Erklärungen der beschriebenen Erscheinungen dar. Ent-
weder nämlich haben wir darin einen eigenthümlichen
Krankheitszustand der Muskeln zu erblicken, welcher sich
nur auf einzelne Muskelbündel beschränkt und hauptsäch-
lich darin besteht, dass statt der Muskelfibrillen sich jene
Körperchen in der structurlosen Hülle des Muskelbündels
erzeugen, sich anhäufen, die Hülle ausdehnen und in jene
Schläuche umwandeln. Oder aber, was eine grössere Wahr-
scheinlichkeit für sich hat, wir haben es mit einer eigen-
thümlichen parasitischen Bildung zu thun, welche sich die
Hülle der Muskelbündel zur Wohnstätte auserwählt und
daraus die eigentliche Muskelsubstanz verdrängt. Hiefür
201
spricht namentlich das Verhalten der um die Schläuche an-
liegenden Gewebe, welche in keiner Weise krankhaft ver-
ändert erscheinen, wie es bei den uns bekannten patholo-
gischen Processen sonst immer der Fall ist; während wir
häufig zu sehen Gelegenheit haben, dass Parasiten in und
zwischen den Geweben sich aufhalten, ohne irgend eine
entzündliche Reaktion in denselben hervorzurufen. Dass
die Membran der Schläuche identisch ist mit der Hülle der
Primitiv-Muskelbündel, davon glaube ich mich bestimmt
überzeugt zu haben, indem ich hier und da Schläuche
fand, an deren einem Ende noch ein Stück eines unverän-
derten Muskelbündels als unmittelbare Fortsetzung aufsass.
Die in den Schläuchen angehäuften Körperchen wären so-
mit der eigentliche Parasit; ob derselbe vegetabilischer
oder thierischer Natur sei, darüber mögen fernere Unter-
suchungen entscheiden.
Zum Schlusse erlaube ich mir noch, an eine Beobach-
tung von Bownmann zu erinnern, welche einiges Licht auf
die beschriebene Beschaffenheit der Muskeln der Hausmaus
werfen kann. Bowmann nämlich fand unter den Muskel.
bündeln eines sonst gesunden Aales einen Primitivmuskel-
bündel, der einer durchsichtigen Röhre glich, und eine
Menge (über 100) kleinere, nach Art der Trichina spiralis
zusammengerollter, schmarotzender Würmer enthielt. Die
Scheide der primitiven Muskelbündel, welche diese Röhre
bildete, war unversehrt, und liess in ihrem Innern auch
keine Spur von primitiven Fasern erkennen, indem diese
wahrscheinlich den Würmern zum Futter gedient hatten.
Aus den nachher an beiden Enden angerissenen Röhren
schlüpften mehrere Würmchen hervor und bewegten sich
auf mannigfache Weise. Sie hatten eine Länge von Yas ”,
waren an dem einen Ende stumpf abgerundet, an dem an-
dern dagegen stark verschmächtigt. In ihrem Innern ent-
hielten sie blasig-körnige Masse ohne irgend eine auffal-
202
lende Struktur; nirgends war an’ der Oberfläche der Thiere
eine Oeffnung zu entdecken. Zwischen diesen Würmern
befanden sich in jener Röhre ovale Körperchen, welche in
Grösse den zusammengerollten Würmern gleichkamen; bei
näherer Untersuchung stellten die ovalen,Körper eine Cyste
vor, welche blasig-körnige Masse enthielt und unentwickelte
Würmer darzustellen schien. Kein anderer Muskelbündel
des Aals zeigte ein ähnliches Verhalten; freilich wurde aus
Mangel an Zeit in dem Aale nicht ganz genau darnach ge-
sucht, Diese Würmer erinnerten Bownmann zwar an Tri-
china spiralis; doch unterscheiden sie sich von diesem
Parasiten bestimmt dadurch, dass Trichina spiralis immer
ausserhalb der Muskelbündel-Scheiden in einer Oyste für
sich wohnt, während jene Würmer gesellig in einer röh-
renförmigen Scheide leben. (cf. Bownann, or the minute
structure and movement of voluntary muscle, in Philos.
Transact. 1840. T. I p. 480, daraus im Auszug in Wıec-
manx’s Archiv 1841. Jahresbericht p, 296).
D. 31. März 1841. Herr Prof. VArentın aus Bern,
als Gast anwesend, legt der Gesellschaft ein schönes Exem-
plar von Siren lacertina vor und knüpft daran einige all-
gemeine Bemerkungen über die Familie der Reptilien, wel-
che den Uebergang zu den Fischen bilden.
D. 10. Nov. 1841 zeigt Herr Seur ein Exemplar der
hier selten vorkommenden Scutigera araneoides vor.
203
v1. ANTHROPOTOMIE, ZOOTOMIE
UND PHYSIOLOGIE.
D. 10. u. 24. Nov. 1841 gibt Herr Dr. E. Hıcensach
eine nähere Beschreibung von einzelnen Organen des Cro=
codilus lucius, wie sie ihm bald nach der Sektion des noch
im frischen Zustande befindlichen Thieres von Herrn Prof.
Mıec zur genauern Untersuchung überlassen wurden: näm-
lich der Zunge, des Kehlkopfs, der Lungen, des Herzens
und der Augen.
Der Verfasser beginnt mit der Beschreibung der Zunge,
welche sich als einen länglichten, plattgedrückten , nach
vorn zugespitzten fleischigen Körper darbietet, der von al-
len Seiten an den Boden des Mundes fest angedrückt ist.
Sie ist vorn am dünnsten und nimmtgegen die Basis merk-
lich an Dicke zu, wo sie einen konkav gestalteten Rand
zeigt. An diesen Rand legt sich der hervorspringende
obere Theil des Zungenbeins, welcher hier einigermassen
die Stelle einer Epiglottis vertritt, Die Haut, womit die
Zunge an den Boden der Mundhöhle befestigt ist, bietet
eine rauhe, feilenartige Oberfläche dar, welche bei genaue-
rer Untersuchung eine Menge von einzelnen, in linienarti-
gen Reihen verlaufenden, harten Schüppchen zeigt, die mit
einem fein ausgezackten Rande versehen sind. Da, wo sie
den vordern Theil der Zunge überzieht, behält sie eben-
falls diese rauhe Beschaffenheit, nur mit dem Unterschiede,
dass hier keine Schüppchen mehr, sondern Körnchen zu
bemerken sind, welche sich in spiralförmig gewundenen
Linien um jede einzelne Geschmackswarze herumlegen. Gegen
den hintern Theil der Mundhöhle geht der rauhe körnige
Theil auf einmal, durch eine Queerlinie abgegrenzt, in den
204
schleimhäutigen Theil über, welcher nun auch den übri-
gen Theil der Zunge überzieht. Deutliche Geschmacks-
warzen konnte der Verfasser nur an dem vordern Theile
der Zunge beobachten, an dem übrigen Theile bemerkte
er nur einzelne kleinere Grübchen, welche ihm Ausmün-
dungen von Schleimdrüschen zu seyn schienen. Die Sub-
stanz der Zunge besteht grösstentheils aus einer fettarti-
gen Masse, welche nach unten, wo sie unbedeckt da liegt,
ein drüsenartiges Aussehen darbietet. Eine wirkliche Un-
terkieferdrüse, wie sie Mayer in Bonn (Analekten für ver-
gleichende Anatomie, erster Theil) annimmt und beschreibt,
konnte der Verfasser nicht unterscheiden.
Aus dem Mitgetheilten geht ziemlich einleuchtend her-
vor, dass die Zunge des Krokodils nicht nur als Geschmacks-
organ, sondern auch als Bewegungsorgan auf einer niedern
Stufe steht. Die wichtigste Funktion scheint sie dem Ver-
fasser als Schlingorgan zu verrichten, da sie bei gleichzei-
tig gehobenem Zungenbeine die Speisen gegen den Rachen
andrückt und somit das Hinuntergleiten derselben befördert.
Hinter der Zunge befindet sich nun eine grosse rund-
liche Vertiefung, welche in ihrem ganzen Umfang von ei-
ner Schleimhaut, (die als die Fortsetzung der Mundschleim-
haut zu betrachten ist) überzogen ist. Man könnte sie als
den isthmus faucium bezeichnen. Sie wird nach vorn und
zum Theil seitlich durch einen fast senkrecht in die Höhe
stehenden, starken knorplichten Körper, welcher bei geöff-
netem Rachen sogleich in die Augen fällt, nach hinten aber
durch einen wulstartig hervorragenden Rand der Schleim-
haut des Rachens gebildet, den man als ein Rudiment des
velum palatinum betrachten könnte. Jener knorplichte
Körper ist der obere freistehende Theil des sehr stark ent-
wiekelten Zungenbeins, welcher hier als eine Art von Kehl-
deckel zu funktioniren scheint. Aus der Mitte der genann-
ten Vertiefung erhebt sich, ebenfalls von derselben Schleim-
205
haut bedeckt, als ein konvex gestalteter, sanft abgerunde-
ter Körper der Kehlkopf, von welchem später die Rede
seyn wird.
Das Zungenbein, dessen Beschreibung sich am füg-
lichsten an die der Zunge anschliessen lässt, zeigt bei’m
Krokodil eine ganz eigenthümliche Bildung. Es stellt das-
selbe einen grösstentheils aus Knorpelmasse bestehenden,
von einer starken fibrösen Haut überzogenen Körper dar,
dessen Gestalt am besten mit einem Wappenschilde vergli-
chen wird. Es ist nämlich fast viereckig gestaltet, oben
etwas breiter als unten und hat nach aussen eine gleich-
mässig konvexe, nach innen eine konkave Fläche, und läuft
nach oben in den schon früher erwähnten kehldeckelarti-
gen Rand aus. Der untere Rand des Zungenbeins ist ein-
wärts geschweift und läuft zu beiden Seiten in eine stum-
pfeEcke aus. An den beiden Seitenrändern, wo der Knor-
pel am dicksten und härtesten ist, indem er hier in wirk-
liche Knochenmasse übergeht, befindet sich, ungefähr in
der Mitte, ein rundlicher Einschnitt. Diesen füllt ein an-
sehnlicher Knochenfortsatz, das sogenannte Zungenbeinhorn
aus, welches daselbst nach Art eines Gelenkes beweglich
eingefügt ist und durch ein besonderes fibröses Band fest-
gehalten wird. Die Zungenbeinhörner bilden zwei längliche
Schenkel, welche zuerst rundlich gestaltet sind, und dann,
nachdem sie sich unter einem stuinpfen Winkel einwärts
gebogen haben, in ein plattes fast dreieckig gestaltetes
knorplichtes Ende auslaufen. An diese Hörner setzen sich
die meisten Muskeln fest, welche zur Bewegung des Zun-
genbeins dienen. Von der innern Fläche des Zungenbeins,
den mittlern Raum einnehmend, erhebt sich der Kehlkopf,
welcher durch bloses Zellgewebe an jene befestigt ist.
Unter den beiden Muskeln, welche die Zunge. bewe-
gen und sich mit der Substanz derselben vermengen, wo-
von der eine der Vorwärtszieher, der andere der Rück-
206
wärtszieher genannt wird, verdient der letztere wegen: sei-
ner eigenthümlichen Beschaffenheit eine besondere Berück-
‚sichtigung. Es spaltet sich nämlich dieser ansehnliche,
fleischige Muskel, den man als musc. hyoglossus oder ce-
rato-glossus bezeichnet, bald nach seinem Ursprunge vom
mittlern Theile des Zungenbeinhorns in S bis 9 einzelne
Bündel, welche sich gegenseitig durchkreuzen, wodurch
der ganze Muskel die Gestalt einer plattgedrückten Aehre
annımmt. Die sich so durchflechtenden Faserbündel sen-
ken sich in die Fettmasse der Zunge und erstrecken sich,
diese durchdringend, theils an den seitlichen Rand, theils
an die vorderste Spitze derselben, wo sie sich häufig mit
den Fasern des Vorwärtsziehers der Zunge, oder dem
musc. genioglossus vermengen. Was nun diesen letztern
Muskel betriift, so. besteht er ganz vorn an der Spitze der
Zunge, wo er an den innern Winkel des Unterkiefers be-
festigt war, aus zwei starken Muskelbündeln. Diese wer-
den bald nach ihrem Ursprunge allmählig dünner und lö-
sen sich, so wie sie den beiden Seitenrändern der Zunge
näher rücken in lang gezogene Fasern aus, welche fast pa-
rallel aneinander gereiht, die Gestalt. einer Membran an-
nehmen.
Der Verfasser erwähnt noch eines zweiten, kleinern
musc. genioglossus, den Becker und Cuvier beschreiben,
den er selbst aber an seinem Exemplare nicht auffinden
konnte.
In die Beschreibung der übrigen ziemlich zahlreichen
und zum Theil sehr ansehnlichen Muskeln des Zungenbeins
kann der Verfasser nicht mit Genauigkeit eintreten, da die-
selben von ihrem respektiven Ansatzpunkte abgeschnitten
und somit nur vermuthungsweise definirt werden konnten.
Der Kehlkopf nimmt, wie schon oben bemerkt wor-
den, den mittlern konkaven Raum des Zungenbeins ein.
Er ist äusserlich von derselben Schleimhaut bekleidet, welche
207
den obern Theil des Schlundes überzieht, doch hat die-
selbe hier eine zärtere, fast sammtartige Beschaffenheit und
ist faltenlos. In der Mitte öffnet sich als eine ungefähr
einen Zoll lange Spalte die Stimmritze, welche zu beiden
Seiten von einem stark aufgewulsteten Rande begrenzt ist.
Er besteht aus zwei Knorpeln, einem Ringknorpel (carti-
lago cricoidea) und einem paarig vorhandenen giesskannen-
förmigen Knorpel (cartilago arytenoidea). Der Ringknor-
pel, dessen hintere Fläche eine breite Wand bildet, wäh-
rend die vordere um mehr als 2 Drittheile schmäler ist,
scheint seiner Lage und Construction zufolge den Schild-
knorpel zu ersetzen, welcher hier gänzlich fehlt. Die
‚Giesskannenknorpel stellen zwei einzelne Bögen dar, des-
sen beide Schenkel nach oben in einem fast spitzen Winkel
zusammenlaufen. Der vordere dieser Bogenschenkel setzt
sich mitten auf den vordern, der hintere mitten auf den
hintern Rand des Schildknorpels fest. Der Zwischenraum
zwischen beiden Schenkeln wird durch eine feine seröse
Haut ausgefüllt.
An diese beiden Knorpel sind nun äusserlich mehrere
Muskeln befestigt, welche vorzüglich zur Erweiterung und
Verengerung der Stimmritze dienen. Der Erweiterer der
Stimmritze entspringt mit einem schmälern Theile vom
‚Zungenbeine, mit einem breitern vom Seitenrande des Ring-
knorpels und setzt sich an den wulstigen Rand der Stimm- -»
ritze. Zieht sich der Muskel zusammen, so entfernt er
die beiden Schenkel der Giesskannenknorpel, (welche auf
ihrer Unterlage beweglich eingefügt sind), von einander
und erweitert somit die Oeffnung der Stimmritze. Der
andere Muskel, welcher die Stimmritze verengt, und zu-
gleich geeignet ist, den Ringknorpel etwas zusammenzu-
‚drücken, überzieht fast den ganzen Kehlkopf und setzt sich
mit einer gemeinschaftlichen Sehne an die Giesskannen-
'knorpel fest. Die Wirkung dieses Muskels wird noch durch
208
einen viel kleinern unterstüzt, welcher vom obern Rande
des Ringknorpels entspringt und sich an den innern Rand
des vordern Schenkels des Giesskannenknorpels ansetzt.
Die Luftröhre stellt einen 14%, Zoll langen, von
vorn nach hinten etwas zusammengedrückten Cylinder dar,
der von oben nach unten allmählig schmäler zulaufend,
sich in 2 Aeste theilt, wovon jeder in die Lunge der ent-
sprechenden Seite (von hinten) eindringt. Von den 66 Knor-
pelringen , welche die Luftröhre zusammensetzen, sind 53
vollkommen geschlossen, die 13 obersten hingegen bieten
nach vorn eine Lücke dar, welche durch die fibröse Haut
ausgefüllt wird, die die Zwischenräume zwischen den ein-
zelnen Knorpeln überzieht. Die Zahl dieser unterbroche-
nen Knorpel scheint übrigens nicht konstant zu seyn, da
HumsoLp ihrer nur 9, WGeorrroy St. Hıraıre 10, Duvernay
16, und andere Schriftsteller noch mehr angeben. Der
linke Luftröhrenast ist etwas länger als der rechte, der
rechte dagegen etwas breiter und stärker als jener. Die
einzelnen Knorpelringe zeigen hier nicht mehr die regel-
mässige, gleichförmige Construktion wie an der Luftröhre;
öfter sind zwei miteinander verwachsen.
Die Lungen stellen zwei längliche, nach oben und un-
ten etwas zugespitzte Säcke dar, welche im unaufgeblase-
nen Zustande eine rundliche und faltige Oberfläche haben.
Werden sie aufgeblasen, so nehmen sie bedeutend an Um-
fang zu und es erhebt sich dann die ganze Oberfläche zu
einer Menge dicht aneinander gereihter, grösserer oder
kleinerer Bläschen. Die äussere Haut der Lungen, welche
sehr zart und halb durchsichtig ist, wird in ihrem ganzen
Umfange. von der pleura überzogen, und zwar so, dass
die letztere überall durch Zellgewebe innig an dieselbe be-
festigt ist. Es erfordert daher eine besondere Vorsicht,
diese beiden Häute von einander zu trennen; nur allzu-
leicht verletzt man bei dieser Arbeit die zarte Membran
209
des Lungensackes und verliert somit den Vortheil, die Lunge
in ihrem ganzen Umfange aufzublasen.
Bei einer sorgfältigern Untersuchung erkennt man bald,
dass in jeder Lunge verschiedene von einander abgeson-
derte Räume oder Höhlen vorhanden sind, welche durch
ein eigenthümliches Geflecht von maschen- oder netzartig
gebauten Faserbündeln gebildet werden, und in deren jede
ein Theil der Luftröhre mit freier Oeffnung einmündet.
Der Verfasser unterschied 4 grössere solcher Höhlen, wo-
von 2 in dem obern, und 2 in dem untern Theile der
Lunge sich ausbreiteten, und 4 bei weitem kleinere, wel-
che den mittlern Theil derselben einnahmen. Bemerkens-
werth ist es, dass in jeder der grössern Höhlen die be-
zeichneten Maschen oder Netze (welche im Ganzen genom-
men am besten mit den trabeculis carneis der Herzkam-
mern verglichen werden können), auf eine besondere Weise
angeordnet sind, wodurch sich jede, abgesehen von dem
Umfang und der Form, merklich von der andern unter-
scheidet. Der Verfasser glaubt übrigens, dass der Bau
der, Krokodil- Lungen im Ganzen noch lange nicht hinläng-
lich untersucht und bekannt sey.
Als etwas Eigenthümliches muss endlich die Art und
Weise bezeichnet werden, wie die Luftröhre sich in den
einzelnen Lungenhöhlen endigt. Es geschieht diess näm-
lich nicht auf die Weise, dass die den beiden Lungen ent-
sprechenden Luftröhrenäste sich immer mehr verästeln und
vertheilen, und in Verbindung mit den verschiedenen Lun-
gengefässen sich allmählig in die Substanz dieses Organs
gewissermassen auflösen, sondern die beiden Luftröhren-
äste hören wie mit einem Male auf, indem sie in mehrere,
theils grössere , theils kleinere Oeffnungen auslaufen, wel-
che unmittelbar in die oben bezeichneten Höhlen einmün-
den. Gewöhnlich zeigen die Ränder der grössern Aus-
gänge mehrere hervorspringende Zacken oder Spitzen, an
14
210
welche sich, ähnlich wie bei den Valveln des Herzens, die
srössern Trabekein des Maschennetzes ansetzen, und in-
dem sie an dieser Stelle eine viel solidere (fibrös -kartila-
ginöse) Beschaffenheit annehmen, zum Stützpunkte dersel-
ben dienen.
Das Herz des Krokodils ist wie bei den Säugethieren
in einen Herzbeutel eingeschlossen, doch besteht er nicht,
wie bei jenen, aus einer serösen, sondern aus einer fi-
brösen Membran, welche ein sehr starkes, fast lederar-
üges Aussehen hat.. Es hängt diese Haut unmittelbar mit
der Sehnenhaut des Zwerchmuskels zusammen, mit wel-
cher sie in ihrer Consistenz und übrigen Beschaffenheit
ziemlich übereinstimmt.
Das Herz selbst besteht nach den genauesten und rich-
ügsten Untersuchungen, wie bei den Säugethieren und Vö-
geln aus 4 von einander vollständig abgegrenzten Höhlen,
2 Vorkammern nämlich und 2 Herzkammern. Die Grösse
desselben ist im Vergleiche mit derjenigen des ganzen Kör-
pers keineswegs beträchtlich; es mag dasselbe ungefähr so
gross seyn wie das Herz eines 6 oder Sjährigen Kindes.
Die Form des eigentlichen Herzens oder der beiden Herz-
kammern hat so ziemlich Aehnlichkeit mit dem menschli-
chen Herzen, indem es ebenfalls konisch gestaltet ist. Als
etwas Eigenthümliches muss bei der Beschreibung der äus-
.sern Konformation des Herzens erwähnt werden, dass alle
von den beiden Herzkammern abgehenden Gefässstämme
in einen gemeinschaftlichen Sack von sehr ansehnlicher Aus-
dehnung (cozus s. bulbus arteriosus) sich vereinigen. In
ihn münden sich die beiden Haupt - Aortenstämme sowohl
als die Lungenarterie, doch ist jedes dieser Gefässe durch
eine Zwischenwand von dem andern getrennt. Bemerkens-
werth ist noch, dass das Herz an seiner Spitze durch ei-
nen starken, sehnichten Fortsatz an den Herzbeutel gehef-
tet ist. Was nun die einzelnen Theile des Herzens betrifft,
211
so hebt der Verfasser folgende Punkte hervor. Die rech-
teVorkammer ist sehr geräumig und besteht aus einem
häutigen Sacke mit faltiger Oberfläche, welcher sich im
Ganzen der dreieckigen Form annähert. Den nach innen
befindlichen Vorsprung oder Anhang kann man als Herz-
ohr bezeichnen. Es münden sich in dieselbe drei ganz
dünnhäutige Venen, die ven& cav@, zwei obere, eine
rechte und eine linke, und eine untere. Ehe diese Venen
die Kammer erreichen, vereinigen sie sich in einem häuti-
gen Sacke oder Sinus, der vollkommen gleich beschaffen
ist wie die Venen selbst. Die Wände der Kammer sind
mit einer dünnen Schicht von ästig verlaufenden Muskel-
fasern (sogenannten trabeculis carneis) überzogen.
Die rechte Vorkammer mündet mit einer ziemlich an-
'sehnlichen Oeffnung in die rechteHerzkammer. Diese
Oeffnung ist von zwei deutlichen Klappen oder Valveln be-
grenzt, wovon die äussere stärkere muskulös, die innere
aber nur häutig ist. Die Wände dieser Kammer sind ziem-
lich dünne, doch erstrecken sich über dieselbe in verschie-
dener Richtung ansehnliche Muskelbündel. Nach oben, un-
gefähr da, wo im menschlichen Herzen die Vorkammer
sich einmündet, befindet sich der Eingang in die linke her-
absteigende Jorta und an dieser Stelle bemerkt man zwei
starke halbmondförmige Klappen. Gleich hinter diesen
Klappen, noch mehr nach oben und links befindet sich
eine Art von Sinus, welcher sich in die für die Arteria
pulmonalis bestimmte Abtheilung des conus arteriosus hin-
ein erstreckt. Diese letztere Abtheilung, welche sich wei-
terhin in zwei Hauptäste, einen rechten und einen linken
Lungenast spaltet, nimmt unter den drei Hauptstämmen,
welche den conus arteriosus zusammensetzen, bei weitem
den grössten Raum ein. Wenn man die innere der vorhin
erwähnten Klappen, welche den Eingang zur linken Aorta
begrenzen, einschneidet, so stösst man auf einen ansehn-
212
liehen Knorpel von fast knöcherner Consistenz, welcher
wahrscheinlich zum Stützpunkte der Klappen dient. In der
Mitte desselben befindet sich eine rundliche Oeffnung, wel-
che für die Bedeutung des Kreislaufs von besonderer Wich-
tigkeit ist, (wie sich später zeigen wird).
In die linke Vorkammer münden, ebenfalls durch
Vermittlung eines besondern Sizus die beiden Yen pulmo=
nales. Sie ist bei weitem (wohl um das Afache) kleiner als
die rechte und hat eine unregelmässige, längliche Gestalt
und zeigt an ihrer Oberfläche mehrere starke Einschnitte
und Vertiefungen. ImInnern ist sie mit einem feinen, fast
netzartigen Geflechte von Fleischfasern besetzt. Der Eingang
in die linke Herzkammer ist durch zwei ansehnliche
Klappen begrenzt, welche beide eine häutige Beschaffenheit
haben. Die linke Herzkammer ist eiwas plattgedrückt und
zeigt an ihrer Oberfläche deutliche Muskelfasern, welche
von der Basis gegen die Spitze hin in concentrischen Krei-
sen zusammenlaufen. Sie hat sehr dicke Wandungen, im
Verhältniss noch dickere als bei’'m menschlichen Herzen,
welche inwendig mit starken, vielfach sich durchkreuzen-
den Fleischfasern besetzt sind. Demzufolge ist der innere
Raum dieser Kammer sehr klein. Nach oben und etwas
nach rechts vom oben bezeichneten Ostium venosum be-
findet sich der Eingang in die rechte herabsteigende Jorta
und in die für den Kopf und die obern Extremitäten be-
stimmten Gefässe. Die erstere ist nur durch eine unvoll-
ständige Scheidewand von der letztern getrennt. Diese
bestehen aus zwei einzelnen Stämmen, einem schwächern,
mehr nach rechts gelegenen, und einem stärkern mehr
nach links laufenden Aste, welcher sich bald wieder in
zwei Aeste theilt. Durch diese Gefässe werden der Kopf
und Hals, so wie die obern Extremitäten mit Blut versorgt.
Der Kreislauf ist nun, der angegebenen Beschreibung
zufolge, bei’'m Krokodile folgender: Aus der rechten Vor-
213
kammer, welcher die ven® cava das Blut zugeführt haben,
fliesst dasselbe in die rechte Herzkammer, aus dieser gleich-
zeitig in die linke herabsteigende Aorta und in die Lun-
genarterie; aus den Lungen ergiesst sich das gereinigte
oxydirte Blut durch die Lungenvenen in die linke Vorkam-
mer, aus dieser durch das ostium venosum in den linken
Ventrikel, und von da aus theils in die rechte herabstei-
gende Aorta, theils in die für den Kopf und die obern
Extremitäten bestimmten Gefässe. So vollständig dieser
Kreislauf (wenigstens im Vergleich mit den übrigen Fami-
lien der Amphibien) auf den ersten Blick erscheint, so
ergeben sich doch bei einer genauern Erwägung der Ver-
hältnisse mehrere Unvollkommenheiten, die hier in Kurzem
angeführt werden sollen. Erstens geht ein Haupt- Arterien-
stamm, die linke herabsteigende Aorta (welche die Unter-
leibseingeweide mit Blut versorgt) von der rechten Herz-
kammer ab, und es bleibt somit das in diesem Arterien-
stamme enthaltene Blut vom Kreislauf durch die Lungen
ausgeschlossen, und enthält blos venöses Blut. Zweitens
befindet sich an der Basis der beiden Aorten-Klappen eine
schon oben erwähnte Oeffnung, wodurch die Räume des
rechten und linken Aorten- Stammes mit einander kommu-
niziren, und somit das gereinigle arterielle Blut des rech-
ten Aorten- Stammes mit dem venösen des linken vermischt
wird. Endlich drittens befindet sich ein Verbindungsgefäss
zwischen den beiden herabsteigenden Aorten -Stämmen, wo-
durch ebenfalls eine Vermischung beider Blutströme her-
beigeführt wird.
Der Verfasser bemerkt, dass seine eigenen Untersu-
chungen mehr mit den Angaben Mecxer’s übereinstimmen
als mit denjenigen Cuvıer’s, welcher bekanntlich die bei-
den Herzkammern desKrokodils als eine gemeinschaftliche,
aus drei Abtheilungen bestehende Herzkammer betrachtet.
Uebrigens glaubt er, dass die Bildung und innere Einrich-
214
tung des Herzens je nach den einzelnen Species merkliche
Abweichungen darbieten mag. Als eine sehr willkommene
Anleitung benützte er die sehr gründliche Beschreibung
des Herzens von Crocodilus lucius, welche Bıscuorr in
Mürter’s Archiv (Jahrgang 36. p. 1. und folgende) mitge-
theilt hat.
Schliesslich theilt der Verfasser noch die wichtigsten
Punkte über die Augen des Krokodils mit. Der Aug-
apfel ist nicht rundlich wie bei’m Menschen und den mei-
sten Säugethieren, sondern plattgedrückt und zwar in der
Richtung von vorn nach hinten, so dass er mit einer Zwie-
bel verglichen werden kann. Die Grösse desselben mag
ungefähr derjenigen des Kalbsauges gleichkommen. Die
vordere Fläche nimmt die Hornhaut ein, welche einen
ovalen Umkreis bildet. Sie befindet sich, wenn man den
Augapfel von vorn betrachtet, nicht ganz in dessen Mitte,
sondern etwas über derselben. Die Sclerotica hat ıhrem Aeus-
seren nach viele Aehnlichkeit mit derjenigen des Säugthier-
Auges, indem sie ebenfalls, wie die meisten fibrösen Häute,
ein matt silberglänzendes Aussehen darbietet; doch unter-
scheidet sie sich von jenem wesentlich dadurch, dass sie
in ihrem grössten Umfange eine knorplichte Konsistenz
zeigt, so dass dadurch das innere Auge wie von einer
Kapsel umschlossen wird. Die Choroidea ist von einem
schwarzen Pigment überzogen und zeigt einen grossen
Reichthum an deutlich sichtbaren Gefässen. Letztere sind
in 5 oder 6 Bündeln an dem vordern Rande angehäuft,
von wo.aus sie sich in divergirender Richtung über die
ganze Oberfläche verbreiten. An der inneren Fläche die-
ser Haut, welche die äussere Fläche der Netzhaut berührt,
bemerkte der Verfasser eine weissliche, schwach silber-
glänzende Masse, welche mit dem Messer als ein feuchtes,
gleichsam kaleinirtes Pulver, abgetragen werden konnte. Ob
hier eine Art von Tapetum, wie es im Auge vieler Säuge-
215
thiere so schön beobachtet wird, oder eine wirkliche, selbst-
ständige Membran vorkomme, wagte derselbe, da das Auge
schon viel von seiner Frische verloren hatte, nicht zu ent.
scheiden. Was den Sehnerven betrifft (die Nervenhaut
selbst konnte nicht mehr im unversehrten Zustande beobach-
tet werden) so war derselbe in einer besonderen fibrösen
Scheide eingeschlossen und verhältnissmässig sehr dünn:
auch zeigte er sich nicht ganz rundlich, wie er bei den
höheren Thieren zu sein pflegt, sondern etwas plattgedrückt.
Unter den übrigen Gebilden des Auges boten die Iris und
das corpus ceiliare nicht uninteressante Abweichungen dar.
Die Iris stellt eine gelblich-grüne Membran dar, welche
in der Mitte durch eine länglichoväle, vertical gestellte
Spalte, die Pupille, unterbrochen wird. Sie hat ferner das
Eigenthümliche, dass sie keine Faserbildung zeigt, sondern
eher ein fein granulirtes, körnichtes Aussehen hat. Die
vordere Fläche derselben zeichnet sich durch ein sonder-
bares Konvolut von schwarzen Gefässen aus, welche in
traubenförmigen Bündeln an dem Giliarrande befestigt sind,
und sich von da gegen die Pupille hin in vielfachen Win-
dungen herabschlängeln. An der hinteren Fläche haben
diese Gefässe keine so deutliche Zeichnung, sondern bieten
mehr den Anblick einer Menge schwarzer, in einzelnen
Gruppen bei einander stehender Punkte dar. Welchem
Systeme die genannten Gefässe angehören, lässt der Ver-
fasser dahin gestellt, am meisten Aehnlichkeit scheinen sie
ihm, ihrer ganzen Anordnung nach, mit Saugadern zu be-
sitzen. Die Iris setzt sich, wie bei den höheren Thieren,
an das corpus ciliare oder den Strahlenkörper fest. Die-
ser ist hier verhältnissmässig sehr breit, wohl ebenso breit
als bei’ m Ochsenauge und im Ganzen viek vollkommener
ausgebildet als bei den meisten übrigen Amphibien. Unter
den durchsichtigen Gebilden des Auges konnte der Ver-
fasser blos die Krystallinse einer genaueren Untersuchung
216
unterwerfen, da das Auge nicht mehr frisch genug war,
um den humor aqueus und den Glaskörper rücksichtlich
seiner physikalischen Eigenschaften mit gehöriger Genauig-
keit zu erforschen. Die Linse war ziemlich stark ent-
wickelt, sphärisch gestaltet, doch an der vordern Fläche
etwas abgeplattet. Sie mochte ungefähr so gross sein wie
die Linse des Ochsenauges; im Inneren enthielt sie einen
rundlichen, harten Kern, von der Grösse einer stärkern
Erbse. Sie war in einer besondern, sehr zarten Haut ein-
geschlossen, die man bekanntlich als membrana capsulo=
lenticularis bezeichnet. Sehr deutlich erkannte der Ver-
fasser die membrana ciliaris oder Zonula Zinnü, welche
sich an die vordere Fläche der Linse rings um den äussern
Band ansetzt, so wie es ihm auch gelang, den Petit’schen
Kanal durch Aufblasen darzustellen.
Der Verfasser erläutert seinen Vortrag durch eine
Reihe von Abbildungen, welche die einzelnen Gegenstände
in ihrer natürlichen Grösse darstellen.
D. 22. Dec. 1841 trägt Herr Dr. u. Prosector Nusser
eine Abhandlung über die Schädelbildung des Krocodils
vor, unter Vorweisung von Präparaten und erläuternden
Zeichnungen. Gegenstand dieser Abhandlung ist
4° die von HerovoT, ArıstoteLes, Privivs und unter
den Neuern von Vesar. und Georrror St. HıLaıre, von letz-
term besonders gegen PerrAuLr und Dvverney vertheidigte
Behauptung, dass das Krocodil seinen Oberkiefer auf der
untern Kinnlade bewege, während diese ruhig bleibe.
2° Deutung der auf beiden Seiten des Craniums hin-
ter den Augenhöhlen. befindlichen Löcher.
30 die Felsenbeine.
4° die Bulle ossew.
5% die choan«.
217
In der Einleitung wird gezeigt, dass das Os transver-
sum Cuv. pars pterygoidea s. pyramidalis des Gaumen-
beins sei. Dieses Knochenstück liegt zwischen Flügelbein,
Oberkiefer und Gaumenbein. Guvier hält es für ein
demembrement des Keilbeins, gleich denjenigen Stücken,
welche er frontal anterieur und posterieur nennt. GEOFFROY
St. Hıraıre erklärt es für einen Theil des Gaumenbeins,
von dem er vermuthet, dass es sich aus zwei verticalen
Knochenkernen entwickle, und nennt es adgustal. Vid.
Annales des sciences naturelles Tom. III. 1824 pag. 491.
In der zweiten Ausgabe von Cuyıer’s Anatomie com=
parde findet man pag. 519 in einer Note Folgendes über
dieses Knochenstück: |
„Beim Lamantin und Dugong bleibt die pars pterygoidea
des Gaumenbeins lange vom @Gaumentheil getrennt, und
kann als Analogon des Os transversum betrachtet wer-
den, wenn man nicht lieber einen neuen Knochen in dem-
selben erblicken will.”
Demnach entspricht dieses Os transversum der pars
pyramidalis des Gaumenbeins beim Menschen, wo die-
selbe den Ausschnitt zwischen den beiden Platten des
Flügelfortsatzes ausfüllt. Die grosse Lücke zwischen die-
sen Knochen, dem Oberkiefer und dem horizontalen Theil
des Gaumenbeins entspräche sodann dem Canalis pterygo-
palatinus anterior, oder eigentlich der ganzen Fossa pterygo=
palatina.
Mechanismus der Kinnladen.
Gründe Georrroy St. Hıraıre’s für die Behauptung,
dass der Oberschädel allein sich bewege, während der
Unterkiefer fast gar keine oder nur sehr geringe Beweg-
lichkeit besitze.*) Der Halstheil der Wirbelsäule ist aus 7
1
*) GeorrroY berichtigt die von Hzropor angegebene Thatsache
dahin, dass nicht der Oberkiefer allein, sondern der ganze
218
Halswirbeln zusammengesetzt, welche zwar vollkommen ge-
trennt, aber nicht untereinander beweglich sind. Die Fort-
sätze dieser Wirbel sind dergestalt vervielfältigt, so lang
und aneinander gerükt, dass das Thier seinen Hals nicht
bewegen kann, und der Halstheil der Wirbelsäule in Be-
ziehung auf seine Function als ein einziger Knochen be-
trachtet werden kann.
Die geraden und schiefen Kopfmuskeln, welche sich
dort anheften, und ihren zweiten Insertionspunkt am Hin-
terhauptsbein haben, erheben den Schädel über den Hals
in ein:m Kreis von 45°.
Die Haut ist hinter der Hinterhauptsschuppe dünn, und
lässt folglich alle Bewegungen zu, die dem Schädel mitge-
theilt werden. Der Unterkiefer stekt im Gegentheil in ei-
ner hökerigen, wenig beweglichen Haut, wie in einer Scheide.
Setzt man eine hinlänglich grosse Muskelkraft voraus, um
denselben herabzuziehen, so wäre er durch seine Umhül-
lung daran verhindert. Er ist ferner durch sein hinteres
Ende gefesselt. Denn der lange Fortsatz, welcher hinter
der Gelenkfläche sich befindet, nähert sich, indem er einen
Bogen macht, gerade der Stelle der Haut, wo dieselbe mit
einer langen Schaale bewaffnet ist. Diese leistet einen
beinahe unüberwindlichen Widerstand beim Heben des
Condylus und folglich auch beim Senken des Unterkiefers.
Dennoch ist derselbe nicht ganz unbeweglich, indem 2
lange dünne Muskeln demselben eine leichte Bewegung
mitzutheilen im Stande sind.
Da Georrroy von einem Nilkrocodil spricht, dessen
Unterkiefer um ein Sechstel länger als der Schädel sein
Hirnschädel auf dem Unterkiefer sich bewege. MARrMoLs
Behauptung aber, dass der Unterkiefer desswegen unbeweg-
lich sei, weil er mit dem Zungenbein verwachse, beruhe
auf einem Irrthum.
219
soll, und wir einen Kaiman vor uns haben, so ist schwer
hierüber zu entscheiden. Indessen ist der Beschreibung
der Artikulation der Kinnladen und der übrigen Schädel-
theile, so wie den Abbildungen nach zu urtheilen, keine so
grosse Verschiedenheit in dem Bau des Schädels zwischen
Alligator und Nilkrocodil, welche bei letzterm einen so
eigenthümlichen Mechanismus der Maxillen bedingen könnte.
Mein Hauptaugenmerk war bei der Section unseres
Kaimans auf diesen Umstand gerichtet, und ich versichere,
dass ich (den Unterkiefer ebenso beweglich wie bei andern
Thieren gefunden habe. Auch lassen sich Georrrov’s Gründe
für die Unbeweglichkeit des Unterkiefers leicht widerlegen.
Was nämlich 1% die Unbeweglichkeit der Halswirbel, und
die starken, den Schädel bewegenden Kopfmuskeln betrifft,
so beweisen diese nur, dass überhaupt eine ziemlich grosse
Kraft erforderlich sei, um den Kopf nach rückwärts zu
ziehen. Auf keine Weise ist aber dadurch die Unbeweg-
lihkeit des Unterkiefers bedingt.
Dass 20 der Unterkiefer in einer hökerigen unbeweg-
lichen Haut wie in einer Scheide feststecke, beruht offenbar
auf einem Irrthum. Ich fand die Haut am Halse weder straf-
fer noch dicker, vielmehr war sie hier gerade am lockersten.
Es scheint zwar der Unterkiefer mit seinen hintern Enden
in 2 dicken Wülsten festzustecken; aber diese letztern
rühren von den hier unter der Haut liegenden ungeheuren
Kaumuskeln her, welche gerade zu der kräftigsten Bewe-
gung des Unterkiefers gegen den Oberkiefer bestimmt sind.
Freilich soll der Unterkiefer durch seinen langen Fortsatz
hinter der Gelenkfläche an seiner Beweglichkeit gehindert
sein, indem er einen Bogen beschreibend, gegen eine lange
Schaale im Rücken anstossen soll. Von der Unrichtigkeit
dieser Behauptung kann man sich indessen leicht überzeu-
gen. Je mehr man nämlich den Unterkiefer senkt, desto
näher rücken die genannten Fortsätze ins Hinterhaupt;
220
sie gelangen also gerade an die Stelle des Nackens, dicht
am Schädel, wo nach Georrroy die Dünne und Beweglichkeit
der Haut die Bewegungen des Oberschädels begünstigen soll.
Werfen wir noch einen Blick auf die Kieferbewegungen
im Allgemeinen, so lehrt uns die Beobachtung folgendes:
Der Unterkiefer bewegt sich allein, wenn sich der Mund
nur mässig öffnet, soll er sich dagegen weit öffnen, so
wird der Oberkiefer zugleich in die Höhe gehoben, d. h.
der Kopf beugt sich leicht nach hinten gegen die Wirbel-
säule. Doch sind die Bewegungen des Unterkiefers immer
die ausgezeichnetsten, wenn nicht ein physisches Hinder-
niss sein Herabziehen verhindert. Diese Bewegung wird
durch die Contraction der Muskeln bewirkt. Der Unter-
kiefer stellt hier einen Hebel der dritten Ordnung dar,
dessen Kraft an der Insertionsstelle des Hebemuskels, der
Stützpunkt im Gelenke des Unterkiefers mit dem Schläfen-
bein, die Last aber in der Substanz, auf welche die Zähne
wirken, befindlich ist. Die Grösse der Kraft der Kinn-
muskeln wird nun von dem Winkel abhangen, welchen die-
selben zu dem Unterkiefer bilden. Je mehr dieser Win-
kel einem rechten sich nähert, desto grösser wird auch
die Kraft der Muskeln sein, je spitzer dagegen derselbe
ist, desto mehr wird von Muskelkraft verloren gehen.
Je grösser nämlich der Körper ist, desto mehr muss
der Mund geöffnet werden, in desto schieferer Richtung
gelangen sodann die Kinnmuskeln in den Unterkiefer. Da-
her geht der grösste Theil der Kraft, welche sie bei ihrer
Zusammenziehung äussern, verloren.
Wenden wir das oben Angeführte auf unser Krocodil
an, so erklärt sich meines Erachtens hieraus die ungeheure
Grösse der Kaumuskeln, welche in der That das Staunen
eines jeden, der sie sah, erregten. Jeder dieser Muskel
wog ein und drei Viertel Pfund. Seine Zirkumferenz be-
trug ungefähr einen Fuss und sieben Zoll Pariser Maas. Der
221
Querdurchmesser betrug acht Zoll und seine Dicke näherte
sich einer Halbkugel.
- Betrachtet man einen Löwenschädel, so sieht man auf
den ersten Blick, dass die Oberfläche, welche die Schläfen-
grube, die Flügelgrube und die starke Aushöhlung am
Unterkiefer für den Masseter mit eingerechnet, darbietet,
kaum den halben Flügelmuskel des Krocodils aufnehmen
könnte, obschon man zugeben wird, dass dem Krocodil ver-
möge seiner Körpermasse verglichen mit der des Löwen,
zu seiner Existenz keine grössere Kraft der Kaumuskeln
als dem Löwen nöthig ist. Warum sind aber die Flügel-
muskeln des Krocodils dennoch von so enormer Grösse?
Diese Frage bedingt eine andere, nämlich die, warum ge-
rade die Flügelmuskeln hier zu dieser bedeutenden Ent-
wicklung gelangt seien, da doch bei den übrigen 'Thieren
die Flügelmuskeln den andern Kaumuskeln, nämlich dem
temporalis und masseter an Grösse bedeutend nachstehen.
Die Lösung dieser Frage hat keine Schwierigkeit, wenn
wir nur einen Blick auf das so sehr verengerte Cranium
werfen, das einem hinlänglich starken termporalis keinen
Insertionspunkt gewähren kann. Es füllt dieser Muskel
nur das enge Loch oben auf dem Cranium aus. Ein
masseter fehlt gänzlich, und zwar wohl einfach desswegen,
weil an dem verkümmerten Jochbogen kein Insertionspunkt
vorhanden ist; ferner, weil dasjenige, was man auf den
ersten Blick für Jochbogen ansieht, nicht dieser ist, son-
dern wie nachher gezeigt werden soll, eine andere Deu-
tung erlangen muss.
Um nun die genannten Muskeln (termporal. und masset.)
zu ersetzen, mussten die Flügelmuskeln eine verhältniss-
mässige. Stärke erlangen. Dass diese sich hiezu weniger
eigneten, als temporal. und masset., geht aus ihrer schie-
fen Richtung gegen. den Unterkiefer hervor, wodurch. bei
der Wirkung ein grosser Theil ihrer Kraft verloren ‚gehen
222
muss. Was dieselben nun durch ihren ungünstigen Inser-
tionspunkt an Kraft verlieren, musste an Masse ersetzt
werden, und hieraus erklärt sich wohl genügend ihre un-
geheure Grösse.
Die auf beidenSeiten des erarniumshinter den
Augenhöhlen befindlichen Löcher.
Sie scheinen nach Cuvıer’s Beschreibungen von etlichen
Alligatoren zu schliessen, nicht allen Unterarten zuzukom-
men. Es beschreibt derselbe unter Ze caiman a paupieres
osseuses (crocodilus palpebrosus) eine Unterart, von der
er vermuthet, dass BrumengAch sie vor Augen gehabt habe,
als er die Worte schrieb: „Lacerta crocodilus scuto su=
praorbitali 05seo, testa calvari® integra.” Also eine Art
mit knöchernen Augenliedern, oder vielmehr mit einem
Knochen im obern Augenlied, aber ohne die genannten Löcher
im Schädel. Von einer dieser obengenannten sehr ähnli-
chen Art sagt Cuvırr folgendes: „die Schnauze ist um ein
weniges kürzer als bei dem vorhergehenden, sie ist weni-
ger zusammengedrückt; die Oberfläche ist ebenso wurm-
stichig (vermicule); die Dicke des obern Augenlieds ist ganz
ausgefüllt mit einer Knochenlamelle, die durch Suturen
in 3 Stücke getheilt ist. Bei allen übrigen Kaiman und
Crocodi!en findet man nur gegen den vordern Winkel ei-
nen kleinen Knochenkern, das cranium ist gar nicht durch-
löchert, man bemerkt in keinem Alter ein Loch.”
Dagegen eitirt SchnEiper unter dem Namen Crocodilus
trigonatus ein von Seba abgebildetes Crocodil von Ceylon,
von dem Guvırr sogar glaubt, dass das Original von dem-
selben in der Pariser Sammlung sich befinde; er behauptet
aber, Scmneiper’s Bestimmung „foveam cranü_ ellipticam
utringue carne musculari replelam reperiri” passe nicht
auf dasselbe.
223
Da nun Cwvırr den beiden von ihm beschriebenen
Exemplaren, so wie Scuneiver’s Orocodil die Löcher im
cranium auf das bestimmteste abspricht, so musste angenom-
men werden, dass demselben unser Kaiman unbekannt ge-
wesen sei, und dass ferner die genannten Löcher nicht
allen Unterarten zukommen.
Cvvier ist hier in Beziehung auf die Angabe von Blu-
menbach im Irrthum, wie aus des letztern Beschreibung in
seinem Handbuch deutlich hervorgeht.
„Le crocodile (du Nil), mandibules 'elliptigues,
boucliers osseux au=dessus des orbites, töt du cräne entier.”
„LeCaiman, mandibules elliptiques,tegument coriacd
au-dessus des orbites, tet du. cräne bifenestre.”
„On peut reconnaitre aisement les deux trous du
cräne, caractere specifigue que je lui donne, et au quel
M. le professeur Schneider m’a fait faire attention, non
seulement au cräne nu, mais encore A toute la tete re-
vetue möme de sa peau.” Blumenbach, manuel pag. 299.)
Cuvier scheint später von seinem Irrthum zurückge-
kommen zu sein, indem er nur dem Caiman &a paupieres
osseuses diese Löcher im cranium abspricht. Vid. Annales
du museum etc. Tom. XII. pag. 8.
Georrrov erklärt diese Löcher für den wahren Joch-
bogen, während er dem bis jetzt dafür gehaltenen eine
ganz andere Deutung gibt. Er sagt vom frontal posterieur:.
„Ich finde an demselben alle Eigenschaften des Jochbeins.
Es trägt zur Bildung der Augenhöle bei; wir unterschei-
den an demselben eine äussere Fläche, eine Schläfen- und
Augenhöhlenfläche; es ist mit vier Fortsätzen versehen;
mit einem Stirnfortsatz, einem Schläfenfortsatz, mit einem
an den grossen Flügel des Keilbeins reichenden; endlich
*) Auch Georrroy St. H. Abbildung ist nach einem Nilkrocodil
gemacht, wo doch die Löcher deutlich vorhanden sind.
224
mit einem Fortsatz, der sich mit dem Oberkiefer verbindet.”
Es scheint zuwider, den so deutlich vor uns liegenden
Jochbogen nicht für diesen, sondern für etwas ganz ande-
res erklärt zu sehen. Und man hat in der That Mühe,
sich mit dieser Ansicht zu befreunden. Ehe ich derselben
beitrete, sei mir eine Voruntersuchung, die Mehrzahl der
Stirnbeine betreffend, erlaubt. Das Stirnbein ist nach
Cuvier im einfachsten Zustand ein einfacher Knochen. Im
vollkommensten besteht es aus 6 Stücken. Beim Krocodil
werden 5 Stirnbeine angenommen.
Worauf gründet sich aber die Annahme einer Mehr-
zahl von Stirnbeinen ? Etwa auf die Entwicklungsgeschichte
dieses Knochens bei den höhern Thieren? Diese lehrt
uns, dass das Stirnbein sich aus 2 seitlichen Hälften nicht
aber aus mehreren Stücken bilde.
So wird wohl die Function dieser Stirnbeine entschei-
den, mit welchem Recht man eine Mehrzahl derselben an-
nehme. Allein auch in dieser Beziehung herrscht Willkühr
und Unbestimmtheit. So wird bei den nackten Amphibien
das frontale medium, von Cuvırr ethmoideum genannt,
während den Amphibien das Siebbein wohl auch gänzlich
abgesprochen wird. Und bei den Fischen werden in der
Regel 6 Stirnbeine angenommen, wo jedoch von dem grossen
f. medium ausgesagt wird, dass es zur Bildung des Schä-
dels wenig beitrage.
Meines Erachtens geht aus dem Angeführten deutlich
hervor, dass man nur desswegen so viele Stirnbeine an-
nimmt, weil man die vorgefundenen Stücke nicht anders
zu deuten weiss.
Georrroy setzt daher mit Fug und Recht die durch
willkührliche Bestimmung ihrer Function und natürlichen
Verbindung entfremdeten Knochenstücke wieder in ihre
225
Rechte ein.*) Was daher bei den Autoren für frontale
anterius gilt, erklärt er für Siebbein. Dieses liegt. zwi-
schen Thränen- und Stirnbein gerade wie die Papierplatte
beim Menschen zwischen Thränenbein und Oberkiefer liegt.
Dass dieser Knochen aus der Augenhöhle heraustritt, wird
so wenig als im Thränenbein befremden, da ja bei meh-
reren Säugethieren Jdasselbe Verhalten statt findet.
Beim Menschen wird der äussere Augenhöhlenrand
zum grössern Theile vom Jochbein gebildet; beim Krocodil
geschieht diess durch das sogenannte frontale posterius.
Muss diess nicht das Jochbein sein? Wenn aber frontale
poster. eigentliches Jochbein ist, so kann der bis jetzt da-
für gehaltene Jochbogen nur ein Theil des Oberkiefers
sein. Aber, wird man einwenden, ein Oberkiefer, der bis
ans Schläfenbein reicht, hat kein Aralogon in der Thier-
reihe, lässt also auch keine Reduction zu. Es sind aber
in der That 2 Arten von Säugthieren bekannt, wo der
Oberkiefer nicht nur bis ans Schläfenbein reicht, sondern
sogar mit dem Schuppentheil desselben verwachsen ist.
Diess findet man nämlich bei Cavia porcellus, bei einer
andern Art hat es Meczken beobachtet. GEoFrrrkoY nennt
das sogenannte Jochbein beim Krocodil, ein Knochenstück,
das nach vorn und innen an das Thränenbein, nach aussen
an das Zahnstück des Oberkiefers, nach hinten an das
Jugale spurium (cotyleal) grenzt, adorbital, welches er
für einen Theil des Oberkiefers ansieht. Dass es vom
Oberkiefer getrennt erscheint, kann theils als ein Stehen-
bleiben auf einer frühern Entwicklungsstufe betrachtet wer-
den, theils findet es sein Analogon bei den Vögeln, wo
man diess am deutlichsten bei den Hühnerarten gewahr
wird. Hier besteht z. B. beim Auerhahn der Oberkiefer
/
*) Annales des sciences naturelles. Tom. LII. 1824. pag. 253.
15
226
aus 2 gänzlich getrennten Stücken, aus dem Zwischen-
kiefer und dem hintern Oberkieferbein. Letzteres stellt
eine längliche dünne Platte dar, die aus 2 untereinander
in einem stumpfen Winkel verbundenen Aesten, einem
obern vordern, dem Nasenfortsatz, und einem hintern un-
tern, dem Jochfortsatz, besteht. *)
An einer Pfauenhenne fand ich noch ein drittes, etwa
einen halben Zoll langes, schmales, an beiden Enden zuge-
spitztes, völlig getrenntes Knochenstück, welches mit sei-
nem hintern Ende an den Nasenfortsatz des Oberkiefers,
mit seinem obern Rande an den untern Rand der Nasen-
beine, mit seinem vordern Ende an den untern Ast des
Zwischenkiefers grenzt. Bei Meleagris ist dieses Knochen-
stück nur noch am Nasenfortsatz des Oberkiefers getrennt,
in seinem übrigen Theil dagegen mit dem Nasenbein und
dem Zwischenkiefer verwachsen. Es unterscheidet sich
aber durch seine Durchsichtigkeit noch deutlich von den
2 zuletzt genannten Knochen. Bei den Vögeln reicht nur
der Oberkiefer bis ans jugale spurium, gerade wie beim
Krocodil das adorbital an das jugale spurium (cotyleal
Geoffr.) grenzt. Beim Auerhahn tritt noch das Jochbein
hinzu, welches zwischen den beiden Knochenstücken wie
eingeschiftet erscheint. Dieses Jochbein scheint dem Pfau
und Putter gänzlich zu fehlen, und der Bogen durch Ober-
kiefer und jugale spurium allein gebildet zu sein. Auch
Bradypus hat blos Fortsätze im Oberkiefer und Schläfen-
knochen, ohne ein Jochbein zu besitzen. Die Ueberein-
stimmung zwischen dem sogenannten Jochbogen der Vögelund
dem beim Krocodil könnte aber, wenigstens in Beziehung
auf Stückzahl und Connexion der betreffenden Knochen-
stücke untereinander, in der That nicht grösser sein, und
der Umstand, dass beim Krocodil das jugale spurium
*) Mexers. vergl. Anat. zweiter Theil, zweite Abtheilung.
227
(cotyleal Geoffroy) mit dem Quadratknochen verwächst,
erklärt sich leicht aus der verschiedenen Bestimmung.
Beim Krocodil ist Behufs der nöthigen Festigkeit des Kiefer-
gerüstes das jugale spurium mit dem Quadratbein und
dieses mit dem Schädel unbeweglich verbunden, und das
Oberkieferstück (adorbital) von verhältnissmässiger Stärke.
Beim Vogel sind die genannten Stücke artikulirt, weil die
Function derselben auf die Bewegung des Oberschnabels
berechnet ist.
Nun werden wir das adorbitale des Krocodils nicht
mehr, wie die Compendien, als Jochbein, und die durch
die genannten Knochenstücke gebildete Brücke nicht mehr
als Analogon des Jochbogens der Säugthiere deuten, weil
beim Krocodil und Vogel keine Kaumuskeln sich hier an-
heften und die Verbindung der einzelnen Knochen unter
sich andere Verhältnisse als bei den Säugthieren darbietet.
Suchen wir daher den Jochbogen, da wo derselbe
den Kaumuskeln zum Insertionspunkt dient, wo ferner
seine Bildung dem Gesetz der Connexion entspricht.
Halten wir einen Vogelschädel gegen den eines Kro-
eodils, so wird die Aehnlichkeit wirklich überraschen. Der
eigentliche Jochbogen beim erstern liegt, wie beimKrocodil,
oben am Schädel und wird durch eine Verbindung des
Stirnbeins mit dem Schläfenbein gebildet. Ob die Ent-
wicklungsgeschichte beim Vogel ein Rudiment eines geson-
derten Jochbeins nachweist, müssen fernere Untersuchun-
gen lehren. Indessen ist diess nicht einmal nothwendig,
wie wir bei Bradypus gesehen haben, wo eine Jochbrücke
ohne Jochbein vorkömmt.
Bei Krocodil und Vogel ist der Jochbogen im Falle
der Verkümmerung, daher die geringe Entwicklung des
Temporalmuskels, das gänzliche Fehlen des Masseters.
Dass beim Vogel das von mir als Jochbogen gedeutete
Stück den untern Bogen nicht erreicht, wie beim Krocodil
228
das frontale posterius nach unten noch mit dem adorbi-
tale sich verbindet, ist blosse Dimensionsverschiedenheit,
obgleich beim Auerhahn beide Theile sich einander bedeu-
tend näher rücken — es ändert an der Hauptsache nichts.
Auf dieselbe Weise erreicht bei den Hühnervögeln das
Thränenbein den untern Bogen nicht, während es bei an-
dern Vögeln sehr stark entwickelt, mit demselben sich fest
verbindet. *)
Das knöcherne Gehörorgan.
Georrror liefert in den Annales des siences naturelles
1824 pag. 245, in einer Abhandlung über die Zusammen-
setzung des Schädels bei Menschen und Thieren eine aus.
führliche Beschreibung des Krocodilschädels.
Um zu beweisen, dass dasjenige Stück, welches für
rupeal erklärt, nicht ein Theil der pars squamosa des
Hinterhauptsbeins sei, wofür es bis dahin genommen wor-
den, führt er folgendes an.
„Ich habe hier ausschliesslich das Prinzip der Connexion
zu Rathe gezogen, um zu erfahren, was dasselbe über die
Anordnung der knöchernen Elemente an der Basis cranii
bestimmen würde. Es ergaben sich hieraus folgende Re-
sultate:
Das Hinterhauptsloch wird in seinem Umfang immer
gebildet: oben durch die beiden obern Hinterhauptsbeine,
*) Erst nachdem ich obiges niedergeschrieben hatte, habe ich
Gelegenheit gehabt, den Schädel eines Papagei frisch zu unter-
suchen. Und hier wird es bis zur Evidenz klar, dass dervon
mir als Jochbogen gedeutete Theil wirklich dieser sei. Hier
kommt nämlich ein sehr starker Masseter vor, welcher
vom untern Rande des die Augenhöhle nach unten umgren-
zenden Jochbeins entspringt. In dem durch das Jochbein
und dem Schläfenfortsatz gebildeten Loche entsteht der
Temporalis ganz auf dieselbe Weise wie bei den Hühner-
vögeln.
229
(sur-oceipitaux), zur Seite durch die beiden äussern, (ex.
oceipitaux), und unten durch das untere Hinterhauptsbein,
(sous-occipital). Da nun auf jeder Seite ein äusseres und
ein oberes Hinterhauptsbein vorkommt, so habe ich nur die
Wahl zwischen der einen oder der andern der beiden fol-
genden Propositionen.
Entweder ist das obere verkümmert oder abortiv ge-
worden und die äussern Hinterhauptsbeine sind sich bis zu ih-
rer gegenseitigen Vereinigung entgegengewachsen. Oder jedes
äussere hat sich frühzeitig mit dem angrenzenden obern
vereinigt und ist mit ihm zu einem einzigen Stück ver-
schmolzen. Ich nehme von den beiden genannten mögli-
chen Fällen den letztern an, wozu mich das Verhalten der
Muskeln bestimmte. Ich sah nämlich die 5 Paar Muskeln,
welche von den Halswirbeln an die Hinterhauptsbeine gehen,
und welche ihre Insertionspunkte zwischen den obern und
äussern Hinterhauptsbeinen theilen, sich auf dieselbe Weise
auf beiden Seiten vertheilen. Einer von diesen Muskeln
setzte sich besonders an die obere Linie der Vereini-
gung fest.
Da ich durch meine Untersuchungen in Beziehung auf
dieses Felsenbein zu Resultaten gelangt bin, welche von
denjenigen Georrroy’s in mancher Beziehung abweichend
sind, so sehe ich mich veranlasst, die Gründe, die er für
seine Behauptung anführt, in Kürze vorauszuschicken.
1° Das Felsenbein, welches er bald rupeal, bald ro-
chet nennt, liegt als ein unpaares Knochenstück in der
Mitte an der hintern Wand des Schädels. Es ist nach oben
von dem ebenfalls unpaaren Scheitelbein, zur Seite oben
von den Schlafbeinen, unten in der Mitte von den obern
Hinterhauptsbeinen, und seitlich von diesen von den äussern
Hinterhauptsbeinen begrenzt.
230
2° Einem einzigen Felsenbein entspricht eine einfache
Paukenhöhle, welche in der Substanz des rupedal ausge-
höhlt ist und von einem Trommelfell zum andern reicht.
3° Die dritte Abtheilung des knöchernen Gehörorgans
oder das Labyrinth fehlt dem Krocodil eben so wenig wie
die beiden ersten Abtheilungen. Aber in ihrer Function
von der Paukenhöhle verschieden, liegt dieses Labyrinth
nicht in der Mittellinie. Unten auf beiden Seiten sieht man
die breite Oeffnung, welche der Fusstritt des Steigbügels
verschliesst. Der Raum ist in der Substanz der 3 Kno-
chen, nämlich des Felsenbeins, des grossen Keilbeinflügels
und des äussern Hinterhauptbeins ausgehöhlt. Die halb-
zirkelförmigen Kanäle befinden sich aber im Innern des
rupeal allein. Alles diess existirt auf der rechten wie auf
der linken Seite.
4° Die ganze äussere Fläche des rupedal ist eben so
wenig zufällig wie das Felsenbein der andern Thiere, in-
dem man in dem einfachen Felsenbein des Krocodils an
seinem obern Winkel einen starken Vorsprung bemerkt,
welcher dem processus mastoideus entspricht und ebenfalls
Muskelinsertionspunkt ist.“ — Ich gestehe aufrichtig, dass
mir Georrroy’s Darstellung, die er leicht durch eine Ab-
bildung hätte anschaulicher machen können, unklar geblie-
ben ist, und, da ich meine Untersuchungen über diesen
Gegenstand nicht in der Ausdehnung anstellen konnte, wie
diess hätte geschehen müssen, um hierüher entscheiden
zu können, so werde ich in folgendem bloss wiedergeben,
was ich in Beziehung auf das knöcherne Gehörorgan an
einem einzigen Exemplar habe entdecken können.
Durch das foramen magnum sieht man zu beiden
Seiten 2 ovale Körper, die man wenigstens auf den ersten
Blick für die beiden Felsenbeine ansehen könnte. Unter-
sucht man sie aber genauer, so erscheinen sie als hohle,
aus dünnen Knochenwänden bestehende Anschwellungen,
231
welche mit dem äussern Gehörgang in Verbindung stehen.
Sie sind in der That nichts anders als die, auf höchst
merkwürdige Weise in die. Schädelhöhle gelangten Pauken-
blasen der Säugthiere. Georrroy seheint keine Kenntniss
von denselben gehabt zu haben. Auch lässt seine Beschrei-
bung der Paukenhöhle und des Labyrinths nicht vermuthen,
dass er etwa irgend einen andern Theil von diesen in die
obengenannten Bullae osseae verlegt habe. Auf welche
Weise dieselben in die Schädelhöhle gelangt seien, davon
nachher.
Von einem Paukenring zum andern geht ein ziemlich
geräumiger Gang durch die Substanz des rupeal ; Gsorrroy’s
Paukenhöhle, seule chambre a air, seule caisse, auch fond
de la caisse sans limites. Dieser Gang ist von der Schädel-
höhle gänzlich abgeschlossen. Die hintere Wand desselben
bildet eben das rupeal, nach vorn ist er begrenzt durch
einen Vorsprung mit2 ovalen Oeffnungen, *) welche Georrrox
wahrscheinlich für die halbzirkelförmigen Kanäle hält. Die
beiden ebengenannten ovalen Oeffnungen halte ich für die
fenestrae ovales des vestibulums der in der Mittellinie
theilweise verschmolzenen Felsenbeine. Doch ist diess blose
Vermuthung, welche, da der Schädel nicht zerstört werden
durfte, auf folgendes gegründet ist:
1° liegen diese ovalen Oeffnungen in einer Ebene mit
dem Paukenfell,
2° entspricht ihre Entfernung genau der Länge der
Columella, welche je vom Paukenfell zum ovalen Loch
sich erstreckt.
30 endlich sind diese ovalen Oeffnungen der Pauken-
höhle zugewandt, und stehen mit dieser in direkter Ver-
”) Ich gelangte zu dieser Ansicht, indem ich in der Mitte des
rupeal ein Loch bohrte. Eine zweite Oeffnung wurde oben
in der Mitte des Scheitelbeins gemacht, um das nöthige Licht
auf den Gegenstand fallen zu lassen.
252
bindung, was von den Bogengängen nicht gilt, wenn wir
mit GEorrroy dieses ovale Loch für Zwischenraum ZWISEHEH:
den Bogengängen betrachten wollten.
Anlangend das einfache rupdal an der hintern Wand
des Schädels, so betrachte ich dasselbe als die zwei ver-
schmolzenen Warzentheile des Schläfenbeins beider Seiten:
denn erstens sind die Muskelinsertionspunkte für den sterno-
cleidomastrideus nicht einfach, wie Georrroy angibt, son-
dern doppelt. Zweitens lässt sich der oft berührte Gang
von einem Paukenring zum andern, welcher von GEoFFRoY
als Paukenhöhle betrachtet wird, einfach als die zu einem
einfachen Kamal vereinigten Zellen der beiden Warzentheile
deuten. Dennoch erscheint das ganze Verhalten dieses
knöchernen Gehörorganes als eine, den Krocodilschädel vor
allen übrigen Thieren auszeichnende Anomalie.
Da es aber die Aufgahe der vergleichenden Anatomie
ist, die vom regelmässigen Typus abweichenden Fälle auf
normale Bildung zu reduziren, so sei es mir gestattet,
durch Nachfolgendes zur Lösung dieser Aufgabe das Mei-
nige beizutragen.
Betrachtet man den Krocodilschädel im Allgemeinen,
so ist leicht einzusehen, dass die Natur alle zu Gebot ste-
henden Mittel angewendet hat, um den Kinnladen die dem
Thiere zu seinef Existenz nöthige Stärke zu gewähren.
Der Quadratknochen, welcher übrigens noch fast ganz nach
dem Typus der übrigen Eierleger gebildet ist, bei diesen
aber beweglich erscheint, ist mit dem Hirnschädel fest ver-
wachsen. Das jugale spurium vermehrt durch seine feste
Verbindung mit dem Quadratknochen die Stärke desselben.
Dem nämlichen Zweck entspricht die verhältnissmässige
Stärke des Adorbitalknochens, der ansehnlichen Gaumen-
beine und des os Zrans versum zwischen dem Oberkie-
fer und dem ebenfalls sehr stark entwickelten Flügelbein.
Und es ist allerdings nicht zu läugnen, dass. das Krocodil
233
durch das angegebene Verhalten der genannten Theile sich
eben so weit von den übrigen Eierlegern entfernt, als es
sich in dieser Beziehung der Bildung bei den Säugthieren
annähert.
Andererseits ist es aber nicht zu verkennen, wie das-
selbe durch die Kleinheit des Hirnschädels den beiden
untersten Klassen um eben so viel wieder näher gerückt
erscheint. Entsprechend nämlich der verhältnissmässig ge-
ringen Entwicklung des Gehirns zum Rückenmark, wodurch
die beiden untern Klassen ausgezeichnet sind, erscheint
auch der Behälter des nur ein Ganglion darstellenden Ge-
hirns des Krocodils von ausnehmend geringem Umfang,
so dass sein cranium zwischen den mächtig entwickelten
Kinnladen gleichsam versteckt, von den ältern Beobachtern
wohl gänzlich übersehen wurde.
Hier verdient es aber besonders unsere Aufmerksam-
keit, wie entschieden die Natur den, durch die ganze grosse
Abtheilung der Wirbelthiere waltenden Typus, festzuhalten
strebte, indem sie bei dem Aufbau des so auffallend klei-
nen Craniums dennoch dieselbe Zahl, ja sogar dieselbe
Verbindung der bei den höhern Wirbelthieren den Hirn-
schädel constituirenden Elemente in Anwendung zu brin-
gen wusste.
Eine natürliche unausweichliche Folge dieses Festhal-
tens an dem allgemeinen Typus ist wohl unstreitig die,
dass bei der Vertheilung der acht Schädelknochen auf ei-
nen so äusserst kleinen Raum, mancher von diesen, theils
nur geringen Umfang erlangen konnte, theils von dem An-
theil an der Bildung des Craniums theilweise ausgeschlos.
sen, oder endlich ganz aus seiner Lage verdrängt werden
musste. So erscheint das Scheitelbein, obgleich in seiner
genesis paarig, als ein einfaches ganz schmales Knochen-
stück, wodurch die angrenzenden Schlafschuppen weiter
nach oben gerücktund einander hedeutend genähert werden.
234
Auf dieselbe Weise zeigt sich das obere Hinterhaupts-
bein, welches das foramen magnum nach oben begrenzt,
durch das rupedal an seiner Entwicklung gehindert, fast
abortiv.
Vom Antheil an der Bildung des Craniums ausge-
schlossen erscheinen die Schläfenbeine. Thränenbein und
Siebbein treten aus der Augenhöhle heraus. Am meisten
ins Gedränge kommen jedoch die Felsenbeine, welche in
Folge der gegenseitigen Annäherung der Schläfenbeine bis
zu theilweiser Verschmelzung aneinander gerückt sind.
Finden wir nun, dass die einzelnen Schädelknochen, so wie
die einzelnen Abtheilungen eines und desselben Knochens
in derselben Ordnung einander begrenzen, welche die Na-
tur bei den bis jetzt untersuchten Wirbelthieren beobach-
tet, so ist meines Erachtens auch leicht einzusehen, wie
die bullae osseae, auf den ersten Blick wenigstens so ganz
gegen die Ordnung der Dinge in der thierischen Oecono-
mie, in die Schädelhöhle hineingelangt sind. Sie konnten,
zwischen Gehörgang und Felsenbein befindlich, bei der
hohen Lage der Schläfenbeine am Schädel und bei der be-
deutenden gegenseitigen Annäherung derselben nur in der
Schädelhöhle selbst Platz greifen.
Die elhealhar
Die ungewöhnliche Lage derselben in dem Keilbein
brachte mich anfangs auf den Gedanken, dass dieselben so
weit nach hinten gerückt seien, um von dem Kehldeckel—
oder was ich damals für diesen ansah — verschlossen wer-
den zu können. Der Lage nach entsprechen sie vollkom-
men einander, so, dass wenn man unten die Zunge an ih-
rer Wurzel nur etwas in die Höhe schob, die Rachenenge
mit den choanis zugleich gänzlich verschlossen zu werden
schien. Dieses könne im Leben — so vermuthete ich —
durch die Heber des Zungenbeins geschehen. Doch war
235
das Verschliessen der cAoan® nicht nöthig, um die Aus-
sage glaubwürdiger Beobachter aus dem’ Mechanismus die-
ser Theile zu erklären. Ist nämlich die Beobachtung, dass
die Krocodile um zu athmen, nur die Spitze der Schnauze
über dem Wasser zu halten brauchen, richtig, so ist es
hinreichend, dass nur auf irgend eine Weise das Wasser
abgehalten werde, in den Rachen zu fliessen. Diesen Zweck
erfüllte der Kehldeckel (Zungenbeinkörper) dadurch, dass
er bei dem Mangel beweglicher Lippen den Rachen genau
verschloss, so, dass mir derselbe hauptsächlich diesem
Dienste gewidmet erschien, da er durch seine Stellung so-
wohl als durch seine verhältnissmässige Grösse zum Kehl-
kopf selbst, zur Verschliessung dieses letztern nicht ge-
eignet schien.
Damit war aber das ungewöhnliche Verhalten der
choan® nicht erklärt. Sie sind verhältnissmässig klein,
und befinden sich in dem Körper des Keilbeins, statt
dass sie, wie beim Menschen und den übrigen Säugthie-
ren, zur Seite und oben durch die Flügelfortsätze und dem
Keilbeinkörper, nach unten durch die horyzontalen Theile
der Gaumenbeine begrenzt sind, Sie sind ferner durch
eine knöcherne Scheidewand in 2 Hälften getheilt; aber
diese wird nicht, wie bei jenen, durch die Pflugschaar
gebildet.
Die Autoren geben hierüber keinen Aufschluss. GEorrroy
führt bloss an, dass das Keilbein hohl sei, um, behufs des
längern Aufenthalts unter dem Wasser, 2 grosse Luftbe-
hälter zu bilden, welche zur Verlängerung der Nasenhöhle
‘dienten, Cüuvıer beschreibt diese Höhlen ausführlich, ohne
die Oeffnungen derselben zu deuten.
Unter allen Schädeln, die ich in dieser Beziehung ver-
glich, schien mir der menschliche, wegen der aufrechten
Stellung der Flügelfortsätze, noch am ehesten geeignet, die-
ses Räthsel zu lösen. Ich dachte mir die processus ptery=
236
goidei statt in senkrechter Stellung in einer vollkommen
wagrechten, die innern Platten der Flügelbeine in dem
Maas vergrössert wie beim Krocodil. Auf diese Weise ka-
men die Flügelgruben statt nach hinten nach oben zu ste-
hen. Oberkiefer und Gaumenbeine mussten, um mit den
Flügelfortsätzen in natürlicher Verbindung zu bleiben, sich
senken, und somit mussten die choane® sich schliessen,
oder vielmehr ganz verschwinden, indem nämlich der hin-
tere Rand der Gaumenbeine auf die untere Fläche des
Keilbeinkörpers zu liegen kam. Um mir diess alles recht
zu vergegenwärtigen, nahm ich die Flügelfortsätze mit den
Oberkiefern ganz hinweg, und ich war überrascht, in den
Oeffnungen der Keilbeinhöhlen des Menschen die analoga
der choan® beim Krocodil zu erblicken. Der Unter-
schied, dass die Keilbeinhöhlen beim Menschen von der
Nasenhöhle getrennt erscheinen, da diese beim Krocodil
ohne Unterbrechung durch den Keilbeinkörper bis zu den
beiden Oeffnungen (choane) sich erstreckt, fällt ganz
weg, so bald man sich an die Bildung der Keilbeinhöhlen
beim Menschen erinnert. Diese werden nämlich durch die
cornua sphenoidalia von der Nasenhöhle abgeschieden.
Ohne die Keilbeinhörner bildete die Nasenhöhle mit den
Keilbeinhöhlen einen ununterbrochenen Gang, gerade wie
beim Krocodil. Denkt man sich daher die cornua sphe=
noidalia beim Menschen weiter nach unten gerückt, so
bleiben die Keilbein-Höhlen mit der Nasenhöhle in direkter
Verbindung, und die Oeffnungen kommen sodann wie beim
Krocodil an die untere Fläche des Keilbeinkörpers zu lie-
gen, ohne dass das Gesetz der Gonnexion die geringste
Störung erleidet.
D. 20. Jan. 1841 trägt Herr Prof. Mırscher seine
Untersuchungen über den Bau der Carinaria mediterranea
vor. Der Verfasser hatte während seines Aufenthaltes in
237
Nizza Gelegenheit, diesen in. mehrfacher Beziehung so inte-
ressanten und nur mangelhaft bekannten Mollusken lebend
zu beobachten und frisch zu seciren, und zugleich in hin-
reichender Anzahl zu sammeln, um später die Anatomie
desselben zu vervollständigen. Da die sehr in’s Einzelne
eingehenden und über alle Systeme sich verbreitenden Un-
tersuchungen nicht wohl im Auszuge gegeben werden kön-
nen und ohne Abbildungen kaum verständlich sein dürften,
so zieht es der Verfasser vor, hier auf eine in Bälde ander-
wärts zu veröffentlichende Mittheilung derselben zu verweisen.
D. 2. Dec. 1840. Mittheilungen von Herrn Prof. Jung
über die von ihm näher untersuchten Orang-Outang-Schä-
del des Wiesbadener Museum’s, an welchen er wesentliche
Verschiedenheiten, namentlich im Zahnbau und in der Be-
schaffenheit der eriste gefunden hat, so dass er vermuthet,
dieselben gehören wenigstens 2 verschiedenen Arten an.
D. 6. Jan. 1841 hält Herr Prof. Jung einen Vortrag
über die Bildung des Schädels bei Idioten. Derselbe schickt
vorerst eine allgemeine Uebersicht der hauptsächlichsten
Deformitäten des Schädels voraus und bezeichnet deren
Einfluss auf die Seelenthätigkeiten; er stellt sodann zwei
verschiedene Hauptformen von Schädelmissbildung auf, wel-
che mit Unterdrückungen der Seelenthätigkeiten oder mit
Blödsinn verbunden sind, und giebt eine nähere Beschrei-
hung derselben. Bei der ersten Form liegt der Fehler
ursprünglich im Gehirn oder dessen Häuten; dasselbe ist
desorganisirt oder mit Wasser übergossen und. der Schä-
del wird secundär ausgedehnt. Oder aber die Ursache
liegt zunächst in der Schaale des Gehirns, die zu früh ver-
knöhert, zu dick wird und das Gehirn gleichsam erdrückt.
Diese letztere Form wird als die die eigentliche Idiotie
charakterisirende bezeichnet und vorzüglich darauf aufmerk-
238
sam gemacht, dass bei derselben ein auffallendes thierisches
Zurückweichen des Hinterhauptsloches stattfindet. Der Vor-
trag wird durch Vorzeigung einer Anzahl charakteristischer
Schädel aus dem anatomischen Museum erläutert.
Sitzung den 7. Dez. 1841. Hr. Prof. Fıscner über
die unwillkührliche, fliegende Bewegung der
Blendungsbilder der Sonne.
Das Phänomen zeigt sich am schönsten, wenn man
bei sehr dunstiger Atmosphäre einige volle, feste Blicke in
die gedämpfte Sonne thut. Dann fliegen, wohin man blickt,
ganze Schwärme verschieden gefärbter Sonnenkugeln auf,
welche mit gehaltener, dem Blick entfliehender Bewegung
bald aufwärts steigen, bald niedersinken, bald nach dieser
bald nach jener Richtung das Gesichtsfeld durchziehen.
Sind sie aus dem Gesichtsfeld verschwunden, oder ist das
Auge müde geworden sie zu verfolgen und blickt anders-
wohin, so fliegt der gleiche Schwarm wieder auf, nur etwa
mit veränderter Farbe, und durchzieht das Gesichtsfeld
wieder in der gleichen Richtung und mit der gleichen Ge-
schwindigkeit und fährt fort bis zu seinem Verlöschen.
Diese unwillkührliche, dem Blick entfliehende Bewe-
gung sieht so täuschend einem objektiven, von dem Blick
unabhängigen Fliegen gleich, dass ungebildete Beobachter
diese Sonnenkugeln unfehlbar für ein wirkliches Meteor
nehmen müssen. In dem Rheinthal, dessen duftige Son-
nenuntergänge besonders günstige Gelegenheit zur Erzeu-
gung der Erscheinung bieten, geschieht es daher von Zeit
zu Zeit, dass das Volk darauf aufmerksam wird und dann
schaarenweise zu dem eben so wunderbaren, als prächtigen
Schauspiel zusammenströmt. In früheren Zeiten erregte
die Erscheinung noch ungleich grösseres Aufsehen. Ihrer
erwähnt unter Andern J. J. ScHEucHzEr in seiner Natur-
geschichte des Schweitzerlandes, herausgegeben von J. G.
239
Surzer, Zürich 1746. IH. Thl. p. 338 f. als ungewöhnlicher,
in der Schweiz 1719 im Heumonat aus der Luft gefallener
bulle oder Bläschen. Es ist diess, fügt Schzuchzer bei,
völlig die gleiche Luftgeschichte, die Anno 1553 den 21.
Brachmonat zu Sculs im Engadin ist bemerkt und in unse-
rer Meteorologia Helvetica p. 96 ist beschrieben worden.
Derselbe giebt p. 340 f. fernere Nachricht von Luftbläs-
chen oder vielfarbigen Kugeln, welche vom 1.— 20. Heu-
monat 1721 im Züricher Gebiet vom Himmel gefallen. In-
dessen hatte SchEucHzer die Subjektivität der Erscheinung
gleich vermuthet und sich bei einer eigenen Beobachtung
den 11. Heumonat 1722 gänzlich davon überzeugt; wäh-
rend noch im Jahr 1816 ein Schwedischer Naturforscher,
Acnarıus, das freilich nicht selbst beobachtete Phänomen
fliegender Sonnenkugeln, das in dem Dorfe Biscopsberga
vorgekommen, in Girserrs Annalen 52, 235 als wirkliche
Meteore beschrieb, worüber er jedoch von Herrn P. Merıan
von Göttingen aus unterm 7. Mai 1816 in GiLzerts Annal.
52, 342 zurecht gewiesen wurde.
Dass die Erscheinung eine subjektive ist, davon kann
man sich sogleich überzeugen, wenn man nur hin und
her blickt oder sich umdreht, indem die Sonnenkugeln im
Allgemeinen dem Blicke folgen, sonach im Auge und nicht
draussen in der Wirklichkeit sind. Allein innerhalb dieser
allgemeinen Abhängigkeit von dem Blick benehmen sie sich
wieder mit einer merkwürdigen Unabhängigkeit der Bewe-
gung, indem sie sich beständig dem Blicke entziehen und
ihm, wenn er sie verfolgt, mit einer stätigen, gleichförmi-
gen Bewegung voraneilen; worin nun eben ihre unwill-
kührliche fliegende Bewegung besteht. Der Grund dieser
Bewegung ergiebt sich aus. folgender Beobachtung: dass
wenn man den Blick an irgend einem gegenständlichen
. Punkte fixirt, die Sonnenkugeln sofort ebenfalls zum Ste-
hen kommen, sich aber immer seitwärts ausserhalb des
240
Blickes halten und zwar immer nach der Richtung, nach
der sie fliegen. Es erhellt hieraus: dass das durch die
Sonne geblendete Auge die Blendungsstelle nicht mehr zum
Fixiren braucht, sondern durch eine unwillkührliche Wen-
dung eine andere frische Stelle der Netzhaut hervorkehrt.
Natürlich müssen bei dieser Wendung die der geblendeten
Netzhautstellen entsprechenden Sonnenkugeln in der ent-
gegengesetzten Richtung aus dem Blick entweichen. Im
Entweichen aber verfolgt man sie mit dem Blick, d.h. man
bringt sie oder die ihnen entsprechende Blendungsstelle
der Netzhaut wieder in die Augen etc., das aber geht nicht
an, und das Auge macht daher wieder die unwillkühr-
liche, die Sonnenkugeln zum Entweichen bringende, Wen-
dung u. s. £.
Aus dem gleichen Grunde erklärt sich dann auch die
Entstehung einer Mehrheit von Sonnenkugeln, indem das
Auge, so wie eine Netzhautstelle geblendet ist, eine zweite,
dritte der Sonne zukehrt, und eben damit so viele Blen-
dungsbilder erzeugt, als es während des auf die Sonne
gerichteten Blickes Wendungen macht.
Sitzung vom-5. Jan. 1842. Prof. Fr. Fıscuer über
die chromatischen Erscheinungen der Blen-
dungsbilder.
In Beziehung auf die subjektiven Farberscheinungen
der Blendungsbilder werden 2 Klassen unterschieden: die
Farbenbilder und die Glanzbilder, wovon jene an
matten Farben, diese an glänzenden Lichtern erzeugt wer-
den. Es sind diess 2 wesentlich verschiedene Arten von
Blendungen, indem sie folgende 4 Unterschiede zeigen:
1. Die Farbenbilder haben subjektiv oder im dunkeln
Auge die entgegengesetzte, die Glanzbilder die gleiche Farbe
mit dem blendenden Gegenstande.
2. Blickt man dagegen auf einen "hellen objektiven
241
Grund, so nehmen die Glanzbilder ‘die. entgegengesetzte
Farbe an, während das subjektive Farbenbild sich gleich
bleibt. i
3. Die Glanzbilder zeigen den Farbenwechsel, den
man seit Görse Abklingen nennt, während die Farben-
bilder sich bis zu ihrem Verlöschen gleich bleiben.
4. Nur bei den Glanzbildern zeigt sich die Verdre-
hung des Auges, welche bei den Sonnenbildern als Fliegen
erscheint, während die Farbenbilder ihren Ort im Ge-
sichtsfelde nicht verändern.
Aus diesen Unterschieden wird im Gegensatz zu den
bisherigen Annahmen geschlossen: dass das verkehrte Far-
benbild der geringere Grad der Blendung ist, als das di-
rekte Glanzbild. — Zu den Farbenbildern gehören, ausser
den Nachbildern der eigentlichen Farben, auch die Nach-
bilder von Schwarz und Weiss, die sich bei der Biendung
ganz wie Farben und nicht wie Hell und Dunkel verhal-
ten. Zu den Glanzbildern hingegen rechnet der Vortra-
gende folgende Erscheinungen. Schon bei den Farben,
wie bei Schwarz und Weiss mischt sich, wenn sie glänzen
und intensiverer Beleuchtung ausgesetzt werden, neben dem
Farbenbild ein Glanzbild ein. Als ein Glanzbild verhält
sich ferner das Nachbild von Hell, z. B. von hellen Fenster-
scheiben. Eigenthümliche Glanzbilder endlich sind die Nach-
bilder von Kerzen- und Lampenlicht, so wie die Sonnen-
bilder, wobei aber wieder das Bild des reinen Sonnenlichts
sich anders verhält, als das des gefärbten.
D. 18. Nov. 1840 trägt Herr Dr. C. Vocr, als Gast
anwesend, die Hauptresultate seiner in Gemeinschaft mit
Herrn Acassız angestellten Untersuchungen über die Ent-
wicklung der Fische, in’s Besondere der Forellen mit.
Vergleiche das seitdem über diesen Gegenstand im Druck
erschienene Werk: Histoire nat. des poissons d’eau douce
16
242
de U’Europe centrale par L. AgassizT. I. Embryologie
des Salmones par C. Vogt. Neuchätel 1342.
Derselbe theilt ferner seine Beobachtungen über
die färbende Ursache des Schnees mit (Cf. Bibliotheque
universelle.)
D. 31. März 1841 theilt Herr Prof. Scuönsgzın aus ei-
nem Briefe des Herrn Prof. Jäscer in Stuttgardt eine Be-
obachtung von auffallenden Electrieitäts-Erscheinungen bei
einem Menschen mit. Bei demselben sollen sich nämlich,
z. B. wenn er die Strümpfe auszieht, nicht bloss deutliche
electerische Funken entwickeln, es sollen sogar ziemlich
starke Erschütterungen, electrischen Schlägen ähnlich, be-
sonders bei Kopfweh und nach unterdrückter Hautausdün-
stung eintreffen und sich nicht allein dem Kranken, son-
dern auch dem Arzte, z. B. beim Pulsfühlen, fühlbar
machen.
243
VI. MEDICIN
D. 17. Febr. 1841 hält Herr Dr. Brenner einen Vor-
tragüber dasVerhältniss der somatischen oder
vegetativen Krankheiten zu den Seelenstö-
rungen.
Der Verfasser führt zuerst an, dass sich zwei Theo-
rien über das Wesen und die nächste Ursache der Seelen-
störungen schroff gegenüberstehen, deren eine jene in der
Seele selbst, die andere aber nur in dem Körper finden
will; er deutet dann die wichtigsten einzelnen Ansichten
kurz an und erwähnt der Vermittlungsversuche zwischen
diesen Theorien. Hierauf setzt er das zeitliche Verhalten
vegetativer Krankheiten zu den Seelenstörungen auseinan-
der und weist unter Anderm nach:
1. Dass Störungen der leiblichen Gesundheit dem
Wahnsinne oft vorausgehen, immer mit seinem Eintreten
vorhanden seien; dass im weitern Verlaufe oft dieser ohne
jene bestehe und dass beide sehr oft gleichzeitig auf-
hören.
2. Dass bei Untersuchung der Leichen Wahnsinniger
gewöhnlich Anomalien in den Gentralorganen des Nerven-
systems aufgefunden werden; dass diese oft der Art seien,
dass sie keinen Einfluss auf das leibliche Befinden haben
können und dass alle bei Irren aufgefundenen Desorgani-
sationen auch ohne von Wahnsinn begleitet zu werden
vorkommen.
In Beziehung auf die Entstehung der Seelenstörungen
bemerkt er, dass alle krankmachenden Ursachen überhaupt
auch zu Ursachen des Wahnsinns werden können, dass
kein Unterschied zwischen psychischen und somatischen
24A
Schädlichkeiten gemacht werden könne, dass die Gelegen-
heitsursachen des Wahnsinns sowohl, als die vorbereiten-
den, oder Anlage bedingenden Verhältnisse auf den ganzen
Menschen wirken, und ebensowohl somatische Krankheit
mit Seelenstörung zu erzeugen vermögen.
Auf diese Angaben sich stützend, widerlegt der Ver-
fasser die Ansicht, nach welchen die somatischen Krank-
heiten bei Irren zufällig oder Wirkung des Wahnsinnes
sein sollen; er erklärt sich aber auch nicht mit den Soma-
tikern einverstanden, nach welchen die Seele im Wahn-
sinne gesund sein solle, und hält auch die gemachten Ver-
mittlungsversuche für verunglückt.
Nach seiner Ansicht muss hei dem Studium der See-
lenstörung, von der Seele, insofern diese als letzter Grund
des Seelenlebens gedacht wird, abstrahirt und nur das
empirisch zu erforschende Seelenleben und sein Verhalten
untersucht werden. Das Seelenleben besteht in Thätigkei-
ten, nämlich dem Erkennen (Wahrnehmen und Denken)
und dem Wirken (Handeln und Sprechen), und diese
sind bei Seelenstörung entweder getrennt oder qualitativ
verändert. Hemmung der psychischen Functionen liegt dem
Blödsinn und den ihm verwandten Formen zu Grunde und
ist die Folge von meist gröbern materiellen Veränderungen
im Nervensysteme. Bei der Verrücktheit bestehen wahre
psychische Krankheitsprocesse, die der Verfasser als Irrwahr-
nehmen, Irrdenken und Irrhandeln bezeichnet. Diese müs-
sen nothwendig, wie jeder Krankheitsprocess überhaupt,
mit materiellen Veränderungen verknüpft sein. Die bis
jetzt aufgefundenen Entartungen im Nervensysteme gehö-
ren aber nicht den psychischen Krankheitsvorgängen selbst
an, sondern erzeugen nur die diesen angehörigen Meta-
morphosen, und sind, wie überhaupt die mit dem Irresein
auftretenden negativen Krankheiten, als entfernte Ursachen
der Verrücktheit zu betrachten.
245
Schliesslich wird noch erwähnt, dass die Vegetations-
krankheiten überdiess je nach ihrem Sitze und ihrer Natur
oft das Thema des Wahns darbieten, oder die Irren zu
gewissen Handlungen bestimmen und endlich die Stimmung‘
derselben bedingen.
D. AS. August und 16. Sept. 1840. Vortrag von Hrn.
Dr. C. STRECcKEISEn über die Anwendung des kalten Was-
sers als Heilmittel überhaupt und über die Kaltwasserheil-
anstalt in Gräfenberg insbesondere.
AUSZUG
aus dem Berichte des medizinischen Vereins
I)
über das Verhältniss des Cretinismus im
Kanton Basel-Stadttheil.
Die schweizerische naturforschende Gesellschaft fasste.
bei ihrer Versammlung in Freiburg im Jahr 1840 den Be-
schluss, eine Statistik des Gretinismus in der Schweiz auf-
zunehmen, und beauftragte hiemit zunächst die einzelnen
Kantonalgesellschaften, welchen sie zu diesem Behufe ein
Verzeichniss von 145 verschiedenen Fragen mittheilte, die
bei der vorzunehmenden Untersuchung herücksichtigt wer-
den sollten. Die hiesige naturforschende Gesellschaft über-
wies diese Arbeit an den medizinischen Verein, welcher
sich ihr in der Weise unterzog, dass jedes einzelne Mit-
glied die Untersuchung eines bestimmten Quartiers: über-
nahm ; die hiebei gewonnenen Resultate wurden sonach zu-
sammengetragen und zur besseren Uebersicht mit Berück-
sichtigung der vorgelegten Fragen, in eine Tabelle verei-
nigt. Wir entnehmen daraus folgende Hauptergebnisse, zu
246
deren richtigem Verständniss wir bemerken, dass zwischen
den niederern und höheren Graden von Blödsinn, oder zwi-
schen Blödsinn und eigentlichem Cretinismus nicht unter-
schieden worden ist, weil dieses der Natur der Sache nach
für unausführbar gehalten wurde.
Die Bevölkerung des Kantons Basel-Stadttheil beträgt
ungefähr 24,000 Seelen, wovon 22,000 auf die Stadt und
die übrigen 2000 auf die 3, auf dem rechten Rheinufer
liegenden Landgemeinden fallen. Die Bevölkerung der Stadt
hat besonders in den letzten 10 Jahren beträchtlich zuge-
nommen, was jedoch nicht dem Ueberwiegen der Gebur-
ten über die Sterbefälle, sondern der vermehrten Einwan-
derung zuzuschreiben ist, wie aus einer Vergleichung der
Tauf- und Sterberegister hervorgeht. Die 6 letzten Jahre
geben folgendes Verhältniss:
Im Jahr 1835 wurden geboren 528; starben 461.
I SIE N aa
SIR SS N
Ra 1938 a % 569; 5 547.
3) % 5 563; 5 593.
ES ee:
330255 00, Ad
Also im Laufe von 6 Jahren 46 mehr gestorben als geboren.
Unter der Gesammtbevölkerung von 24,000 Seelen
fanden sich 64 Blödsinnige von verschiedenen Graden, näm-
lich 35 männliche und 29 weibliche, also auf 375 Einwoh-
ner 1 Blödsinniger oder etwas über Y,%. Hievon kommen
allein auf die Gemeinde Kleinhüningen mit 465 Einwohnern
24 Blödsinnige, 14 männliche und 10 weibliche, also etwas
mehr als 5%. Es bleiben daher für die übrigen 23,535
Bewohner nur 40 Blödsinnige oder ungefähr % %. Diese
Angaben mögen wohl um ein ziemliches unter der wahren
Wirklichkeit stehen, indem anzunehmen ist, dass manche
Blödsinnige von geringerem Grade, namentlich Kinder, bei
247
denen der Blödsinn noch nicht deutlich ausgesprochen war,
der Aufmerksamkeit entgangen sind.
In Beziehung auf. das Alter zeigen sich folgende
Verhältnisse:
Zwischen dem 1. u. 5. Jahr finden wir 1 Blödsinnigen.
5 5 5 AO 3 ie 5:
x suv3102 ,u5r165 08, M seu.5 =
5 5 RD a 28 %
2 50120. MUR AN Ss REN: Zr
5 51.340: an60:0% B, zenta “
Es ist hiebei besonders auffallend, dass unsere Tabel-
ien nur 4 Blödsinnige unter dem 10ten Jahr aufweisen; es
wäre jedoch nicht nur gewagt, sondern ganz sicher unwahr,
wenn man daraus schliessen wollte, dass bei uns der Blöd-
sinn gewöhnlich erst in den späteren Jahren sich entwickle;
jenes Resultat darf vielmehr als einen Beweis betrachtet
werden, dass die meisten jüngeren Blödsinnigen, bei denen
das Uebel noch nicht vollständig ausgebildet und daher
weniger offenkundig war, bei der Aufnahme übergangen
worden sind.
Ueber die Lebensperiode, in welcher der Blöd-
sinn aufgetreten ist, so wie über die muthmasslichen ur-
sächlichen Momente sind die Angaben nur unvollstän-
dig. Fünf waren von Jugend auf blödsinnig; einer vom
dritten Monate an in Folge von Gehirnleiden; bei einem
wurde der Blödsinn im zweiten Jahr bemerkt, bei eilfen
trat er in der Zahnperiode auf; bei einem im sechsten
Lebensjahr in Folge eines Falles; bei einem im dreizehnten
Jahr und endlich bei einem erst im zweiündzwanzigsten.
Erbliche Anlage zeigt sich nur in 24 Fällen; in sechs
Familien sind zwei Geschwister blödsinnig, in zweien sind
es drei und bei einer Familie dehnt sich das Uebel sogar
auf vier Geschwister aus; hiezu kömmt noch ein Fall, wo
die Mutter und ihr unehliches Kind als blödsinnig aufge-
248
zählt werden, deren Tante, Oheim und Grossvater, letz-
terer nur in leiehtem Grade, ebenfalls mit dem Uebel be-
haftet waren.
Der Grad, den der Blödsinn erreicht hat, ist sehr
verschieden und im Allgemeinen schwer zu bestimmen;
von den 64 aufgezählten Fällen sind nur 25 als vollständig
blödsinnig zu bezeichnen; bei 38 ist Schwerhörigkeit in
höherem oder geringerem Grade vorhanden, 52 leiden an
Sprachschwierigkeit, nur 4 sind eigentlich taubstumm.
In Beziehung auf die Verbindung des Blödsinns mit
anderweitigen krankhaften Affeetionen, weisen die Tabellen
nach, dass von den 64 Blödsinnigen, 21 mehr oder weni-
ger mit Kröpfen behaftet sind; 4 mit anderen Anschwel-
lungen, 6 mit Atrophie, 8 mit Lähmung, 5 mit Fallsucht,
6 mit Convulsionen ohne nähere Bezeichnung ihres Cha-
racters, 6 mit Rhachitis, 15 mit Scrofeln, 1 mit Geschwü-
ren, 1 mit Flechten, 2 mit Grind.
Im Allgemeinen geht aus dieser. Untersuchung hervor,
dass der Blödsinn bei uns nicht eigentlich mit endemi-
schem Character auftritt und dass der wahre Cretinismus,
wie er in den hohen Alpenthälern vorkömmt, bei uns
nicht, oder wenigstens nur bei sehr. wenigen Individuen
zu finden ist. Der wahre Cretinismus pflegt sich schon in
frühester Kindheit in seiner ganz bestimmten Form auszu-
sprechen, während in der Regel sich der Blödsinn bei uns
nur ganz allmählig: entwickelt, erst als blosse körperliche
und geistige Schwäche erscheint und nur nach und nach
einen höhern Grad gewinnt, welcher sich als ein Zurück-
bleiben und eine allgemeine Unvollständigkeit der geistigen
und körperlichen Entwicklung charakterisirt und womit
sich allerdings, wie beim Cretinismus, Kropf, Taubstumm-
heit etc. etc. verbinden können.
Nur in der Gemeinde Kleinhüningen gestaltet sich das
Verhältniss anders. Obgleich dort ebenfalls eigentliche
249
Cretins, ‘wie sie z. B. im Kanton Wallis angetroffen wer-
den, nicht vorkommen, so ist doch die Zahl der in ver-
schiedenem Grade an Blödsinn Leidenden (24), verglichen
mit der Einwohnerzahl (465), sehr auffallend und die An-
nahme, dass in dieser Gemeinde eine locale Disposition
zum Blödsinn vorwalte, gewiss nicht ungegründet Klein:
hüningen ist der am tiefsten gelegene Ort der Schweiz,
liegt übrigens frei im offenen Thalbecken des Rheins, in
der Nähe einiger sumpfiger Arme des Rheins. Die Be-
wohner nähren sich von Ackerbau und Fischfang und sind
im Ganzen eher wohlhabend, aber mit einer auffallenden
Anlage zur Krüppelhaftigkeit behaftet; die Weiber zeich-
nen sich durch Hässlichkeit und Kröpfe aus, welche letz-
tern auch den Männern nicht abgehen; die Männer sind
öfter plump und schwerfällig an Körper und Geist.
In den übrigen Landgemeinden, so wie in der Stadt
lässt sich eine solche Prädisposition zum Blödsinn nicht
eigentlich wahrnehmen. Die Lage ‘der Stadt ist frei und den
Winden ausgesetzt, der Boden trocken, das Wasser gut und
im Ueberfluss ; unter den Bewohnern herrscht im Durchschnitt
grosser Wohlstand ; die Entblössung, die Noth der grossen
Städte, besonders der grossen Fabrickstädte, kennt man
hier nicht. Die Nahrung ist verhältnissmässig gut und
reichlich, der Fleischverkauf, im Vergleiche mit andern
Städten des Continents, stark, ungefähr 14 Loth täglich
auf den Kopf. Die Wohnungen sind mehrentheils, nament-
lich bei den Bemittelteren, geräumig und in der Regel sehr
reinlich.. Trotz dieser günstigen Verhältnisse kann man
nicht sagen, dass die Bevölkerung zu den gesunderen und
kräftigeren zu zählen wäre. - Wenige Familien sind von
den Scropheln in einer ihrer vielfältigen Formen verschont;
die höheren und mittleren Stände bleiben durch anhaltende
Sorge und grosse Pflege von ihren ärgsten Ausbreitungen,
so wie auch vom Uebel des Blödsinnes, das so einig damit
250
verbunden ist, grösstentheils verschont; ihre meisten Opfer
sind in der ärmeren Klasse zu suchen. Ein grosser Theil
der dieser letzten Classe angehörigen Bewohner beschäftigt
sich mit Fabrickarbeiten und ist, wenn auch im geringerem
Grade als gewöhnlich, mit allen Uebeln und Krankheiten
des Standes der Fabrickarbeiter behaftet. Meistens schwäch-
lich heirathen sie oft sehr jung und leben kümmerlich und
unordentlich ; die Kinder werden schlecht genährt und ver-
pflegt, bringen ihre ersten Jahre meistens in dumpfer Stu-
benluft, in Federbetten zu; Kaffee und Kartoffeln sind ihre
geisti-
gen und körperlichen Kräfte fehlt; daher so wenige Kin-
Hauptnahrung, Bewegung, frische Luft, Uebung der
der, die blühend, gesund und kräftig aussehen, so viele,
die geistig und körperlich zurückbleiben. Hier sind unsere
meisten Blödsinnigen zu finden.
Für die Erziehung der Kinder geschieht im Allgemei-
nen Vieles; d. h. die Kinder werden frühzeitig zur Schule
gehalten ; Kleinkinderschulen nehmen sie schon im frühsten
Alter auf.
Ob das Uebel im Zunehmen oder Abnehmen begriffen
sei, darüber lässt sich vor der Hand nichts bestimmen, da
aus früheren Zeiten keine statistischen Angaben hierüber
vorhanden sind; für die Gemeinde von Kleinhüningen be-
merkt jedoch der dortige Pfarrer, dass eher eine Abnahme
desselben wahrzunehmen sei, und schreibt dieses einer
Verbesserung der Lebensweise der Bewohner zu.
YIII. VERSCHIEDENES.
D. 18. Nov. und 2. Dec. 1840 Herr Rathsherr Prrer
Merıan, Nachrichten über die naturhistorischen
Museen in den rheinischen Städten. Der Referent
beschreibt die naturhistorischen Sammlungen in Strass-
burg, Mannheim, Mainz, Wisbaden, Bonn, Neu-
wied,Frankfurt,Darmstadt,Heidelberg,Karls-
ruhe und Freiburg im Breisgau, die er auf einer Rhein-
reise im Oktober d. J. besucht hat, mit Benutzung ge-
druckter Nachrichten über Entstehung und Umfang der
einzelnen Museeen, wo er solche sich hat verschaffen kön-
nen. Die Mittheilungen eignen sich zu keinem Auszug.
D. 3. Febr. 1841. Herr Rathsherr Prrer Merıan be-
richtet über den Fortgang unserer naturwissenschaftlichen
Sammlungen im Laufe des Jahrs 1840. Der Bericht über
das Jahr 1841 ist in der Geschichte der Gesellschaft zur
Beförderung des Guten und Gemeinnützigen 1841 S. 139
abgedruckt.
D. 2. Febr. 1842. Herr Pfarrer Ueserın, Mittheilung
über Farbenbildung an gefrornen Fensterscheiben.
252
ÖFFENTLICHE VORTRÄGE.
Auf Veranstaltung der naturforschenden Gesellschaft
wurden in den drei verflossenen Wintern öffentliche Vor-
träge für ein gemischtes Publikum veranstaltet, die sehr
zahlreich besucht worden sind. Es sind folgende:
Im Winter 1839 auf 1840.
Hr. Rathsherr P. Merian, über die Erhebung der Gebirge.
» Prof. Schöngem, über Electricität und Galvanismus.
» Prof. Meısner, über Pflanzengeographie.
Im Winter 13540 auf 1841.
Hr. Prof. Mıescher, über Infusorien.
» Prof. Rup. Merıan, über die Entfernung der Fixsterne.
» Dr. L. Inuorr, über die Sitten der Ameisen.
Im Winter 1841 auf 1842.
Hr. Prof. F. Fıscuer, über den Unterricht der Taubstummen.
» Prof. Scuöngem, über die galvanische Eisensäule und
über Electricität als bewegende Kraft.
f 253
VERZEICHNISS DER MITGLIEDER
der
naturforschenden Gesellschaft
ın BASEL.
EHRENMITGLIEDER.
Herr Dr. BuckLann in Oxford (aufgenommen 1839.)
Danıerr, Prof. in London (1839.)
Joun Wırnıam Herscntr, Baronet in Slough (1839.)
Frıepricun MerıAn, Pfarrer in Basel (1833.)
Rıc#arp Puıuıpps, Prof. in London (1839.)
Waratstone, Prof. in London (1839.)
ORDENTLICHE uno FREIE MITGLIEDER.
Herr Curıstor BernouLnı, Prof. (1817.)
—
—
Franz Bernourzı, Med. Dr. (1840.)
J. J. Bersovrer, Phil. Dr. (1826.)
L. Bernovrrı-Bär (1840.)
Meıcnior Berrı, Architekt (1834.)
Acmırzes Bıscuorr (1840.)
Bıscnorr -Enınger (1841.) =
Bıscuorr -Iserın (1840.)
J. J. Bıscuorr - Kestner (1830.)
Hıer. Bıscuorr -Respinger, Stadtrath (1838.)
Börcer, Sohn (1839.)
Friepricn Brenner, Med. Dr. (1830.)
Acnınues Burcksarpr (1840.)
Aıgrecht BurckuArpr, Rathsherr (1839.)
Aucust Burckuarpr, Med. Dr. (1834.)
154
Herr Curistor Buncruanor, Med. Dr. (1834.)
J. J. Burernanpr, Stadtrath (1838.)
Hieronymus BurckmAaRrDT (1538.)
Ruvorr Burernarpr, Med. Dr. (1839.)
Wirnerm Burcrmarnor -Forcarr (1840.)
Bexeoicr Carıst (1840.)
Eckrın, Mechaniker (1841.)
Frieprıcn Fıscher, Prof. (1834.)
Heinrich Frey, S. M. C., Rector (1834.)
J. G. Fünstengerger-DesAry (1839.)
EovArn Geiey (1843.)
WirHELM GEiGY, Öberst.
Ent. GENGENBAcH, S. M. C. (1839.)
Envann Haas (1827.)
C. F. Hacengacn, Vater; Prof: (1817.)
Eovarn Hacensach, Med. Dr. (1832.)
Friepricn HacensAcn, Apotheker (1829.)
Lupwıg HAnDMann (1839.)
Micnaen HÄMMERLIN (1840.)
Jar. Heinuicner, Architekt (1834.)
AnpreAs Hevster, Rathsherr (1830.)
Friepricn Hevster (1817.)
Franz Hınpervann (1842.)
Lupw. Innorr,, Med. Dr. (1826.)
Apramam Iserin-Iserin, Stadtrath (1837.)
Isaac Iserın-Burckuanpr (1817.)
Heınr. Iseriv, Med. Dr. (1833,)
C. G. June, Prof. (1825.)
EvcnAar. Kinoie , Pfarrer (1842.)
J. Kürstemwer, Conrector (1835.)
Anpr. La Rocne (1840.)
German La Roche , Deputat (1817.)
Arsert Lorz (1841 )
Ruoporr Maas, Med. Dr. (1838.)
155
Herr Frıieor. Meisner, Prof. (1828.)
EmAnverL Meran, Apotheker (1839.)
H. Merıan - VonperMönzz (1843.)
J. J. Meran - BureruAnpr (1822.)
NıcorAus Merıan (1835.)
Perer Merian, Rathsherr (1819.)
Ruvorr Merian, Prof. (1324.)
Sımuen Merıan (1840.)
J. J. Misc, Prof. (1819.)
Lupw. Mırsc, Med. Dr. (1834.)
Frıeor. Miescher, Prof. (1837.)
Sau. Minper, Rathsherr (1830.)
Curistıan Münch, Pfarrer (1835.)
J. M. Nusser , Med. Dr. (1830.)
WirueLm Oser (1838$.)
OswAro -Horrmann (1839.)
Eman. PAssavant, Sohn (1841.)
Run. Preiswerk, Cand. (1833.)
Eman. Raırzanp, Med. Dr. (1830.)
Auc. RıccensAcuh (1842.)
Eman. Roscner, Med. Dr. (1817.)
Wırs. Runpr, Cand. (1834.)
Ferix Sarasın, Rathsherr (1826.)
J. J. Scummorın (1840.)
Cu. F. Scuönsem, Prof. (1828.)
von SEckEnporrr, Baron (1838.)
Franz Seun (1838.)
Curistor Socın, Cand. (1833.)
Carr. von Speyr, J. U. D. (1840.)
Curistor StArnenın, Sohn (1830.)
Ben. Srarueuın -Bıscuorr (1836.)
BALrtH. STAERELIN - Curısr (1839.)
Aug. STAERELIN - Vıscurr (1837.)
J. J. Staeuetin, Prof. (1830.)
256
Herr
Herr
Enır SrtacueLın, Med. Dr. (1841.)
J. J. Stentin, Architekt (1838.)
J. Sreınnann (1838.)
SuLgrr -Heuster (1840.)
Run. Surger (1842.)
Eu Tuvurneısen (1840.)
GOTTLIEB TuuRnEiısen (1839.)
Dr. Trırer (1842.)
J. J. Urseum, Pfarrer (1835.)
CArı, VıscHEr-Merıan (1843.)
Wiruerm Vischer, Prof. (1838.)
Von Brunn, Pfarrer (1842 )
ANDREAS WERTHEMANN - VonperMüntt (1834.)
Curistoru Weiss, Cand. (1343.)
W. M. L. pe Werte, Prof. .(1838.)
L. de Werte, Med. Dr. (1838.)
Hıer. WıerLann, Alt-Dreierherr (1838.)
J. Wysert, Med. Dr. (1838.)
Carr Zımmeruin (1839.)
CORRESPONDIRENDE MITGLIEDER.
Lovis Acassız, Prof. in Neufchatel (1836.)
Bıper, Med. Dr. in Langenbruck (1839.)
DucrorTAy DE Bramviree, Prof. am Jardin des plantes
in Paris (1838.)
Kırı Lupwıc Brume, Dr. Med., Director des Reichs-
herbariums in Leyden (1842.)
Cnartes Bover, in Fleurier, Kant. Neufchatel (1840.)
ALEXANDER Braun, Prof. der Naturgeschichte in Carls-
ruhe (1836.)
BrAyzev in London (1839.)
Brescher, Prof. der Med. in Paris: (1837.)
257
Herr An. Broncnsart, Prof.am Jardin des plantes in Paris
(1836.)
— Barunner, Prof. der Chemie in Bern (1835.)
— Hekınr. Burr, Prof. der Chemie in Giessen (1330.)
— Tuonmas Cooper, Esq. in London (1839.)
— NicorAus Dazusuın in Efringen (1838.)
— Auc. De 1A Rıve, Prof. der Physik in Genf (1836.)
— Aporese De Lesserr in Paris (1839.)
— Derrwirter, Med. Dr. in Hellertown in. Pensylvanıen
(1836.)
— Ferıx Dvnar, Prof. der Botanik in Montpellier (1836.)
— Jos# ErızaLpe, Med. Dr. in Cadix (1833.)
— Tomas Everır, Esq. in London (1839.)
— Micu. Faravar, Prof. der Chemie in London (1836.)
— Fr. Frey-Herose, Oberst in Aarau (1835.)
— Gassıor, Esq. in London (1839.)
— Gowpins-Bırp, Dr. in London (1839.)
— Tomas Grauam, Prof. der Chemie in Glasgow (1836.)
— Grove in London (1839.)
— C.F. Gurt, Prof. an der k. Thierarzneischule in
Berlin (1838.)
— Rup. Hansarr, Pfarrer in Gachnang (1818.)
— JAEGER, Prof. in Stuttgart (1839.)
— E. In Tuurn, Dr. in Schaffhausen (1837.)
— Jon. Kerticer, Schulinspektor in Liestal (1837.)
— NH. Kunze, Dr. Prof. der Botanik in Leipzig (1838.)
— Lorwısc, Dr. Prof. in Zürich (1838.)
— C.F. Pu. von MArrıus, Prof. der Botanik in München
(1838.)
— J. J. Mitt, Dr. in Bubendorf (1839.)
— J. B. Meıson, Dr. in Birmingham (1839.)
— Ernst Meyer, Prof. der Botanik in Königsberg (1838.)
— Em. Meyer, Dr. Med. in Batavia (1841:)
— Piunrr Meyer, Dr. in Batavia (1841.)
17
Herr Mırser, Prof. am Jardin des Plantes in Paris- (1836,)
—
Huco Mour, Prof. der Botanik in Tübingen (1836.)
Mour, Dr. in Coblenz (1839.)
Movceor, Dr. in Bruyeres (1838.)
MowArt, Dr. Med. in England (1830 )
Müter, Dr. Prof. in Leyden (1842.)
Prienincer, Dr. Prof. in Stuttgart (1838.)
C.'G. C. ReımwArpt, Dr. Med. Prof. in Leyden (1842.)
Rırs, Missionär an der afrikanisch. Goldküste (1840.)
Rısso, Dr. Prof. in Nizza (1839.)
J. Roerrer, Prof. der Botanik in Rostock (1826.)
Frıepr. Ryumer, Med. Dr. in Amerika (1830.)
Dan. Schenker, Th. Lic. Pfarrer in Schaffhausen (1839.)
Ruo. Scumz, Prof. der Naturgeschichte in Zürich (1835.)
von SCHLECHTENDAL, Prof. der Botanik in Halle (1838.)
ScHLEGEL, Dr. CGonservator am k. niederl. Museum in
Leyden (1842.)
J. L. ScnorxL£in, Prof. in Berlin (1839.)
P. F. von SıesoLp, Prof. in Leyden (1842.)
J. R. SuurtrLewortu in Bern (1836.)
KArı STREcKEISEN, Dr. Med. in Batavia (1837.)
EpvArD STRECKEISEN, in Meiringen (1839.)
BernuArn Studer, Prof. in Bern (1835.)
Tennminegx, Prof. Director am k. niederl. Museum in
Leyden (1842.)
An. Tscuupy, Dr. von Glarus (1839.)
Frieor. A. WaArchxer, Prof. der Chemie in Carlsruhe
(1836.)
Warkıns in London (1839.)
Ben. WörrrLın, schweizer. Consul in Mexiko (1840.)
Heınr. Wyprer, Med. Dr. in Bern (1830.)
259
--BEAMTETE
für die Jahre 1842 bis 1844.
Präsident: Herr Rathsherr P. MerıAn.
Vicepräsident: — Prof. Frıeor. Fischer.
Sekretär: — Dr. Innorr.
Vicesekretär: — Dr. Iseuım.
260
GESCHENKE
an das naturwissenschaftliche Museum,
während der Jahre 1841 und 1842.
l. Geldbeiträge.
Von löbl. gemeinnützigen Gesellschaft Jahresbeiträge
Tur’4s1und 2a RB Fr. 400. —
- ebenderselben, ausserordentl. Beitrag für 1842 - 200. —
- d.Leidhausev.Hrn.Ben. Burckhardt-Bernoullisel. = 450. —
- Herrn Rathsherr Peter Merian zur Verwendung
für die Bibliothek für 1841 und 4242 ._____ - 400. —
Fr. 1150. —
2. Geschenke für die zoologische Sammlung.
Von den Herren Rathsherrn Peter Merian u. Prof. Rudolf Merian:
Simia Satyrus.
Von Hrn. Prof. J. J. Mieg:
Crocodilus Lucius , Skelett und Haut.
Von Hrn. Ben. Wölfflin, schweiz. Consul in Mexiko:
Didelphis Opossum, g', 2 und Junges; 25 St. Vögel; Co-=
libris, mit Nestern und Eiern; einige Süsswasser Conchy-
lien u. A. m., sämmtlich aus Mexiko.
Von Hrn. Baumann:
24 St. Colibris ; 25 andere Vögel-aus Brasilien; Papagai aus
Neu-Holland; eine Sammlung von Insekten und Conchylien
aus Brasilien.
Von Hrn. Missionar Riis:
60 Vögel von der afrikanischen Goldküste; eine Anzahl Con-
chylien von St. Thomas in Westindien.
Von Hrn. Prof. J. Röper in Rostock:
Eine beträchtliche Anzahl Vögel, namentlich Wasservögel
von der Küste der Ostsee.
Von Hrn. Franz Seul:
Verschiedene Meeresconchylien und Landconchylien aus der
Umgegend von Basel.
261
Von Hrn. Rathsherr Albrecht Burckhardt:
Eine Sammlung von Unionen und Anodonten aus dem Kan-
ton Bern.
Von Hrn. Eman. Meyer, Med. Dr.:
2 Larus bei Coblenz geschossen; eine japanische Ente; Vo-
gel aus Brasilien.
Von Hrn. Imhoff-Forcart:
Colymbus stellatus, bei Basel geschossen.
Von Hrn. J. Steinmann:
Icrochordus javanicus Lacep.
Von Hrn. Rathsherr Sam. Minder:
Drei ganz junge Pfauen; junger Wachtelkönig; ein Perlhahn.
Von Hrn. Minder-Zäslin:
Ausgezeichnetes Exemplar eines männlichen Pfauen.
Von Hrn. Deputat G. Laroche:
Mumie einer Katze.
Von Hrn. Prof. Miram in Wilna:
Nest von Parus pendulinus.
Von Hrn. Dr. Ludwig Mieg:
Grosses Horn von Rähinoceros indicus ; einige Conchylien.
Von löbl. Missionshaus:
Manis macrura Esxl., grosse Eidechse, Schmetterlinge
aus Guinea; verschiedene Insekten von Aquapim an der
Goldküste.
Von Hrn. Cand. C. R. Preiswerk:
Halirhoe aus dem rothen Meer; Helix haemastoma.
Von Hrn. Dr. Christoph Burckhardt:
Picus minor d‘; 19 St. Conchylien aus Brasilien.
Von Hrn. Rudolf Birrmann, Sohn:
7 St. brasilian. Landconchylien.
Von Hrn. Rathsherr Peter Merian:
7 Vögel aus Ostindien; 33 St. Landconchylien von den Phi-
lippinen.
Von Hrn. T. R. Ingalls aus Nordamerika.
16 Arten in 85 Exemplaren Süsswasserconchylien aus Nord-
amerika.
Von Hrn. Prof. Meisner:
16 Arten europäischer Landconchylien.
- Von Hrn. Shuttleworth in Bern:
Einige exotische Landconchylien.
262
Von Hrn. Prof. Miescher:
Einige Mollusken aus dem Mittelmeer.
Von Hrn. Dr. Carl Streckeisen:
37 Arten in 78 Exempl. Vögel aus Java; einige Conchylien
aus Holland.
Von Hrn. Eduard Bolli in Fernambuck:
Schlangen und Früchte in Weingeist aus Fernambuck.
Von Hrn. Carl Respinger in Havannah:
Gorgonien und Schwämme aus den westindischen Meeren;
Rhinoceroshorn.
Von Hrn. Eduard Burckhardät-Schrickel:
Ein junger männlicher Dammhirsch.
Von Hrn. Hofstetter in Neudorf:
Aquila brachydactyla bei Neudorf geschossen.
Von Hrn. J. v. Charpentier, Salinendirector in Bex:
26 Arten europäischer Landconchylien:
Vond. Herren Dr. Christoph Burckhardt u. Rathsherr Peter Merian.
42 Arten in 170 Exempl. Land- und Süsswasserconchylien
aus Corsika.
Von Hrn. Cand. Friedrich Oser:
Eine Schlange von Neu-Orleans.
Von d. Herren Rathsh. Peter Merian u. Rathsh. Albrecht Burckhardt.
180 Arten und Abarten europäischer und exotischer Helices
in mehr als 300 Exemplaren.
Von Hrn. Sebastian Böhrlin:
Falco palumbarius S.
Von Hrn. Prof. Eckert:
Tetrao Lagopus im Uebergangskleide.
Von Hrn. Debary-Sarasin:
Colymbus glacialis bei Basel geschossen.
Von Hrn. Präparator Andreas Schneider: 4
Falco apivorus, jung; ein Hamburger Zwerghahn; Oedic=
nemus crepitans und Gallinula chloropus aus dem Ei.
Von Hrn. Heinr. Leuba:
Ein ausgestopftes Hündchen.
Von Hrn. Walliser, Schreiner:
Mus musculus, weiss.
Von Hrn. Pfarrer Uebelin:
Mus musculus, weiss gefleckt.
263
3. Für die Mineralien- und Petrefacten-
Sammlung.
Von Hrn. Franz Zäslin:
Ein Fischabdruck in buntem Sandstein von Dägerfelden bei
Basel, und einige andere Versteinerungen.
Von Hrn. Prof. J. Röper in Rostock:
Petrefacten von Sternberg in Mecklenburg.
Von Ern. v. Alberti, Salinendirector in Rottweil:
19 St. Petrefacten aus dem Würtembergischen Muschelkalk.
Von Hrn. P. Vischer-Passavant:
Stufe von gediegen Silber aus Mexiko.
Von Ern. Dr. Christoph Burckhardt:
Verschiedene Versteinerungen aus der Gegend von Basel.
Von Hrn. Franz Seul:
Petrefacten aus der Gegend von Basel.
Von Hrn. August Risgenbach:
Verschiedene Petrefacten aus der Gegend von Basel und
Neuchatel.
Von Hrn. Oswald-Hoffmann:
Rippe eines /Vofhosaurus in Muschelkalk vom Rothen Haus;
Versteinerungen aus den Appenzeller Alpen.
Von Hrn. Dr. Eman. Meyer:
Bruchstück eines Wallfischknochens zu Neudorf bei Basel
gefunden.
Von Hrn. Rathsherr Peter Merian:
20 Arten Petrefacten von St. Cassian in Tyrol; einige Ver-
steinerungen aus dem Kanton Appenzell; 106 St. Versteine-
rungen aus der Kreide und dem Uebergangsgebirge von Sach-
sen, Böhmen und Schlesien; Versteinerungen von Pruntrut;
eine Folge von Tertiär Petrefacten aus dem Mainzer Becken.
Von Hrn. Dr. C. Streckeisen:
Eine Sammlung von Gebirgsarten aus Böhmen.
Von Hrn. Dr. Ludwig Mieg:
Versteinerungen aus der Gegend von Basel.
Von Hrn. Dr. Bieder in Langenbruck:
Petrefacten aus der Umgegend von Langenbruck.
Von Hrn. Bischoff-Kestner:
Versteinerungen aus dem blauen /Veocomien Mergel von
Neuchatel.
264
Von Hrn. Niel. Däublin in Efringen:
Ein 8 Fuss langer Stosszahn des Mammuth Elephanten, bei
Istein gefunden.
Von Hrn. Pagnard, Professeur a lecole normale in Pruntrut,
Sammlung von Petrefacten aus dem Portlandkalk der Umge-
gend von Pruntrut.
A Für die naturhistorische Bibliothek.
Von Hrn. Dr. Mougeot, Vater in Bruyeres:
-Innales de la societe d’ Emulation du Dep. des Vosges.
IE NG
Von dem Mannheimer Verein für Naturkunde:
7r. und Sr. Jahresbericht des Vereins.
Von Hrn. Dr. C. Streckeisen:
Zeichnungen von Infusorien nach Ehrenberg in stark ver-
grössertem Massstabe, 8 Blätter.
Drei Ansichten und geognost. Karten von Gegenden Böhmens.
Reuss, die Umgebungen von Teplitz und Bilin. 1840.
Von Frau Thurneysen -Fäsch:
Stedmann voyage a Surinam. 3 Thle.
Von der industriellen Gesellschaft in Mülhausen:
Bulletin de la societe industrielle de Mulhouse. NP.66—76
Von Hrn. Dr. Stiebel in Frankfurt a. M.:
Stiebel, die Grundformen der Infusorien in den Heilquellen.
Von Hrn. Dr. Buckland in Oxford:
Adress at the anniversary meeting of the geological
Society at London. 1840.
Von Hrn. Dr. Jaquot in Plombieres:
Jaquot dissertation sur les eaux minerales de Plom-
bieres. 1835.
Von Hrn. Prof. Schönbein:
Schönbein Beobachtungen über die elektrischen Wirkungen
des Zitteraals. 4841.
Von Hrn. Prof. Röper in Rostock:
v. Blücher Untersuchung der Soolquellen bei Sulz. 1829.
Von Hrn. Prof. Miescher:
Treutler Observationes ad Helminthologiam humanı
corporis. 1793.
Von Hrn. Prof. Chavannes in Lausanne:
Notice historigue sur le Musee cantonal du Canton de
Faud. 1841.
265
Von Hrn. Fiscal R. Burckhardt:
Ladeveze sur les eaux minerales de Saint- Galmier. 1838.
Von löbl. Staats - Kanzlei:
Abhandlungen aus der Naturlehre der K. Schwedischen Aka-
demie der Wissenschaften. 41 Bde. 1749—83.
A4nnuaire du Dep. du Haut-.Rhin pour 1812.
Von Hrn. Cand. C. Rud. Preiswerk:
Milne- Edwards, Elemens de Zoologie. 4 vol. 1840—42.
Leonhard, Lehrbuch der Geognosie und Geologie. 1835.
Cuvdier regme animal, accomp. de planches. Reptiles par
Duvernoy.
Von Hrn. Appellationsgerichtschreiber L. A. Burckhardt, J.U.D.:
L. A. Burckhardt, der Kanton Basel, 1841.
Von Hrn. Prof. Jäger in Stuttgardt:
G. Jäger, über den Werth der Naturwissenschaften für die
formelle Bildung der Jugend. 1841.
Von Hrn. Rathsherr Peter Merian:
Viollet artesische Brunnen, übersetzt v. Bruckmann. 1842.
Rolland du Roguan, Description des coquilles fossiles
de la famille des Rudistes. 1841.
Leonhard, Geologie oder Naturgeschichte der Erde. Är. Bd.
Hericart de Thury , Catacombes de Paris. 1815.
Leop. v. Buch über Productus und Leptaena. 1842
und eine Anzahl kleiner naturhistorischer Schriften.
Von Hrn. Ulr. Schnell- Christ:
Redi experimenta circa generationem Insectorum. 1671.
Von Hrn. Prof. Leuckart in Freiburg im Br.:
Leuckart observationes de zoophytis corallis. 1841.
Von Hrn. Dr. R. H. Rohatzsch in München:
Hope,Abhandlung über die Schlagadergeschwulstd.Aorta.1841.
Sicherste Methode die Anwesenheit des Arseniks auszumit-
. teln. 1842.
Von Hrn. Prof. Eman. Linder:
Beckmann, physikalisch-ökonomische Bibliothek. 20 Bde.
Von der Societe Yaudoise des sciences natur elles :
Bulletin de la Societe Vaudoise. N. 1—3.
266
DIE
VERLEGUNG DES BOTANISCHEN GARTENS.
Bei der Erbauung des neuen Spitals im Areal des ehemaligen
markgräflichen Pallastes wurde der Wunsch rege auch den an-
stossenden botanischen Garten mit der neuen Anstalt vereinigen
zu können. In Folge desselben kam zwischen der Erziehungs-
behörde und dem Stadtrath ein Vertrag über die Verlegung der
botanischen Anstalt zu Stande, welcher den 7. August 1838 die
Genehmigung des Grossen Raths erhielt. Aus dem von der Com-
mission für den botanischen Garten im Dez. 1842 erstatteten
Schlussbericht über die geschehene Verlegung entheben wir
nachstehende Notizen.
Gegen die Uebergabe des alten botanischen Gartens mit
sämmtlichen zugehörigen Gebäulichkeiten, worüber unser erster
Bericht S. S6 einige Angaben enthält, wurde von ]. Spitalpfleg-
amt das Schneider’sche Gut, unmittelbar vor dem Aeschenthor
angekauft. Es besitzt einen Flächeninhalt von 3 Juchart, 247
Ruthen, 90 Fuss Schw. Mss. Derselbe wurde durch 1. akademi-
sche Gesellschaft um 1, Juchart oder 133 Ruthen, 33 Fuss ver-
mehrt, welche sie von einem anstossenden Gute um den Preis
von 1000 Schw.Fr. erkaufte. Das ganze Areal der neuen Anstalt
beträgt also 3 Juch. 351 R. oder fast 4 Juchart Schw. Mss.
Zur Einfassung des Raumes wurden längs den beiden Seiten
Mauern aufgeführt. Ein eisernes Gitter schliesst den Garten
längs der vordern der Strasse zugekehrten Seite ab, ein blosser
Haag den vorspringenden hintern Theil. Ein bereits vorhande-
nes kleines Gebäude in der rechten Ecke der Vorderseite wurde
zur Gärtnerswohnung, ein anderes zur Linken zu einem Wasch-
haus und Holzschopf eingerichtet. Im mittlern Raum zwischen
267
beiden, doch in einigem Abstande von der Strasse wurde die
Amtswohnung für den Professor der Botanik neu aufgeführt.
Es umfasst dieselbe nebst einem gewöhnlichen Keller, einen
sehr geräumigen Keller zur Aufbewahrung von Pflanzen; im
Erdgeschoss nebstKüche und kleinem Esszimmer drei geräumige
Zimmer für das Auditorium, die botanische Bibliothek und
die Pflanzensammlungen; im ersten Stock sechs Wohnzimmer
und ein Kabinet. Es ist ein freundliches wohnliches Gebäude,
von gefälligem äussern Ansehen. In der Mitte des Gartens be-
findet sich ein vom Abwasser des Brunnens genährtes Wasser-
bassin, mit Wassergräben zu beiden Seiten, zur Aufbewahrung
von Sumpfpflanzen. Diese sämmtlichen Bauten und Einrichtun-
gen wurden vertragsgemäss durch 1. Pflegamt des Spitals ausge-
führt. Dasselbe hatte ferner eine Summe von Fr. 5000 für die
eigentliche Garteneinrichtung ausgesetzt. Man reichte jedoch
mit derselben nicht aus, weil das Erdreich eine gründlichere
Umarbeitung erforderte, als nach dem ersten Ueberschlag war
angenommen worden. Die zu diesem Zwecke noch ferrer er-
forderlichen Fr. 2500, wurden zur Hälfte aus dem Universitäts-
fond, zur Hälfte durch die h. Regierung gedeckt.
Ferner wurde in Folge des abgeschlossenen Vertrags durch
1. Stadtrath ein laufender Brunnen mit einem Helbling Wasser
und Brunnirog von Solothurner Stein aufgeführt. Dieselbe Be-
hörde hat alsBeitrag an die Unterhaltung des Gartens eine Sum-
me von Fr. 600 jährlich ausgesetzt.
Endlich wurde ein geräumiges aus drei Abtheilungen Kalt-
haus, Temperierthaus und Warmhaus bestehendes Gewächshaus
erbaut, dessen Einrichtung sehr befriedigend ausgefallen ist.
Zu den Kosten desselben hatte die h. Regierung einen Beitrag
von Fr. 4000, 1. Stadtrath Fr. 2000, 1. gemeinnützige Gesellschaft
ebenfalls Fr. 2000 ausgesetzt, und bei einer veranstalteten Sub-
scription wurden zu diesem Zwecke eine Summe von Fr. 5865
unterzeichnet, so dass für die Ausführung eine Summe von
Fr. 13865 zu Gebote stand.
Bereits im Spätjahr 1838 konnte der hintere Theil des alten
Gartens der Spitalbehörde eingeräumt werden. Im Frühjahr 1839
wurde das alte Areal vollständig geräumt und definitiv abgetre-
ten. Zu Ende desselben Jahrs konnte das neue Gewächshaus
bezogen werden. Im Juli 1840 fand der Einzug des Directors,
der Bibliothek und der Sammlungen in das neue Local statt.
268
Die sämmtlichen Einrichtungen wurden im Jahr 1844 und theil-
weise erst im Laufe des Jahrs 1842 vollendet.
Wir dürfen unsere Befriedigung ausdrücken über die Art und
Weise, wie bei dieser Gelegenheit durch vielseitige Mitwirkung
von Behörden und Partikularen die Verjüngung und Erweiterung
einer wissenschaftlichen Anstalt zu Stande gekommen ist, für
welche in den Jahren 1777—80 die Regierung und der sel. LACHENAL
so bedeutende Anstrengungen gemacht haben. Als einer andern
schönen Unternehmung unserer Zeit die Verlegung unserer An-
stalt nothwendig wurde, geht sie in vervollkommneter Gestalt
auf die Nachkommen über, und gibt ihnen erfreuliche Kunde
von der Ächtung für das was die Vorfahren zum Frommen der
Wissenschaft gegründet haben.
269
BEITRÄGE
für das Gewächshaus ım neuen botanischen
Garten.
Von Eh. Regierung v2... u net Fr. 4000. —
Vomlohl. Staderacthr 2ER er »s 2000. —
Von löbl. gemeinnützigen Gesellschaft _--- = 2000. —
Fr. 8000. —
Ferner von folgenden Partikularen:
Herr Stadtrath Bischoff-Respinger -------- Fr. 240. —
— Rathsherr Peter Merian ___--------- - 200. —
— Oberst Vischer-Preiswerk ______-_.--_ : 200. —
— Bqduard Merian... 2 22 re ER - 100. —
— D. Forcart- Merian. 2.2.0, 0 E - 440. —
— Borcart- Iselint sm = 1409
— Rathsherr Felix Sarasin _--.-.-------- = 460. —
—Balth> Thurneysen 1 Um el ... 41800. —
— 7 Bischoff Bischoff - 2.2.0222 222222 » 4160. —
Jete.Emilie kinder 220 N = 200. —
Herr Rathsherr Elias Burckhardt __-______ - 400. —
— Stadtrathspräsident Heussler ___.--__ . 70. —
— Daniel Heussler ____:_:_--_-_-.... - 4140. —
— Vischer - Valentin2.2 2.2 mr m 2 Ser -e 400. —
—ı(Staehelin- Christ" 222 an Dana De na ze 400. —
—Keller-Paravicini_- 2.2.2.2... mn: = 283. —
— Sam. Merian-Merian -----_----___. - 140. —
—=Mben (Christ a Un a . 70. —
Frau Burckhardt-Hoffmann ___.---------- = 4140. —
— Rosine Burckhardt _-_-----__-----_- . In —
Herr Bischoff-Kestner ______-___--__---_. = 40. —
— Merian Forecast wu. ak - 100. —
==) SBern om IE DENE NEE RE - 35. —
— Pfarrer Friedr. Merian ------------- - 100. —
Uebertrag Fr. 2859. —
270°
Uebertrag Fr
Herr Vondermühll-Burckhardt ______--_--- =
— Dreierherr Burckhardt _______--.-_._ z
— »Huber» Apotheker 22 222.2 en 2
= Sisiber- Bischoff - 222. ZP IRA M 2 z
— Dr. Iebernoulli +... 2227-2722 =
= nPrarrer Kraus pen. 22 ueL227, =
—INGeIgy/-Preiswerkzen er er 2 2
—uIselin-Porcartz.. 2 Nr mrmnl, 1 _ z
ZW Iselin- Christ. 22 IE N z
—: Peter Bischoff-Buxtorf___-_______-_ =
— Leonh. Heussler- Thurneysen______-__- z
—iUB.Obermeyer: 2.2... se z
— Gedeon Burckhardt ------_____._____ -
— Oberst-Lieutenant W. Bischoff ____-__ z
— Apotheker Hagenbach ___-.--__--.--_ z
— Rathsherr Burckhardt- Imhof __.--__.. =
-——..Iselin- Burckhardt #ı 9a 1U a2 Tara e
— Wielandt-Rottmann.-.---.--_-22_-____._ z
— H. Gemuseus--Respinger --___---__--. z
-S=JlohusRissenbach 222 2 En 2772 r
= Iselin- Wettstein?= 27r 8 2 PIE z
— Vondermühll- Hoffmann ___.-_-----.-- 2
Ze Bischoff-Iselin222.2. FI EIER ITIET ”
Frau Vischer-Borcartı 22222. 2 BEN IF aT SEE =
Jsiz=Bsther ‚Korean et .
Herr .J. .J- Burckhardt Rrey2l 2 2 Ira 2272287 E
—+ Apotheker Wettstein=. (er zur 22272 -
—» Jen aMerian- Burckhardt Er ar Seine z
Frau Streckeisen-Gaesar -__-____-_-_-____ -
Unsenanntazl.n 22222 02R 28 22 z
Herr Stadtrath Christ-Bischoff ____-_.--.-__ -
—: J Preiswerk-Burckhardt::________-_ >
— Dr.-Hagenbach , Vater222_._2_2r 827 _ =
—* Dr. -Raillard- =... 2 ei EL 22] z
— Christoph Merian-Burckhardt__--.___ z
— E. Thurneysen-Paravicini _-__------ z
— Mieg-Hoseha- en na dt 3
Christoph de J. J. Burckhardt : z
Uebertrag Fr.
. 2859.
140.
160.
W m MC MD
oo m 0 DD 5
. 50
271,
Uebertrag Fr. 4308. 50
Frau Thurneysen-Faesch __-_-______- NIE 702
Herr Cand. Preiswerk - Fürstenberger______ 16. —
-—— (Rectomsbarochesı er Zu a an ne 8... de
— Rathsherr Andr. Heussler __--____._ 050,
Jsfr. Salome Vischer) 2. 22 2 wma 222 =. 400. —
Frau Preiswerk-Iselin -_.___-_----.-... £ 50. —
Herr Fürstenberger -Debary _-_---------- > 16. —
— Bürgermeister C. Burckhardt ___.---_- -. 4140. —
— ‚Sulger-iStaehelin u - ni. 22222202 .1% , A
— : D. Burckhardt-Forcart __--_-__--_. . 414. —
— #5 Burckhardt Korcart 2........2.22. - 414. —
enProtaWWischerz u. au Bulle £ 14. —
—-, sDrABudw. De Wette... 22 2e ı 2 un! - 35. —
— Prof. De Wette ____.--. LEARN ER » 80. —
—Prot=-ARud.2 Meran - 420. —
— Ben. Burckhardt-Bernouli_.-__----.-_ = 100. —
= Dr>,Christoph“Burckhardt 2. 2.0 222 .- 1. —
—ı BriedesHeussier a Se ee = 35. —
— Tseln SRaroches 3 en x 16. —
— Paravicini-Preiswerk -------------- z 16. —
u lselinDebaryız una. nee rer s 16. —
u Nbesiselin-Iselin. al ea ra z 16. —
— Werthemann-Vondermühll_-.__--_-.. = 10. —
— Carl Zimmerlin Sa 02 So ME - 14. —
= Helix? Sarasın), Vater zu re s 35. —
— #Ronus- Gemuseust A Zur 2 22 gen ar 2 1A. —
— Nic. Bernoulli- Obermeyer BERNER IRRE = 16. —
— Prof Briedr. Rischer - .. um. s 14. —
— Passavant-Streckeisen-------------. = 35. —
m oser-Kallmer\ .._\... 12 \ - 14. —
2 1Socin-Krey, sun... 2. al z 14. —
— Obersthelfer Linder________-____.--- = 44. —
— Wilh. Burckhardt-Forcart ___-----_-- = 40. —
— Je. Gone. Rapp a min - 35. —
— dC. Burckhardt-Vischer _-- ---------- = 16. —
= Vischer& Passayana a 2,2 Neusnı = 4100. —
— B. Staehelin-Merian _____---------- = 14. —
— DB. Werthemann-Burckhardt -------- z 21. —
Uebertrag Fr. 5728. 50
272
Uebertrag Fr. 5728. 50
Ungenannt:+ Mur... HIER Bam .- 1. —
Herr Vondermühll-Bischoff_____---_---__ . U
— Ben. Staehelin-Bischoff _-__-_-_... . 21. —
— Antistes®I.2Burckhardt.. sea: E 7.—
— Pfarren sWiollebr 22: . ey 2 IN 2er » 7. —
—-sNic-ABruderlinv- Zee. HI EEE 5 7. —
— Aug. Laroche-Burckhardt _-------.- ee 1.—
— Christ. Buxtorf-Preiswerk __-------- = 7. —
— Oberst-Lieutenant Andr. Werthemann = 17. 50
Fr. 5865. —
Ausserdem wurden unterzeichnet für ein einfaches Denkmal
zu Ehren LAcHENAL’s, von
Hrn. Rathsherr Felix Sarasin _--___-_-____ Fr. 40.
— Vondermühll-Burckhardt _-___-__-_--- = 24.
—. Je, @. Dhurneysenner 2 _ ee >18-
Fr. 72.